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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 03.01.2010

Einmal Berlin und zurück

Vergessene Gesichter (7): Der lange Weg der Salomea Genin

Von Susanne Balthasar

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Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte (AP Archiv)
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte (AP Archiv)

Salomea Genin ist eine Frau, die sich in ihren 77 Lebensjahren immer wieder gewandelt hat: Sie war Jüdin und Kommunistin, Stasi-Spitzel und Oppositionelle. Zu vielen Gelegenheiten erzählt die Rentnerin ihre Geschichte - auch wenn sie nicht immer auf offene Ohren stößt.

Die Frau in der Tür trägt ein irres Kleid: Sehr bunt, sehr gemustert, sehr weit, sehr lang. Kobaltblau, ocker, grün und schwarz. Passend dazu die Lapislazuli-Hängeohrringe. Graue Haare dicht und kurz wie ein Teppich, die Füße stecken in weißen Gesundheitslatschen. Salomea Genin sieht aus wie ein Filmstar im Ruhestand.

"A woman of the world bin ich heute, besser gesagt: ich bin a jewish woman of the world, eine jüdische woman of the world – dank der DDR! Und deswegen sage ich ja auch: Es war ein brüchiges Leben, aber eigentlich möchte ich kein anderes geführt haben."

In 77 Lebensjahren ist Salomea Genin: Berlinerin und Jüdin, Naziflüchtling, Australierin, Kommunistin, Atheistin, Stasi-Spitzel, DDR-Bürgerin. Dann wieder Jüdin, später Oppositionelle, Mitglied des Neuen Forums, heute Rentnerin und Publizistin. In dieser Reihenfolge. Manchmal auch gleichzeitig.

Ihre Lebensgeschichte hat sie in fünf Aktenordnern im Wohnzimmerregal sortiert.

"Also ich habe da hier zeitmäßig abgelegt: 62, 62 – 73, 74 -80, 81 – 89."

Gelbe Zettel trennen Briefe, Gedichte und Fotos. Alle paar Jahre wechselt die Frau auf den Fotos die Frisur: lang, kurz, mit Pony oder ohne. Bilder zwischen Spitzelberichten, Abhörprotokollen, Schriftverkehr.

Natürlich bin ich damals IM, also inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi, sagt sie:

"Dann sah ich das damals als meine Pflicht, und ich weiß heute, ich war naiv und dumm, tja, was soll ich dazu sagen? Ich habe Schuld auf mich geladen."

Eine deutsche Kommunistin werden! Davon träumt Salomea 1954. Das australische Exil ist keine Heimat, in Berlin ist sie geboren. An den Kommunismus glaubt sie, jüdisch will sie nicht sein. Das ist nichts Gutes, hat sie in ihrer Kindheit im Dritten Reich gelernt. Neun Jahre wartet sie wie eine ewige Braut vor der Mauer. Dann nimmt die DDR sie auf:

"Ich hatte so viele Illusionen, falsche Vorstellungen, Unsinniges in meinem Kopf über die DDR. Ich bin ganz sicher, hätte ich irgendeine Ahnung von der Wirklichkeit gehabt, ich wäre gar nicht hierher gekommen."

Das dicke Ende hält Salomea Genin jetzt in den Händen: ihr 13-seitiger SED-Parteiaustritt. Der macht sie kurz berühmt. Westdeutsche Zeitungen veröffentlichen Auszüge. Der Titel ist eine Provokation:

"'Wie die DDR eine jüdisch-sich-selbst-hassende Kommunistin zur Jüdin machte oder wie ich in den Schoß der Familie zurückkehrte.' So hieß mein Parteiaustritt im Mai 1989."

Sie hebt den Kopf. Antifaschistisch ist die DDR, doch nur dem Namen nach, das ist ihre These:

"Das ist ja das Komplizierte an der DDR. Auf der einen Seite schienen sie wirklich ihre Hausaufgaben gemacht zu haben, und auf der anderen Seite, weil sie ein völliges Tabu legten auf die Themen: Was ist Antisemitismus, was war Naziideologie, diese Themen nie diskutiert wurden, sind die alten Vorurteile in ihren Bäuchen geblieben."

Sie schaut durch ihre Goldrandbrille hoch.

"Ich fing an mich für mein Jüdischsein zu interessieren, eben weil es so viele Leute gab, die keine Ahnung hatten von meiner Biografie und was es mit ihnen zu tun hatte."

