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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.02.2013

Einzigartiger Akt des Aufbegehrens

Die Proteste in der Berliner Rosenstraße im Februar 1943

Von Otto Langels

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Denkmal für die "Frauen von der Rosenstraße" in Berlin (picture alliance / dpa - Peer Grimm)
Denkmal für die "Frauen von der Rosenstraße" in Berlin (picture alliance / dpa - Peer Grimm)

Am 27. Februar 1943 verhaftet die Gestapo in Berlin über 10.000 jüdische Zwangsarbeiter und sperrt sie in ein Gebäude der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Doch gegen die Gestapo-Aktion formiert sich der Protest. Wolf Gruner zeichnet die Geschehnisse in seinem Buch "Gedenkort Rosenstraße 2-4" nach.

"Steig auf den Wagen auf, gleich, steig auf! Standen schon mehr Leute, keiner wusste wohin. Alle dachten wir, irgendwo, in irgendein Lager vielleicht bei Berlin zu einer Arbeit. Und dieser Wagen brachte mich in die Rosenstraße."

Gad Beck war 19 Jahre alt, als er am 27. Februar 1943 im Zuge der sogenannten Fabrik-Aktion an seinem Arbeitsplatz abgeholt und in ein Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde Berlin gebracht wurde. In einem Interview erinnerte er sich vor 20 Jahren an die Ereignisse in der Rosenstraße. Er wie alle anderen Zeitzeugen sind inzwischen gestorben.

Die Deportation der deutschen Juden in die Gettos und Vernichtungslager im Osten war Ende 1942 weitgehend abgeschlossen. Nur Berlin war, wie Joseph Goebbels in seinem Tagebuch notierte, noch nicht "judenfrei", weil jüdische Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion benötigt wurden. Erst Anfang 1943 konnten sie durch französische und holländische Zwangsarbeiter ersetzt werden. Der Historiker Wolf Gruner, Professor an der University of Southern California in Los Angeles:

"In dem Moment wurde dann die Entscheidung getroffen, nun die letzten Juden aus Berlin zu deportieren, und das betraf eben Zwangsarbeiter, ihre Angehörigen. Die anvisierte Zahl lag so etwas über 10.000 Ende Februar 1943."

Die meisten Juden wurden sofort deportiert. Unter den Festgenommenen befanden sich aber auch Juden, die in sogenannten Mischehen lebten und durch ihren nichtjüdischen Partner geschützt waren. Die Heirat zwischen Juden und Nichtjuden war seit den Nürnberger "Rassegesetzen" von 1935 verboten, aber die Nationalsozialisten hatten es nicht gewagt, zehntausende, vorher geschlossene Mischehen zu annullieren.

Die Juden aus Mischehen und deren Kinder kamen in die Rosenstraße. Ruth Magid war in der Nazi-Terminologie ein "jüdischer Mischling". Sie war 17, als sie am Arbeitsplatz abgeholt wurde. Ihr jüdischer Vater entging der Gestapo, weil er an dem Tag zu Hause war.

Der Weg in den sicheren Tod

"Dann gab es zwischen meinen Eltern einen dramatischen Entschluss, dass mein Vater sich freiwillig in der Rosenstraße stellen wird, um mit mir zusammen in den Tod zu gehen, denn wir waren damals alle überzeugt, dass – einen Tag früher, einen Tag später – der Weg dahin führen würde."

Die Nachricht von der Fabrik-Aktion verbreitete sich unter Angehörigen und Freunden der Festgenommenen wie ein Lauffeuer. Gisela Mießner brachte schnell in Erfahrung, dass ihr Vater in einem Sammellager eingesperrt war.

"Da sind wir also am Sonntagfrüh zur Rosenstraße gegangen. Da standen schon eine Menge Frauen, die riefen auch immer: 'Männer frei!'. Dann ging das auf dem Bordstein rauf und runter, das war ja nicht so eine sehr breite Straße. Man lief dann auch auf der Straße. Und dann haben wir da gestanden bis zum Spätnachmittag."

"Wir wollen unsere Männer wieder haben!"

