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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 28.04.2008

Elektronische Engel und Kicker

Roboter zum Selber-Programmieren erobern die Schulen

Von Michael Engel

Geige spielen oder kickern - Roboter können mittlerweile zu etlichen Tätigkeiten programmiert werden. (AP)
Geige spielen oder kickern - Roboter können mittlerweile zu etlichen Tätigkeiten programmiert werden. (AP)

Im Heiligengewand oder Fußballtrikot - Roboter erobern immer mehr Schulen und begeistern Schülerinnen und Schüler für die Welt der Technik. Wenn die selbst gesteuerten elektronischen Kicker beim "Robocup" über den Rasen laufen, ist der Anreiz zum Programmieren-Lernen halt gleich viel größer.

Wenn Roboter Fußball spielen, dann sind auch die Programmierer nicht weit, um den elektronischen Kickern zuzujubeln, wenn ein Tor fällt. So geschehen beim "Robocup German Open" vergangenes Wochenende in Hannover. 30 Mannschaften kämpften in vier verschiedenen Ligen um Sieg und Niederlage. Eine Liga sind zum Beispiel die "Humanoiden", die auf zwei Beinen über das Spielfeld laufen.

Neben dem Robocup für "Senioren" - gemeint sind hier die über 20-Jährigen Teilnehmer - gibt es noch einen Robocup für Junioren. Und weil immer mehr Schulen in Deutschland den Roboter entdecken, ist die Zahl der Junior-Teilnehmer geradezu explosionsartig gestiegen. Mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler kamen zum diesjährigen Robocup - wobei es allerdings nicht nur um Fußball ging.

Während ein Roboter vom Team der Uni Kassel gerade einen Treffer landet, bereiten sich Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Heine-Gesamtschule Bremerhaven auf ihren Auftritt vor. Auf einer Bühne, wenige Meter von der Spiel-szene entfernt, stehen vier Roboter, die Svenja Friedrich programmiert hat:

"Also der kann die Arme bewegen, dann leuchten die Augen. Er kann Kreise drehen, und die Flügel bewegen sich."

Noch ein bisschen am Flügel zupfen, dann sieht der ein Meter große Roboter einfach himmlisch aus. Die Maschine trägt ein weißes Gewand bis zum Boden, das die Räder verdeckt. Lockenpracht und Flügel verwandeln das programmierte Eisengestell in einen Engel. Logisch, dass die Geschichte am Himmelstor spielt, erklärt Informatiklehrer Holger Voigts:

"Ja, also unsere Story ist sehr unterhaltsam. Da ist eine Nonne, die ins Him-melreich möchte, und auf dem Weg dem Teufel begegne. Der lockt sie, aber dann singen die Engel 'Think' von Aretha Franklin, 'denk darüber nach was Du tust'. Sie bekehrt sich, geht durchs Himmelstor und wird dann einen Freuden-tanz machen, und alle singen 'sing hallelujah'."

Größe der Roboter, Choreografie oder Gruppenzahl der teilnehmenden Schüle-rinnen und Schüler - das alles spielt beim Robodance keine Rolle. Hauptsache, die Vorführung ist originell und die Steuerungsprogramme halten fünf Minuten durch. Länger darf der Auftritt ohnehin nicht dauern.

Die "Roboter AG für Mädchen" von der Wolfgang-Borchert-Oberschule, Berlin-Spandau, setzt gerade Platinen in Schuhkarton-große Figuren in Form von Ele-fanten ein. Vanessa Michalke ist schon ganz aufgeregt:

"Speziell ich programmiere mit meiner Freundin Sonja einige Roboter. Zum Beispiel den kleinen Elefanten, dass der einer schwarzen Linie folgt."

Mädchen und Informatik, das ist mittlerweile nichts Besonderes, sagt Grit Schu-bert, Mathe-Lehrerin der Hugo-Gaudig-Oberschule Berlin-Tempelhof. Ihre Ro-botik-AG umfasst 50 Jungs und 50 Mädchen.