Salomea Genin geht in die Küche. Tee machen.

Seit den 70er-Jahren ist sie Mitglied der jüdischen Gemeinde, 1982 hört sie auf, für die Stasi zu arbeiten, geht in die Opposition. Erzählt nach der Wende den Medien von der verkorksten Beziehung der DDR zu ihren Juden. Das passt zum neuen Rechtsradikalismus.

Das Thema bleibt bei ihr. Salomea Genins Autobiografie "Ich folgte den falschen Göttern – eine australische Jüdin in der DDR" erscheint in diesem Jahr.

Die Autorin wirft frisch geschnittene Ingwer in einen Wassertopf:

Fünf Minuten Zeit zum Ziehen. Sie setzt sich an den Tisch.

"Der normale DDR-Bürger hat ganz bestimmt gedacht, dass Juden leben sehr privilegiert. Denn als Verfolgter des Naziregimes bekamen sie nach fünf Jahren Wartezeit ein Auto. Sie bekamen eine Tiefkühltruhe nach nur einem Jahr Wartezeit (...) also die Güter, die begehrt waren in der DDR, hat man über VDN, Verfolgter des Naziregimes, einfach schneller bekommen als der Normalbürger. (...) Man war auf alle Fälle privilegiert."

Salomea Genin schaut aus dem Fenster. Auch diese Wohnung bekommt sie über VDN. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Viel hat sich in den letzten 20 Jahren nicht geändert. Eine alte Küche, im Wohnzimmer zwei durchgesessene Sofas, ein Bild Rahel Varnhagens und ein Regal mit einem siebenarmigen Leuchter.

Sie will rüber in die Synagoge gehen, erzählen, wie die DDR aus der Atheistin Genin eine Jüdin macht:

Vor der Haustür beginnt die Geschichte. Die Häuser sind klein, die Straße schmal, fast wie auf dem Dorf. So ähnlich sieht es 1938 aus, als die sechsjährige Salomea ein paar Blocks entfernt einkaufen geht:

"Meine Mutter bat mich, ich soll runter gehen, 100 Gramm Hackepeter und eine Zeitung kaufen, als ich dann zurückkam, da hat mich ein Junge gesehen aus der Nachbarschaft, der brüllte mich an, ob ich denn nicht wisse, dass Juden heute auf der Straße nichts zu suchen hätten und, ich bin da erstarrt vor Angst, und dann brüllte er weiter, wenn ich nicht sofort verschwinde, würde er mich bei der Kreisleitung melden – und jetzt hau ab nach Hause! Und ich rannte, so schnell ich konnte, und habe nie darüber gesprochen."

Die erwachsene Salomea verdrängt die Angst. Schließlich ist sie nicht mehr Jüdin, sondern Kommunistin. Natürlich unterstützt sie die DDR-Politik und ihre Propaganda gegen Israel - anfangs. Jetzt geht sie weiter. Ein bisschen schief wie eine alte Frau, aber mit Energie - sie ist ja meistens in Bewegung.

Hier, in der Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte ist vor dem Holocaust das Judenviertel. Heute ist die Nachbarschaft mit den restaurierten Häusern eine teure Wohngegend.

Alle Paar Meter stehen Bagger und Bauzäune. Sie bleibt stehen. Vor einer Boutique, die Gummipuppen in Lackleder auslegt - Luxus-Beißspielzeug für Hunde:

"Ein Hundedomina, eine Hundegummipuppendomina, ich finde so was unanständig."

Salomea Genin schüttelt den Kopf - zu viel Kapitalismus.

In der DDR gilt sie als rote Socke, sagt sie, der real existierende Sozialismus ist eine Enttäuschung. Wenn ich nicht in die Partei gehöre, wohin dann, fragt sie sich. Die Antwort: Ich bin Jüdin! Von einer guten Welt träumt Salomea Genin immer noch:

"weil der Kommunismus eine bessere Welt versprochen hat. Was ich heute sehe ist, dass die Probleme alle geblieben sind, nur schlimmer, weil sie globalisiert sind. Und wir werden irgendwann alle wieder auf die Straße gehen, weil es so, wie es jetzt ist, kann und darf es nicht bleiben."

Die Redefreiheit mag ich in der Bundesrepublik, sagt sie, und die Öffentlichkeit.