Rund 2000 Menschen hielt die Gestapo in dem vierstöckigen Verwaltungsgebäude fest. Ständig, Tag und Nacht, kamen Verwandte, vor allem Frauen, in die Rosenstraße, um die Freilassung ihrer jüdischen Familienangehörigen zu fordern.

"Mit der Befürchtung, dass die deportiert werden sollen, kommt es dann auch zu Protesten. Die meisten sagen, dass es so 'ne Art Sprechchöre gegeben hat: 'Wir wollen unsere Männer wieder haben.' Die meisten Zeitzeugen sprechen davon, dass um die 100, 200 Leute dort anwesend gewesen sind. Ab und zu kam die Polizei und hat die auch zerstreut. Die sind verschwunden, sind in die Nebenstraßen gegangen und sind dann nach einer gewissen Zeit wieder gekommen und haben sich wieder vor das Gebäude gestellt."

Was weder die Protestierenden noch die Eingeschlossenen wussten und Wolf Gruner durch Aktenfunde belegen konnte: Das NS-Regime plante nicht, Juden aus Mischehen zu deportieren. Die Gestapo hatte sie aber ebenso wie alle anderen jüdischen Zwangsarbeiter vom Arbeitsplatz verschleppt und hielt sie danach mehrere Tage in der Rosenstraße fest, um ihren Status als sogenannte "privilegierte Juden" zu überprüfen, so auch bei Hans Oskar Baron Löwenstein de Witt:

"So nach sieben, acht Tagen wurden die Leute einzeln aufgerufen und wurden dann entlassen, u.a. auch mein Vater und etwas später wohl ich. Man kriegte einen richtigen Entlassungsschein, wo dann drauf stand, der Jude sowieso ist entlassen worden, eine Lebensmittelkarte wurde ihm nicht ausgehändigt."

Die Frage, ob die SS ohne die Proteste auf der Straße nicht vielleicht auch die "privilegierten Juden" in die Todeslager geschickt hätte, diese Frage lässt sich 70 Jahre später angesichts fehlender Aufzeichnungen kaum mehr beantworten.

Ob nun die Demonstranten in der Rosenstraße die Deportationen verhinderten oder nicht, der Protest sei in jedem Fall ein Akt des Widerstands gegen die Staatsgewalt gewesen, betont Wolf Gruner.

"Insgesamt hat das auf jeden Fall Mut erfordert, sich da jeden Tag hinzustellen, und die Polizei kommt und drängt die Leute ab und versucht sie zu zerstreuen. Und es ist auch völlig uninteressant, ob jetzt diese Deportation geplant war oder nicht. Dass die dort gestanden haben, da die ja nichts davon ahnen konnten, was das eigentlich hinter den Mauern des Gebäudes geplant wurde und dort geschah, ist das auf jeden Fall ganz mutiges Verhalten gewesen."

Die Ereignisse in der Rosenstraße haben erst in den letzten beiden Jahrzehnten öffentliche Beachtung gefunden, u.a. durch Spiel- und Dokumentarfilme sowie ein Denkmal am historischen Ort. Wenig bekannt ist bislang jedoch die tausendfache Hilfe für gefährdete Juden am 27. Februar 1943.

Fehlschlag der Gestapo

""Wenn wir über die Fabrik-Aktion reden, müssen wir ja auch davon reden, dass das eigentlich ein großer Fehlschlag der Gestapo gewesen ist. Denn die haben geplant, ungefähr 10.000 Menschen in Berlin zu deportieren, und von diesen 10.000 sind aber 4000 geflüchtet. Das heißt, fast jeder Dritte ist in den Untergrund gegangen, hat sich also nicht verhaften lassen, nicht deportieren lassen.""

Dies war nur möglich, weil viele Berliner, zum Beispiel Fabrikarbeiter und Nachbarn, aber auch Polizisten, die gefährdeten Juden vor der Razzia warnten und anschließend ein hohes Risiko eingingen, indem sie die Untergetauchten versteckten und mit Lebensmitteln versorgten.

Wolf Gruner: Gedenkort Rosenstraße 2–4. Internierung und Protest im NS-Staat
(Topographie des Terrors. Notizen, Bd. 6)
Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2013
88 Seiten, 9,80 Euro

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