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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.12.2011

Einer der letzten jiddisch schreibenden Bukowina-Autoren

Alexander Spiegelblatt: "Schatten klopfen ans Fenster", Wehrhahn Verlag, Hannover 2011, 120 Seiten

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Bei Spiegelblatt entkommt zumindest die Sprache dem Horror.  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Bei Spiegelblatt entkommt zumindest die Sprache dem Horror. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Alexander Spiegelblatt wurde als Bukowiner Jude geboren und mit seiner Familie im Zweiten Weltkrieg deportiert. Er überlebte die Lager und zählt heute zu den letzten Autoren in jiddischer Sprache. Dieser Band versammelt vier seiner Erzählungen in deutscher Übersetzung.

"´Auf unseren Herzen liegen Steine´, urteilte er als Diagnose, ´und die Medizin kennt kein Mittel sie hinabzuwälzen. Das ist schlimmer, mein Freund, als Gallen- oder Nierensteine, die man austreiben kann. Selbst Vegetarier wie du können sie nicht loswerden. Es ist eine jüdische Krankheit, auch wenn die Steine nicht gerade jüdisch sind...´"

Gerade deshalb müssen die Geschichten bewahrt werden. Seit jeher schreibt Alexander Spiegelblatt - Jahrgang 1927, seit 1964 in Israel lebend - auf jiddisch. Nach dem ersten Teil seiner Autobiografie ist nun auch ein Erzählband in deutscher Übersetzung erschienen. Das Vergangene erscheint darin unerwartet nah und lebendig, denn die sorgfältige Sprache hat weder Patina angesetzt noch ergeht sie sich in der Routine antiquierter Bilder. (Eine Gefahr, der andere der sogenannten "Bukowina-Dichter" wie Alfred Margul-Sperber, Immanuel Weißglas oder Alfred Kittner nicht immer entkommen waren.)

"Schatten klopfen ans Fenster", der Titel des Erzählbandes, lässt die Binnen-Welt des heute in der Ukraine gelegenen Landstrichs noch einmal auferstehen, die im Jahre 1941 endgültig zerbrach, als die mit Nazideutschland verbündeten Rumänen die alteingesessenen Juden nach Transnistrien deportierten, in ein unwirtliches Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug. Über 200.000 Menschen fanden hier den Tod, erschlagen, erschossen, verhungert oder verdurstet, Krankheiten und Seuchen zum Opfer gefallen. Alexander Spiegelblatt ist einer der Überlebenden, doch den Autor interessiert vor allem das Davor und das Danach – und Figuren, die "die nachhängenden Fransen eines österreichischen Deutsch nicht loswerden können".

Kammerton und Zimmerlautstärke. Ein ruhiger, konzentrierter Ton, um schließlich von jenen zu erzählen, die zugrunde gingen. Von Franz in der Erzählung "Im Morgengrauen", der mit zwei Freunden die tiefen Wälder und hohen Berge in der Umgebung des Bukowina-Städtchens erwandert, vertieft in allerlei Gespräche über Gott und die Welt. Was aber, wenn Gott abwesend scheint und die Welt ein zunehmend gefährlicher Ort wird? "Mitte der dreißiger Jahre fühlten die drei Wanderer bereits eine Kälte, die langsam in ihre Umwelt einzog."

Später überlebt Franz als einer der wenigen und kehrt aus Transnistrien ins Städtchen zurück. "Der Abgrund, der sich mit der Vertreibung aufgetan hatte, ließ sich nicht überbrücken. Von jener Heimat war nur die Schale geblieben, innerlich von Würmern zerfressen. Er suchte sie leidenschaftlich und war bereit, ihr den Verrat zu verzeihen, wenn er sich nur wieder anschmiegen könnte." Vergeblich. Bei einer letzten Wanderung kommt er zu Tode, und es bleibt offen, ob dies nun Selbstmord oder ein Unfall war.

Wenn in Spiegelblatts so konzentrierten, ruhigen und gerade deshalb eindringlichen Erzählungen vom Krieg die Rede ist, dann zumeist vom Ersten Weltkrieg. Die Juden waren für "ihren" Kaiser Franz Joseph in den Krieg gezogen und wurden in russischer Kriegsgefangenschaft zumeist korrekt behandelt. In den Provinzstädtchen des zerfallenden Zarenreichs traf man auf andere Juden, bei einem heißen Samowar wurden Gedichte gelesen und auf Holzspänen-Dielen improvisierte Theaterstücke von Scholem Alejchem aufgeführt.

Kultur und Gesittung in rauer Zeit, die für Momente, mitunter sogar für Jahre tatsächlich zur Rettung taugten – gegen die Zumutungen der großen Politik, gegen Revolution und Konterrevolution, gegen Nationalismus oder einfach nur als Antidot zum schäbigen Alltag.

"Elis Erzählungen über die Gefangenschaft in Tambow waren mit einem dünnen, seidenen und nostalgischen Faden zusammengeheftet, besonders in den späten Jahren nach der Shoah, nachdem er vom anderen Ufer des Dnjestr zurück gekommen war, wohin die Rumänen die Bukowiner Juden verschickt hatten, auf dass sie umkämen. Jene fernen Jahre der Gefangenschaft in Russland erschienen ihm nun wie ein Idyll."

Das ist in Stil und Ton mehr als reine Wissensvermittlung, mehr als ein literarischer Appendix zu Geschichtswerken. Denn nie verliert sich Spiegelblatt in epischer Breitpinselei oder gar Kletzmer-Kitsch, sondern fügt den gängigen "Großen Erzählungen" lieber etwas beinahe Unscheinbares hinzu- "wie ein Pünktchen, wie ein kleines Chirik, ein `I´-Vokalpünktchen unter einem hebräischen Buchstaben". Und obgleich die letzte Erzählung vom Alptraum eines Schriftstellers handelt, der plötzlich die "schwarzen Spieße" der Uhrzeiger auf dem Ziffernblatt sich rückwärts bewegen sieht, entkommt zumindest die Sprache dem Horror.

Alexander Spiegelblatt: Schatten klopfen ans Fenster. Vier Erzählungen. Aus dem Jiddischen von Kay Schweigmann-Greve. Wehrhahn Verlag, Hannover 2011, 120 Seiten, 12 Euro

Besprochen von marko Martin

Alexander Spiegelblatt: Schatten klopfen ans Fenster. Vier Erzählungen
Aus dem Jiddischen von Kay Schweigmann-Greve
Wehrhahn Verlag, Hannover 2011
120 Seiten, 12 Euro

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