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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.09.2012

"Eisler glaubte zeit seines Lebens an die sozialistische Sache"

Musikwissenschaftler wünscht sich zum 50. Todestag künstlerische Neubewertung

Oliver Dahin im Gespräch mit Frank Meyer

Der deutsche Komponist Hanns Eisler (1898 - 1962) in einer undatierten Aufnahme (picture alliance / dpa)
Der deutsche Komponist Hanns Eisler (1898 - 1962) in einer undatierten Aufnahme (picture alliance / dpa)

Kaum ein anderer Komponist habe so polarisierend auf seine Zuhörer gewirkt, wie Hanns Eisler, sagt Oliver Dahin. Aber auch wenn dieser politisch und politisiert gewesen sei, plädiert der Musikwissenschaftler dafür, dessen musikalisches Werk "zurückzugewinnen".

Frank Meyer: Schon die frühe Musik von Hanns Eisler hat sich zwischen rebellischer Tücke und jäher Zartheit bewegt, meinte Theodor W. Adorno. Hanns Eisler war einer der wichtigsten Schüler von Arnold Schönberg neben Alban Berg und Anton Webern, er hat ein großes Werk hinterlassen: Orchesterwerke, Kammermusik, Musik für Theaterstücke und Filme, über 500 Lieder darunter, vom Arbeiterlied bis zum Kunstlied. Aber die Wahrnehmung von Hanns Eisler, das ist bis heute für viele, das ist der Kampfliedschreiber, der kommunistische Komponist. Darüber reden wir mit Oliver Dahin, Mitglied im Vorstand der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft, und ein gebürtiger Brite, der wegen seiner Faszination für Hanns Eisler nach Deutschland übergesiedelt ist. Seien Sie herzlich willkommen!

Oliver Dahin: Vielen Dank!

Meyer: Diese verengte Wahrnehmung – Eisler war der DDR-Komponist, war musikalischen Agitator für den Kommunismus –, das ist doch vor allem eine westdeutsche Wahrnehmung, oder? Ist er ein spätes Opfer des Antikommunismus?

Dahin: Na ja, ich würde sagen, dass kaum – wahrscheinlich kein anderer Komponist so polarisierend auf seine Zuhörerschaft gewirkt hat wie Hanns Eisler. Das ist wahrscheinlich eine Folge der Tatsache, dass Eisler insgesamt nach seinem Tod zu 90 Prozent nur in Deutschland wahrgenommen wurde – überhaupt. Auf der einen Seite als Verfechter der politischen Musik, auf der der anderen Seite genau so, aber natürlich durch den Kalten Krieg anders wahrgenommen. Das hat natürlich damit zu tun, dass Eisler sich sehr früh der sozialistischen Bewegung verschrieb, deren Anliegen zweifellos einen Großteil seiner Werke beeinflusste.

Meyer: Aber diese verengte Sicht – Eisler als DDR-Komponist –, die ist ja auch nicht ohne eine bittere Ironie, weil er ja in der DDR auch sehr angefeindet wurde: Es gab ein großes Opernprojekt von ihm, Johann Faustus, das wurde regelrecht bekämpft, er wurde als Formalist angegriffen. Er hat enge Gefährten gehabt, eine Frau, die ihm nahestand, die 20 Jahre im sowjetischen Gulag eingesessen hat. Trotzdem ist er der DDR ja treu geblieben, er hat sich zur DDR bekannt, auch an ganz kritischen Punkten, am 17. Juni 53 beim Mauerbau. Wie kam das eigentlich zu dieser Treue zur DDR?

Dahin: Eisler glaubte zeit seines Lebens an die sozialistische Sache. Und nach dem Krieg hatte er auch wenig Möglichkeiten, sich woanders niederzulassen. Aus Amerika hinausgeworfen sozusagen, kam er über Wien dann nach Ostberlin. Da sah er die besten Chancen für die Art Musik, die er machen wollte, um die Massen zu erreichen, und ich zitiere gerne an dieser Stelle den letzten Satz der neuen Eisler-Biografie von Friederike Wißmann, wo Sie Eisler zitiert vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe. Da sagt er einfach: "I am not a hero, I am a composer."

Eisler war politisch und politisiert, aber der ist letztendlich ein Musiker. Es geht auch darum, nicht nur die andere Musik zu sehen – also der hat auch Zwölftonmusik geschrieben, als Schüler von Schönberg –, aber auch sogar diese Werke, zum Beispiel die Nationalhymne, auch vielleicht heute anders zu sehen. Man kann solche Werke auch der musikalischen Analyse unterziehen, kann man daraus dann andere Schlüsse ziehen?

