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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 29.12.2019

EishockeyTraditionsverein EV Füssen will wieder wer werden

Von Stefan Osterhaus

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Drei Eishockeyspieler des EV Füssen sitzen, in schwarz gelben Trikots, auf der Spielerbank. (Stefan Osterhaus)
Nur knapp vor der Auflösung bewahrt: Der Traditionsverein EV Füssen spielt noch. (Stefan Osterhaus)

Was im Fußball Bayern München ist, war im Eishockey der EV Füssen: 16 Meistertitel holte er, ehe es mit ihm abwärts ging, er in die Insolvenz rutschte. Nun kämpft der Verein um einen Aufstieg. Unterstützt wird er von der Band "Die Toten Hosen".

Ein Freitagabend in Füssen im Ostallgäu: Knapp 1000 Zuschauer sind gekommen zum Spiel des EV Füssen in der dritten deutschen Eishockey-Liga, in die kleine Halle am Kobelhang. Tor um Tor fällt. Am Ende verkündet der Hallensprecher einen Sieg für Füssen: 5:0 gegen Höchstadt, ein Team aus Franken. Das ist deutlich und besser als erwartet.

Früher haben die Füssener in der großen Halle gleich nebenan mit 4200 Plätzen gespielt – in diesem imposanten Bau mit seiner Holzdecke aus den 70er-Jahren, der architektonisch das Prädikat wertvoll verdient. Aber dafür ist die Stimmung prächtig. Noch besser ist sie, als ein paar Wochen später der SC Riessersee mit 5:2 geschlagen wird – der alte Rivale aus Garmisch, der es auf zehn deutsche Meistertitel bringt. 

Zehn Titel: nicht schlecht. Aber was ist das schon im Vergleich zur Trophäensammlung der Füssener. Die bringen es sogar auf 16 Meisterschaften. Nur der Deutsche Rekordmeister Berliner Schlittschuhclub, der längst keine Rolle mehr spielt, brachte es mit 19 Titeln auf noch mehr. Noch immer ist Füssen der erfolgreichste deutsche Eishockeyklub nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die bayrischen Derbys gegen Riessersee, Kaufbeuren, Bad Tölz und gegen Rosenheim in der früheren Bundesliga sind legendär. Bis in die 80er-Jahre sprach man fast immer über bayrische Mannschaften, wenn es um erfolgreiches Eishockey ging.

Aus dem EV Füssen gingen etliche Nationalspieler hervor. Die Legenden Paul Ambros und Markus Egen, um nur zu einige zu nennen – und natürlich Xaver Unsinn, der Mann mit dem Pepitahut, der später als Bundestrainer immer vom "Eishockei" sprach.

Ebenso diejenigen, die aus der Kleinstadt Füssen in die große Welt des Eishockeys zogen, bis in die weltberühmte Nordamerikanische Profiliga NHL, so wie Uli Hiemer, der Verteidiger.

Ein Traditionsverein der Superlative

Lauter Superlative, wenn es um Füssen geht. Aber irgendwie auch schon lange, lange her. 1973 gewann Füssen letztmals die deutsche Meisterschaft, die Konkurrenz aus den großen Städten zog davon, die Provinz hatte das Nachsehen.

Blick auf die Eisfäche und neue Kuppeldecke des Eisstadions am Kobelhang in Füssen. (Stefan Osterhaus)Das Eisstadion am Kobelhang in Füssen. Früher war im Stadion immer was los. (Stefan Osterhaus) 
Das der EV Füssen heute überhaupt wieder in der dritten Liga spielt, ist bemerkenswert. Denn der Traditionsverein befand sich noch vor wenigen Jahren im freien Fall, schlitterte zwei Mal in die Insolvenz, das letzte Mal im Sommer 2015.

"Ich denke, das hat sich am ehesten gezeigt in der sportlichen Entwicklung. Es ging dann relativ zügig in die zweite Liga. Der Abschwung konnte nicht gehalten werden, andere Vereine sind immer mehr aufgekommen, und dadurch ging es bis in die dritte, vierte Liga nach unten, und hier ist jetzt so eine Art Becken gewesen, in dem man sich gesammelt hat, wo man auch wieder mit jungen Spielern wieder Erfolge feiern kann."

