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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2013

Eine ungleiche Beziehung

Stefan Zweig: "Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte", S. Fischer, Frankfurt/Main 2013, 367 Seiten

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig (1881 - 1942) (picture alliance / dpa)
Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig (1881 - 1942) (picture alliance / dpa)

Unter dem Titel "Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte!" sind jetzt die Briefe des Autors Stefan Zweig an seine Frau Lotte erschienen. Der mit Bildern ergänzte Band enthält die bisher unveröffentlichten Briefe Zweigs an Lotte Altmann und liest sich stellenweise wie eine Biografie.

Älterer Mann trennt sich von Ehefrau, um seine Sekretärin zu heiraten - Stefan Zweig, den Spezialisten komplizierter Liebesverwicklungen, hätte solch eine geradlinige Geschichte nicht gereizt. Allerdings stieß sie ihm selbst zu. "Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte", schreibt er dieser jungen Frau. Den zierlichen Satz hat der Herausgeber Oliver Matuschek als Titel seiner Ausgabe von Briefen Zweigs an Lotte Altmann gewählt. Der Leser ergänzt ihn bald durch einen zweiten von Zweig: "Maschine nehmen Sie natürlich mit!"

Zuneigung und Arbeit sind die beiden Pole dieser Beziehung, die bisher vor allem in der Version der Ehefrau Friderike bekannt war. Sie überrascht ihren Mann und Lotte 1935 in einem Hotelzimmer in Nizza in einer verfänglichen Situation, bemüht sich aber um Gelassenheit und begegnet Lotte in den nächsten Jahren ohne Vorwürfe, während ihre bereits kriselnde Ehe zu Ende geht.

Allerdings langsam. Stefan Zweig ist nicht hitzig, eher konfliktscheu. Am Wichtigsten ist ihm das Schreiben, und Hitler zwingt ihn, sich mit ungeliebten politischen Fragen zu beschäftigen: Die meisten seiner Leser leben in Deutschland, die meisten seiner Freunde, darunter Joseph Roth und viele Musiker, leben im Exil in Armut. So sehr sich der wohlhabende Mann Anfang 50 freut, dass die knapp 30 Jahre jüngere Frau ihn begehrt - sie bleibt doch immer seine Sekretärin, organisiert einen Teil seiner Reisen, schreibt seine Manuskripte ab, erledigt Aufträge. Als beide 1939 im englischen Bath ein Haus beziehen und Lotte tagelang für Einkäufe in London weilt, beschwert sich Stefan: "So kommt es jetzt nicht auf Gläser und Untertassen an, sondern dass endlich der Hausstand ruhig läuft - alles andere bleibt Nebensache."

Immer öfter an seiner Seite

Lotte hat nie ein Haus geführt. Die Tochter von Kattowitzer Fabrikanten, die nach Deutschland auswandern, als Oberschlesien 1922 teilweise an Polen abgetreten wird, muss Mitte 1933 als Jüdin die Frankfurter Universität verlassen und wandert mit der Familie ihres Bruders nach London aus. Offiziell darf sie keine Stelle annehmen. Doch im Frühjahr 1934 beginnt Lotte als Sekretärin für den weltberühmten Bestsellerautor zu arbeiten, der in London eine Biografie über Maria Stuart schreiben will, außerdem Distanz zu Hitler-Deutschland und der schwierigen familiären Situation in Salzburg sucht. Das "gescheite Geschöpf mit den melancholischen Augen‟, wie sie ein Freund Zweigs nennt, ist immer öfter an dessen Seite zu sehen, in London und während zahlreicher Reisen auf dem Kontinent.

Das Ungleichgewicht, das die Beziehung zwischen beiden geprägt haben mag, zeigt sich im Briefband: Lottes Briefe hat Zweig vernichtet, erhalten sind nur seine. Oliver Matuschek ergänzt sie klug durch Schreiben von Verwandten und an sie und bettet alle in einen erläuternden Text ein, der sich stellenweise wie eine Biografie liest. Zweig schreibt Lotte, von Matuschek schon Monate vor der Hochzeit zur Ehefrau gemacht, meist spröde und umständlich, amüsant wirkt er nur im Kontakt mit seiner Schwägerin Hanna.

Im Mittelpunkt des Bandes steht so seltsamerweise eher das - mit einigen Briefen von Friderike dokumentierte - Ende der Ehe Zweigs als dessen neue Liebesbeziehung mit jener Frau, die mit ihm 1942 in Brasilien in den Freitod gehen wird.

Besprochen von Jörg Plath

Stefan Zweig: Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte. Briefe 1934 - 1940 an Lotte Zweig
S. Fischer, Frankfurt/Main 2013
367 Seiten, 24,99 Euro

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