Vor ihr liegt der Moses-Mendelssohn-Friedhof, eine Efeuwiese zwischen den Häuserblocks. Die Grabsteine zerstörten die Nazis.

In der Bundesrepublik ist der Friedhof ein grünes Denkmal, mit Gedenktafel und allem was dazu gehört.

Salomea: "Wäre es möglich, hier mal durchzukommen?"

Sagt’s und peilt die Lehrerin an. Hier gibt es etwas zu tun:

"Hallo – Sie wollte ich gern etwas fragen: Haben Sie mal gehört von der Organisation 'One by One', diese Organisation besteht aus den Kindern und Enkelkindern von der Opferseite der Nazizeit und der Täterseite der Nazis.....ich bin Jüdin...."

Salomea Genin zückt ihre Karte: Name, Adresse, Telefonnummer und dann das Bild eines Elefanten mit einer Faust am Ende seines Rüssels. Es sieht aus, als ob er gerade anklopft:

"Wir machen gerade eine Projektwoche, wo wir uns mit Moses Mendelsohn, unserem Namensgeber beschäftigen."

Die beiden tauschen ihre Karten aus, ein Treffen ist verabredet.

"Tschüss – tschüss."

Zufrieden steckt Salomea Genin die Karte der Lehrerin in die Tasche. Zu Ostzeiten ist sie in einem Komitee, das in Schulen vom Holocaust erzählen soll. Dass dort viel über den Sozialismus und kein Wort über den Holocaust gesagt wird, macht sie heute noch wütend.

"Die DDR-Führung interessierte sich doch nicht für den Holocaust, (...) viele von ihnen waren nicht mal in Konzentrationslagern gewesen, und die haben sie dann bestimmt, wie diese Zeit gedacht wurde, und da spielte nur der Widerstand eine Rolle, und da aber nicht zu übersehen war, dass Juden und Sinti und Roma und Homosexuelle und so weiter, dass denen auch ein Opferstatus zusteht, hat man dann diese immer subsumiert unter der Rubrik Widerstandskämpfer."

Sie schiebt sich vorbei an Touristen mit Sonnenbrillen und Straßenkarten, die die schmalen Bürgersteige blockieren, auf der Suche nach dem jüdischen Berlin. Damit macht die Stadt seit den 90er-Jahren Werbung für sich. Viel gibt es nicht zu sehen.

Auch in der DDR ist die Jüdin Genin eine Exotin. Die Gemeinde schrumpft von 2.500 auf 210 Mitglieder zur Wendezeit. Es gibt in der DDR keine Juden, sagen viele Ostler. Weil sie im Sozialismus totgeschwiegen werden, ruft Salomea Genin aus.

Sie selber fühlt sich dann wie ein Gespenst.

Da! Salomea Genin bleibt stehen: Es gibt noch etwas für sie zu tun - ein Flugblatt! Im Fenster der alteingesessenen Bäckerei Balzer. Fast stößt sie mit der Nase ans Papier:

"So jetzt muss ich gucken, ich möchte jetzt hier unterschreiben, das soll nicht passieren, der Vertrag hier läuft aus, und der Besitzer will das nicht erneuern."

Rein in die Bäckerei und unterschreiben. In den 30er-Jahren beliefert Bäckermeister Balzer die Juden in den Lagern mit Brot, der Bäcker schmuggelt ihnen Challa zu, den jüdischen Hefezopf, der am Schabbat gegessen wird.

Nach der ersten politischen Aktion des Tages tritt Salomea Genin auf die Straße. Es ist zehn Uhr morgens, die Sonne scheint. Der Tag fängt gut an.

Die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Backsteine aus dem 19. Jahrhundert. Obenauf sitzt eine goldene Kuppel wie ein Turban. Ein bisschen Orient in Berlin. Viel mehr als eine Fassade steckt nicht dahinter. Im Weltkrieg zerstört, baut das wiedervereinigte Deutschland aus den Überresten ein Museum, das Centrum Judaicum, der offizielle Mittelpunkt des jüdischen Berlin.

Pläne, die Synagoge wieder aufzubauen, gibt es schon in der DDR, sagt Salomea Genin. 1988 legt Erich Honecker den Grundstein:

"Und warum? Na aus dem einfachen Grunde, wie die Gerüchte immer sagten: Erich Honecker war der Meinung, dass in Amerika die Juden das Sagen haben, und er wollte von Amerika anerkannt werden, er wollte den 'Most favoured Nation'- Status bekommen, was Vorteile gab, wenn man Handel trieb, und er wollte ins Weiße Haus eingeladen werden."

