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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.09.2013

Einschalten!

Selten sieht man im deutschen Fernsehen so etwas Gutes wie die TV-Serie "Weissensee"

Von Hendrik Efert

Die Schauspieler Anna Loos, Jörg Hartmann und Florian Lukas bei den Dreharbeiten zur zweiten Staffel (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Die Schauspieler Anna Loos, Jörg Hartmann und Florian Lukas bei den Dreharbeiten zur zweiten Staffel (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Vor drei Jahren startete die ARD "Weissensee" - eine Serie über eine Stasi-Familie im Berlin Anfang der 80er-Jahre. Nun zeigt der Sender die zweite Staffel, die kurz vor der Wende spielt und das Frauengefängnis Hoheneck sowie Doping in der DDR thematisiert.

Es ist viel Zeit vergangen, seitdem uns Staffel eins von "Weissensee" mit einem offenen Ende zurückließ, ratlos aber auch zufrieden: Eine so gelungene serielle Erzählung gibt es nur selten im deutschen Fernsehen zu sehen. Die ARD ließ uns daraufhin lange zappeln: Drei Jahre hat man gebraucht, um den Quoten- und Kritikererfolg fortzusetzen.

In der Erzählung selbst sind ganze sechs Jahre vergangen – wir befinden uns nun in Ost-Berlin 1987, zwei Jahre vor der Wende. In der ersten Folge der neuen Staffel erfuhren wir nun, dass Julia ins Frauengefängnis Hoheneck gesteckt wurde und dort bis heute einsitzt. Martin wurde gesagt, sie sei vom Westen freigekauft worden. Er will ihr nun folgen. Das gemeinsame Kind ist bei der Geburt im Gefängnis gestorben. Diesen Komplott hat Martins Bruder Falk, der stramme Stasi-Offizier, zusammengestrickt, um Julia und ihre Mutter aus der Familie zu bekommen.

"Warum hat man sie verschont?"
"Ich hatte Glück."
"Was sagt denn eigentlich Ihre Familie zu den Plänen? Die müssten mit Konsequenzen rechnen."
"Ich habe keine Familie mehr."


Der Staffelauftakt heute hält zwar das Niveau der alten Folgen: Ein tolles Ensemble, hochwertig inszeniert. Allerdings werden von Beginn an etwas zu viele neue Themen aufgemacht. Die Serie ist bereits auf DVD erhältlich und so ist hinlänglich bekannt, dass nun auch die aufkeimenden Proteste in der DDR eine Rolle spielen werden. Dieser zeitgeschichtliche Bezug schafft einen hohen Mehrwert für die Serie – lässt aber schon jetzt erahnen, dass die Erzählung dadurch weiter ausfasern wird.

In der ersten Staffel war es die Liebesgeschichte um Martin und Julia, die die Familien Kupfer und Hausmann hat auseinander brechen lassen, die Erzählung aber zusammengehalten hat. Ein solcher roter Faden fehlt nun, es sind einzelne Stränge, die zwar verknüpft sind, aber parallel verlaufen, statt sich um eine Kernerzählung herum zu entwickeln. Diese fehlt nun gänzlich. Neben den familiären Verstrickungen und die in die Familie hineinragende Protestbewegung zeigte die heutige Folge, dass auch noch das Thema Doping in der DDR eine Rolle spielt.

"Woher hast du das?"
"Kann ich dir nicht sagen. Bitte, was haben die Roman da gegeben? Was bedeuten diese Abkürzungen?"
"Das ist eine geheime Testreihe, für ein neues Präparat. Roman war Teil dieses geheimen Tests. Das gibt’s doch nicht. Dieses Medikament hat sein Herz massiv geschädigt."


Dennoch ist man bereits nach Folge Eins wieder an den Figuren dran, fiebert mit und will wissen wie es weitergeht. Weissensee macht süchtig, so wie es auch die guten US-Autorenserien oder britischen Miniserien tun. Eigentlich ein überlebenswichtiger Faktor im seriellen Fernsehen, im deutschen allerdings selten - hier werden Serien eher aus Gewohnheit weitergeschaut, nicht weil sie gut sind. Was Weissensee hingegen mit den anderen deutschen Serien gemeinsam hat: Es wird viel über den Dialog erzählt.

"Was machst’n da Mutter?"
"Ich weiß genau, wie es ihm geht. Kenne jeden seiner Gedanken. Auch die dunkelsten. Und trotzdem will ich ihm nah sein, wie am ersten Tag. Verrückt, oder?"
"Du liebst ihn eben. Was soll man da machen?"


An manchen Stellen hätte man ruhig noch mehr die gut arrangierten Bilder sprechen lassen sollen. Doch Weissensee kann durchaus mit den wenigen guten Dramaserien der letzten Jahre mithalten, wie Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens" und Orkun Erteners "KDD - Kriminaldauerdienst". Durch das exzellent besetzte Ensemble, die hochwertige Ausstattung und nicht zuletzt auch der immer wieder anklingende Sprachduktus der DDR erzählt Weissensee eindrücklich vom Leben in Ost-Berliner Stadtteilen Weissensee und Prenzlauer Berg in den 80ern.

"Wie sollen wir angesichts der Veränderungen in der Sowjetunion hier bei uns mit dem Wunsch der Menschen nach Veränderung umgehen? Ich möchte, dass Sie alles, was Sie an ideologischer Schulung intus haben, beiseite legen und Ihre eigene Meinung wiedergeben."

Hinter den Kulissen gab es wohl einigen Ärger: Gerüchteweise wurden die Originaldrehbücher von Anette Hess umgeschrieben und Produzentin Regina Ziegler wollte nicht mehr bis zur TV-Ausstrahlung warten und veröffentlichte Weissensee zuvor auf DVD. Ihr gutes Recht, schließlich hatte sie eigenes Geld in die Produktion investiert. Angeblich war der richtige Sendeplatz nicht frei. Allerdings geht es hier wohl eher um Prioritäten - die ARD-Programmpolitik ist nur schwer nachzuvollziehen.

Zum Schluss bleibt bei aller inhaltlichen und programmplanerischen Kritik der Aufruf stehen: Einschalten! Weissensee ist ein tief greifendes und emotional erzähltes Familiendrama mit besten Schauspielern und leistet nebenbei noch wertvolle Aufarbeitung der DDR-Geschichte. So etwas ist im hiesigen Fernsehen selten zu sehen.

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