Meyer: Aber passiert das in der Musikwissenschaft, im Konzertbetrieb? Ist da dieser andere Eisler inzwischen wiederentdeckt?

Dahin: Ich würde sagen, verhalten zunehmend. Es sind natürlich immer dieselben Werke, die aufgeführt werden – die Deutsche Symphonie ... –, aber natürlich eine neue Wahrnehmung von Kampfliedern, von Agitpropstücken, von zum Beispiel dem Lenin-Requiem. Das ist ein bisschen schwieriger, weil sie diese Texte haben, die heute nach wie vor polarisieren.

Meyer: Wir wollen auch Musik von Hanns Eisler hören. Sie haben ein Stück für uns dabei aus der Kammersymphonie von Hanns Eisler. Warum dieses Stück, wo gehört das hin in seinem Werk?

Dahin: Eisler schrieb die Kammersymphonie 1940 als Filmmusik zu dem Film "White Flood", ein Film über die Gletscher in Alaska, ein politisch neutraler Film, sehr ungewöhnlich für Eisler. Es ist sehr interessant, weil es ist sowohl Filmmusik als auch Konzertmusik, und da sieht man auch einen sehr wichtigen Aspekt von Eislers Musik, dass er sie oft wiederverwendete in verschiedenen Kontexten. Und Sie werden wahrscheinlich wissen, Eisler schrieb zusammen mit Theodor Adorno das Buch "Komposition für den Film", in dem unter anderem steht: Die Musik darf nicht einfach wiederholen, was im Bild stattfindet. Stattdessen komponierte Eisler fünf Sätze für diesen Film, eine Art Symphonie, wenn man mag – Kammersymphonie, wie sie ja tatsächlich heißt. Diese Etüde, die wir hören werden, sollte so etwas von der Neugier der Besucher ins Unbekannte darstellen.

(Anmerkung der Redaktion: Musikeinspielung nicht nachhörbar)

Meyer: Dieser andere Eisler, der – ich sage mal, der Kunst-Eisler, der Komponist von E-Musik – das hat ja viel zu tun mit seinem Verhältnis zu seinem Meister, wie er selber auch sagte, Arnold Schönberg. Wie sind die beiden eigentlich zusammen gekommen?

Dahin: Eisler kannte Schönbergs Musik schon nach dem Krieg, in dem er gedient hat, und er wurde dann in seine Meisterklasse auf Vermittlung aufgenommen. Schönberg zählte Eisler zu einem der besten drei Schülern, die er hatte, neben Berg und Webern. Und Eisler schätzte, glaube ich schon, und das ist auch ein sehr wichtiger Punkt, von Anfang an dort Schönbergs Art des Unterrichts. Die bestand nicht darin, Schönbergs neue Zwölftonmethode zu vermitteln, sondern galt hauptsächlich der Analyse der klassischen Meister: Bach, Beethoven, Brahms und so weiter. Eisler war der Meinung, nur wenn man diese Werke versteht, kann man was Avanciertes schreiben. Und so sieht man, dass diese Analyse, dass die großen Werke der Vergangenheit, spielten eine sehr große Rolle.

Meyer: Also es gab ein ganz enges Verhältnis zwischen den beiden, aber sie hatten ja auch ein radikal unterschiedliches Verhältnis zur Rolle von Musik in der Gesellschaft: Schönberg eher auf der Seite des Elfenbeinturms, die reine Musik, Eisler eben als politischer Komponist. Es gibt ein sehr schönes Zitat von Schönberg, wo er sagt, er würde Eisler gerne übers Knie legen und ihm den Hintern versohlen, damit er endlich die Politik sein lässt und sich aufs Komponieren beschränkt. Da war Eisler fast 50, als Schönberg das gesagt hat über seinen Schüler. Muss man sagen, dass die Wendung Eislers zur Politik diese beiden Gefährten – oder Meister und Schüler – endgültig auseinandergebracht hat?

Dahin: Nein, das kann man nicht sagen. Zeitweilig vielleicht, als Eisler nach Berlin übergesiedelt ist, Mitte der 20er-Jahre, da entstand ein Bruch zwischen den beiden. Aber später zum Beispiel, im Exil, hat Eisler "14 Arten, den Regen zu beschreiben" Schönberg gewidmet.

