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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 08.05.2015

EisteeDas geht an die Nieren

Von Udo Pollmer

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Eistee (imago stock&people)
Was bitte kommt an problematischen Zutaten in den Eistee? (imago stock&people)

Wenn die Beobachtung amerikanischer Ärzte stimmt, dann hat sie weitreichende Konsequenzen: Eistee könnte eine Ursache von Nierenversagen sein. Der Grund? Nicht Zucker oder Aromen, sondern ein Pflanzengift, erklärt Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Laut Medienberichten steht der beliebte Eistee im Verdacht, Nierenversagen auszulösen. Anlass ist ein an sich gesunder US-Bürger, der täglich gleich mehrere Liter konsumiert hatte. Die Ärzte sind sich nach ausführlicher Anamnese sicher, mit dem Getränk die Ursache gefunden zu haben und sie sind überzeugt, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt.

Was bitte kommt an problematischen Zutaten in den Eistee? Laut Zutatenliste handelt es sich um eine Mixtur aus Wasser, Zucker, Aromen, Zitronensäure und Schwarztee. Eine Angabe fehlt allerdings auf dem Etikett: die Methode der Haltbarmachung. Eine Konservierung ist zwingend erforderlich, denn Eistee enthält im Gegensatz zu den meisten Erfrischungsgetränken keine Kohlensäure. Deshalb wird das Getränk gern mit Dimethyldicarbonat haltbar gemacht, - ein radikales, giftiges und explosives Desinfektionsmittel. Da es sich während der Behandlung zersetzt, erübrigt sich eine Deklaration.

Grund für Nierenversagen

Doch das Desinfektionsmittel ist unschuldig, Zucker, Wasser und Aromen sind bedeutungslos. Grund für das Nierenversagen war nach Angaben der Mediziner ein Pflanzengift: die Oxalsäure. Und die ist ein natürlicher Bestandteil von Schwarztee, der vermeintlich harmlosesten Zutat im Eistee. Die Belastung mit Oxalsäure schwankt von Charge zu Charge in einem weiten Bereich, in Abhängigkeit von Teeplantage und Teeernte. Egal wie, Schwarztee ist kein Getränk, das man literweise als vermeintlich gesunden Muntermacher in sich hineinschütten sollte. Die Oxalsäure ist so typisch für den Teestrauch, dass ihre Kristalle zur Identifikation von Tee in archäologischen Proben dienen.

Neben Schwarztee gibt es noch mehr Problem-Lebensmittel: Rote Beete, Spinat, Mangold, Rhabarber, Sternfrüchte – aber auch Erdnüsse und Sojabohnen. Auch hier sind die Schwankungen enorm – bei einer Untersuchung von Sojaerzeugnissen des US-Marktes waren „Sojanüsse" mit abenteuerlichen anderthalb Gramm Oxalsäure pro 100 Gramm am stärksten belastet. Gleichermaßen schwankt die Empfindlichkeit des Menschen gegenüber der Oxalsäure. Sicher ist nur eins: Ohne reichlich Oxalsäure im Essen gibt's keine Oxalat-Nierensteine.

Oxalsäure greift Schmelz an

Die Zunahme der Nierensteine bei westlicher Ernährung lässt sich auf den steigenden Anteil von Blattgemüse zurückführen – denn vor allem Blätter enthalten Oxalsäurekristalle. Sie sollen die Zähne von Weidetieren abschmirgeln. Spinatfreunde kennen das, wenn sich nach der Mahlzeit die Zähne stumpf anfühlen: Die Oxalsäure greift den Schmelz an.

Hohe Oxalat-Gehalte sind nicht nur Nieren und Zähnen abträglich, sondern sie beeinträchtigen auch die Mineralstoffversorgung. Ernährungsberater empfehlen gerne Spinat als Lieferant von Calcium, um das Skelett zu stärken. Das Mineral ist laut Nährwerttabelle zwar reichlich vorhanden, doch es kann gar nicht aufgenommen werden, da es fest an die Oxalsäure gebunden ist. Oxalsäure entzieht dem Körper Calcium.

Trinken Sie nie grüne Smoothies

Besondere Vorsicht ist bei grünen Smoothies geboten – viele Menschen glauben, sie könnten beispielsweise Radieschen- oder Rhabarberblätter verwerten und den Nährwert durch Wildkräuter wie Sauerampfer weiter verbessern. Diese Produkte sind aus gutem Grund aus unserer Küche verschwunden. Radieschen- und Rhabarberblätter können lebensgefährliche Mengen enthalten. Selbst bei Sauerampfersuppe sind tödliche Vergiftungen belegt. Trinken Sie also nie grüne Smoothies, deren Zusammensetzung Sie nicht sicher kennen.

Glücklicherweise gibt es ein probates Gegenmittel bei Oxalatsteinen, die etwa 80 Prozent aller Nierensteine ausmachen: In Ländern, in denen sich die Menschen keine teure oder aufwendige Therapie leisten können, sind einfache Heilmethoden gefragt. Dort setzt man bei Oxalatsteinen zuallererst auf die bewährte „Limonaden-Therapie" – die schlicht in der Verabfolgung von ein paar Flaschen handelsüblicher Orangen- oder Zitronenlimo besteht. Die Zitronensäure löst die schmerzhaften Calciumoxalat-Steine einfach auf. Mahlzeit!

Literatur:

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Farré M: et al: Fatal oxalic acid poisoning from sorrel soup. Lancet 1989; II: 1524
Zhang J et al: Calciphytoliths (calcium oxalate crystals) analysis for the identification of decayed tea plants (Camellia sinensis L.). Scientific Reports 2014; 4 : e6703
De SK et al: Changing trends in the American diet and the rising prevalence of kidney stones. Urology 2014; 84: 1030-1033
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Zuckerman JM et al: Hypocitraturia: Pathophysiology and medical management. Reviews in Urology 2009; 11: 134-144
Seltzer MA et al: Dietary manipulation with lemonade to treat hypocitraturiv calcium nephrolithiasis. Journal of Urology 1996; 156: 907-909
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