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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 18.03.2016

EintagskükenKnabbergenuss für Hund und Katz

Von Udo Pollmer

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Ein wenige Stunden altes Küken sitzt im Brutkasten zwischen anderen und noch nicht geschlüpften Küken. (picture-alliance / dpa-ZB / Waltraud Grubitzsch)
Ein wenige Stunden altes Küken sitzt im Brutkasten zwischen anderen und noch nicht geschlüpften Küken. (picture-alliance / dpa-ZB / Waltraud Grubitzsch)

Soll das Schreddern von Küken in Deutschland verboten werden? Nötig ist das nicht, meint Udo Pollmer, denn die 45 Millionen Küken sterben vor allem durch Co2-Betäubung. Er schlägt vor, die Küken zu verfüttern.

Ziemlich ekelhaft: Da lassen kaltherzige Hühnerbarone flauschige Osterküken zerhäckseln, nur weil diese keine Eier legen. Empört fordert Agrarminister Christian Schmidt ein endgültiges Verbot der Kükenschredder. Bekanntlich werden männliche Küken nach dem Schlüpfen aussortiert und dann – so der Vorwurf - "mit scharfen Messern zerkleinert" oder "vergast". Das gelte im Übrigen auch für die Bio-Branche, was die Sache allerdings nicht besser macht.

Nun ist das mit dem Schredder so ein Ding. Kürzlich bestätigte eine Vertreterin des Tierschutzverbandes "ProVieh – Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung" auf einem Kongress in Stuttgart, dass in Deutschland keine Küken geschreddert würden. Dennoch scheint es vereinzelt solche Anlagen zu geben. Offenbar gibt es Brütereien, die lieber den Ruf und damit die Existenz einer ganzen Branche aufs Spiel setzen, als eine Praxis endgültig einzustellen, die längst nicht mehr von der Gesellschaft akzeptiert wird und überflüssig wie ein Kropf ist.

Aus den Küken ein Brathähnchen machen geht nicht

Tatsache ist, dass in Deutschland jährlich etwa 45 Millionen männliche Küken getötet werden. Das geschieht in der Regel durch Betäubung mit Kohlendioxid, so wie beim ausgewachsenen Masthähnchen auch. Da fragt sich natürlich der Verbraucher, warum die Küken nicht einfach zu Brathähnchen heranwachsen dürfen. Das funktioniert leider nicht. Legehennen sind auf optimale Futterwertung für’s Eierlegen gezüchtet, aber nicht auf Fleischansatz. Würde man die Hahnenküken aus der Legehennenzucht mästen, bräuchte man die vierfache Futtermenge. Auch nach einer langen Mastphase sehen die Tiere immer noch wie halbverhungert aus.

Nun wird die Forderung nach Zwei-Nutzungs-Rassen laut, also Federvieh, das gleichermaßen zum Eierlegen als auch zum Fleischansatz taugt. Die gibt es längst, aber sie werden von Umweltexperten abgelehnt, weil für Eier wie Fleisch jeweils doppelt so viel Futter benötigt wird. Durch die Aufspaltung der Linien in Legehennen und Masthähnchen wurde die Klimabilanz massiv verbessert. Die Schonung der Ressourcen senkte die Kosten. Auch die Umwelt wurde entlastet – weniger Futter bedeutet weniger Fäkalien. Auf einmal ist all dies nichts mehr wert - nun wird beklagt, dass Küken mit CO2 betäubt werden und dass sie – wie alles Geflügel - tiefenbetäubt ihr Leben aushauchen. Das war der Preis für die beeindruckende Ökobilanz.

Küken als Lebendfutter für Raubtiere

Küken sind kein wertloser Abfall: Viele Zoos kaufen sie als Lebendfutter, damit ihre Tiere den Jagdtrieb ausleben können, der seine Befriedigung im Töten des Beutetieres findet. Aber auch Falknereien, Storchenstationen und Terrarienbesitzer schätzen Küken. Sie ersetzen Mäuse oder Ratten, die bisher extra dafür gezüchtet wurden. Auch diese brauchen Futter und Käfige, bis sie selbst wieder verfüttert werden. Den Raubtieren ist es egal, ob sie Mäuse oder Küken zum Fraß vorgeworfen bekommen.

Ein erheblicher Teil dieser Futter-Mäuse wird getötet und dann tiefgefroren – exakt so wie viele Küken auch. In Heimtiermärkten sind sie begehrt wie Partysnacks: "Eintagsküken, 10 Stück, einzeln entnehmbar. Der natürliche Knabberspaß für Katzen, Frettchen und Hunde." Küken kosten gefroren pro Kilo bis zu zehnmal so viel wie ein Brathuhn aus der Kühltruhe. Das nennt man Wertschöpfung! Noch teurer als Küken sind zarte Mäusebabies, die ebenfalls extra für diesen Zweck geboren und getötet werden. Stört aber niemanden. Die frisst ja Lumpi nur zum Spaß – barfen ist in.

Sinnvoller wäre es, die toten Küken an Schweine zu verfüttern. Doch das wurde dem Borstenvieh gesetzlich untersagt. Denn von Küken könnten ja, so ein populärer Verbraucherwahn, Schweine den Rinderwahn kriegen. Jetzt werden die Küken, die nicht von Tierfreunden erworben werden, zu Tiermehl verarbeitet und an Fische verfüttert. So kommen sie als "herzgesunder Edelfisch" wieder auf den Tisch all jener, die bewusst keine Eier kaufen – wegen der Küken, Sie wissen schon. Mahlzeit!

Quellen:

Anon: Brütereien: Klage gegen Kükenschredder. FAZ-Online 13. Februar 2016

Anon: Die Schattenseiten der Eierproduktion – Schreddern oder vergasen. DW-Online 27. Februar 2015

Anon: Frisch geschlüpft in den Schredder. Wie männliche Küken getötet werden. n-tv Online 30. März 2015

Balser M: Gegen das Gemetzel. Süddeutsche.de 9. Juli 2015

Windhorst HR: Wird die Tötung männlicher Küken von Legehybriden schon bald nicht mehr notwendig sein? WING – Themen in der Geflügelhaltung, Vechta ohne Jahr

Grashorn M: Verwendung der männlichen Küken der Legeherkünfte. WING – Themen in der Geflügelhaltung, Vechta ohne Jahr

Damme K, Ristic M: Fattening performance, meat yield and economic aspects of meat and layer type hybrids. Worlds Poultry Science Journal 2003; 59: 50-53

AgE: Töten männlicher Legeküken: Meyer will Verbot Ende 2017. DGS 1. März 2016

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