Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons
Mittwoch, 19.05.2021
 
Seit 05:50 Uhr Aus den Feuilletons

Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.05.2016

Elke Bader: "Che Guevara"Tragische Ikone gescheiterter Utopien

Von Georg Gruber

Feuerzeuge, Notizbücher, Postkarten und zwei rote T-Shirts mit immer dem gleichen Konterfei des südamerikanischen Guerilla-Führer Ernesto "Che" Guevara. (picture alliance / dpa / Frank May)
Posterboy der Revolution: Che Guevara-Motive auf T-Shirts, Feuerzeugen und Notizbüchern. (picture alliance / dpa / Frank May)

Che Guevaras Foto hing lange Zeit in fast jedem Studentenzimmer. Er wurde zur Ikone selbsternannter Revolutionäre. Die Hörbuch-Biografie "Che Guevara" von Elke Bader räumt mit diesem Bild auf, beschreibt Che als Hardliner und narzisstischen Einzelgänger.

Seine Stimme erklingt in dieser Produktion nur einmal: 1964 wettert er vor der UN-Vollversammlung gegen den westlichen Imperialismus. In Kuba wird Che Guevara immer noch als Volksheld verehrt. Elke Bader, die Autorin des Hörbuches, sieht in ihm hingegen keine Lichtgestalt - und folgt damit Analysen, wie der des Historikers Gerd Koenen aus dem Jahr 2008. 

Che Guevara, geboren 1928 in Argentinien, stammte aus gutem Hause. In seiner Kindheit litt er unter schwerem Asthma. Als 21-Jähriger unternahm er auf einem Fahrrad mit Hilfsmotor eine erste Erkundungstour in die Welt der Armen und Benachteiligten, sechs Wochen war er im Norden des Landes unterwegs.

"'Beladen mit Schreien der Entmutigung und des Glaubens komme ich zu euch, nördliche Brüder, verschlinge Kilometer im Ritus des Wanderns, mit meiner asthmatischen Materie, die ich trage wie ein Kreuz.' Mit solchen Versen veredelte er seine Plackerei, doch befremdet dieses überzeichnete Selbstbild zu einem vom Asthma geplagten Messias der Armen, denn angesichts der Menschen und ihres Leids, dem er ständig begegnete, lässt sich aus dieser aufgeladenen Selbstbebilderung auch ein auffälliger Hang zu einer narzisstischen Störung der Wahrnehmung herauslesen, wie Gerd Koenen in seinem Werk über Che Guevara feststellt."

Kritische Distanz - diese Grundhaltung zieht sich durch das gesamte Hörbuch. Und dass diese Distanz in all ihren Zwischentönen auch wirklich zu hören ist, liegt an Gert Heidenreich. Der Aufbau des Hörbuchs ist konventionell, weitgehend chronologisch, mit kurzen Musikeinspielungen.

"Ein absolut fatalistisches Sendungsbewusstsein"

Johannes Steck spricht als zweite Stimme Auszüge aus Briefen und anderen Quellen. Nach der erfolgreichen Revolution in Kuba war Che wieder auf Reisen, drei Monate. Seiner Mutter schrieb er aus Indien:

"Ich bin immer noch derselbe Einzelgänger wie früher. Ich habe keine Heimat, keine Frau, keine Kinder, keine Eltern, keine Geschwister. Und meine Freunde sind nur solange meine Freunde, wie sie meine politische Meinung teilen. Und doch bin ich zufrieden. Ich habe das Gefühl, etwas im Leben zu sein. Es ist nicht nur diese starke innere Kraft, die ich immer gespürt habe, sondern auch die Macht, andere mitzureißen, so wie ein absolut fatalistisches Sendungsbewusstsein, das mir alle Angst nimmt."

Kuba war für ihn nur der erste Schritt zu einer Revolution auf drei Kontinenten: Lateinamerika, Asien, Afrika.

"Christus mit der Knarre"

"Im Kongo glaubte er ihn auszumachen, jenen Rachedurst, der die Völker vor das letzte blutige Weltgericht treiben sollte." 

Doch revolutionären Erfolge konnte er keine mehr erzielen. Weder im Kongo, noch in Bolivien, wo er im Oktober 1967 schließlich von Regierungstruppen gefasst und ohne Gerichtsverfahren hingerichtet wurde.

"Bald sollte Che Guevara weltweit zur tragischen Ikone der gescheiterten Utopie werden. 'Christus mit der Knarre' würde der deutsche Liedermacher Wolf Biermann aus ihm machen. 'Che lebt' sollte bald wie ein mit Kreide geschriebenes Menetekel an den Wänden der Unisäle auf der ganzen Welt auftauchen. Der Mythos war geboren."

Der Mythos: Warum Che Guevara, der hier vor allem als Hardliner und als narzisstischer, isolierter Einzelgänger beschrieben wird, so eine Strahlkraft hatte, weit über seinen Tod hinaus, darüber hätte man gerne noch mehr erfahren. 

Elke Bader: Che Guevara. Revolutionär, Guerillero und Medienikone
Gesprochen von Gert Heidenreich und Johannes Steck
Griot Hörbuchverlag, drei CDs, Spieldauer 166 Minuten

Mehr zum Thema

Film "Conducta" - Ungewöhnliche Kritik an Missständen in Kuba
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 02.01.2016)

Cuba Libre - Kubaner proben ihre neue Freiheit
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 08.08.2015)

Bildband - Kuba-Revolution als politische Ikonografie
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 17.12.2013)

Che Guevara im Supermarkt
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 03.03.2013)

Ende der Eiszeit mit den USA - Wie die Kubaner den Wandel erleben
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 20.07.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Helen Macdonald: „Abendflüge“Wunderkammer Natur
Das Buchcover "Abendflüge", mit der Illustration einer Schwalbe am blauen Himmel, ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Deutschlandradio / Hanser )

Mit "H wie Habicht" wurde Helen Macdonald zum Shootingstar des Nature Writing. In ihrem neuen Essayband schreibt sie über Hasen und Hirsche, Gewitter und Vogelwarten, Verstecke und Ameisen. Es gibt nichts, was die Britin nicht fasziniert.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

Ulla Hahn: "stille trommeln"Warme Tage, herzzerreißend
Cover des neuen Gedichtbands von Ulla Hahn mit dem Titel "stille trommeln". (Deutschlandradio / Penguin)

Der neue Band "stille trommeln" versammelt Gedichte aus der Zeit, in der Ulla Hahn an ihren autobiografischen Romanen gearbeitet hat. Ausgangspunkt der Poeme sind ihre Tagebücher. Ihrer klaren Sprache verleiht sie hier und da ein wenig Patina.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur