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Lesart | Beitrag vom 13.01.2020

Elizabeth Harrower: "Die Träume der anderen"Gegen die Herrschsucht des Mannes

Von Manuela Reichart

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Zwei junge Frauen auf dem Buch-Cover von "Die Träume der anderen" der Autorin Elisabeth Harrower. (Aufbau-Verlag/Collage: Deutschlandradio)
Eine leise Geschichte weiblicher Selbstermächtigung erzählt Elisabeth Harrower. (Aufbau-Verlag/Collage: Deutschlandradio)

Zwei Frauen werden von einem despotischen Mann tyrannisiert. Und besiegen ihn. Die australische Schriftstellerin Elizabeth Harrower erzählt in ihrem endlich wiederentdeckten Roman "Die Träume der anderen" von weiblicher Selbstermächtigung.

Zwei Schwestern im weiblichen Unglück. Die 1940er Jahre in Sydney bilden den Hintergrund dieses ungewöhnlichen Romans, der mehr als ein Jahrzehnt umspannt. Als der Vater stirbt, nimmt die lieblose Mutter ihre Töchter aus dem Internat und zieht mit ihnen in den Randbezirk der australischen Hauptstadt. Sie ist Eng­län­der­in, wird bald in ihre Hei­mat zurückkehren und ihre Kinder sich selbst überlassen. Selten findet man in der Litera­tur eine derart selbstsüchtige, ganz und gar gefühllose Mutterfigur. Die Begegnung mit ihr ist der erste Schock, den dieser Roman uns versetzt.

Die ältere der beiden muss ihren Traum vom Medizinstudium begraben und mit einer Büro­tä­­tig­keit Geld verdienen. Klaglos fügt sich die begabte junge Frau in ihr Schicksal, das ne­ben samstäglichen Kinobesuchen nicht viele Freuden bereithält. Sie hat keine Freunde oder ero­tischen Interessen. Sie arbeitet und sorgt für Mutter und Schwester.

Der Mann ist ein Sadist

Als ihr Chef, ein äl­te­rer Selfmademan, der auf den ersten Blick freundlich und fürsorglich erscheint, ihr die Ehe an­trägt und verspricht, für das Schulgeld der Jüngeren zu sorgen nach der Ausreise der Mut­ter, ist sie verblüfft, nimmt den Antrag aber an. Er hat ein schönes Haus ge­kauft, verspricht ein sor­­genfreies Zuhause.

Doch dann ändert sich alles und der Ehemann er­weist sich – psy­cho­logisch mei­ster­haft beschrieben – als ein jähzorniger Despot und Frauen­has­ser. Von der versprochenen guten Ausbildung für die junge Schwägerin ist nicht mehr die Rede, auch sie muss Schreib­maschine und Steno lernen, bald in seinem Unternehmen mitar­bei­ten. Der Mann ist ein Sa­dist, dem die beiden Frauen sich widerspruchslos unterwerfen. Sie scheinen gebannt von so viel männlicher Vernichtungswut, die auch vor ihm selbst nicht haltmacht. Stets ver­kauft er seine Unternehmen unter Wert gerade dann, wenn sie besonders gut gehen, und im­mer täuscht er sich in den jungen Käufern, die er für dankbare Freunde hält.

Von Geschlechtergerechtigkeit war noch keine Rede

Die beiden Frauen nehmen ihr Schicksal scheinbar klaglos an, um am Ende doch auf je un­ter­schiedliche Weise zu obsiegen. Das ist der zweite Lektüre-Schock, wenn die Ehefrau den bru­talen Mann tatsächlich und fast nebenbei unterworfen hat und die Schwester selbstgewiss die Stadt verlässt. Die eine hat offenbar weibliche Raffinesse an den Tag gelegt, die andere sich ohne große Lei­denschaft oder Emanzipationsgebaren befreit. So kann eine Geschichte weib­licher Selbster­mächtigung auch erzählt werden: leise und ohne Befreiungsschläge.

Elizabeth Harrower, die in den 1950er und 60er Jahren vier viel beachtete Romane und Kurz­geschichten veröffentlichte, hatte nach dem Tod ihrer Mutter Anfang der 1970er Jahre ihre Schriftstellerinnenkarriere beendet. Ihr fünfter Roman lag vier Jahrzehnte in der Schublade, bis er (auch bei uns, wo er 2014 erschienen ist) die Autorin wieder ins Licht der literarischen Öffentlichkeit rückte. Sie ist eine genaue Beobachterin und spiegelt auf grandiose Weise die Innenwelt ihrer Protagonisten in einer Außenwelt, die Frauen und Männer brachial trennt. Von Geschlechtergerechtigkeit war damals noch keine Rede.

Elizabeth Harrower: "Die Träume der anderen"
Aus dem Englischen von Alissa Walser
Aufbau Verlag, Berlin 2019
347 S., 24 Euro

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