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Buchkritik | Beitrag vom 11.02.2019

Elizabeth Anderson: "Private Regierung"Lohnarbeit macht unfrei

Von Andrea Roedig

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Buchcover Elizabeth Anderson, "Private Regierung". Im Hintergrund sind mehrere Frauen von obenzu sehen, sie sitzen dicht gedrängt an Schreibtischen, auf denen Computer stehen (Oli Scarff/Getty Images)
Wer arbeitet, gibt republikanische Freiheiten auf, schreibt Elizabeth Anderson. (Oli Scarff/Getty Images)

Als Arbeitnehmer verzichten wir auf einen Teil unserer republikanischen Freiheiten, meint die politische Philosophin Elizabeth Anderson. Ihre Kritik der Lohnarbeit in den USA trifft auch auf Arbeitsbedingungen in Europa zu.

"Private Regierung" – der Titel klingt paradox, denn normalerweise bezeichnet das Wort "Regierung" eine sehr öffentliche Angelegenheit. Nicht so bei Elizabeth Anderson. Die US-amerikanische Professorin für Philosophie, die sich vor allem mit Theorien über Gleichheit einen Namen gemacht hat, definiert "private Regierung" als eine willkürliche, nicht rechenschaftspflichtige Herrschaft über andere, und sie sieht diese Form der Regierung fast überall am Werk, wo wir in Lohnarbeit stehen. Wir haben diesbezüglich Scheuklappen auf, schreibt Anderson, wir leiden unter einer "politischen Hemiagnosie", einer Krankheit, bei der man Teile des Körpers nicht wahrnehmen kann. Fakt aber sei, dass die meisten von uns gleichsam "unter der Autorität kommunistischer Diktatoren" arbeiteten.

Unternehmer verbieten Angestellten den Klogang

Um zu zeigen, warum wir das nicht sehen, geht Anderson ein Stück weit in die Geschichte zurück, zur Bewegung der "Levellers" im England des 17. Jahrhunderts. Die vertraten das Ideal einer "freien Gesellschaft von Gleichen", waren aber auch Verfechter des Privateigentums und des Freihandels. Heute würde man viele ihrer Aussagen eher dem politisch rechten Lager zuordnen, damals aber – so argumentiert Anderson – war der freie Markt noch eine linke Idee. Doch durch die industrielle Revolution veränderten sich die Markt- und Arbeitsbedingungen drastisch: Heute tragen wir meist nicht mehr Produkte, sondern unsere Arbeitskraft zu Markte. Zu behaupten, diese Arbeit sei ein beliebiges Gut – wie Brot oder Stoff – sei pure Ideologie, meint Anderson, denn "indem Arbeitgeber die Verfügung über Arbeit kaufen, kaufen sie die Verfügung über Menschen". Diese Verfügung ist "private Regierung".

Anderson belegt ihre Aussagen vor allem mit Beispielen aus den USA: Dort verbietet die Handelskette Walmart den Mitarbeiterinnen persönliche Gespräche am Arbeitsplatz. Amazon entzieht sich der Haftung für gesundheitliche Schäden seiner Angestellten. Die Geflügelfirma Tyson hinderte ihre Arbeiter daran, während der Schicht auf die Toilette zu gehen. Wir müssen uns an das alte linke Ideal erinnern, meint Anderson, und sie lobt explizit deutsche Regelungen zum Arbeitsrecht, denn unter gegenwärtigen Bedingungen heiße Gleichheit vor allem: Mitsprache intensivieren und die Arbeitgeber zur Rechenschaft ziehen.

Lohnarbeit beschränke die Freiheit der Menschen

"Private Regierung" basiert auf zwei Vorlesungen, die Anderson 2015 an der Princeton University gehalten hat, und sie sind im Buch ergänzt durch vier kritische Stellungnahmen aus verschiedenen Disziplinen. Die interne Diskussion tut dem Buch gut, denn für sich genommen wirkt Andersons Vorlesung etwas holzschnittartig. Die Kritiken und Andersons Antworten darauf vertiefen die Argumente jedoch und zeigen, warum es wichtig ist, sich darüber klar zu werden, was Arbeitsverhältnisse eigentlich sind: In der Lohnarbeit steckt – strukturell – eine Beschränkung dessen, was Anderson die "republikanische Freiheit" nennt, also die Freiheit, nicht beherrscht zu werden.

Elizabeth Anderson: "Private Regierung"
Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
259 Seiten, 28 Euro

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