Das sagt Thomas Zellhuber. Er ist der Sportchef und somit der Mann, der sich um den Kader kümmert, der den Nachwuchs koordiniert, um die jungen Spieler, die Füssens Zukunft sichern sollen.

Füssen ohne Eishockey? Undenkbar!

Ein anderer, der hier arbeitet, ist Geschäftsführer Markus Kehle. Er erledigt den Job unentgeltlich. So wie eine ganze Reihe von Leuten, die ehrenamtlich für den EV Füssen arbeiten – und die erst einmal jede Menge damit zu tun hatten, den Klub in die stabile Seitenlage zu bekommen, damals, nach dem Konkurs vor gut viereinhalb Jahren.

Mit vereinten Kräften haben sie den Verein in der fünften Liga vor der Auflösung bewahrt, sagt Markus Kehle. Was wäre gewesen, wenn dies nicht gelungen wäre?

"Es gebe dem Verein halt nicht mehr. Das wäre schon bitter, schade. Wenn man sieht, was in dem Stadion los ist, was da für ein Leben ist jetzt wieder und wie viele Kinder und Jugendliche hier spielen. Die Eisflächen wären oft leer. Ich denke, man würde gar nicht so viele Mannschaften oder Interessenten – sei es jetzt aus dem Kunstlauf, Eishockey oder Eisstockschießen – finden, wo man quasi das Stadion auslasten könnte, vermute ich mal. Wäre wahrscheinlich irgendwann die Überlegung überhaupt: Brauchen wir überhaupt die zwei Eisflächen. Solche Diskussion hätten wir wahrscheinlich. Vielleicht wäre die Halle gar nicht mehr offen, keine Ahnung."

Füssen ohne Eishockey? Undenkbar! Denn wann immer man über Füssen und das Eishockey redet, über die legendären Persönlichkeiten – man stellt schnell fest: Der Klub ist größer als all seine Spieler – mag er auch gerade nur drittklassig sein.

Neustart mit vielen ehrenamtlichen Helfern

Einer, der dabei war, als es an den Neustart ging, ist Uli Hiemer. Lange spielte er für die Düsseldorfer EG. Er war der erste Deutsche, der es zum Stammspieler in der nordamerikanischen Profiliga NHL brachte. Drei Jahre lang war er Verteidiger für die New Jersey Devils.

"Als wir vor fünf Jahren insolvent gingen, da gab es einen Neuanfang, eine Neugründung vom Verein. Das musste relativ schnell gehen, weil 200 Kinder sonst auf der Straße gestanden, keinen Nachwuchs hätten, keine Trainingszeit. Der Verein wäre nicht mehr existent gewesen. Deswegen mussten wir schnell handeln und haben uns gegründet. Ich bin Gründungsmitglied. Dann war natürlich auch klar: Zeitmäßig konnte ich einen Vorstandsjob nicht übernehmen. Da habe ich gesagt: Okay, wir haben diesen Verein so aufgestellt, dass das vier Augenprinzip gilt. Heißt: Wir haben einen Wirtschaftsbeirat, der immer kontrolliert, ob der Verein sauber und ordentlich handelt."

Karl Heinz Egger (li.) und Heinz Weißenbach blicken beide in die Kamera, auf der Ersatzbank für den EV Füssen. (imago images / WEREK)Der EV Füssen stellte die meisten Nationalspieler für Deutschland zu Länderspielen ab. Hier 1972. (imago images / WEREK)
Dass die Situation des EV Füssen bundesweit wieder auf Interesse stößt, das liegt auch und vor allem an Uli Hiemer – und seinem illustren Freundeskreis.

