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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.03.2010

"Einseitige Bevorteilung"

Energieversorger wirft Regierung Milliarden-Geschenk für Energiekonzerne vor

Thorsten Radensleben im Gespräch mit Nana Brink

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Radensleben: Politisch verordnete Wettbewerbsverzerrung (AP)
Radensleben: Politisch verordnete Wettbewerbsverzerrung (AP)

Der Vorstandsvorsitzende des Freiburger Energieversorgers badenova, Thorsten Radensleben, hat vor einer Wettbewerbsverzerrung durch die von der Bundesregierung geplanten AKW-Laufzeitverlängerungen gewarnt.

Nana Brink: Eigentlich war der Atomausstieg schon mal beschlossene Sache, zumindest bis vor Kurzem. Die schwarz-gelbe Koalition allerdings hat eine Laufzeitverlängerung der 17 Atommeiler über das Jahr 2022 hinaus im Visier – sehr zur Freude der vier großen Kraftwerksbetreiber von E.ON, Vattenfall, RWE und EnBW, die 80 Prozent der Energieerzeugung in Deutschland sicherstellen. Jetzt laufen 150 Stadtwerke, also die Kleinen, gegen diese Laufzeitverlängerung Sturm, wie aus einem Gutachten von regionalen Energieversorgern hervorgeht, das heute vorgestellt wird und das Deutschlandradio Kultur vorliegt. Der Vorstoß der Stadtwerke, die 10 Prozent der Energieversorgung in Deutschland sicherstellen, dürfte für Aufregung nicht nur in der Branche sorgen. Ich habe mit Thorsten Radensleben, Vorstandschef bei der badenova, einem Energieversorger in Freiburg, gesprochen und ihn gefragt, warum sich die Stadtwerke in Deutschland gegen eine Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken wehren?

Thorsten Radensleben: Es geht um die Frage, wie das ausgestaltet wird. Man muss sich vorstellen, dass je nach Ausgestaltung dieser Laufzeitverlängerung Zusatzgewinne zwischen 60 und 230 Milliarden Euro anfallen werden, die in die Kassen der großen Vier gespült werden, und der politische Mainstream sieht im Moment so aus, dass zumindestens die Hälfte dieses Betrages bei den großen Vier verbleiben kann. Dass das zu einer Wettbewerbsverzerrung führt, ist glaube ich offensichtlich.

Brink: Wie sehen Sie diese Wettbewerbsverzerrung ganz konkret?

Radensleben: Ja, im Prinzip ist es ein Geschenk der Bundesregierung in Höhe von 30 bis über 100 Milliarden, die den großen Vieren geschenkt werden. Die können damit in Erneuerbare investieren und sich Wettbewerbsvorteile gegenüber den Stadtwerken sichern oder sie können das Geld verwenden, um im Vertrieb uns Stadtwerken noch härter Konkurrenz zu machen. Und das finden wir eine einseitige Bevorteilung.

Brink: In diesem Gutachten, das ich erwähnt habe, sehen sich ja die Stadtwerke als die eigentlichen Träger der Energiewende in Deutschland. Wieso?

Radensleben: Na ja, letztendlich machen die Energiewende unsere Kunden. Das sind nicht Unternehmen, die die Energiewende machen, sondern Kunden. Und wir Stadtwerke, wir sind ganz dicht dran beim Kunden, wir kennen die Bedürfnisse des Kunden und wir richten uns auch Richtung Kunden aus – etwas, was die großen Vier in der Form gar nicht tun. Und deswegen sind wir diejenigen, die am Ende Kunden davon überzeugen müssen, in Erneuerbare zu investieren, in Wärmedämmung zu investieren und hier auch neue Technologien einzusetzen wie zum Beispiel die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung. Und das ist sicherlich bei uns Stadtwerken vom Geschäftsmodell viel besser aufgehoben als bei den großen Vieren.

Brink: Aber die großen Vier machen das doch auch.

