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Buchkritik | Beitrag vom 10.11.2020

Elif Shafak: "Schau mich an" Der unbarmherzige Blick der anderen

Von Dirk Fuhrig

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Buchcover "Schau mich an" von Elif Shafak (Deutschlandradio / Kein&Aber Verlag Zürich)
"Schau mich an" ist ein Buch über Ausgrenzung und Diskriminierung, über Essstörungen und Adipositas. (Deutschlandradio / Kein&Aber Verlag Zürich)

Die Helden von "Schau mich an" sind eine ungewöhnlich dicke Frau und ein extrem kleiner Mann. Sie leiden unter den Blicken und Urteilen der anderen. Elif Shafaks Roman ist zwar schon 20 Jahren alt, aber das Thema ist in Instagram-Zeiten hochaktuell.

Der eigene Blick auf die Welt und die Blicke der Anderen auf einen selbst, beides macht eine Persönlichkeit aus. Die Omnipräsenz der Bilder in den sozialen Medien hat den Drang, sich der Umwelt immer wieder in schmeichelnder Pose zu präsentieren, verstärkt. Die Abhängigkeit von der Betrachtung durch die Gesellschaft ist jedoch so alt wie die Menschheit.

Er ist klein, sie ist dick

Die Helden von "Schau mich an" sind eine ungewöhnlich dicke Frau und ein extrem kleiner Mann. Nur 80 Zentimeter ist er groß, ein "Kleinwüchsiger". Sie wiegt 132 Kilo und muss im Istanbuler Sammeltaxi für zwei Plätze bezahlen. Laufen die beiden gemeinsam auf der Straße oder betreten ein Restaurant, werden sie als Kuriosität belächelt oder verspottet.

Die Ich-Erzählerin kämpft gegen Fettwülste und Hunger an, sie macht Grapefruit-Diäten, nach denen sie regelmäßig von Fressattacken überwältigt wird. Sie stopft so lange alles Mögliche in sich hinein, bis sie sich übergeben muss.

Nur die Wohnung ist der Ort, in dem sie sich sicher fühlt; nur hier ist sie keinen abschätzigen Blicken ausgesetzt, wird sie von Anderen nicht beurteilt. Auch ihr Lebensgefährte verlässt seinen Schreibtisch nur im Notfall, aber vor allem, weil er arbeitet, fanatisch an einem Buch schreibt: dem "Lexikon der Blicke".

Voyeurismus und Kontrolle

Schönheit und Hässlichkeit – ein Urthema der Menschheit wird von Elif Shafak in diesem Roman variantenreich durchdekliniert. Vom Istanbul der Gegenwart blickt sie zurück in vergangene Jahrhunderte. Sie zitiert die Welt der Zirkuszelte und Manegen, die das Publikum mit dem Ausstellen besonders anziehender oder abstoßender Körper faszinierten. Schauspieler, Schausteller, Zur-Schau-Steller - Blicke leiten das Begehren und die Ablehnung; sie sind voyeuristisch, formen aber auch die die soziale Persönlichkeit.

Und wer das Sehen kontrolliert, der hat die Macht. So wie der Sultan, der seinen Untertanen bei Androhung der Todesstrafe verbot, die Sänfte seiner Tochter zu betrachten, wenn sie durch die Straßen der Stadt getragen wurde. Blicke sind auch Überwachung und Kontrolle.

Das erbarmungslose Urteil der Anderen

"Schau mich an" ist ein Buch über Ausgrenzung und Diskriminierung, über Essstörungen und Adipositas. Vor allem aber über die Erbarmungslosigkeit des Urteils der Anderen als konstituierendes Element menschlicher Gesellschaften.

Ein hochkomplexer, mitunter weitschweifiger, ins Märchenhafte abdriftender und nicht immer leicht zu fassender Roman. Er ist weniger politisch oder direkt gesellschaftskritisch als etwa das im vergangenen Jahr veröffentlichte Buch "Unerhörte Stimmen", in dem Elif Shafak die Gewalt in der türkischen Gesellschaft, sexuelle Tabus, Kindesmissbrauch und die Unterdrückung nicht nur der Frauen eindringlich dargestellt hatte.

"Es geht ums Sehen und Gesehenwerden"

Vielleicht ist "Schau mich an" nicht ganz so auf den Punkt gebracht geschrieben wie manche ihre später entstandenen Bücher. Aber die Sucht des Menschen, zu gefallen und sich in den Urteilen der Mitmenschen zu spiegeln, stellt Elif Shafak hier sehr genau dar. "Die Welt ist ein Schauspiel. Es geht ums Sehen und Gesehenwerden", lautet ein Schlüsselsatz dieses Buchs.

Vordergründig mag das eine bekannte, banale Aussage sein. Vor dem Hintergrund unserer Instagram-Welt ist das ein immer wichtiger werdender Befund.

Elif Shafak: "Schau mich an"
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.
Kein & Aber, Zürich 2020
398 Seiten, 24 Euro

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