Denn es gibt auch außerhalb Füssens Leute, die den Verein unterstützen. Einer von ihnen ist Campino, der Sänger der Toten Hosen, der erfolgreichsten Punkband Deutschlands. Seit dieser Saison spielt Füssen mit dem Logo der Toten Hosen auf dem Trikot. Uli Hiemer lernte Campino während seiner Zeit bei der Düsseldorfer EG kennen.

"Das Engagement mit den Hosen kam zustande durch meine Freundschaft zu Campino und den Toten Hosen, die wahnsinnige Eishockeyfans sind. Ich bin der Meinung, und wir waren der Meinung, dass es eigentlich mehr Publicity braucht. So kam es zustande, dass wir das Logo der Hosen auf den Trikots des EV Füssen verwenden dürfen."

"Die Toten Hosen" spielen auf dem Eis mit

Die Band-Mitglieder sind nicht nur geradezu fanatische Sportfans. Sänger Campino ist selbst ein begeisterter Freizeit-Eishockeyspieler. Er lädt zu einem Interview nach Düsseldorf in die Hosenzentrale und erläutert die Motive für das Engagement: 

"Weil wir natürlich Söhne der Stadt hier sind – und der Düsseldorfer EG verbunden. Aber ich glaube auch, dass das im Sinne der Düsseldorfer Fans ist und der Düsseldorfer EG, dass wir die Geschichte zwischen den traditionsreichen EV Füssen und Düsseldorf ein bisschen unterzeichnen damit. Ich glaube, über all die Jahre sind gut 20 Spieler vom EV Füssen irgendwann bei der Düsseldorfer EG gelandet. Und diese Verbundenheit, diese Linie, die spielt da bei uns in der Entscheidung eine Rolle. Als Erstes ist das unsere Liebe zum Eishockey als solches, unsere Liebe zu DEG. Über diese Verbindung und vor allem auch zu dem Uli Hiemer, der in Düsseldorf in den besten Jahren war, der hier verbunden wird mit einer großen Eishockey-Zeit. Also, wenn einem diese Gedanken, diese Verbindungen klar sind, dann geht das – glaube ich – in Ordnung, dass wir sozusagen uns bei den Füssenern ein bisschen mit eingebracht haben."

Die nahmen gerne an – und die Hosen spielen gerne mit in Füssen. Das kann man sogar wörtlich nehmen: erst beim Straßenhockey, dem sogenannten Fieseln, dann auf dem Eis.

"Über Uli sind wir natürlich auch dann als Band früher oder später in Füssen eingefallen und haben im Sommer mit den ganzen Cracks gefieselt, und da gibt es ja auch die berühmten Füssener Legionäre, das sind original Füssener Jungs, die irgendwann mal fürs Eishockey die Region verlassen hatten und bei irgendwelchen Vereinen gespielt, in den wildesten Ländern, die dann aber immer wieder zurück nach Füssen kommen. Die gründen den Stamm der Legionäre eben. Und wir sind dann da irgendwann auch zu Ehrenmitgliedern erklärt worden und durften im Training mitmachen. Wir sind denen alleine deshalb schon sehr, sehr verbunden und über Uli verfolgen wir natürlich, was der EV Füssen so macht. Über Schwierigkeiten und schöne Momente sind wir dann immer im Bild."

"Die Füssener haben es richtig krachen lassen"

Ganz nebenbei haben die Düsseldorfer Musiker – Campino voran – ganz spezielle Erinnerungen an die Aufenthalte in dieser kleinen Stadt am Rande der Berge, die nur ein paar Kilometer vom Schloss Neuschwanstein entfernt ist. Wobei diese Erinnerungen übrigens so gut wie gar nichts mit Eishockey zu tun haben.
 
