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Lesart | Beitrag vom 23.12.2019

Eliot Weinberger: "Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten"Präzise Beobachtung der Welt

Von Nico Bleutge

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Eine orangene Grafik, darauf das Cover von Eliot Weinbergers "Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten" (Berenberg Verlag/ Deutschlandradio)
Eliot Weinbergers "Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten" stellt ein Gedicht aus dem 8. Jahrhundert in den Mittelpunkt. (Berenberg Verlag/ Deutschlandradio)

Das Übersetzen ist für Eliot Weinberger nicht etwa bloßes Handwerk, sondern eine Art spiritueller Übung. "Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten" ist ein Buch, das man nicht nur jedem Übersetzer auf den Schreibtisch legen möchte.

Im Mittelpunkt dieses Bändchens steht ein kleines Naturgedicht des chinesischen Dichters Wang Wei aus dem 8. Jahrhundert. Vier Zeilen, eine Überschrift. Doch wer Verträumtheit und schwammige Bilder erwartet, sitzt schon einem Vorurteil auf. "Chinesische Lyrik basierte auf der präzisen Beobachtung der fassbaren Welt", schreibt Eliot Weinberger. Und wenn dieser Tausendsassa der Essayistik sich einer seiner Leidenschaften zuwendet, glaubt man ihm aufs Wort, denn er hat sich für seine Texte immer genau umgesehen, kennt noch die unscheinbarsten Quellen. 

"Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten" heißt das jetzt auf Deutsch erschienene Buch, und darin dreht sich alles um die Kunst der Übersetzung. In Wang Weis Gedicht ist "niemand zu sehen", es gibt nur einen Berg, einen Wald und das Licht der untergehenden Sonne, das auf etwas Moos fällt. Aber heißt es wirklich "das Licht", wie Octavio Paz übersetzt? Oder sind es eher die "Strahlen der Sonne", wie in der Version von Kenneth Rexroth?

Das Original verbessern

Mit solchen Fragen ist man schon mitten in der Übersetzung. Stellt im klassischen Chinesisch ein Schriftzeichen ein Wort dar? Ist es bildhaft zu verstehen? Von der Umschrift in modernes Chinesisch bis zu Schreibtraditionen, die wirksam sind – in kurzen, genauen Sätzen schraubt sich Weinberger von einer Frage zur nächsten.

Es ist ein Bändchen, das man jedem Übersetzer sofort auf den Schreibtisch legen möchte. Nahezu chronologisch geht Weinberger die verschiedenen Übersetzungsvarianten durch. Gefällt ihm eine Übersetzung nicht, zerpflückt er sie genüsslich. Das gilt besonders für die zahlreichen Versuche, das Original zu verbessern: "Solche Fälle sind nicht unüblich und resultieren aus einer Art unausgesprochener Verachtung des Übersetzers für den fremden Dichter." Das Buch ist 1987 erstmals erschienen, Weinberger hat es stetig um neue Arten erweitert. Nun kann man es in einer hübschen kleinen Ausgabe lesen, von Beatrice Faßbender sehr schön übertragen.

Sprachspielerische Zeilen

Übersetzung ist für Weinberger nicht etwa bloßes Handwerk, sondern eine Art spiritueller Übung. Und sie ist relativ: "Jede Lektüre eines jeden Gedichts (...) stellt einen Übersetzungsakt dar, jede Lektüre ist eine andere Lektüre." So sind auch die kurzen kritischen Kommentare kein Selbstzweck. Weinberger zeigt, wie sich Einflüsse der jeweiligen Zeit oder poetologische und persönliche Vorlieben der Übersetzer hinterrücks in jede Übersetzung einschreiben. Und wann spricht man von einer schlechten Übersetzung? Ganz klar: "Wenn man keinen Dichter sieht und nur den Übersetzer sprechen hört." 

Als kleine Zugabe hat Beatrice Faßbender elf deutschsprachige Autorinnen und Autoren eingeladen, sich an einer eigenen Übersetzung zu versuchen. Natürlich hört man auch hier bisweilen nur den Übersetzer oder die Übersetzerin sprechen, aber immer auf eine sympathische Weise. Zu den intensivsten Varianten gehören die sprachspielerischen Zeilen von Norbert Lange oder Ulrike Draesners Übersetzung in einsilbige Wörter: "Am Grund dreht Wald die Nacht um sich / grün schwimmt von Moos zu Moos das Licht."

Eliot Weinberger: "Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten"
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Mit einem Nachwort von Octavio Paz.
Berenberg Verlag, Berlin 2019
112 Seiten, 18 Euro

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