"Gerade Mädchen, die sich scheuen davor, etwas mit Informatik zu machen, und wenn die dann sehen, dass sie einen Roboter selber bewegen können durch Programmierung, dann steigt die Begeisterung unheimlich. Also, dass die nicht nur vorwärts und rückwärts fahren, sondern eben auch bestimmte Sachen ma-chen können. Wir haben ganz große Erfolge jetzt damit gehabt."

Roboter begeistern. Mädchen wie Jungen. 1997 wurde der Robocup gestartet. 2001 waren erstmals Schülerinnen und Schüler aus zehn Schulen dabei. Heute beteiligen sich mehr als 400 Schulen an dem Wettbewerb.

Um nicht aus den Nähten zu platzen, musste die Teilnehmerzahl begrenzt wer-den: Auf 100 Gruppen mit 1000 Teilnehmern - mehr passen in die Messehalle 25 nicht hinein. Dr. Ansgar Bredenfeld vom Fraunhofer-Institut für intelligente Analyse- und Informationssysteme organisiert den "Robocup German Open":

"Mit acht Jahren kann man durchaus anfangen, mit Roboterbaukästen zu ar-beiten und zu spielen in diesem Fall ja mehr. Junge Menschen tasten sich ein-fach spielerisch an diese technischen Inhalte heran. Und dann staunt man dann hinterher darüber, wie schnell die das erfassen, wie unvoreingenommen junge Menschen mit Technik umgehen. Wie sie sich damit vertraut machen und spiele-risch entwickeln."

Noch etwa zweieinhalb Minuten zu spielen. Da ist der Ball knapp am Tor vor-bei gerollt. Gute Aktion für die Brainstormers.

Der Robocup mischt die jungen Menschen auf. Nie zuvor haben sich so viele Mädchen für Technik interessiert. Nie zuvor hatten trocken geltende Fächer wie Informatik, Physik und Mathematik einen so großen Zulauf. Das jedenfalls ist die Erfahrung von Informatiklehrer Ulrich Wienpohl vom Erich-Klausener- Gymnasium, Adenau:

"Die Motivation der Schüler ist anders. Sie ist viel größer, wenn man Pro-gramme schreiben kann, mit denen sich dann die Objekte bewegen als wenn man nur eine Bildschirmausgabe programmiert. Das andere ist eben viel inte-ressanter und sie erkennen sofort ihre Programmfehler und sind sehr motiviert, genau das wieder zu korrigieren, um die Roboter so fahren zu lassen, wie sie es gerne möchten.

Neben "Robodance" auf der Bühne versuchen sich die Schülerinnen und Schüler auch im Fußball. Nur eben eine Nummer kleiner: Auf einem Spielfeld im Tisch¬format. Die Nebenwirkungen lassen nicht lange auf sich warten. Mehr als zehn Stunden pro Woche teilen sich viele ihre Freizeit mit dem Roboter: Mädchen entdecken die Technik, Jungen die mütterliche Ader. Für den 18-jährigen Gym-nasiast Julian Hüwgen ist der Roboter längst nicht mehr Maschine:

"Eher schon so eine Art Baby, würde ich jetzt schon sagen. Also man ver-bringt ja schon ziemlich viel Zeit mit den Robotern. Und man baut jetzt auch eine Beziehung auf. Würde ich jetzt sagen."

Ermahnungen der Eltern, doch bitte mal etwas anderes zu tun, als Roboter zu programmieren, kennen viele Schülerinnen und Schüler aus eigener Erfahrung. Keine Frage: Robotik besitzt ein gewisses "Suchtpotential". Und lenkt Berufs-wünsche um.

IT-Manager will der 12-jährige Mike Fielek werden. Im Jahre 2050 sollen Ro-boter gegen eine menschliche Mannschaft gewinnen. So das ehrgeizige Ziel der Robocup-Organisatoren. Schülerinnen wie Svenja Friedrich würden sich - aller Begeisterung zum Trotz - schon ein bisschen mehr Skepsis wünschen:

"Also ich würde sagen, dass wir uns da schon ziemlich abhängig machen. Und in 50 Jahren werden die bestimmt schon alles können, was Menschen auch können: Kaffee kochen, putzen. Das können einige ja jetzt schon machen. Krieg führen – werden die bestimmt auch schon bald machen. Wenn das richtige Pro-gramm drauf ist schon."

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