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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.04.2016

Einheitsdenkmal in Berlin Weggewippt

Von Matthias Dell

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Modellbild des geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin (dpa / BBR)
Modell-Bild des geplanten Freiheits- und Einheits-Denkmals in Berlin. (dpa / BBR)

Das Berliner Einheitsdenkmal, eine riesige begehbare Wippe, wird nicht gebaut. Der Haushaltsausschuss des Bundestags entschied sich gegen das Denkmal an der Spree. Eine Wippe sei nicht nur die falsche Form, das Einheitsdenkmal habe auch keine Lobby, kommentiert Matthias Dell.

Auf die Frage, was nach Abriss des Palasts der Republik und vor Beginn der Stadtschlossrekonstruktion in der für einen Moment so schön leeren Mitte Berlins errichtet werden solle, sagte der Architekt Benjamin Foerster-Baldenius vom Büro Raumlabor einmal: ein Weltzentrum des Scheiterns; ein Ort, an dem man darüber nachdenken kann, was diesem Land nicht gelungen ist.

Das mag in den Ohren der meisten Menschen albern klingen, ist vielleicht aber näher an einem zeitgenössischen Begriff vom Denkmal als das, was heutzutage diskutiert und gebaut wird. Oder auch einmal nicht gebaut wird: Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat heute die Bundesregierung aufgefordert, das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin, eine riesige Wippe unter dem Namen "Bürger in Bewegung", nicht zu realisieren.

Gescheitert ist damit wie schon bei der Einheitsdenkmalsidee in Leipzig, was ästhetisch von Beginn zum Scheitern verurteilt war: der Versuch, die Erinnerung an ein positives historisches Ereignis in einem eigens entworfenen Denkmal aufzubewahren, in einer Form also, die für das kriegerisch-heroische Heldengedenken erfunden worden ist. Und die nur die falsche Form für die positiven Ereignisse demokratischer Gegenwart sein kann – für die Erinnerung an den Herbst 1989 braucht es keine Denkmäler, dafür gibt es Rituale, Feiertage.

Selbstkritisch und lernfähig

Insofern ist die Entscheidung der Großen Koalition zu begrüßen, zumal von ihr eine eigenartige, überraschende Flexibilität ausgeht: Die Politik zeigt sich in Zeiten, in denen die Glaubwürdigkeit von "denen da oben" in Frage steht, selbstkritisch und lernfähig. Sie modifiziert nicht an einer einmal getroffenen Entscheidung herum, um sie zu retten, sondern sie revidiert diese Entscheidung. Mit anderen Worten: Sie traut sich, das Scheitern einzugestehen.

Leider ist nur diese Sichtweise ein wenig zu heroisch. Beerdigt worden ist das Denkmal von Leuten, die einerseits auf Zahlen gucken, also auf Geld, das gespart werden kann, und andererseits Machtverhältnisse einzuschätzen wissen. Denn die Wippe war nicht nur die falsche Form, sie hatte auch keine Lobby. Das kann man an der im Wiederaufbau befindlichen Schlossattrappe erkennen, die gerade in Berlins Mitte entsteht; das ist auch die falsche Form, aber die Lobby ist größer. Sollte die Große Koalition also auf den Geschmack gekommen sein und Lernfähigkeit und Selbstreflektion weiterhin unter Beweis stellen wollen – es wäre immer noch möglich, dem Unsinn auf den Schlossplatz ein Ende zu bereiten.

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