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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 26.02.2006

Ekel, Scham, Schuldgefühl

Ute Scheub: "Das falsche Leben - eine Vatersuche"

Vorgestellt von Elke Nicolini

Coverausschnitt: Ute Scheub: "Das falsche Leben - eine Vatersuche" (Piper Verlag)
Coverausschnitt: Ute Scheub: "Das falsche Leben - eine Vatersuche" (Piper Verlag)

35 Jahre musste Ute Scheub vergehen lassen, bevor sie sich der SS-Vergangenheit ihres Vaters zuwenden konnte. "Das falsche Leben - eine Vatersuche" ist eine späte Aufarbeitung, durch die Arbeit am Buch weicht bei der Autorin der Hass auf den Vater. Scheub und dem Leser wird klar, wie es passieren kann, dass so einer sich in die Gemeinschaft – selbst in die schlechteste – flüchtet.

Ein Mann steht am Rednerpult, spricht wirr, verhaspelt sich, klagt die Kirche an, bedauert verloren gegangene Kriegskameradschaft. Dann ganz klar: "Ich werde jetzt provokativ und grüße die Kameraden von der SS." Er schluckt Zyankali und stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Dies geschieht 1969 auf dem Kirchentag in Stuttgart. Günter Grass hat zuvor aus einem Roman gelesen und sich gegen ritualisierten politischen Protest gewandt. Die Medienresonanz auf diesen Selbstmord ist gewaltig und auch Günter Grass widmet dem Mann einige Seiten in seinem "Tagebuch einer Schnecke". Es handelt sich um den Apotheker Manfred Augst, der Frau und vier Kinder hinterlassen hat. Seine Tochter Ute Scheub ist zu der Zeit 13 Jahre alt. Von der SS-Vergangenheit des Vaters hat sie nichts gewusst. Sie schreibt in ihrem Buch:

"Ekel, Scham, Schuldgefühl. Wenn ich mich gerade nicht ekelte, dann schämte ich mich, und wenn ich mich nicht schämte, fühlte ich mich schuldig. Ich schämte mich für meinen unmöglichen Vater und seine braunen Kameraden und vor allem für mich selbst. Wie konnte ich mich bloß so freuen über seinen Tod? Ich war ein Tochterschwein, eine Schweinetochter. Bald würde mir ein rosa Ringelschwanz wachsen."

In diesen Sätzen des Buchs offenbart sich der Kern des Konflikts. Die Autorin, die verschiedene Bücher veröffentlicht hat und zu den Gründungsmitgliedern der Tageszeitung taz gehört, musste 35 Jahre vergehen lassen, bevor sie sich ihrem Vater und dieser späten Aufarbeitung zuwenden kann. Einem Vater, der sie als Kind hat spüren lassen, dass er weibliche Wesen für minderwertig hält, der kalt und unzugänglich war und offensichtlich nicht aus seiner Haut heraus konnte.

Als Initialzündung wirkt der zufällige Fund eines Abschiedsbriefs Manfred Augsts. Und während sie all die weiteren Dokumente und Aufzeichnungen von ihm sichtet, die sich im Hause finden und sie mit der historischen Forschung vergleicht, sieht sie sich mit unzähligen Fragen konfrontiert. Was sind das für Sonderkommandierungen, von denen Augst in Feldpostbriefen an die Familie schreibt, sie aber nicht weiter erläutert? Was wusste er, an welchen Gräueltaten hat er sich beteiligt? Litt er unter Schuldgefühlen? Oder litt er, weil er aus der Bahn geworfen war, ein Protagonist der "betrogenen Betrüger", wie die Autorin Hannah Arendt zitiert. Jene, die vergessen hätten, dass ihre eigene Verschwörung gegen die gesamte Welt diese Welt dazu bringen könne, sich gegen sie zu vereinigen.

