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Buchkritik | Beitrag vom 11.09.2021

Elana Bregin: "Der Junge, der sein Herz wiederfand"Das Elend eines ganzen Kontinents

Von Dirk Fuhrig

Das Cover zeigt eine malerische Landschaft vor türkisem Farbhintergrund (Deutschlandradio/Limes Verlag)
Elana Bregin öffnet die Augen für menschliche Schicksale und die Verwüstungen, die Gewalt in den Herzen und Seelen hinerlässt. (Deutschlandradio/Limes Verlag)

Der brutale Kampf um die Bodenschätze im Kongo führt in Südafrika zu Flüchtlingselend. Elana Bregin zeigt in ihrem Roman die seelischen Verwüstungen durch die Gewalt. Die Tonlage ist allerdings manchmal etwas gefühlig.

Emanuel ist ein Straßenjunge und noch keine 18. Als Flüchtling aus dem Kongo kann er keiner legalen Arbeit nachgehen. In Durban, der südafrikanischen Hafenstadt am Indischen Ozean, verkauft er auf der Straße alte Kisten. Als eine Autofahrerin ihm etwas abkauft, entwickelt sich zwischen ihr und dem bettelarmen Emanuel eine Verbindung.

Ester Winter ist Schriftstellerin. Intuitiv entdeckt sie in Emanuel Talente, die ihn von den anderen, die auf der Straße leben, unterscheiden. Er ordnet seine überschaubare Auswahl an Waren mit höchster Akribie, ist umsichtig und aufmerksam – aber auch unendlich misstrauisch und verschlossen.

Verstummt durch die Gewalt

Nur nach und nach gelingt es Ester, den Jungen zum Reden zu bringen, Das Leid, das er erfahren hat, hat ihn verstummen lassen. Bei der Flucht aus dem Kongo wurde er von seiner Mutter getrennt, die von Soldaten verschleppt und mutmaßlich vergewaltigt wurde.

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Ester kümmert sich aber auch deshalb ausgerechnet um diesen Jungen, weil er sie an ihren eigenen Sohn erinnert, der auf dem Weg zur Schule spurlos verschwunden ist.

Heilsame Naturlandschaft

Die Geschichte ist überschaubar konstruiert: Zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Position finden im gemeinsamen Leid zueinander.

Ester schreibt an einem Buch, in dem sie ihr eigenes Leben erzählt. Sie trägt sich mit Selbstmordgedanken, weil ihr die Existenz nach dem Verschwinden ihres Sohnes sinnlos erscheint. Dennoch setzt sie alles daran, Emanuel dazu zu bringen, sein Schweigen über die erlebten Grausamkeiten zu brechen und sich damit selbst aus der Depression zu befreien.

Dabei spielt auch das Erleben von Natur als körperliche und seelische Erfahrung eine Rolle. In diesem Fall übt die weitgehend intakte Landschaft der südafrikanischen Drakensberge eine heilende, kathartische Wirkung aus.

Mörderischer Kampf um Bodenschätze

Der Roman ist weniger interessant wegen der erzähltechnisch eher naheliegenden Figurenkonstellation, als durch die politischen Hintergründe. Denn Emanuel und seine Mutter mussten deshalb fliehen, weil in ihrer Heimat Kongo rücksichtslose Milizen beim Kampf um die Bodenschätze in unbeschreiblich brutaler Weise vorgehen.

Massenvergewaltigungen sind in dem Land nahezu an der Tagesordnung. Die Gewalt nicht nur gegen Frauen und Kinder im Kongo findet in der Weltöffentlichkeit kaum Beachtung. Auch dass innerhalb des afrikanischen Kontinents zahllose Flüchtlinge umherirren, taucht in Berichten hierzulande nur selten auf.

Der Roman öffnet die Augen für menschliche Schicksale

Der Titel "Der Junge, der sein Herz wiederfand" deutet bereits an, dass der Roman in einem ziemlich gefühligen Ton geschrieben ist. Die Sprache ist nicht ganz frei von vordergründiger Sentimentalität, verstärkt durch die Verklärung der Natur und die stellenweise etwas ungelenke Übersetzung. Das Happy End ist erwartbar.

Doch Elana Bregin schafft es dennoch, die Augen zu öffnen für menschliche Schicksale und die Verwüstungen, die Gewalt auf die Herzen und Seelen nicht nur junger Menschen anrichtet.

In der persönlichen Geschichte wird Elend eines ganzen Kontinent erfahrbar.

Elana Bregin: "Der Junge, der sein Herz wiederfand"
Aus dem Englischen von Regina Jooß
Limes, München 2021
240 Seiten, 18 Euro

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