Radensleben: Ja, aber die sind nicht so am Kunden orientiert und nicht so darauf fixiert, mit dem Kunden, mit dem Endkunden wirklich Geld zu verdienen wie wir. Das ist unser Business, wir halten Kundencenter vor Ort vor, wir machen auch die kleinen Themen – am Beispiel der badenova kann man das ganz gut sehen: Wir haben jetzt ein Mikro-BHKW als Paketlösung an den Markt gebracht. Das ist sicherlich für die großen Vier nur eine Randnotiz der Geschichte, aber es spielt hier vor Ort eine Rolle und es kann Kunden dabei helfen, Geld zu sparen und gleichzeitig etwas für die Umwelt zu tun.

Brink: Apropos sparen: Was habe ich denn als Verbraucher davon – die großen vier Stromkonzerne, also E.ON, Vattenfall, RWE und EnBW, die sagen ja, durch eine Laufzeitverlängerung sinken die Strompreise?

Radensleben: Warum sollten die Strompreise sinken unter das Niveau, was sie jetzt haben? Auch jetzt haben wir schon Atomstrom im Portfolio und die Preise werden nicht dadurch sinken, dass man die Laufzeiten verlängert.

Brink: Was sind denn noch weitere Effekte eigentlich, die einhergehen mit dieser Laufzeitverlängerung, mal abgesehen von der Konkurrenz und von dem Wettbewerbs-, von der Wettbewerbsverzerrung, die Sie sehen?

Radensleben: Ja, es werden Investitionen in zusätzliche Erzeugungskapazitäten entweder in erneuerbare oder in effizientere Kraftwerkstrukturen dadurch verhindert, wenn die Atomkraftwerke nicht ersetzt werden müssen. Das ist schon ein erheblicher Nachteil und der weitere Nachteil besteht natürlich für diejenigen, die bereits investiert haben im guten Glauben und Vertrauen darauf, dass der Ausstieg auch wirklich Realität wird.

Brink: Also wie Sie zum Beispiel.

Radensleben: Wir wir zum Beispiel, ja genau!

Brink: Ist das nicht auch ein Kampf David gegen Goliath, immerhin die anderen, die großen Vier stellen 80 Prozent der Energieerzeugung, Sie 10 Prozent – also alle Stadtwerke gesamt gesehen 10 Prozent –, anders gefragt: Was sind denn Ihre Druckmittel, wenn denn diese Laufzeitverlängerung, die ja anscheinend politischer Wille ist, nicht verhindert werden kann?

Radensleben: Also direkte Druckmittel haben wir nicht, wir können nur darauf hinweisen, was das bedeutet. Wenn man Stadtwerke will, und ich glaube, das ist noch politischer Konsens, dann kann man hier nicht im großen Stile Wettbewerbsverzerrung politisch verordnen und herbeiführen, und ich glaube, das ist das Druckmittel, was wir haben. Es macht einfach keinen Sinn, den großen Konzernen hier noch zusätzlich Geldgeschenke zu machen.

Brink: Wenn das aber nicht zu verhindern ist und diese Laufzeitverlängerung wie gesagt stattfindet, was fordern Sie dann von der Bundesregierung? Dass das Geld anders verteilt wird, also das Geld aus den Gewinnen?

Radensleben: Ja, wir sind erst mal – und das ist die Forderung, die vor aller weiteren Diskussion über Modelle steht –, ist, dass man sämtliche zusätzlichen Gewinne abschöpft und dann politisch auch entscheidet, was mit diesem Geld getan wird. Aber bitte nicht einseitig bereits die Hälfte bei den Konzernen belassen.

Brink: Was erwarten Sie, wenn heute das Gutachten vorgestellt wird?

Radensleben: Ich erwarte eine Diskussion, die über das hinausgeht, was bisher geführt wurde. Dass die Rolle der Stadtwerke endlich auch mal wahrgenommen wird und der Bedeutung der Stadtwerke Beachtung geschenkt wird, denn wir leisten eine ganze Menge. Und wenn man die Energiewende will, dann braucht man Stadtwerke und dann kann man keine Politik gegen die Stadtwerke machen.

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