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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2006

Eisfreuden trotz Laktose-Unverträglichkeit

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Es gibt ja kaum etwas, das man essen kann, was wirklich jeder mag: Schokolade, Salat, Ente mit Klößen oder Lachssteak mit Kräutersoße und Reis. Immer gibt es jemanden, der vielleicht sagt: Das mag ich nicht. Ist es an heißen Sommertagen mit einem leckeren Speiseeis ähnlich? Vielleicht nicht, dennoch gibt es Menschen, die Eis nicht vertragen, weil sie eine Milchzucker-Intoleranz haben.

Je weiter wir vom Äquator nach Norden reisen, desto hellhäutiger sind die "Eingeborenen". Helle Haut bekommt jedoch leichter einen Sonnenbrand und ist anfälliger für Hautkrebs. Wäre Mutter Natur nicht gut beraten gewesen, den Nordlichtern die kaffeebraune Haut ihrer Vorfahren zu belassen, um jegliche Hautkrebsgefahr auszuschließen? Schließlich wollen auch Schweden und Finnen im Urlaub in den Süden fahren und ein bisschen Sonne tanken. Natürlich interessiert sich die Natur nicht für unsere Urlaubspläne. Sie hat dafür zu sorgen, dass wir in unserem Lebensraum zurechtkommen, dort wo wir uns täglich aufhalten. Und genau deshalb konnte sich im hohen Norden ein "Erbdefekt” durchsetzen: die unnatürlich helle Haut, die sich unsere Ahnen vermutlich vor 10.000 Jahren zugelegt haben.

Nordeuropäer brauchen ihre helle Haut, um einen lebenswichtigen Stoff zu bilden: Scheint die Sonne, dann entsteht in der Haut das Hormon "Vitamin D”. Der Name ist irreführend, denn dieses Vitamin ist gar keins. "Echte” Vitamine kann der Körper nicht selber bilden. Vitamin D stellt er dagegen in ausreichender Menge selbst her, es ist ein Hormon, so wie die Sexualhormone, mit denen es nahe verwandt ist. Damit erspart uns das Sonnenlicht, täglich Lebertran essen zu müssen: Das einzige Nahrungsmittel, das von Natur aus viel Vitamin D enthält, ist Fischleber. Wie bedeutungslos die Ernährung im Vergleich zur Sonne ist, zeigten Versuche mit U-Boot-Matrosen und Freiwilligen in sonnenlosen Wohnbunkern: Trotz normaler Kost sanken die Vitamin-D-Vorräte im Blut der Probanden innerhalb von fünf Wochen auf die Hälfte. Vom Vitamin D aus der Nahrung war nichts zu entdecken.

Bekannt ist die Funktion des Vitamin D als Spediteur: Es transportiert das Kalzium aus der Nahrung durch die Darmwand und stellt es für den Aufbau der Knochen zur Verfügung. Fehlt uns das Licht, dann verschlechtert sich die Vitamin-D-Versorgung, und in der Folge fehlt es auch an Kalzium für die Knochen. Bei Kindern kommt es zur Rachitis, das heißt zu einem weichen, missgebildeten Skelett. Bei Erwachsenen heißt die Krankheit Osteomalazie. Vor allem zu Beginn der Industrialisierung, als das Proletariat in düsteren Mietskasernen hausen musste, in die kaum je ein Sonnenstrahl gelangte, war die Rachitis gefürchtet und verbreitet.

Sein Vitamin D stellt der Körper aus dem viel gescholtenen Cholesterin her. In der Haut setzt er das Cholesterin den UV-Strahlen der Sonne aus, die es zu Vitamin D umwandeln. Je heller die Haut, desto mehr UV-Strahlung kommt durch und desto leichter entsteht Vitamin D. Damit wäre klar, warum die Menschen im hohen Norden so hellhäutig sind: Je weniger die Sonne scheint, desto wichtiger ist die helle Haut, um das bisschen Licht optimal zu nutzen. Da es in Richtung Norden zudem immer kälter wird, müssen sich die Menschen auch dicker anziehen. Die wenigen Fleckchen Haut, die noch herausgucken, sollten daher besonders gute Vitamin-D-Bildner sein. Das erklärt, warum rote Bäckchen bei Kindern als Zeichen blühender Gesundheit gelten: Durch diese stark durchbluteten "Fenster” zur Sonne fangen sie viel UV-Strahlung ein und können mehr Vitamin D bilden.