"Und als wir dann einmal über Uli in der Stadt bekannt waren und mit den Jungs da bekannt waren, da gab es natürlich kein Halten mehr. Wir waren überrascht, wie wild die da feiern können – und wir haben uns alle nichts geschenkt. Also, ich habe brutale Nächte in Erinnerung, wo man getrunken hat und unter einem Baum gesessen hat, bei den Seen – also sich so lange einen reingeflötet hat, bis die Bäume wirklich alle förmlich angefangen haben zu wackeln, und es sind Geschichten kursiert. Natürlich kannte sich da jeder im Ort und insofern waren da auch ein paar von den Jungs aus der Clique Schlossführer. Und wer da alles mit wem im Bett von König Ludwig zugange war, das kriege ich auch schon alles gar nicht mehr hin. Es war eine wilde Community da. Die Füssener haben es richtig krachen lassen. Das war irgendwie der Ort, in den wir reingerannt sind und mit dem wir klarkommen müssen. Insofern war das für uns keine große Frage, da mitzumachen bei dieser Aktion, die die da jetzt aus dem Boden gestampft haben."

Und sie funktioniert prächtig, diese Aktion. Die Wirkung der Trikots übertrifft sogar die Erwartungen der Füssener, wie Uli Hiemer erklärt:

"Die Aktion ist hervorragend. Sie bringt Publicity für den Verein und für die Liga. Die braucht einfach Publicity. Weil, es hängt soviel dran an den unterklassigen Mannschaften, die einfach dafür zuständig sind, dass der schöne Sport gute Nachwuchsspieler, gute Spieler bekommt."

Auch Markus Kehle, der Geschäftsführer, war von den Reaktionen auf das Trikot überrascht. Er schränkt aber ein:

"Wir müssen Spiele gewinnen, und die Leistung auf dem Eis zählt – und nicht das Logo auf dem Trikot. Wenn wir nur verlieren, interessiert das niemanden."

Eine nüchterne Sicht – aber gewiss nicht falsch. Und sehr wahrscheinlich hilft solcher Pragmatismus, wenn es darum geht, Füssen wieder auf die Beine zu bringen.

"Damals haben fast alle Eishockey gespielt"

Andererseits: Die Substanz in dieser kleinen Stadt ist gewaltig. Davon erzählt auch Uli Egen, einer der Füssener, die auf eine große Profi-Karriere zurückblicken. Niemand kam vorbei am Eishockey: 

"Als wir Jugendliche waren, wir sind in die Schule gegangen, fünf, sechs Stunden am Tag, speziell im Winter, und haben nachmittags immer uns getroffen am See und haben Eishockey gespielt. Das war der Tagesablauf. Untertags, nachmittags Eishockey auf dem See. Am Abend Training, geleitet vom EV Füssen. Am Wochenende einmal gespielt. Zu der Zeit gab es noch nicht so viele Spiele wie heute. Da hat sich alles nur ums Eishockey gedreht, speziell in meinem Kreis jetzt, meine Freunde, die haben alle Eishockey gespielt. Da war das Thema Eishockey. Wer nicht Eishockey gespielt hat, war kein Freund von uns. So war das. Damals haben fast alle Eishockey gespielt."

Torjubel EV Füssen im Spiel beim SC Riessersee. (imago images  / WEREK)Volles Stadion, gute Stimmung: Torjubel 1971, beim Spiel des EV Füssen gegen den SC Riessersee. (imago images / WEREK) 
Diese Voraussetzungen gibt es noch heute. Füssen, die Stadt der Seen, ist umgeben von stillen Gewässern. Sie wurden nach der Gründung des Vereins im Jahr 1922, frühzeitig professionell genutzt.

"Dadurch dass wir viele Seen in Füssen haben und die im Winter zugefroren waren, ist es halt mit dem Schlittschuhlaufen in Verbindung gebracht worden, mit dem Leinweber, mit den ganzen älteren Leuten, und die haben das also mehr oder weniger dadurch schon gut vermarkten können, weil halt die Seen zugefroren waren. Da war kein Eisstadion da, war ja nichts da, sondern man hat auf den Seen gespielt mit niedriger Bande. So ist das eigentlich nach Füssen gekommen."