Manfred Augst, Jahrgang 1913, war Nazi – man möchte sagen, von ganzem Herzen – und Mitglied der SS. Es ist vor allem das Gefühl der Gemeinschaft, das den in einem strengen, lieblosen Elternhaus Aufgewachsenen so anzieht. Dazu die völlige Ein- und Unterordnung in die Phalanx der Nationalsozialisten: der Einzelne ist nichts, das Volk ist alles, wie sie befanden. Ute Scheub zitiert einen Brief, den ihr Vater 1940, im ersten Kriegsjahr, aus Berlin an seine Familie schreibt:

"So ist das Leben nicht besonders schön, aber zum Aushalten. Ebenso wie der Krieg. Die Leute haben sich im Allgemeinen zu ihrem Vorteil geändert. Wir sind beim Ausgehen ja meist im ehemals roten Wedding – aber diese roten Revolutionstypen haben hier nirgends mehr die große Schnauze wie früher. Alles wehrt sich gegen sie. Unser Dienst ist immer Saft und Kraft."

In den letzten Jahren haben etliche Autoren sich mit den Tätern in ihrer Familie beschäftigt. Allen Recherchen ist die große Angst gemein, auf Belege der schrecklichsten Verstrickungen zu stoßen. Und dennoch suchen Täterkinder fieberhaft nach Beweisen, die in fast allen Fällen nicht zu finden sind. Letztendlich aber wissen sie um die erforschten Fakten der Geschichte, die ihnen keine Entlastung gewähren.

Manfred Augst zählt zu denen, die sich nach dem Krieg im demokratischen Deutschland nicht orientieren konnten. Zwar warf er sich mit ähnlichem Elan wie damals bei der SS in die kirchliche Arbeit. Doch hat die Kirche ihn bitter enttäuscht. Interessanter Weise stimmte er in vielen Punkten mit den politischen Forderungen seines ältesten Sohnes überein, der damals dem Sozialistischen Studentenbund nahe stand, der linken Vertretung der Studentenschaft. Doch über sich und seine Vergangenheit wollte und konnte der Vater nicht sprechen und erstickte daran, wie die Autorin meint.

Wie geht man als kritischer Zeitgenosse mit einer Biographie um, deren Stationen und Entwicklungen diametral dem eigenen Verständnis von einem erfüllten, guten Leben gegenüberstehen? Das Bewusstsein für Recht und Unrecht, das Mitgefühl für Mitmenschen, für Unterdrückte, die Toleranz Andersdenkenden gegenüber und vor allem die Lebensfreude entfernen die Tochter von ihrem Vater. Fassungslos sieht sie aus den Unterlagen, dass zu seinem Weltbild die Einheit von Tod und Leben gehört. Bei ihm heißt das: Geburt will Tod und Sterben meint Gebären. Sie fragt sich:

"War auch mein Vater todessüchtig? Ich weiß es nicht. Seine Feldpostbriefe klingen, als hätte er sie verfasst, während er lässig an seiner Flak-Kanone lehnte, als zünde er sich genüsslich eine Zigarette am Weltenbrand an. Angst? Wut? Heimweh? Sehnsucht nach Frieden? Nichts davon. Nur kalte Abwehr. Auch meine Gefühle für ihn nähern sich dem absoluten Gefrierpunkt."

Und doch ist durch die Arbeit am Buch der Hass auf den Vater gewichen. Der Autorin wird klar, wie es passieren kann, dass so einer sich in die Gemeinschaft – selbst in die schlechteste – flüchtet. Diese Erkenntnis verringert für sie nicht seine Schuld und auch nicht ihre Schuldgefühle den Opfern gegenüber. Sie findet den Mut, sich die bange Frage zu stellen, ob sie wirklich vor der Täterschaft gefeit gewesen wäre.

Einmal mehr wird hier in diesem Buch die Erkenntnis vermittelt, dass es nicht in erster Linie auf Bildung und Wissen ankommt, um gegen obszöne Menschenverachtung gewappnet zu sein, dagegen Verbrechen zu akzeptieren oder gar zu begehen. Das wichtigste Rüstzeug erfährt der Mensch in seinem Gewissen, der höchsten biologischen Entwicklung auf Erden, wie Ute Scheub den Hirnforscher Antonio Damasio zitiert. Denn es halte ihn an, das eigene Überlebensinteresse der Moral unterzuordnen.


Ute Scheub: Das falsche Leben – eine Vatersuche
Piper Verlag, München 2006

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