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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 10.10.2010

Einfach mal nichts sagen

Vom Wert des Schweigens

Von Stefan Förner, Berlin

Stille Post (Stock.XCHNG)
Stille Post (Stock.XCHNG)

Wer nichts sagt, und - noch besser - damit möglichst oft zitiert wird, ist tot, weil er nicht mehr wahrgenommen wird, nicht mehr vorkommt. Wer allerdings meint, deswegen ständig zu allem etwas sagen zu müssen, irrt.

Denn wer trotz des damit verbundenen Risikos auch mal schweigt, steht in einer guten, allerdings ein wenig verschütteten Tradition: Jesus bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde, anstatt auf die Fangfrage der Pharisäer und Schriftgelehrten zu antworten. "Si tacuisses, philosophus mansisses" hat man uns nicht nur beigebracht, um den Konjunktiv Plusquamperfekt zu lernen. Nicht nur die Jesuiten empfehlen Schweigeexerzitien und manche Ordensleute haben sich ganz dem Schweigen verpflichtet. Aber auch im Alltag kann es besser sein, einfach mal nichts zu sagen.

Einfach mal nichts sagen. Wer kann das eigentlich noch? Und wer kann sich das überhaupt noch leisten? Wenn man nichts sagt, bleibt Falsches unwidersprochen, denn: Wer schweigt, scheint zuzustimmen, haben wir schon im Lateinunterricht gelernt. Wer schweigt, scheint Unrecht zu akzeptieren, Beleidigungen nicht zurückzuweisen. Und – fast noch schlimmer – wer nichts sagt, und seine Zitate nicht am nächsten Tag in der Zeitung findet, ist politisch oder gesellschaftlich nicht mehr vorhanden. Schweigen scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Dabei kann es hilfreich und sinnvoll sein, einfach mal nichts zu sagen, und wenn man damit nur größeren Ärger vermeidet. Peter Fox, Lieblingsinterpret meines Sohnes, hat beobachtet, was passiert, wenn einer "auch nicht nichts sagen kann". "Schwarz zu Blau" heißt das Lied, zugegeben, ein wenig drastisch, aber dafür nicht weniger eindringlich:

Peter Fox, "Schwarz zu blau" aus: Stadtaffe: Halb sechs, meine Augen brenn, /tret auf'n Typen, der zwischen toten Tauben pennt / hysterische Bräute keifen und haben Panik, denn /an der Ecke gibt es Stress zwischen Tarek und Sam: / Tarek sagt "Halt's Maul, / oder ich werd dir ins Gesicht schlagen!" / Sam hat die Hosen voll, aber kann auch nicht nichts sagen - / Die rote Suppe tropft auf den Asphalt / Mir wird schlecht, ich mach die Jacke zu, denn es ist kalt

Peter Fox erzählt typisiert und gerafft eine Szene, wie sie so oder so ähnlich nicht nur in Berlin und nicht nur um halb sechs nach einer durchzechten Nacht immer wieder passiert. Ganz persönlich verfolgt mich die Warnung auch schon mehr als mein halbes Leben: einfach mal nichts sagen, nicht immer noch einen draufsetzen und Kommentare abgeben, sonst wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis mir auch mal jemand non-verbal und schmerzhaft signalisiert, was er davon hält, dass ich immer meinen Senf dazu geben müsse. Die Backpfeife steht noch aus, aber vielleicht habe ich mir die Warnung ja mehr zu Herzen genommen als gedacht. Wenn die verbale Auseinandersetzung eskaliert, ist die gewalttätige Auseinandersetzung nur eine Frage der Zeit, ein Wort gibt das andere, es folgen Beschimpfungen, Androhungen von Gewalt, die man auch irgendwann meint, wahr machen zu müssen. Schon deswegen kann es hilfreich sein, einfach mal nichts zu sagen.

"Lieder ohne Worte" hat Felix Mendelssohn-Bartholdy eine Sammlung von Klavierstücken genannt, die zu meinem Thema passen. Sie erinnern an Lieder, weil sie Melodie und Begleitung haben, manche möchte man gleich mitsummen, aber man muss eben nicht auf den Text achten.

Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! (Joh 8,1-11)

Jesus bückt sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Er erkennt den Test, den die Pharisäer sich für ihn ausgedacht haben. Wenn er sich jetzt auf eine Diskussion einlässt, kann das nur schief gehen. Jesus wird verdächtigt, es mit dem Gesetz des Mose, mit der Tora, nicht so ganz ernst zu nehmen, nur nachweisen konnten sie es ihm noch nicht. Jesus lässt sich nicht provozieren, er schweigt, er sagt nichts auf die Frage: Jesus schreibt mit dem Finger auf die Erde, und auch "als sie hartnäckig weiterfragen" antwortet er im Grund auch nicht auf die Frage. Obwohl Jesus als Rabbi bezeichnet wird, als einer, dessen Auslegung der Tora gefragt ist, verzichtet er darauf. Sein Schweigen rettet vermutlich das Leben der Ehebrecherin.