Das Stadion war immer voll

Ein Panorama, das noch heute gut vorstellbar ist. Trotz der Klimaveränderungen sind die Füssener Seen im Winter noch häufig gefroren, noch immer wird dort draußen Eishockey gespielt. Eishockey wurde zum Volksport, aber nicht nur dafür begeisterten sich die Menschen aus Füssen und der Umgebung, erinnert sich Uli Egen:

"Man darf ja nicht vergessen: In den 50er-Jahren hatten wir auch eine Naturschanze in Füssen, eine Natursprungschanze, Skisprungschanze. Die Spieler damals haben ja nur ein Spiel gehabt am Wochenende im Winter. Da waren halt am Nachmittag dann gut 25.000 Leute beim Skispringen und am Abend im Eishockey waren noch mal 16.000 am Kobelhang."

16.000 am Kobelhang. Was für Dimensionen! Die Stadt hat heute nicht viel mehr als 14.000 Einwohner. Ganz Füssen und Teile des Umlandes waren damals also auf den Beinen. Doch auch im Sommer war Einiges los:

"Früher, zu meiner Zeit war es halt so, dass in Füssen immer der Thurn-und-Taxis-Pokal ausgespielt wurde. Und da waren ZSKA Moskau, die rumänische Nationalmannschaft, polnische Nationalmannschaft, ZKL Brno waren immer da und EV Füssen. Und das war halt der Reiz in Füssen, damals schon im Sommer, da wir auch viele Gäste, Kurgäste haben in Füssen, und da war das Stadion auch damals schon mit fünf-, sechstausend Zuschauern immer voll."

Dass es für Uli Egen keinen Weg vorbei am Eishockey gab, das hat vor allem familiäre Gründe. Eishockey ist ihm buchstäblich in die Wiege gelegt worden. Sein Vater Markus Egen ist unter den vielen Füssener Legenden eine ganz besondere. 92 Jahre ist er mittlerweile alt. Er war als Spieler, dann als Spielertrainer und zuletzt als Coach an 13 von 16 Meistertiteln beteiligt. Ein Ausnahmespieler, ein absoluter Crack. Das sagt jeder, der einmal mit ihm zu tun hatte. Markus Egen ist einer von denen, die das Selbstverständnis der Füssener begründet haben, wie Uli Hiemer erklärt:

"Man sieht es auch jetzt: Geniale Spieler haben einfach den Instinkt, die Sportart zu betreiben, und das hatte er. Gepaart mit dieser Füssener Arroganz und den guten Mitspielern waren die eben so unglaublich erfolgreich in Füssen."

Die sprichwörtliche Füssemer Arroganz

Seine erfolgreichste Zeit hatte der Klub Mitte bis Ende der 1950er-Jahre. Damals gelang dem EV Füssen das Kunststück, sieben Meistertitel in Folge zu gewinnen, und es bildete sich eine Mentalität heraus, die dem Selbstverständnis von Bayern München in der Fußballbundesliga frappierend ähnelt: Diese sprichwörtliche Füssener Arroganz. Füssen seinerzeit also ein FC Bayern des deutschen Eishockeys?

"Das kann man sicher so sagen, ja. Dieses ‚Wir sind wir‘ und diese Arroganz wie Füssen aufgetreten ist in der glorreichen Zeit. Da kann man sicher so einen Vergleich ziehen."

Markus Egen, geboren 1927, nur fünf Jahre nach der Gründung des Klubs, gehörte zu den ersten Junioren-Jahrgängen, die Eishockey spielten. Er war also dabei, als alles seinen Anfang nahm in Füssen.

"Wir haben einen großen Garten gehabt durch die Handwerkersiedlung. Und da haben wir immer Eishockey gespielt, Tag und Nacht. Das kann man sich gar nicht vorstellen, weil die Handwerker, die haben einen großen Kindergarten gehabt, und hinten war noch einmal ein Teil, und in dem Teil ist nur Eishockey gespielt worden. Ohne die Handwerker wären wir gar nicht so groß als Füssener beim Eishockey rausgekommen. Die kamen fast zu 80 Prozent aus dem Kreis zum EV Füssen. Die Mannschaft bestand hauptsächlich aus Kindern von den Handwerkern."