Die Hautfarbe des Menschen entstand als Kompromiss zwischen Hautkrebs- und Rachitisgefahr: größtmöglicher UV-Schutz einerseits, optimale Vitamin-D- und Kalziumversorgung andererseits. Da in unseren gemäßigten Breiten die Risiken übers Jahr wechseln, ändern die Menschen wie ein Chamäleon die Farbe: Im strahlenarmen Winter sind wir käseweiß, im Sommer dunkeln wir nach. Bei extrem hellhäutigen, rothaarigen Menschen, die sogar unter südlicher Sonne blass bleiben, funktioniert dieser Kompromiss nicht mehr: Ihre sonnenhungrige Haut hat die Gene zur Bildung von Pigmenten als Schutz gegen UV-Strahlen aufgegeben.

Und trotzdem kann die Vitamin-D-Versorgung im hohen Norden knapp werden. Damit die Menschheit dort überleben konnte, musste sie nicht nur erbleichen, sondern sich auch nach einem zusätzlichen Kalziumtransporteur umsehen. Den verschaffte ihr ein zweiter "Erbdefekt”: Der Körper lernte, auch im Erwachsenenalter Milch zu vertragen, denn der darin enthaltende Milchzucker (Lactose) transportiert Kalzium ebenso gut wie Vitamin D. Dunkelhäutige Menschen vertragen als Erwachsene gewöhnlich keine Milch mehr: Bei ihnen geht die Fähigkeit, Lactose zu verdauen, nach dem Abstillen verloren, denn dort, wo sie leben, gibt es Sonnenschein – und damit Vitamin D – im Überfluss.

Dass Vitamin D und Milchzucker sich ersetzen können, machen uns die Flossenfüßler vor: Walrösser und Seelöwen, die Vitamin-D-reiche Fischnahrung zu sich nehmen, verzichten völlig auf Lactose in ihrer Milch. Bei anderen Säugetieren gilt: Je weniger Vitamin D die Milch enthält, desto höher sind die Gehalte an Milchzucker. Das heißt auch: Je weiter wir nach Norden kommen, desto wichtiger ist die Milch zum Überleben. Sie hilft den Bleichgesichtern, die Folgen des Lichtmangels auszugleichen. Deswegen floriert in Nordeuropa die Milchwirtschaft, deswegen mögen und vertragen die meisten Hellhäutigen das umstrittene Kuhprodukt.

Dunkelhäutige Menschen vertragen also deswegen keine Milch, weil sie auf den Milchzucker als Kalziumtransporteur nicht angewiesen sind. Trinken sie trotzdem davon, bekommen sie Blähungen und Durchfälle. Vielleicht ahnen Sie jetzt die Folgen europäischer Nahrungsmittelspenden an die Dritte Welt. "Gesundes” Milchpulver gehörte einfach dazu, obwohl zum Beispiel in Zambia nur vier Prozent der Erwachsenen Milchzucker tolerieren. In Italien sind es dagegen schon 50 Prozent, in Österreich 82 Prozent, in Deutschland 88 Prozent und in Skandinavien 99 Prozent.

Bliebe die Frage, wie es den zwölf Prozent, also fast zehn Millionen Menschen ergeht, die im "Milchland” Deutschland keinen Milchzucker vertragen? Viele Betroffene wissen es nicht einmal und quälen sich ihr Leben lang mit Bauchschmerzen, Stuhlproblemen und Blähungen herum. Kinder, die aufgrund einer Milchzucker-Unverträglichkeit an Gedeihstörungen leiden, werden nicht selten mit Milch traktiert. Das Problem scheint manchen Ärzten noch immer unbekannt. Sie diagnostizieren stattdessen Candida-Verpilzungen, Nabelkoliken oder Schulprobleme.

