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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.01.2016

Einstiges jüdisches Leben in ThüringenDie Synagoge von Mühlhausen

Von Josefine Janert

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Mühlhausen in Thüringen (imago/Westend61)
Mühlhausen in Thüringen (imago/Westend61)

Dank glücklicher Umstände wurde die Synagoge in Mühlhausen unter den Nazis nicht zerstört. Nach dem Krieg wurde das Gotteshaus aber Jahrzehnte nicht mehr genutzt. Unter dem Eindruck der NSU-Morde haben sich jetzt Schüler mit der jüdischen Geschichte ihrer Stadt beschäftigt.

Tabea: "Also wir begrüßen Sie ganz herzlich zu unserer Führung durch die Mühlhäuser Synagoge und wir freuen uns, dass Sie im Rahmen der jüdisch-israelischen Kulturtage hier erschienen sind."

Vor einem unscheinbaren einstöckigen Haus haben sich am Freitagnachmittag etwa zehn Leute versammelt. An der Tür klebt ein Zettel: "Synagoge geschlossen". Jetzt ist die Tür allerdings geöffnet. Sie führt ins Vorderhaus. Nicht direkt an der Straße, sondern hinter diesem Vorderhaus steht auch die Synagoge. Dort wurde sie 1841 erbaut, um sie vor Brandanschlägen zu schützen.

Die 16-jährige Tabea hat zusammen mit ihren Schulkameraden eine Führung vorbereitet.

"Die Mühlhäuser Synagoge ist eine Hinterhofsynagoge. Sie wurde hier in der Jüdenstraße 24 erbaut. Das ist die Straße, in der früher alle Juden gewohnt haben..."

Mühlhausen ist eine Stadt in Thüringen mit 33.000 Einwohnern. Vor 1933 lebten hier etwa 200 Juden. Wie die 15-jährige Joanne erzählt, ließen sich die ersten Juden schon im 13. Jahrhundert in dem Ort nieder.

"Am 21. März 1349 hat dann der Judenmord hier in Mühlhausen begonnen mit dem Pestpogrom. Wir wissen ja alle, dass die Pest ausgebrochen ist, und dazu brauchte man einen Sündenbock. Es hieß halt, die Juden haben die Brunnen vergiftet. Deswegen haben wir jetzt alle die Pest."

1943 wohnten in Mühlhausen gar keine Juden mehr

In den folgenden Jahrhunderten wurden die Juden immer wieder angegriffen. 1943 wohnten in Mühlhausen gar keine Juden mehr. Sie waren vor den Nazis geflohen oder in die Vernichtungslager deportiert worden. Zwar überlebten einige von ihnen und kehrten sogar in ihre Heimatstadt zurück. Doch 1984 starb die letzte Jüdin, und die einst so aktive Jüdische Gemeinde hörte auf zu existieren. In der Synagoge finden längst keine Gottesdienste mehr statt. Ab und an gab es mal eine Führung. Doch meistens standen Touristen und Mühlhäuser vor verschlossener Tür.

Bis Schüler des Evangelischen Schulzentrums sich für die Synagoge zu interessieren begannen. Auf Anregung eines Lehrers, der in Erfurt ein ähnliches Projekt gestartet hatte, gründeten 14- bis 16-Jährige die Arbeitsgemeinschaft Offene Synagoge.

Joanne: "In der Nacht des 10. November 1938, in der Reichspogromnacht, wurde hier eingebrochen von Paul Vollrath und seinem Stammtisch. Also Paul Vollrath war der NSDAP-Kreisleiter in Mühlhausen. Und die haben die Synagoge komplett zerstört im Inneren. Und der Rabbiner Rosenau wurde auch aus seiner Wohnung gezerrt und hat dann schließlich einen Brustschuss erlitten, den er aber überlebte später im Krankenhaus."

Max Rosenau wohnte im Vorderhaus, in dem auch der jüdische Religionsunterricht stattfand. Heute ist dort eine kleine Ausstellung untergebracht.

Tabea: "Und damit möchte ich Sie bitten, mir zu folgen in die Synagoge."

An dieser Stelle übernimmt wieder Tabea die Führung.

"Ja, also die Synagoge hier war von der Reichspogromnacht betroffen. Und an den Pfeilern sieht man eindeutig noch die Axthiebe, und in der Fensterscheibe dort oben gibt es ein Einschussloch, und das ist vermutlich auch von der Reichspogromnacht."

Synagoge kann wieder besichtigt werden

In der Synagoge ist es kalt. Nur selten tritt jemand hier ein. Das soll sich jetzt ändern. Ab sofort können sich Menschen, die das Haus sehen wollen, an die Tourist-Information Mühlhausen wenden, erklärt die Lehrerin Franziska Groß:

"Die schicken dann ne Anfrage zu uns an die Schule. Wir fragen die Schüler, wer von euch hätte Zeit, wer hätte Lust, eine Führung zu machen? Und wir haben insgesamt sechs Teams von Schülern, und so dass ich denke, dass sich da immer ein Team findet und bereiterklärt, die Zeit haben, und die sollen dann diese Führungen durchführen."

Die 34-jährige Geschichtslehrerin und ihre Kollegen haben die Führungen mit ihren Schülern vorbereitet.

Franziska Groß: "Also eigentlich haben alle Leute gesagt: Das ist toll, dass das gemacht wird, weil es so schade ist, dass so ein gut erhaltenes Bauwerk so wenig bekannt ist in der Stadt eigentlich. So ging's dann also im letzten Schuljahr schon los mit den Vorbereitungen. Also wir waren im Stadtarchiv. Der Herr Schramm war da von der Jüdischen Landesgemeinde. Er hat uns also auch ganz viel über die Synagoge erzählt, auch über seine persönliche Biografie. Das war auch sehr ergreifend."

Die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte Mühlhausens ist Teil eines Programms zur "Politischen Bildung und Demokratischen Erziehung". Aufgelegt hat es die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland unter dem Eindruck der NSU-Morde, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Täter aus Thüringen stammen. Ziel ist, dass sich die Schüler verstärkt mit anderen Kulturen, mit der DDR und der Nazizeit auseinander setzen.

Groß: "Und ich finde es auch ganz toll, dass Schüler sich dafür engagieren, dass das in unserem Bewusstsein bleibt. Und grade, wenn man sich auch die aktuelle politische Entwicklung anschaut mit der Flüchtlingskrise und, ja, dem doch wieder aufkommenden Rassismus oder der Fremdenfeindlichkeit, finde ich es eigentlich noch umso wichtiger, dass man diese Zeit niemals vergisst."

Und Joanne fügt hinzu: "Ja, das nimmt uns auf jeden Fall sehr mit. Wir haben uns schon öfters mit dem Thema beschäftigt, haben auch eine Buchenwald-Führung gehabt. Das ist dann schon sehr emotional."

Die meisten Besucher sind beeindruckt vom Engagement der Schüler. Nun sei sie angeregt, sich ausführlicher mit dem jüdischen Leben in Mühlhausen zu beschäftigen, sagt eine Frau:

"Ich wusste durch meine Tochter, dass es hier eine Synagoge gibt, bin Mühlhäuserin, wusste das vorher nicht, wahrscheinlich auch aus Desinteresse. Und ja, dass mir das einfach gefallen hat und dass ich wirklich richtig zugehört habe."

Hinweis: Wer die Synagoge in Mühlhausen besuchen möchte, kann sich an die Tourist-Information von Mühlhausen wenden:  03601 404 770, E-Mail service@touristinfo-muehlhausen.de.

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