Innovation und Erfindergeist in Füssen

Die alte Siedlung – das war sie, die Keimzelle für den Erfolg des EV Füssen, für 16 Meistertitel. Markus Egen hätte schon damals, in den 50er-Jahren, den EV Füssen verlassen können, denn sein Genie sprach sich bis in die NHL herum, bis nach Kanada, zu den Montreal Canadiens.

"Die wollten mich unbedingt, habe ich abgelehnt, ich hab Familie gehabt. In Montreal hätte ich spielen können, aber ich habe es abgelehnt."

Abgelehnt hat Egen Senior nicht ganz grundlos. In Füssen erging es ihm auch nach der aktiven Zeit gut. Er hatte ein Sportgeschäft – und eine Schlägerfabrik gleich in der Nähe des Eisstadions. Da nutzte Egen die Erfahrungen, die er als Spieler gemacht hatte. Er geht in den Keller, holt zwei alte Schläger herauf, die er dort aufbewahrt hat.

"Ich war der erste Spieler, der die Schaufel in der Form etwas gebogen hat, dass man besser schießen konnte: Schlagschüsse und Handgelenkschüsse. Sehen Sie: Die Schaufel vom Eishockeystock war immer gerade. Ich habe den Stock dann seinerzeit gebogen, dass man eine bessere Scheibenführung hat. Die Stöcke waren früher gerade und jetzt sind sie leicht gebogen."

Portrait des ehemaligen deutschen Eishockeyspielers und -trainers Markus Ulrich Egen mit einem Eishockeyschläger in den Händen. (Stefan Osterhaus)Tüftelte an einer besseren Schlägerform: der ehemalige deutsche Eishockeyspieler und -trainer Markus Ulrich Egen. (Stefan Osterhaus) 
Innovation, Erfindergeist – das gab es in Füssen, da waren sie einmal Schrittmacher. Auf der Suche nach Verbesserungen nicht nur in Sachen Schusstechnik, sondern auch, wenn es um die Ausrüstung geht. Denn so wie damals gespielt wurde, mit welchem Risiko, aber auch bisweilen mit welcher Rohheit, das kann sich heute kaum einer mehr vorstellen.

"Weil: Wir haben wir seinerzeit noch ohne Helm gespielt. Da waren wir laufend grün und blau, praktisch – und rot vor Blut."

Spielen ohne Helm: Das taten sogar die Torhüter, bis ein Füssener Goalie eine Idee hatte.

Thomas Zellhuber, der Sportchef, führt durch das Klubheim. Im VIP-Raum hängt eine Maske, wie sie Michael Myers im Horrorfilm "Halloween" trug.

"Das ist eine Originalmaske von 1963. Es ist die allererste Maske, die gemacht wurde für einen Eishockeytorhüter. Die wurde noch damals direkt auf der Haut getragen, es war eigentlich nur eine Schicht, über der Haut. Und die war von Günther Knauss, auch seines Zeichens Nationaltorhüter, der uns die zur Verfügung gestellt hat und aus seiner Sammlung rausgeholt hat. Finde ich super, denn daneben sieht man die Originalmaske von heute, wie sie heute getragen wird, und das sind einfach Welten. Wenn man den Schutz damals sieht zu heute – und obwohl ich damals Torwart war, ich würde mich mit dem nicht ins Tor stellen.

Ein Museum erinnert an glorreiche Zeiten

Zu den Exponaten zählt allerdings auch noch ein anderes Stück, das nahezu jedem Olympiazuschauer am Fernsehen bekannt ist – man könnte es fast für eine Reliquie halten.

"Ja, in unserer Vitrine hängt ein ganz, ganz geschichtsträchtiges Stück – und zwar ist es der Originalhut von Xaver Unsinn, den er als Trainer immer getragen hat. Ich glaube, der ist deutschlandweit und weltweit bekannt, und der hat eine große Identifikationsgeschichte für uns, dass wir das hier präsentieren können."

