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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.01.2013

Einzelgänger, Beichtvater, Erlöser

Edward Lewis Wallant: "Mr Moonbloom", Roman, Berlin Verlag, Berlin 2012, 318 Seiten

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Der New Yorker Stadtteil Manhattan aus der Vogelperspektive (AP Archiv)
Der New Yorker Stadtteil Manhattan aus der Vogelperspektive (AP Archiv)

Ein Verwalter schäbiger New Yorker Mietshäuser hat eine Obsession: Er will ändern, was scheinbar nicht zu ändern ist. "Mr Moonbloom" von E. L. Wallant ist ein ungewöhnlicher Großstadtroman aus und über Manhattan - und 50 Jahre nach seinem Erscheinen nun auf Deutsch zu haben.

Mr Moonbloom ist ein Versager, er hat sein beachtliches Erbe durch ein unendliches, zu keinem Abschluss führendes Studium verschleudert. Er konnte weder in der Theologie noch in irgendeinem anderen Fach Erkenntnis oder gar Gott finden, sich nicht entscheiden, was er tun, womit er sein Geld verdienen könnte. Nun arbeitet er als Verwalter seines erfolgreichen Bruders.

Dem gehören heruntergekommene Wohnhäuser, in denen die Miete bar zu entrichten ist. Der Mann sitzt in einem schäbigen Büro und alle sieben Tage muss er an den Wohnungen der Mieter klingeln, das Geld eintreiben und die Klagen über den defekten Fahrstuhl, die mangelhafte Heizungsanlage oder den tropfenden Wasserhahn möglichst überhören. Geld soll reinkommen, aber nicht rausgehen. Das ist die Maßgabe des Besitzers, den die Mieter ebenso wenig interessieren wie das Schicksal seines schweigsamen Bruders.

Der kennt sie jedoch alle: den ehemaligen KZ-Insassen und seine Familie, die antisemitische Deutsche, die sich vor der Rache der Juden fürchtet, das alte Ehepaar, das gar nicht verheiratet ist, den 100-Jährigen, der sich zu Tode säuft, die beiden erfolglosen Musiker, den homosexuellen Schriftsteller, den ängstlichen Boxer. Alle sind unglücklich, träumen vom Ende oder vom Aufbruch. Sie wollen reden, dem Verwalter erzählen, was sie bewegt oder behindert. Er ist der Mann, den man beschimpfen oder befragen kann, der wenigstens den maroden Zustand des Hauses ändern soll, wenn sich auch sonst im Leben nichts ändern lässt.

Und Mr Moonbloom, der die Schicksale widerwillig aufzusaugen scheint, der eine Art Buchhalter ihrer Existenzen wird, nimmt die Herausforderung an. Vom lethargischen Einzelgänger wandelt er sich zum aktiven Mann, geradezu zum Erlöser. Er will die maroden Häuser reparieren, auf diese Weise wenigstens ein bisschen Ordnung ins Leben bringen.

1963 erschien dieser Großstadtroman, in dem der Autor nicht nur einen ungewöhnlichen Antihelden ins Zentrum stellt, sondern vor allem ein Porträt der armen Viertel von Manhattan und ihrer Bewohner entwirft. Die Menschen sind verzweifelt und getrieben. Sie klammern sich an ihre kleinen Hoffnungen – und an den Verwalter, der wie ein Bote aus einer anderen Welt einmal in der Woche kommt und ihnen zum Beichtvater wird.

Edward Lewis Wallant war beim Erscheinen seines dritten Romans schon tot, überraschend an einem Gehirnschlag gestorben, mit 36 Jahren. Er zählte zu den wichtigen Autoren seiner Generation, hatte sich mit den beiden anderen Romanen einen fraglosen Platz neben Philipp Roth oder Saul Bellow erschrieben. Dass nun nach fast 50 Jahren dieser großartige Roman auf Deutsch erscheint, ist ganz wunderbar und war für die Übersetzerin nicht zuletzt eine Herausforderung, weil der Autor immer wieder jiddische Wörter und Redewendungen verwendet.

Das Glossar unbekannter Wörter am Ende des Buchs hilft sehr. Wenn man sich vor Augen führt, dass die Gegend, in der der Roman spielt, heute zu den teuren Vierteln gehört, dann kommt einem diese Entwicklung der Stadt einfach nur "meschugge" vor.

Besprochen von Manuela Reichart

Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom
Roman
Aus dem Englischen von Barbara Schaden, mit einem Vorwort von Dave Eggers
Berlin Verlag, Berlin 2012
318 Seiten, 22,99 Euro

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