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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.07.2009

Elegante Form des Widerstands

Berliner Ausstellung über Underground-Mode in der DDR

Von Carsten Probst

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Seymour: Die Alternativen waren schneidern oder schneidern lassen.  (AP Archiv)
Seymour: Die Alternativen waren schneidern oder schneidern lassen. (AP Archiv)

Das Kunstgewerbemuseum in Berlin zeigt derzeit "In Grenzen frei – Mode, Fotografie, Underground in der DDR 1979-89". Die Gruppe Allerleirauh pflegte zum Beispiel einen romantisch-fantastischen Stil. Sie produzierte Unikate aus Federn oder Zweigen.

Die wichtigsten Modefotografien der späten DDR etwa von Sibylle Bergemann, Helga Paris oder Sven Marquardt waren immer auch Gesellschaftsfotografie. Die Übergänge zur Fotokunst waren fließend, ebenso wie die Modenschauen und Entwürfe der alternativen Modelabels durchaus eine Nähe zu Kunstperfomances hatten. Junge Künstler und Schriftsteller aus der Prenzlauer-Berg-Szene in Ostberlin etwa hatten fast schon zwangsläufig ihr Publikum auch in jener Underground-Szene, die ihre Zeichen im Alltag durch Abwehr der offiziellen DDR-Mode setzte. Zu ihnen gehörte auch Henryk Gericke, Jahrgang 1964, der damals der noch jungen DDR-Punkszene angehörte und diese Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum in seinem Team kuratiert hat:

"Wenn man so eine Szene darstellt, muss man ja auch zeigen, wovon sie sich abgegrenzt hat oder abgrenzen wollte, und da kam dann schnell die Idee, dass man nicht nur eine Ausstellung machen kann über die Undergroundszene in Ostberlin der achtziger Jahre, sondern dass man auch eigentlich den Gegenpol darstellen muss, und das war nur mal die offizielle Modepolitik in erster Linie der DDR, die vor allem durch so großartige Labels wie HO und Konsum geprägt war, die wir alle sehr mochten, es gab ja dieses Signum der JuMo, der Jugendmode in der DDR, und das war klar, die war nicht jugendlich, die war auch nicht modisch, und man konnte so einfach nicht rumlaufen."

Neben den DDR-Punks, die ähnlich wie im Westen ihre Unangepasstheit schonungslos und sichtbar demonstrierten, gab es auch, wie Gericke es nennt, elegantere Formen des Widerstands, die ebenfalls versuchten, die trübe Einheitlichkeit der Mangelwirtschaftsmode zu durchbrechen. Allen voran die Designergruppe chic, charmant und dauerhaft, kurz c.c.d, der bald weitere alternative Modelabels wie Stattgespräch, Allerleirauh, Omlette Surprise, Larifari oder Anstandslos folgten. Die Szene um das Label c.c.d. war ebenfalls von der Punkbewegung inspiriert, Allerleirauh pflegte eher einen romantisch-fantastischen Stil mit Versatzstücken aus Naturformen wie Federn, Schuppengewändern oder Zweigen und produzierte nicht selten Unikate, die kaum zu tragen waren und eher an Verkleidungen erinnerten.

Die Zeitschrift "Sibylle" als "Vogue des Ostens" repräsentierte dagegen das Segment einer DDR-Luxusmode, die ebenfalls vollkommen aus der Einheitsgesellschaft herausstach, allerdings von der Staatsmacht selbst auch geduldet wurde. Ausstellungskuratorin Grit Seymour:

" 'Sibylle' war so ein Transportmittel für Träume, hat Träume vermittelt, die eigentlich nicht realisierbar waren. Es wurden Bekleidungen dargestellt, die nicht erhältlich waren und eher eine Vorgabe zum Nachscheidern, was auch die Bevölkerung konsequent und durchgängig gemacht hat, also es gab eigentlich kaum jemand, der nicht entweder selber geschneidert hat oder eine Schneiderin hatte." "

Mit sogenannter Ziegenmembran, einem in der DDR recht gut erhältlichen und billigen Veloursleder, aber auch mit Erdbeerabdeckfolie, schwarzer Bauplane, Windeln oder Bettwäsche wurden alternative Stoffkombinationen improvisiert, auf der ständigen Suche nach etwas mehr Sinnlichkeit, wie Seymour sagt. Später importierte das DDR-Luxuslabel "Exquisit" schließlich auch Stoffe aus dem Westen, um die immer weiter wachsende Nachfrage zu befriedigen. Allerdings zu Preisen, für die man lange sparen musste.

Die Sehnsucht nach Sinnlichkeit freilich war der Staatsmacht durchaus als Politikum bewusst, die gesamte Szene war durchsetzt von Spitzeln. Grit Seymour selbst, die eigentlich Modedesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte, wurde gleichsam aus mode-politischen Gründen von der Hochschule verbannt und musste zwei Jahre lang zwangsweise als Näherin in einer Fabrik arbeiten, ehe sie in den Westen ausreisen durfte, wo sie dann als Model und Designprofessorin Karriere machte.

Es ist wohl das erste Mal, dass eine Ausstellung in dieser Eindringlichkeit Mode als Politikum in einer Diktatur darstellt, davon abgesehen, dass sie auch an den riesigen, völlig zu Unrecht vergessenen Schatz der DDR-Modefotografie erinnert.

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