Der Jesuit Franz Jalics, ein bekannter Exerzitienmeister, erzählt häufig die folgende Begebenheit: in die Kommunität, in der er in Argentinien lebte, stürmte ein Mann. Sehr aufgeregt und sehr empört wollte er jetzt und auf der Stelle ein Gespräch. Jalics, der ihm in die Arme lief und eigentlich gar keine Zeit hatte, wollte ihn weiterschicken und auf einen späteren Termin vertrösten, erkannte aber sehr schnell, dass dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Der Mann war nicht zu bremsen und redete und redete. Pater Jalics sagte nichts, er wäre nur mit Gewalt und erheblicher Lautstärke zu Wort gekommen. Nach einiger Zeit beruhigte sich der Mann und schließlich verabschiedete er sich mit den Worten: "Vielen Dank für das Gespräch, Sie haben mir sehr geholfen!" Pater Jalics erzählt diese Episode am Rande seiner Exerzitienkurse, in deren Mittelpunkt das Schweigen steht, gewissermaßen als eine Art "Zugabe" über den Wert des Schweigens im Alltag. Ich kann das aus meinem Alltag bestätigen: Mit manchem Anrufer habe ich mich schon endlos gestritten, weil ich alle meine guten Argumente loswerden wollte. Andererseits werden Menschen, die voller Empörung und Wut anrufen, nach und nach leiser, freundlicher, bringen von sich aus Gegenargumente, bedanken sich manchmal sogar, wenn man ihnen nicht sofort widerspricht, kluge Ratschläge erteilt, sondern einfach mal schweigt.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es gibt auch ein Schweigen, das tötet, das verletzt, wenn jemand Trost und Zuspruch sucht, das nötige und unverzichtbare Aufklärung verhindert, das Ausdruck absoluter Beziehungslosigkeit ist, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Ein solches Schweigen ist nicht gemeint. Vielleicht macht ein aktuelles Beispiel deutlich, dass es zwischen Schweigen und Schweigen einen großen Unterschied gibt: Die katholische Kirche darf bei Fällen von sexuellem Missbrauch nicht schweigen, sie darf keinem Opfer das Gespräch verweigern, sie darf nicht verschweigen, vertuschen, was Menschen großes Leid zugefügt hat. Meiner Meinung nach wäre sie aber gut beraten, nicht mehr immer und zu jeder Zeit moralische – oder schlimmer noch – moralisierende Kommentare zu den Zeitläufen, zu jedem größeren oder kleineren Skandal abzugeben. Wenn Jesus nicht den Stab über die Ehebrecherin bricht, sondern in den Sand malt, dann ist das das Schweigen, das ich meine. Oder aber ein anderes Beispiel: Wenn sich Menschen in einer Beziehung die Aussprache verweigern, kann das tödlich sein, in jedem Fall für die Beziehung selbst. Hier ist es natürlich wichtig und dringend angesagt, miteinander zu sprechen, Probleme und Schwierigkeiten anzusprechen, um sich näher zu kommen. Auf der anderen Seite gibt es bei Menschen, die sich gut verstehen, die sich lieben, häufig ein tiefes Einverständnis, das Worte überflüssig macht.

Wer im Namen der Kirche karitativ wirkt, wird niemals dem anderen den Glauben der Kirche aufzudrängen versuchen. Er weiß, dass die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das Beste Zeugnis für den Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt. Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen. Er weiß, dass Gott Liebe ist und gerade dann gegenwärtig wird, wenn nichts als Liebe getan wird. (Benedikt XVI., Enzyklika "Deus caritas est", Nr. 31)

Auch christliche Verkündigung braucht das Wort, schließlich ist das Christentum eine Buchreligion, sind wir aufgefordert, Zeugnis zu geben von Christi Botschaft, wie soll das schweigend gehen? Benedikt XVI. hat in seiner gerade zitierten Enzyklika "Deus caritas est" auf dieses Dilemma hingewiesen. Er schreibt dort: "Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen." Manchmal wünschte man, er hätte öfter recht und wirklich alle Christen wüssten es, oft genug kommen einem Reden von Gott überflüssig und geschwätzig, ja lästig vor. Papst Benedikt XVI. hat die Verkündigung ohne Worte in den Titel seiner Enzyklika "Deus caritas est" gehoben: die Verkündigung durch die Tat, die tätige Nächstenliebe, genau genommen. Der Heilige Ignatius von Loyola, Begründer des Jesuitenordens, hat das in seinen "Geistlichen Übungen" so formuliert: "Die Liebe muss mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden". Als Beleg kann der Satz aus dem ersten Johannesbrief gelten: "Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner" (1 Joh, 4,19) oder ein Gleichnis, mit dem Jesus an anderer Stelle letztlich auf eine an ihn gerichtete Frage äußerst beredt schweigt:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst." Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! (Lk 10,25-37)

Zwar muss Jesus reden, um dieses Gleichnis zu erzählen, um es umzusetzen, muss man letztlich nichts sagen. Viele Regeln Jesu funktionieren so: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin, wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel, wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm, wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. (Mt 5,39-42) Und auch die zentrale Feier unseres Glaubens, die Feier des Abendmahls funktioniert letztlich ohne Worte. Genauso Jesu Auftrag: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!"

Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. / Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des Herrn erging an ihn: Was willst du hier, Elija? / Er sagte: Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. / Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. / Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. /Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. (1 Kön 19,8-13)

Letztlich lässt das Schweigen auch alle Gebete hinter sich. Die Zwiesprache mit Gott braucht keine Worte, wo Gott erst im sanften, leisen Säuseln erkannt wird, könnten Worte nur überdecken, worum es im innersten geht. Gott offenbart sich im Schweigen, im sanften, leisen Säuseln, und auch der Mensch antwortet am Vollständigsten im Schweigen.


Musik und Literatur dieser Sendung
• Peter Fox, Stadtaffe, Downbeat Records (Warner), 2008, LC04652 ,
• Felix Mendelssohn Bartholdy, Lieder ohne Worte, Klavier: Daniel Barenboim, 2CDs, Deutsche G (Universal), 1997, LC 0173
• Klaus Mertes, Johannes Siebner, Schule ist für Schüler da, Freiburg 2010
• Benedikt XVI., Enzyklika "Deus caritas est"

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, dem katholischen Senderbeauftragtern für Deutschlandradio Kultur.

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