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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.11.2014

Eiserner VorhangNatur erobert Ex-Todesstreifen

Ein Spaziergang am "Grünen Band", der ehemaligen Innerdeutschen Grenze

Von Lutz Reidt

Grenzturm bei Milz in Thüringen auf dem früheren Todesstreifen, der heutigen Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Knapp 1400 Kilometer zieht sich das "Grüne Band" auf der einstigen DDR-Staatsgrenze von der Ostsee bis ins Vogtland und erstreckt sich dabei über mehr als 100 verschiedene Biotoptypen.  (picture alliance / dpa / Foto: Martin Schutt)
Grenzturm bei Milz in Thüringen auf dem früheren Todesstreifen, der einstigen DDR-Staatsgrenze. (picture alliance / dpa / Foto: Martin Schutt)

Vom "Eisernen Vorhang" ist kaum etwas übrig geblieben. Wo einst Stacheldraht, Wachtürme und Minenfelder die Menschen voneinander trennten, ist in den letzten Jahrzehnten viel gewachsen: die längste Biotop-Kette Europas - das "Grüne Band".

Das trillernde Gelächter war nur kurz zu hören, doch Lothar Wandt hat sofort den Kopf gehoben. Der Greifvogel-Experte vom Naturschutzbund NABU blickt angestrengt nach oben und sucht den Himmel ab. Die Silouhette des Greifvogels ist im Gegenlicht der Sonne nur schwer zu erkennen:

Lothar Wandt: "Es könnte der Rotmilan sein. Also eine Greifvogelart, die wir hier im Eichsfeld noch häufig haben. Und auch der Rotmilan ist natürlich angewiesen auf solche Flächen wie hier im Grünen Band, wo er noch an seine Nahrung rankommt; auf den Kulturackerflächen hat er kaum ´ne Chance, weil da fast nur noch Weizen und Raps wächst."

Und wo das wächst, kann der Rotmilan nur selten etwas von dem erspähen, was er gerne frisst - nämlich Frösche, Mäuse und Echsen, Heuschrecken, Käfer und Regenwürmer. Im Eichsfeld gibt es reichlich Beute für den Rotmilan, dessen wichtigstes Verbreitungsgebiet - weltweit - diese Region zwischen Harz und Werra ist.

Noch vor 25 Jahren war das Eichsfeld geteilt durch den Eisernen Vorhang. Diese deutsch-deutsche Realität hat Lothar Wandt hautnah miterlebt:

"Das kann man wohl so sagen. Ich bin also in der Sperrzone, also gleich hier wenige Kilometer entfernt, da bin ich groß geworden und lebe auch heute noch hier. Ich war auch einige Jahre an der Grenze in meiner Armeezeit; ich habe mich damals hier gemeldet, weil ich studieren wollte, Forstwirtschaft, was ich dann auch getan habe; und man musste sich dafür eben länger verpflichten; und ich war der Meinung: hier an der Grenze, da kenne ich mich aus, da kriege ich die drei Jahre auch recht gut rum; und deswegen bin ich froh, dass ich die Zeit damals über die Runden gebracht habe, ohne dass hier Vorkommnisse passiert sind und dass ich heute eben diese Natur habe."

Den Versuch einer Republikflucht hat er nie erleben oder gar vereiteln müssen, beteuert er. Lange vorbei ist die Zeit der Patrouillen entlang von Stacheldraht und Sperrgräben, von Selbstschussanlagen und Minenfeldern.

Wind und Wetter nagen an den Relikten des Eisernen Vorhanges

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie hat sich dieser Landstrich im Eichsfeld gewandelt. Heute führt Lothar Wandt regelmäßig Wandergruppen über die Betonplatten des Kolonnenweges und zeigt ihnen die Naturschätze seiner Heimat:

Lothar Wandt: "Gerade hier im Gebiet ist das 'Grüne Band' ja sehr vielgestaltig. Wir haben gerade hier, wo wir stehen, diesen Trockenrasenbereich, weiter unten im Tal haben wir ein großes Feuchtgebiet, und wieder ein Stückchen weiter haben wir den Lindenberg, ein sehr schönes Waldgebiet mit vielen alten Totholzbäumen, wo natürlich auch entsprechend Eulenarten, auch andere Greifvögel zu finden sind; und ein Stückchen weiter nördlich haben wir ein ganz stilles Bachtal, wo sich seit einigen Jahren der Schwarzstorch angesiedelt hat und natürlich sind solche Arten ganz streng geschützt."

Lothar Wandt schreitet weiter über den Kolonnenweg. Er geht am verwitterten Metallgitterzaun entlang, der als Mahnmal stehen geblieben ist. Rostrot gefärbt ist er. Wind und Wetter nagen an den Relikten des Eisernen Vorhanges, während die Natur verloren gegangenes Terrain zurückerobert. Der ehemalige DDR-Grenzer nähert sich einer Baumreihe, die vor 25 Jahren dort noch nicht stand:

Lothar Wandt: "Ja, eigentlich seit meiner Dienstzeit hier bei den Grenztruppen war ich hier an diese Stelle noch nicht wieder, aber die Erinnerung ist noch ganz gut, ich habe also jetzt gleich wieder diese Stelle gefunden, wo also der Kolonnenweg hier entlang des Waldrandes weiter verläuft."

Die Birken und Weiden sind zwölf bis 15 Meter hoch. Eine Kiefer thront mitten auf dem Kolonnenweg, ihr Stamm zwängt sich durch eine Fuge in den Lochplatten und lässt den Beton zerbröseln. Die Kraft des Neuen ist stärker:

"Das war hier früher alles freie Fläche gewesen. Auch noch hinter dem eigentlichen Grenzzaun; der Grenzzaun wurde ja ziemlich weit auf dem DDR-Territorium gebaut; und dahinter wurde eben auch alles frei gehalten - freies Schussfeld musste ja sein - und jetzt kann man schon sehen, wie bis unmittelbar an den Betonplattenweg heran die Büsche gewachsen sind; also, es ist schon ein richtig schönes ´Grünes Band` geworden."

Ein Grünes Band, das sich durch die Kulturlandschaft des Eichsfeldes windet: Links und rechts davon ockerfarbene Ackerböden und dunkelgrüne Waldinseln. Auf einer kleinen Anhöhe ragen zwei schmale Stangen in den Himmel. Sie sehen aus wie Schornsteine. Doch es sind zwei Eichenstämme: Das West-Östliche Tor.

Das künstlerische Denkmal soll Symbol sein für die beiden wieder zusammenwachsenden deutschen Landesteile - und dies genau auf halber Wegstrecke einer knapp 1.400 Kilometer langen Biotopkette, die sich quer durch Deutschland windet.

 

 

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 03.11.2014)

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