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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.09.2005

Eine Zahl für die Erklärung der Welt

Thomas Lehr: "42"

Rezensiert von Helmut Böttiger

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Der Ringbeschleuniger des CERN in Genf. (CERN, Genf)
Der Ringbeschleuniger des CERN in Genf. (CERN, Genf)

"42" lautet der Titel des neuen Romans von Thomas Lehr, und wer Douglas Adams und sein Kultbuch "Per Anhalter durch die Galaxis" gelesen hat, weiß, dass die Zahl als Chiffre für die Erklärung der Welt steht. Lehrs Roman scheint durchaus Elemente von Science-Fiction zu haben, und es entsteht auch eine starke Spannung - doch nie wird dieser Roman zu Fantasy.

Das Thema scheint in der Luft zu liegen. Schon vor Thomas Lehr gab es literarische Versuche, die geheimnisumwitterte Forschungsstätte CERN in Genf zu thematisieren. Sie steht weltweit an der Spitze, was Experimente zur Teilchenbeschleunigung, zur Atomphysik anbelangt, der Italiener Daniele del Giudice schrieb vor Jahren einen Roman darüber, und jetzt hat auch der amerikanische Bestsellerautor Dan Brown das CERN in den Mittelpunkt eines Thrillers gestellt: Terroristen entführen aus dem CERN ein Gramm Antimaterie, um die Welt in Schutt und Asche zu legen - ein sehr spektakulärer, ein unmöglicher Vorgang.

Thomas Lehr aber hat nichts mit derlei Trivialschmökern zu tun. Der Autor ist Naturwissenschaftler, hat Biochemie studiert und versteht etwas von der Sache. Seine Obsession aber gilt dem Roman, und seine literarische Versuchsanordnung, in der das CERN in Genf im Mittelpunkt steht, verbindet das Physikalische und das Poetische in einer bisher ungewohnten Art und Weise. Alles, was in diesem Roman über das CERN und seine Ausgangsbedingungen geschildert wird, ist fundiert und entspricht exakt den tatsächlichen Gegebenheiten. Doch dann entwickelt sich eine Handlung, die märchenhaft anmutet, naturwissenschaftlich nicht mehr erklärbar ist und dennoch eine verwirrende, in sich geschlossene Logik aufweist.

Science-Fiction-Liebhaber, die sich vom Titel angesprochen fühlen, stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung. "42" lautet der Titel, einfach diese Zahl, und wer Douglas Adams und sein Kultbuch "Per Anhalter durch die Galaxis" gelesen hat, weiß, dass die Zahl "42" hier, auratisch und geheimnisvoll, als Chiffre für die Erklärung der Welt, für den letzten Sinn steht - das Ergebnis einer aufwendigen mathematisch-physikalischen Berechnung. Eine der interessantesten Nebenerscheinungen des Romans von Thomas Lehr wird sein, wie sich die Douglas Adams-Fans dazu verhalten. Denn Lehrs Roman scheint durchaus Elemente von Science-Fiction zu haben, und es entsteht auch eine starke Spannung - doch nie wird dieser Roman zu Fantasy, nirgends tauchen phantastische Wesen auf. Es ist alles auf eine verstörende, irreale Weise - realistisch.

Um 12 Uhr 47 und 42 Sekunden bleibt die Zeit plötzlich stehen. Wie das genau geschieht, ist Anlass zu diversen Vermutungen: Es hat offenkundig etwas mit einer öffentlichen Präsentation des CERN zu tun, zu der Pressevertreter eingeladen sind, und dabei geschieht etwas Unvorgesehenes. 70 Menschen, die sich zufällig im Bannkreis des CERN-Inneren aufhalten, leben weiter wie zuvor, können sich bewegen und halten sich innerhalb der gewohnten Zeitvorstellungen auf, sie altern und agieren wie üblich. Der Rest der Welt aber steht still. Die Menschen sind mitten in ihrer um 12.47 Uhr erfolgten Bewegung stehen geblieben, sie sitzen im Café, sie stehen vor einem Schaufenster, sie laufen gerade durch die Fußgängerzone: Sie sind in genau diesem Moment fixiert, aber sie sind offenkundig nicht tot. Es ist einfach eine Zeitlücke, in die die 70 Personen auf dem CERN-Gelände gefallen sind. Würde die Zeit weiterlaufen, hätte niemand etwas von der übrigen Bevölkerung gemerkt - von dieser Zeitlücke, die im Erleben der nicht vom Sekundenstillstand erfassten 70 Personen fünf Jahre lang dauert.

Lehr entwickelt aus dieser Versuchsanordnung suggestive literarische Expertisen über das Phänomen der Zeit, über die Unwägbarkeiten der Wahrnehmung, über die Vorläufigkeit dessen, was im allgemeinen Verständnis selbstverständlich anmutet. Er tut dies, ohne jemals esoterisch und irrational zu werden, er bedient keinerlei übersinnliche Bedürfnisse. Nach einer gewissen Anlaufzeit, die den Leser durchaus irritiert, entwickelt die Handlung dieses Romans Thriller-Elemente, die man so noch nie gekannt hat. "42", das ist die direkte Übersetzung der Einsteinschen Relativitätstheorie in Literatur. Alle Gewissheiten schwinden. Aber alles ist auf eine merkwürdige Weise nachvollziehbar.


Thomas Lehr: "42". Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. 368 Seiten, 19,80 €.

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