Eine übermütige Groteske

07.01.2013
Mit seinem neuen Roman hat Antonio Ungar eine sehr bittere, wenig hoffnungsfrohe Satire auf den politischen Betrieb in Lateinamerika verfasst. Ungar gilt als die originellste Stimme der zeitgenössischen kolumbianischen Literatur und arbeitet als Journalist für internationale Zeitungen.
Geradezu beschwingt beginnt dieser Roman: Rätselhaft, regelrecht knallig in seiner Absurdität vollführt der Text in seinem Verlauf eine scharfe Wende. Wie der Protagonist dieses Romans beim Üben mit seinem Kontrabass das Reißen einer der Saiten hinnehmen muss, wie er sich plötzlich konfrontiert sieht mit der Weigerung seines Vaters, das Brot fürs Frühstück zu kaufen, wie er sein Leben beschreibt als den Werdegang eines eher wenig erfolgreichen jungen Mannes - all das trägt die Züge einer übermütigen Groteske, die sich in feierlichem Ton an eine "Hörerschaft" richtet.

Aber der rasante und lässige Grundton wird schnell ergänzt durch eine überaus ernste Angelegenheit. Ein Attentat, ein politischer Mord an einem Oppositionsführer in einem fiktiven lateinamerikanischen Land wird zum Angelpunkt der Handlung. Jener Politiker, der als eine Art König der einfachen Leute zum Hoffnungsträger in einem durch und durch korrupten, von Intrigen und dunklen Machenschaften beherrschten Land avancierte, wird ganz schnöde beim Mittagessen in einem italienischen Restaurant durch drei Kopfschüsse getötet.

Der unbeholfene und schwergewichtige Kontrabassist sieht diesem getöteten Politiker zum Verwechseln ähnlich. Wahlen stehen an, die oppositionelle Partei, die ihre Hoffnungen, die langwährende Herrschaft des gegenwärtigen Präsidenten beenden zu können, ganz und gar auf die Person ihres Kandidaten zugeschnitten hat, macht den unbedarften Doppelgänger ausfindig und überredet ihn, in die Rolle des ermordeten Politikers zu schlüpfen, wenigstens zeitweise, auf dass die Wahlen gewonnen werden, danach werde man seinen Rückzug schon organisieren. Auf das (recht gut bezahlte) Spiel lässt sich der Doppelgänger ein.

Aus der spielerischen Komödie wird sehr bald blutiger Ernst. Längst ist es nicht damit getan, auf Fototerminen zu erscheinen und als bandagierte Marionette ein politisches Symbol zu verkörpern. Die Fassade wird zur zweiten Haut, das Sich-Einlassen auf den Rollenwechsel wird zum ernsthaften Kompromiss. Stück für Stück gerät der Romanheld in den Strudel eines schmutzigen politischen Geschäfts. Zwischen Drogenmafia und "stalinistischer" Guerrilla, zwischen faulen Absprachen und üblem Verrat, zwischen dem Zynismus des politischen Gebarens und dem Anspruch auf ein Leben, das einer "normalen" menschlichen Moral folgt, wird dieser Mann zerrieben und steuert auf sein tragisches Ende zu.

Antonio Ungar hat eine sehr bittere, wenig hoffnungsfrohe Satire auf den politischen Betrieb in Lateinamerika verfasst. Dieses Buch erlaubt Einblicke, die durchaus schmerzhaft sind. Wenn man von so etwas wie einer engagierten Literatur noch etwas zutrauen mag, einer Literatur, die sich nicht scheut, die offenen Wunden einer Gesellschaft zu benennen und zu verhandeln, dann wäre dieser Roman ein gelungenes Beispiel.

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Antonio Ungar: Drei weiße Särge
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
285 Seiten, 19,99 Euro
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