Dabei gibt es ganz einfache Testverfahren: Bei Verdacht auf "Lactoseintoleranz”, wie der Fachausdruck heißt, trinkt der Patient ein Glas Wasser, in dem Milchzucker gelöst ist – und wartet, ob er Bauchgrimmen bekommt. An seinem Atem lässt sich dann messen, wie empfindlich er tatsächlich ist. Manche vertragen Kaffeesahne, Joghurt, Käse oder Kakao, andere müssen alle Produkte, die Milchzucker enthalten, meiden. Bei ihnen löst Milchzucker nicht nur Blähungen und Durchfälle aus, er blockiert sogar die Kalziumaufnahme aus dem Speisebrei! Kein Wunder, wenn diese Menschen später an Osteoporose, der gefürchteten Knochenentkalkung leiden. Nötigt man sie, den "wertvollen Kalziumspender” Milch zu trinken, wird die Sache nur noch schlimmer. So erklärt sich auch die paradoxe Beobachtung praktizierender Ärzte, wonach es bei Osteoporose-Patienten nicht selten zu einer Besserung kommt, wenn die Milch weggelassen wird.

Fazit: Für die meisten Menschen auf dieser Erde ist Milch ziemlich ungesund. In unserem Kulturkreis sicherte sie allerdings das Überleben: 90 Prozent der Menschen brauchen sie. Doch weil das Milchtrinken alleine für die Vitamin-D-Versorgung nicht reicht, lieben wir den Sommer und die Sonne.

Der Schein trügt
Es gibt scheinbare Ausnahmen von der Regel, dass alle Nordlichter hellhäutig sind und alle dunkelhäutigen Menschen keine Milch vertragen. So sind die Eskimos in Grönland weder bleich, noch züchten sie Rinder oder trinken Eisbärenmilch. Ihre Haut ist braun, und sie kannten dennoch bis vor kurzem keine Rachitis. Es liegt daran, dass sie trotz des Lichtmangels und der dicken Kleidung keinen Milchzucker brauchen: Ihre Fisch-Nahrung liefert reichlich Vitamin D. Für ein gesundes Skelett waren sie nie auf weiße Haut angewiesen, und so behielten sie die Hautfarbe ihrer Vorfahren. Für diese Menschen – und nur für sie – ist Vitamin D tatsächlich ein Vitamin: Es muss über die Nahrung zugeführt werden.

Der Zusammenhang zwischen Hautfarbe und Breitengrad ist also nicht ganz perfekt, er folgt aber exakt den genannten Regeln. Die Bantu in Südafrika beispielsweise sind für den Breitengrad zu dunkel. Allerdings siedelten sie erst vor nicht allzu langer Zeit aus ihrer Heimat in der Nähe des Äquators ans Kap der Stürme um, wie das Kap der guten Hoffnung ursprünglich und treffender hieß.

In anderen Regionen dieser Erde zwangen ökologische Gegebenheiten zu Weidewirtschaft und Nomadentum. Die Massai in Ostafrika beispielsweise leben hauptsächlich von Milch, Blut und gelegentlich etwas Fleisch. Weil sie es seit vielen Generationen gewöhnt sind, vertragen auch die erwachsenen Nomaden Milchzucker. Das gleiche Bild in Indien. Die Landwirtschaft ist vom Rind als Zugtier abhängig, und die Menschen sind an Milch gewöhnt. So vertragen erheblich mehr Inder Milch, als aufgrund der relativ hohen Sonneneinstrahlung zu erwarten wäre.

Chinesen waren dagegen nie auf Milch angewiesen: Sie essen viel kalziumhaltiges Blattgemüse und Sojaprodukte, sie haben – zumindest im Süden des Landes – ausreichend Sonnenschein, und ihre Landwirtschaft nutzt statt der Rinder Schweine. Und die lassen sich nun mal schlecht melken. Kein Wunder, dass Chinesen unter diesen Umständen keinerlei Milchzucker vertragen und sich vor Milch ekeln. Für sie ist es ein widerwärtiges Drüsensekret, das zu trinken ihnen ebensolche Gänsehaut bereitet wie uns die Vorstellung von einem großen Glas frischen Kuhspeichels.


Entnommen aus: "Liebe geht durch die Nase" von Udo Pollmer et al.; erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. ISBN: 3-462-03011-6

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