Sie regt sich schon wieder auf, steckt nämlich selber mit drin. Salomea Genin wird schon in den 60er-Jahren beauftragt, Pläne für dieses jüdische DDR-Museum auszuarbeiten. Sie hängt sich rein:

"Nachdem, was hier den Juden angetan worden ist, und wie man in der DDR mit den Juden umgegangen ist? Natürlich wollte ich, dass ein jüdisches Museum hier aufgebaut wird, um endlich mal eine öffentliche Präsenz zu erringen."

Sie zeigt hinter sich und sagt: "Da drüben hat sich die jüdische Gemeinde zu DDR-Zeiten getroffen." Sie meint das Nachbarhaus. Als Religionsgemeinschaft wird den Gläubigen eine Nische in der DDR-Gesellschaft eingeräumt. Das ist der Regierung wichtig. Sie will sich vom rassischen Judenbegriff der Nazis distanzieren.

"Das heißt, die DDR hat diese Theorie der Nazis sozusagen umgemünzt für sich und hat festgelegt: Nur wer gläubig ist, ist ein Jude. Man kann sagen: Was hat das mit Antisemitismus zu tun. Ich sage: Wer festlegt von einem anderen, ob er Jude ist oder nicht, ist ein Antisemit, dazu hat man kein Recht."

Salomea Genin passiert die Ausstellungsobjekte im Museum. Die Synagoge vor und nach der Zerstörung, schwarz-weiße Fotos aus dem jüdischen Berlin vor dem Holocaust: Kleine Mädchen mit Zöpfen und Kniestrümpfen. Bilder ihrer Kindheit. Ihre Eltern sind arme Einwanderer aus Osteuropa. Nicht religiös, aber jiddisch sprechend. Jüdischer als meine Mutter kann man gar nicht sein, sagt die Tochter.

Ihre Pläne für ein jüdisches Museum werden von der DDR nicht umgesetzt. Es heißt, die Museumsbeauftragte habe über die Stränge geschlagen, erzählt ebendiese Beauftragte freimütig, zuckt mit den Schultern und lässt die Mundwinkel absacken. Es sieht aus, als hätte sie eigentlich "die können mich mal" sagen wollen.

"Hallo Esther – wie geht’s? – Mir geht’s prima…!"

Salomea Genin freut sich: endlich mal jemand, den sie kennt. Heute hat die jüdische Gemeinde in Berlin 11.000 Mitglieder. Seit der Wende ist das ein Zuwachs von über 50 Prozent - vor allem aus Russland. Für Salomea Genins Vorwende-Geschichten interessiert sich kaum jemand:

"Es wird darauf einfach gar nicht reagiert. Ich tu das ja nicht innerhalb der Gemeinde, weil das will auch gar keiner von mir hören, da habe ich nicht den Eindruck. Es hat noch keiner in der Gemeinde bei mir angefragt: Würdest Du mal kommen und erzählen, wie das so war in der DDR."

Salomea Genin vertritt keine Exotenmeinung. Ihr privates Bild vom Judentum in der DDR deckt sich mit wissenschaftlichen Aufsätzen. Wegen der Wissenschaft redet sie aber nicht über ihre Geschichte, sondern – ja weswegen eigentlich?

"Ich möchte eine wahrhaftige Antwort finden, und die muss ich im Moment einfach ein bisschen suchen, ja warum? Erstens, weil ich immer noch diese Wut habe, und ein Stück von mir drückt diese Wut aus, indem ich diese Dinge erzähle, und zweitens: Viele Leute haben die große Illusion gehabt, dass die DDR viel besser war, als sie war. Und ich möchte dieses Bild einfach, ja zu Recht rücken."

Dann holt sie ihren Terminkalender aus der Tasche. Schließlich gibt es auch Leute, die ihre Geschichte hören wollen. Am 11. habe ich eine Lesung, sagt Salomea Genin: "Kommen Sie doch auch."

Die Dorfkirche in Luckow kurz vor der polnischen Grenze. Ganz aus 300 Jahre altem Holz in taubenblau und mattrosa. Auf dem Altar frische Blumen, an den Wänden Kunst – eine Mehrzweckhalle für Kultur.

