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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.05.2007

Einer, der viel bewirkt hat

Ausstellung zum 80. Geburtstag von Ignatz Bubis

Von Anke Petermann

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Ignatz Bubis im Jahr 1994. (AP Archiv)
Ignatz Bubis im Jahr 1994. (AP Archiv)

In der Öffentlichkeit wurde der ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden vor allem als Repräsentant der jüdischen Kultur wahrgenommen. Die Ausstellung "Ignatz Bubis (1927–1999) - Ein jüdisches Leben in Deutschland" im Jüdischen Museum in Frankfurt/M. schlägt den Bogen weiter und zeigt ihn auch als Sohn der Stadt, Unternehmer und Protestierer.

Raphael Gross, Leiter des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, zum Ausstellungskonzept: " Also wir folgen zwei Strängen – zum einen natürlich die Biografie, das leben eines Mannes, der seine Familie verloren hat, der in Tschenstochau in verschiedenen Lagern im Nationalsozialismus gelitten hat, der dann aber beschloss in Deutschland zu bleiben. Und wie er die verschiedenen Konflikte erlebt hat, die sich, zum Teil, indem er aktiv wurde, zum Teil indem er sozusagen als Person angegriffen wurde, um ihn herum kristallisierten: die Fassbinder-Kontroverse, Börneplatz, zuvor schon die Kontroverse um ihn als "jüdischen Spekulanten". Er wurde nicht nur als Spekulant, sondern – was ihn besonders empörte – als "jüdischer Spekulant" angegriffen in der Westendauseinandersetzung, … "

… in dem Streit also um die Erweiterung des Frankfurter Banken- und Geschäftsviertels in den angrenzenden Stadtteil Westend hinein, dessen Altbauten Anfang der siebziger Jahre nicht nur Studenten preiswerten Wohnraum boten. Frankfurts Grüne werden gelegentlich als die Nachfahren der Häuserkämpfer bezeichnet und die grüne Bürgermeisterin Jutta Ebeling kommentiert den Vorwurf des latenten Antisemitismus an die damalige Protestszene:

" Es gab eine sehr deutliche Kritik an der Sanierung des Westendes, was ich bis heute richtig finde, aber sowohl die AG Westend wie der Häuserrat damals haben die Grenze der berechtigten Kritik deutlich überschritten, als sie das Spekulantentum mit dem " jüdisch" in Verbindung gebracht haben, das war damals beschämend und ist bis heute beschämend, betrifft aber – damals gab es ja die Grünen noch gar nicht - das betrifft weite gesellschaftliche Kreise. "

Fotos der besetzen Bubis-Häuser an der Bockenheimer Landstraße, vom Abrissbagger, von Barrikaden und Polizeiaufmärschen, unmittelbar daneben: Bilder einer Bühnenbesetzung im Frankfurter Theater - der Westend-Konflikt der siebziger Jahre – in der Ausstellung geht er unmittelbar über in die Kontroverse um die Frankfurter Aufführung des Fassbinder-Stücks "Der Müll, die Stadt und der Tod" von 1985.

Damals war Bubis seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und frisch in den Verwaltungsrat des Zentralrats der Juden gewählt. Antisemitische Stereotype in dem Fassbinder-Stück wie die Figur des reichen Juden – für Bubis Anlass, gemeinsam mit Gleichgesinnten wie Michel Friedman, die Bühne zu stürmen. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik war auch dabei:

" Ignatz Bubis war der festen Überzeugung, dass mit dieser Gestalt er gemeint sei – was nicht der Fall war, weil man zeigen kann anhand der literarischen Vorlage zu Fassbinders Stück, nämlich dem Roman von Zwerenz "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond", dass da offenbar jemand anders abgebildet werden sollte."

"Subventionierter Antisemitismus" hieß es auf dem Transparent, das die Demonstranten auf der Bühne entrollten. "Ich kam zufälligerweise so zu stehen, dass ich die beiden Worthälften von ‚subventionierter’ zusammenhalten musste, und hatte den ganzen Abend damit zu tun, im Eifer des Gefechts weder das i noch das o zu verlieren" steht als Bubis-Zitat unter dem Foto aus dem Fundus des Deutschen Theatermuseums München zu lesen.

" Ich habe ihn körpersprachlich als ausgesprochen verängstigt erlebt, so wie jemand, der sich etwas traut, das er sich noch nie getraut hat, und der nun Angst vor den Folgen hat. Das Neue war, dass die Menschen, die sich durch ein Theaterstück angegriffen fühlten, zum ersten Mal die Angelegenheit in die eigenen Hände nahmen und sich nun plötzlich gewisser Praktiken bedient haben, die man bis dahin nur aus den Reihen der Studenten kannte. Also etwas ganz Ungewöhnliches und irgendwie Gesetzwidriges getan haben, und das öffentlich. "

.. erinnert sich Micha Brumlik. Ein Widerstandsakt, der für deutsche Juden Zeichen setzte, meint Dieter Graumann, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt:

" Die Legitimität kämpferischen jüdischen Einsatzes in Deutschland – das hat vor ihm kein jüdischer Funktionär so gemacht - niemand hatte das gewagt, er hatte das als Erster eingeführt und hat für uns ein Tor aufgestoßen, durch das wir bis heute immer wieder durchgehen."

Insofern hat der Protest des Zentralrats der Juden gegen die Verharmlosung des NS-Marinerichters Filbinger durch den Stuttgarter Ministerpräsidenten Oettinger indirekt auch etwas mit dem Wirken des streitbaren Ignatz Bubis zu tun. Der am Ende des Lebens resignierte und in seinem letzten Interview im Juli 1999 festhielt "Ich habe nichts oder fast nichts bewirkt".

Ein Fazit, das viel zu tun hat mit der Walser-Rede ein Jahr zuvor in der Frankfurter Paulskirche. Bei Entgegennahme des Friedenpreises des Deutschen Buchhandels spricht der Schriftsteller von den Auschwitz-Verbrechen als "Moralkeule", wohl als Warnung vor einer angeblichen Instrumentalisierung des Gedenkens an den Holocaust. Der damals schon kranke Zentralratspräsident fasst es auf als Plädoyer fürs Wegschauen, als geistige Brandstiftung, wie er später sagt. Es muss schrecklich für Ignatz Bubis gewesen sein, mutmaßt Dieter Graumann,

" … als er ganz allein mit seiner Frau sitzen blieb, während alle mehr oder weniger begeistert applaudierten, sogar Ovationen abgeliefert haben. Das Gefühl allein zu sei, allein gelassen zu werden, das war dann sehr stark auch in den nächsten Wochen es sehr still war – Intellektuelle haben sich zurückgehalten, die Kirchen haben sich damals wieder mal zurückgehalten. Und das verschlimmert durch seine körperliche Situation hat ihn zu seinen defätistischen Äußerungen getrieben. Viele große Menschen überschätzen sich, Ignatz Bubis hat sich in dieser Äußerung sicherlich unterschätzt, denn er hat doch sehr, sehr viel bewirkt. "

Service:

Die Ausstellung "Ignatz Bubis (1927 - 1999) - Ein jüdisches Leben in Deutschland" ist im Jüdischen Museum in Frankfurt/M. vom 17. Mai bis 11. November 2007 zu sehen.

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