Zeittafeln mit historischen Fotos der Einhockey-Mannschaften in Füssen. (Stefan Osterhaus)Eishockey hat in Füssen einfach Tradition: Exponate und Schautafeln zeigen die Geschichte des Vereins EV Füssen. (Stefan Osterhaus) 
Der berühmte Pepita-Hut von Xaver Unsinn, eines von vielen Erinnerungsstücken. Aber Vergangenheit ist das eine. Die ist zwar in dieser Stadt recht lebendig, aber die Gegenwart des Eishockeys in Füssen ist längst nicht mehr so trübe, wie noch vor einigen Jahren, als das Aus drohte. Und weil eben immer noch gilt, was damals, als Markus Egen spielte, galt – "Wer nicht Eishockey gesprochen oder sich interessiert hat, der war kein Füssener" – mag es auch nicht um Titel gehen, sondern vor allem darum, die Klasse zu halten, um die Arbeit mit den Junioren: Geändert hat sich so gut wie gar nichts an dieser Fixierung auf den Eishockeysport in Füssen. Das nehmen auch die aktuellen Spieler so wahr.

"Hier geht eigentlich alles ums Thema Eishockey. Es gibt keine andere Sportart, wo man in Füssen so eine Aufmerksamkeit kriegt wie das Eishockey. Das ist auch gut so, finde ich. Das ist wichtig."

Marc Besl ist 22 Jahre alt, Stürmer und ein Talent in der jungen Mannschaft. Dass Füssen eine Eishockey-Stadt ist, erlebt auch sein Mannschaftskollege, der Torhüter Benedikt Hötzinger:

"Ja, von der Atmosphäre ist es brutal. Man läuft durch die Stadt und wird angesprochen, wie es läuft, und es weiß auch jeder – gefühlt – Bescheid über den Verein und jeder will wissen, was los ist. Man merkt richtig, dass das eine eishockeyverrückte Stadt ist."

Ein Sprungbrett für junge Talente

Wie soll es weitergehen in Füssen? Einen Aufstieg in die zweite Liga hält Markus Kehle, der Geschäftsführer, gegenwärtig für schwer vorstellbar. Der finanzielle Rahmen ist eng gesteckt, der Etat liegt schon jetzt bei über einer Million Euro.

"Müssten wir schon einen unglaublichen Sponsor finden, der viel, viel Liebe zu dieser Stadt und diesem Verein hat und bereit ist, da mal fünf bis zehn Jahre zu investieren. Es ist ja nicht so, man darf das nicht so kurzfristig sehen. Mal zwei, drei Jahre ein paar Millionenbeträge würden uns wahrscheinlich nicht reichen. Das muss man dann schon ein bisschen langfristiger ansetzen. Von daher sehe ich das einfach als unrealistisch."

Dennoch – die dritte Liga habe auch ihre Vorzüge. Durch die vielen Traditionsklubs, die nicht mehr in der ersten oder zweiten Eishockeyliga spielen, ergeben sich interessante Konstellationen, sagt Markus Kehle.

"Dieser Derby-Charakter dieser Liga und dieser Modus gefällt mir sehr gut. Und wir haben attraktive Gegner, und wir bieten hier interessantes Eishockey auf einem guten Niveau. Weiter will ich jetzt gar nicht denken. Wir wollen uns da jetzt in der Liga etablieren. Das ist erst einmal die erste Aufgabe. Mal schauen, wo wir da in drei, vier, fünf Jahren stehen, ob wir dann vorne mitspielen können. Das wäre mein Wunsch."

Thomas Zellhuber, der Sportchef, teilt die Ansicht des Geschäftsführers – und lenkt den Blick auf die Perspektive, die sich den Füssenern aus der Nachwuchsarbeit bietet.

"Wir wissen um unseren Job. Wir sind auch sehr stark in Kontakt mit dem Deutschen Eishockeybund, was das Thema betrifft. Wir wollen ein Ausbildungsverein sein. Wir wollen Jungs das Sprungbrett bieten, vielleicht Profi zu werden. Das ist schon eine Passion für uns."

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