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Nachspiel | Beitrag vom 08.09.2019

Eishockey ohne EisMit dem Puck über Polyethylen

Von Heinz Schindler

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Zwei Kinder trainieren in einer Eishockey Halle auf Polyethylen-Boden mangels Eiszeiten. (Deutschlandradio / Heinz Schindler)
Sieht aus wie Eis – ist aber Plastik. (Deutschlandradio / Heinz Schindler)

Etwa die Hälfte des Jahres fehlt den Eishockey-Vereinen die Trainings-Grundlage – das Eis. Einen Ausweg suchten und fanden jetzt zwei Regionalvereine aus Ostwestfalen: Kunststoff dient deren Jugendmannschaften als Eis-Imitat.

Ein kleines Industriegebiet in Hörweite der A2 zwischen Herford und Bad Salzuflen. Ein wenig im Hintergrund liegt eine von außen unscheinbare Halle. Wenn man die Tür öffnet, strömt der Geruch von Holz entgegen, aus dem ein kleiner selbstgefertigter Umkleidebereich besteht sowie die Bande, die mit Maschendraht eine künstliche Eisfläche umrandet. 

"Synthetisches Eis besteht aus Polyethylenplatten. Das ist ganz normales industrielles Polyethylen. Und diese Platten sind zwei Zentimeter stark und werden miteinander mit solche Clips zusammen verbunden, dass die gut untereinander also halten. Dadurch ergibt sich so eine komplette Fläche. Also man sieht nicht, dass es aus einzelnen Platten gelegt ist. Ich sah das in Youtube im Internet und habe das zur Probe bestellt. Dann haben wir das probiert und es hat wirklich funktioniert und dann haben wir das ein bisschen größer gemacht", sagt Alexander Trippel von der SV Brackwede.

Polyethylen heißt das Zauberwort

Nun trainieren hier Jugendmannschaften vom Herforder EV und von der SV Brackwede. 24 mal 11 Meter misst die künstliche Eisfläche. 20.000 Euro wurden in das Polyethylen investiert, den beteiligten Vereinen entstanden keine Kosten. Die übernahmen ein Sponsor und die Eltern der Spieler.

"Alle Eltern waren begeistert und haben richtig mitgeholfen. Meistens waren das die Väter, und auch Mütter haben geholfen beim Aufräumen und dabei, die Männer zu füttern. Es wurde gegrillt während des Aufbaus. Wir haben das innerhalb von zwei Wochen aufgebaut", erzählt Alexander Trippel.

Die beteiligten Vereine sind erleichtert. Die SV Brackwede – einer der größten Mehrspartenvereine in Bielefeld – muss sich dort die halboffene Eisbahn mit einem Nachbarverein teilen und beide müssen hinter dem öffentlichen Eislaufen zurückstehen. Wenn es denn endlich Eis gibt, wie Eishockeyvorstand Andreas Renz anmerkt: "Am 5.Oktober wird die Eisfläche eröffnet und am 7. fangen wir an zu trainieren. Wir haben jetzt zwei Stunden insgesamt für unsere Abteilung. Für den Nachwuchsbereich U9, U 11, U 13. Natürlich auch Anfänger nicht zu vergessen, die kommen zu uns mit vier, fünf Jahren."

Eine zu kleine Halle macht den Aufstieg zur Utopie

Während die SV Brackwede ein reiner Breitensportverein ist, arbeitet der Herforder EV als bekanntester Eishockey-Standort in Ostwestfalen leistungsorientiert. Doch eine zu kleine Halle macht den Aufstieg der ersten Mannschaft in die Oberliga zur Utopie und für den Nachwuchs ist zu wenig Platz, berichtet U13- Trainer Waldemar Oppenländer.

"In den letzten sechs Jahren haben wir unsere Mitgliederzahlen verzehnfacht. 2014 waren das in den unteren Bereichen bis zu zehn Kindern auf dem Eis, mittlerweile haben wir pro Trainingseinheit fast sechzig Kindern auf dem Eis stehen. Also das ist schon in der Vergangenheit deutlich angewachsen."

Die Stadt Herford ist dem Verein entgegen gekommen. In diesem Jahr gibt es sechs Wochen länger Eis. Dennoch: "Die Eiszeiten sind bei uns in der Woche auf mittlerweile dreimal beschränkt. Das sind pro Eiseinheit circa eine Stunde Training. Und das für Eishockeysport, was aus zwei Sportarten zusammengesetzt ist - Schlittschuhlaufen und Hockeyspielen – relativ wenig ist. Es ist ein koordinativ anspruchsvoller Sport. Und den muss man im Prinzip so oft wie möglich trainieren."

Gummi-Pucks kleben auf der Plastikfläche

Die synthetische Eisfläche verschafft hier ganz neue Spielräume. Die Umstellungen für die jungen Spieler sind überschaubar: "Man kann hier schlechter laufen, und mit den normalen Pucks, mit denen man auf dem richtigen Eis spielt, mit denen kann man gar nicht spielen. Die normalen Pucks sind ja Gummi und die kleben komplett auf diesem Plastik, auf dem wir spielen. Deswegen haben wir Plastik-Pucks gekauft."

Ein anderer Spieler merkt an: "Das ist halt so, dass man mit den Gummi-Pucks, dass man nicht so gut schießen kann und mit den Plastik-Pucks, dass die so mehr rutschen." Ein Mitspieler stimmt ihm zu: "Bei der Eisfläche kann man besser fahren und da ist das alles auch schneller. Und hier ist man ein bisschen langsamer wegen das Plastik hält auch die Schlittschuhe."

Mit denen man quasi Furchen ins Polyethylen kratzt und mehr Widerstand beim Gleiten hat. Der so entstehende Abrieb ist überraschend gering. Auf der künstlichen Eisfläche lassen sich insbesondere Schuss- und Stocktechnik gut trainieren. Attraktiver als das bisherige Trockentraining ist es allemal und der Hallenmiete von neunhundert Euro je Monat stehen eingesparte Kosten für Eisaufbereitung, Kühlung und Personal entgegen. Gleichwohl, das wissen alle Beteiligten, ist die Polyethylenfläche nur eine Ergänzung zum Training auf dem Eis, kein Ersatz.

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