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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.02.2008

Ekelprosa mit sekretfixierter Heldin

Charlotte Roche: "Feuchtgebiete". DuMont Verlag, Köln 2008. 220 Seiten

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Grimme-Preisträgerin Charlotte Roche (AP Archiv)
Grimme-Preisträgerin Charlotte Roche (AP Archiv)

Die 18-jährige Helen hat eine Vorliebe für Sex jeder Spielart, Bakterien, und Körperflüssigkeiten. Zudem widmet sie sich der Aufzucht von Avocados. Charlotte Roches Debütroman liest sich wie ein Plädoyer gegen eine hygienefixierte Gesellschaft, vergisst aber bei aller Provokation erzählerische Grundelemente, so dass nach dem Skandal nicht mehr viel bleibt.

Womit lässt sich heute provozieren? Ist es nach all der Literatur des 20. Jahrhunderts, die vom Hässlichen, Furchtbaren und Obszönen handelte überhaupt noch möglich, abgebrühte Leserinnen und Leser hinter dem Ofen hervorzulocken? Die 29-jährige Charlotte Roche, bekannt geworden als frech-intelligente TV-Moderatorin, traut sich diese Aufgabe zu und begibt sich unerschrocken ins Skandalisierungsgefecht. Ursprünglich als Sachbuch über den Reinlichkeitswahn unserer Sagrotan ergebenen Gesellschaft konzipiert, versucht ihr Roman "Feuchtgebiete" gezielt, das Ekelreservoir der Weltliteratur mit neuem Stoff aufzufüllen.

Die Protagonistin Helen Memel, 18 Jahre jung und doch in sexueller Hinsicht bereits eine durch nichts zu erschreckende Frau, hat sich eine schmerzhafte Analfissur - ein Wort, das der "Duden" sträflicherweise nicht kennt - zugezogen und muss sich einer nicht minder schmerzhaften Operation unterziehen. Die unter markanten Hämorrhoiden leidende Helen, die "engen Kontakt" zu ihren Körperausscheidungen pflegt, nutzt die Hospitalzeit, um sich detailliert an ihre blut-, sperma- und eiterreiche Vergangenheit zu erinnern. Ihre Interessen sind an drei Fingern abzuzählen: rege ausgeübter Geschlechtsverkehr der Nicht-Kuschel-Art, Verbreitung von Bakterien allenthalben, Aufzucht von Avocados, deren schleimige Kerne wiederum dem erstgenannten Interesse dienen.

"Feuchtgebiete" ist, wenn man nicht zu feinfühlig veranlagt ist, ein Roman, der an seinen besten Stellen kräftige Splatterkomik bietet, rotzige Weisheiten zum Besten gibt und in seinem Übertreibungsgestus manchem Leser an seinem Hygieneverhalten zweifeln lassen wird. Da liegt ohnehin die Mission der Charlotte Roche: Wie ihre sekretfixierte Heldin hat sie eine tiefe Abneigung gegen "hygienische, gepflegte, keimfreie Leute" und will ihren geneigten Leserinnen helfen, eine angemessene Sprache für ihre unteren Körperregionen zu finden.

Doch wie es so ist mit Missionen in der Literatur: Sieht man vom Schockvokabular der "Feuchtgebiete" ab, hat dieser Roman erzählerisch und stilistisch nicht viel zu bieten. Reibt man an Helens so rau wirkender Schale, zeigt sich, wenig überraschend, ein weicher Kern. Denn Helens wahllose Beilager ("Jeder ist besser als keiner") haben - wer hätte es gedacht? - mit ihrer Kindheit, der Scheidung ihrer Eltern und einem mehr angedeuteten als erzählten Schreckenserlebnis in ihrer Jugend zu tun.

Besonders originell ist das nicht. Missionen, wie gesagt, führen selten zu überzeugenden Romanen. Davon ganz ungerührt, stürzen sich seit Erscheinen des Buches Journalisten jedweder Couleur auf die strahlende Autorin und entlocken ihr freizügige Bekenntnisse. So infiltriert der Promi- und Szene-Bonus nobelste Magazine und Zeitungen. Wer fragt da noch nach der Qualität des Romans?

Rezensiert von Rainer Moritz

Charlotte Roche: Feuchtgebiete
Roman. DuMont Verlag, Köln 2008
220 Seiten. 14,90 Euro

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