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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2013

Eintauchen in einen griechischen Familienkosmos

Sofka Zinovieff: "Athen, Paradiesstraße", dtv premium, München 2013, 415 Seiten

Die beleuchtete Akropolis über der Altstadt von Athen (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Die beleuchtete Akropolis über der Altstadt von Athen (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Warum war der Athener Journalist und Familienvater Nikitas 2008 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen? Die Antwort liegt im Griechenland der 30er- und 40er-Jahre, der Zeit der deutschen Besatzung und der Partisanenkämpfe. Dorthin führt die Britin Sofka Zinovieff ihre Leser.

Am Schluss des Romans erfährt die Witwe Maud, dass ihr Mann Nikitas tatsächlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war – es war also weder ein Mordkomplott noch Selbstmord. Dennoch: Was hatte den Athener Journalisten und Familienvater an jenem Tag im Oktober 2008 derart aufgebracht, dass er hoch alkoholisiert in sein Auto gestiegen war? Die Auflösung des Rätsels liegt in Nikitas' Familiengeschichte und einer brutalen Episode aus den Tagen des griechischen Bürgerkriegs. Doch dieser Plot ist beinahe zweitrangig - die englische Autorin Sofka Zinovieff webt bereits zuvor ein derart feingesponnenes Netz voller Lokalkolorit, das ihren Roman "Athen, Paradiesstraße" zu einem durchaus bemerkenswerten Unterhaltungsroman macht.

Sofka Zinovieff, 1961 in London geboren und seit einigen Jahren in Athen lebend, ist mit den Schicksalssträngen des europäischen Kontinents bestens vertraut: Ihre Großmutter, der sie vor ein paar Jahren das ebenfalls auf Deutsch erschienene Erinnerungsbuch "Die rote Prinzessin" gewidmet hatte, war nach dem Oktoberputsch von 1917 ins komfortable Vereinigte Königreich geflohen, kokettierte jedoch Zeit ihres Lebens damit, Kommunistin zu sein. Ein geschichtenpraller Hintergrund plus einer gewissen gedanklichen Huschigkeit – eine kritische Lesart könnte solche Prinzessinnen-Optik nun auch bei dieser Geschichte konstatieren, die tief hinein führt in das Griechenland der 30er- und 40er-Jahre, in die Zeit der deutschen Besatzung und der Partisanenkämpfe, welche dann auch nach Weltkriegsende das Land, ja die Familien weiter spalteten: Die stalintreuen Kommunisten wurden besiegt, massakriert oder ins Exil getrieben, die Nationalrechten gewannen und wurden zur Gründungsgeneration jener Armee, die schließlich 1967 den berüchtigten Obristen-Putsch ins Werk setzte.

Möchte man eine solch komplexe Geschichte anhand eines Familien-Clans bis in die Gegenwart hineinziehen, braucht es erzählerische Ökonomie, den berühmten langen epischen Atem und einen Sinn für Spannungsmomente. Darüber verfügt Sofka Zinovieff äußerst souverän. Dennoch: Muss sie Nikitas' Mutter (die 1948 nach einer Vergewaltigung nach Moskau geflüchtet war und erst 2008 zur Beerdigung ihres Sohnes heimkehrt, sich jedoch erst einmal von der Familie fern hält) tatsächlich "Antigone" nennen und deren Enkel "Orestes"? Etwas weniger offensichtliches Hantieren mit klassischen Topoi und dafür mehr psychologische Feinzeichnung hätte aus einer spannenden Strand-Lektüre einen tatsächlich unvergesslichen Roman gemacht. So aber hat der Leser - sofern er denn das sowjetische Moskau für eine diskussionswürdige Alternative zum damaligen Athen hält – immerhin seine Lektüre-Zeit nicht vertrödelt und ist tief in einen griechischen Familienkosmos eingetaucht. Wer Isabel Allendes Bücher mag, wird somit auch an Sofka Zinovieffs Roman sein Vergnügen finden.

Besprochen von Marko Martin

Sofka Zinovieff: Athen, Paradiesstraße. Roman
Aus dem Englischen von Eva Bonné
dtv premium, München 2013
415 Seiten, 15,90 Euro

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