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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.03.2010

Eine Wiederentdeckung

Andreas Nohl (Hrsg.): "Mark Twain: Tom Sawyer und Huckleberry Finn", Hanser Verlag, München 2010, 712 Seiten

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Mark Twain wuchs am Mississippi auf und war Bootsjunge. (AP Archiv)
Mark Twain wuchs am Mississippi auf und war Bootsjunge. (AP Archiv)

Kinderbücher wie Mark Twains "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn" kann man auch als Erwachsener noch einmal lesen. Erst recht, wenn eine neue Übersetzung vorliegt, die die altbekannten Geschichten von Betrügern, Säufern und Bauern in frischen Farben erzählt.

"Tom Sawyer", erstmals erschienen 1876, ist ein Buch, das die meisten von uns schon in ihrem Kinderzimmer gelesen haben - gewöhnlich in der Übersetzung von Lore Krüger aus dem Jahr 1954. Es ist aber ein Buch, das man im Leben zweimal lesen sollte, und einen wunderbaren Anlass dafür bietet die neue Übersetzung von Andreas Nohl.

Als Kind ist man ganz damit beschäftigt, die Abenteuer von Tom Sawyer, Huck Finn und Becky Thatcher mitzuerleben, sich mit ihnen in der Kirche zu langweilen, den Erwachsenen Streiche zu spielen, ihre Liebe, ihre Kämpfe und Intrigen unter Kindern zu teilen und sich vor dem mörderischen Indianer Joe zu fürchten.

Als erwachsener Mensch wird man entdecken, dass die von Mark Twain so bildhaft vorgeführte Kleinstadt St. Petersburg am Mississippi ein Abbild der rückständigen, rassistischen und abergläubischen Gesellschaft der amerikanischen Südstaaten ist. Man wird auch die satirische Schärfe zu schätzen wissen, mit der die frommen Damen und engstirnigen Kleinbürger, die Honoratioren und Ganoven dargestellt sind, und immer wieder beeindruckt sein, wie genau da der Ton getroffen ist, wie plastisch Gesten und Verhaltensweisen aus dem geschrieben Wort entstehen. Da kommt kein Film mit.

Noch viel deutlicher wird dieser "erwachsene" Aspekt in den Abenteuern von Huckleberry Finn (erschienen 1874), dem zweiten Teil der Geschichte. Der Herumtreiber und Ausreißer Huck flieht zusammen mit dem Sklaven Jim den Mississippi hinunter und gibt in seinen schlichten Worten die Realitäten dieser Zeit und dieser Gegend wieder, wie sie Mark Twain aus seiner Zeit als Flusslotse auf dem Mississippi so gut kennengelernt hatte.

"Huck Finn" ist ein amerikanischer Schelmenroman - der amerikanische Schelmenroman schlechthin -, und genau diesen Charakter arbeitet die neue Übersetzung von Andreas Nohl vor allem heraus. Sie überträgt die ungewöhnliche Frische, das naive Understatement, das in der – damals völlig unüblichen – Sprache und Perspektive eines Straßenjungen liegt, in ein für die Gegenwart höchst taugliches Deutsch. Die Gratwanderung zwischen Slang und Schriftsprache, zwischen historischem und gebräuchlichem Deutsch gelingt Nohl ausnehmend gut: Man liest die altbekannten Geschichten von Betrügern und Negern, Säufern und Bauern wie eine Wiederentdeckung – nur in frischeren, klareren Tönen und Farben.

Besprochen von Katharina Döbler


Mark Twain: Tom Sawyer und Huckleberry Finn
Herausgegeben und neu übersetzt von Andreas Nohl
Hanser Verlag, München 2010, 712 Seiten, 19,90 Euro

Kostja Ullmann (Tom Sawyer) und Regisseur Alexander Schuhmacher bei den Aufnahmen für "Huckleberry Finns Abenteuer" (Philip Glaser)Kostja Ullmann (Tom Sawyer) und Regisseur Alexander Schuhmacher. (Philip Glaser) Programmhinweis: "Huckleberry Finns Abenteuer" können Sie in unserer Hörspielserie hören. Nämlich am10. März und am 17. März, am 24. März und am 31. März sowie am 7. April: also immer mittwochs um 21.33 Uhr hier im Deutschlandradio Kultur.

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