Meyer: Ein anderer ganz wichtiger Mensch für die künstlerische Biografie von Hanns Eisler war Bertolt Brecht, mit dem er zusammen sehr viele Werke geschrieben hat. Wie war eigentlich das Verhältnis zwischen diesen beiden Männern, die ja beide ziemlich genau wussten oder sehr genau wussten, was sie wollten? Wie sind die miteinander ausgekommen?

Dahin: In Brecht hat Eisler einen Kollegen gefunden, der ganz genau seiner Weltanschauung entsprach. Brecht war auch genau daran bestrebt, eine Kunst zu schaffen, die fortschrittlich ist, aber auch gleichzeitig die Menschen erreichen kann. Und da das auch genau Eislers Ansatz war, war das von Anfang an Ende der 20er-jahre eine perfekte Partnerschaft.

Meyer: Als Hanns Eisler emigrieren musste, weil er ein Linker war, weil er aus einer jüdischen Familie kam, da haben ihm seine kommunistischen Überzeugungen ja enorme Probleme gemacht. Er wurde schließlich 1948 aus den USA ausgewiesen, nach einem Verhör vor diesem berühmten Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten. Es waren noch andere deutsche Linke in den USA – warum wurde eigentlich gerade Hanns Eisler so bedrängt und dann schließlich rausgeschmissen?

Dahin: Das ist eine interessante Frage, weil Eisler im Vergleich zu vielen seiner Kollegen war sehr anpassungsfähig. Der hat in den USA Lieder geschrieben, der hat Filmmusik komponiert für Hollywood, der hat kaum etwas Politisches da gemacht oder bewirkt. Das hat auch mit Eislers familiärer Situation zu tun, mit seinem Bruder Gerhard Eisler, der auch sehr, sehr stark sich für die Sache engagierte, also für die kommunistische Sache in den USA, und seine Schwester Ruth Fischer, die auch öffentlich ihren Bruder denunziert hat als überzeugte Stalinistin. Und es war jedenfalls so, dass vor diesem Komitee der Investigator Stripling einen ganz berühmten Satz sagte: Eisler, ich werfe Ihnen vor, der Karl Marx der Musik zu sein. Und Eisler reagierte: Ich wäre geschmeichelt, ich würde mich geschmeichelt fühlen.

Meyer: Wir reden hier über Eisler an seinem 50. Todestag. Oliver Dahin, wenn Sie aufs Heute schauen, was für eine Art Erinnerung an Hanns Eisler wünschen Sie sich heute, was sollte von ihm aufgeführt werden?

Dahin: Ich würde mir wünschen, Eislers Musik sozusagen in Anführungsstrichen jetzt "zurückzugewinnen" für uns heute, die Musik nicht mehr nur historisch, nicht nur positivistisch aufzufassen, sondern auch aus zeitgenössischen Perspektiven. Wie kann man Eisler in der Linie der deutschen Musik sehen, oder repräsentiert er doch einen Bruch in dieser Geschichte?

Meyer: Was Sie gerade ansprechen, solche Linien aufzumachen, das heißt zum Beispiel, dass er in seiner Musik für die Maßnahme, was ja wirklich als urkommunistisches Manifest gerade zu seiner Musik gesehen wird, dass er da Traditionen der Kirchenmusik aufgegriffen hat. Meinen Sie, so etwas, solche Linien deutlich zu machen?

Dahin: Zum Beispiel, zum Beispiel. Da ist es die Beziehung zu Bach, das kommt auch häufig vor bei Eisler. Man kann sagen, ja, es ist politisch, aber es ist auch musikalisch, und das in einen ausgewogenen Gleichklang zu bringen, denke ich, wäre fruchtbar für die Musikwissenschaft und auch für unser Verständnis von Hanns Eisler.

Meyer: Vor 50 Jahren ist Hanns Eisler gestorben, mit 64 Jahren, an einem Herzanfall. Begraben wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte in der Nähe von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Wir haben über Eisler gesprochen mit Oliver Dahin, Mitglied im Vorstand der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Mit Musik in die Wirklichkeit eingreifen, (DKultur, Kalenderblatt)
Agitprop, Kammermusik und Galgenlieder - Friederike Wißmann: "Hanns Eisler - Komponist, Weltbürger, Revolutionär", Edition Elke Heidenreich bei C.Bertelsmann, 2012, 304 Seiten, (DKultur, Kritik)
Die revolutionäre Kraft der Musik - Friederike Wissmann: "Hanns Eisler - Komponist, Weltbürger, Revolutionär", (DKultur, Lesart)

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