"…und dann hat die Stasi mich in die DDR gebracht, 1963, und dann kam ich, wie ich meinte, endlich nach Hause."

Heute auf dem Programm: "Ich folgte den falschen Göttern – eine australische Jüdin in der DDR". Eine Lesung mit Salomea Genin in einer Reihe zum 20. Geburtstag der Wende. Tische und Stühle stehen auf einem Podest. Die Vorleserin fühlt sich wohl auf der Bühne, das kann jeder hören:

"Das neue Leben muss anders werden, als dieses Leben, als diese Zeit – kommt das auch bekannt vor?"

Drei Dutzend Besucher sind gekommen, ältere, aber fast alle jünger als die Vorleserin. In dem Kreis grau-braun-beige gekleideter Menschen sieht sie aus wie ein Blaulicht: Kobaltblaue Folklorebluse aus Nahost mit farblich passenden Hosen. Sie liest von ihrer Anfangszeit in der DDR, ihrer Arbeit bei der Stasi:

"Ich sollte mich auf der Tagung umschauen und die Leiterin der Evangelischen Akademie, Elisabeth Adler, in Augenschein nehmen, später sollte ich mich mit ihr anfreunden, um sie auszuhorchen."

Ihr Geld verdient Salomea Genin zunächst als Journalistin. Weil sie den Sozialismus verbessern will und sich überall einmischt – das ist sie als Australierin gewohnt - wird sie mit einem Parteiverfahren abgestraft. In der SED bleibt die Remigrantin von Übersee ein exotischer Vogel:

"Mich störte, dass öffentlich niemals von Juden, sondern nur von jüdischen Menschen oder Menschen jüdischer Abstammung gesprochen wurde. Ich brauchte weitere zehn Jahre, bis ich begriff, dass die meisten Deutschen das Substantiv Jude immer noch als Schimpfwort empfanden..."

1982 geht die Liebesbeziehung der Salomea Genin mit ihrer Partei endgültig in die Brüche. Lebenskrise, Depressionen, dann die Neuerfindung der Renegatin als Oppositionelle. Aufräumen mit der Vergangenheit. Die Ex-IM erzählt den Menschen, die sie bespitzelt hat, was sie getan hat. Auch Elisabeth Adler:

"1991 traf ich sie zufällig im Zug: Von den hunderten IMs, die in unseren Veranstaltungen saßen, sind Sie die einzige, die mir so etwas gesagt hat. - Ich glaube, ich mache jetzt Schluss."

Applaus. Eine grauhaarige Frau steht auf und geht. "Ich habe gesessen", sagt sie der Genin im Vorbeigehen ins Ohr, ihre Hände berühren sich.

Jacken anziehen, Taschen packen, aufbrechen. Die Besucher diskutieren über die Lesung und Autorin:

"Man merkt ja, das in der Gesellschaft auch ne Aufarbeitung der 40 Jahre DDR auch ja ne Rolle spielen und immer noch viele Probleme eigentlich in der Luft liegen, die immer wieder eine andere Deutung und Bewertung erhalten. Und ich glaube, so ein Beitrag ist ein Punkt mehr, um mehr Klarheit reinzubringen","

sagt ein Mittfünfziger mit grauem Schnurrbart. Sein Freund nickt.

Salomea Genin bleibt mit einem Stapel Autobiografien an dem Sprelakart-Tisch sitzen, sechs Bücher hat sie verkauft. Einige Gäste setzen sich dazu, erzählen aus ihrem Leben:

""Vielen Dank, wie heißen Sie denn?– Tschüß"

Ex-IM, Stasiopfer, Mitläufer, Bürgerbewegte. Salomea Genin sieht zufrieden aus.

"Es geht mir gut."

In Luckow hat sie ihr Publikum gefunden. Sie lächelt. Nur für ihr großes Lebensthema, das Jüdischsein in der DDR hat sich keiner interessiert. Ach, sagt sie, das ist doch ganz normal."

"Ich werde ihnen das doch nicht aufdrängen. Zu ihrem Leben gehört nicht das Judentum, das gehört zu meinem Leben. (Lachen.)"

Salomea Genin hat noch viel zu sagen. Nur über ihren Glauben will sie nicht mehr reden. Der ist nämlich nicht mehr jüdisch, sondern eher universal. Aber das kann ich nicht erzählen, sagt sie, das ist wirklich zu unkonventionell.

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