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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.05.2008

Eine sympathisch altmodische Liebe

William Shakespeares "Romeo und Julia“ am Münchner Residenztheater

Von Christoph Leibold

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David Rott und Lisa Wagner in "Romeo und Julia" (Thomas Dashuber)
David Rott und Lisa Wagner in "Romeo und Julia" (Thomas Dashuber)

Zwei verzückte, entzückende Teenager sind es, die in Tina Laniks Inszenierung den Romeo und die Julia geben. Die Aufführung ist für das Bayrische Staatsschauspiel erstaunlich jung, jedoch keineswegs anbiedernd. Und bietet als Höhepunkt ein wunderbar berührendes Bild paradiesischer Unschuld.

Es beginnt wie ein Film: mit dräuender Musik, einer sonoren Erzählerstimme aus dem Off, die Shakespeares Prolog spricht. In einem breiten Guckkasten mit niedriger Decke vom Format einer Kinobreitwand stehen junge Männer und feuern aus Pistolen, bis es raucht.

Dann fährt eine Holzwand vom Schnürboden, wie ein Filmtitel darauf projiziert erscheint: "Romeo und Julia". Tina Lanik hat die wohl populärste Liebestragödie der Welt am Münchner Residenztheater inszeniert - im Stil eines Straßengangster-Epos:

Schon Baz Luhrmann hatte in seiner erfolgreichen Filmadaption mit Leonardo di Caprio vor zwölf Jahren "Romeo und Julia" mit jeder Menge Jugendkultur vollgepumpt und als grandiose Kitschorgie inszeniert. Tina Lanik knüpft dort elegant an, ohne billig zu kopieren.

Auch ihre Fassung ist sehr jung in der Anmutung, zugleich aber ironisiert Lanik klug den Jugendkult, der auch die Elterngeneration erfasst hat: Alle wollen hier jung und hip sein. Julias Vater Capulet etwa trägt einen schicken Anzug, wie ihn 25-Jährige heute tragen; Julias Amme stapft in roten Turnschuhen über die Bühne. Beide sehen ein wenig lächerlich aus.

Beim Maskenball schließlich, bei dem sich Romeo und Julia kennen und lieben lernen, zappeln alle - ganz gleich ob jung oder alt - im stampfenden Disko-Rhythmus. Nur Romeo und Julia drehen sich abseits versonnen wie zum Wiener Walzer - was ihre Liebe sympathisch altmodisch erscheinen lässt.

David Rott und Lisa Wagner spielen dieses Traumpaar der Dramenliteratur. Er verträumt, entrückt, sie kokett, trotzig, ungeduldig, vorwitzig. Zwei verzückte, entzückende Teenager, denen bei aller Naivität eine Art Liebesweisheit anhaftet. In der berühmten Szene von der Nachtigall, einer der schönsten in Tina Laniks Inszenierung, liegen die beiden nackt aneinandergekuschelt, wie die Löffelchen im Besteckkasten, verletzlich, klein auf der riesigen Bühne des Münchner Residenztheaters. Ein berührendes Bild paradiesischer Unschuld.

Für das Bayerische Staatsschauspiel ist diese Aufführung geradezu sensationell jung. Noch immer prägen ja Dieter Dorn und sein Ensemble aus Großschauspielern, das er zu seiner Zeit an den Münchner Kammerspielen aufgebaut hat, ganz wesentlich die Ausstrahlung des Hauses. Tina Laniks furiose Inszenierung kommt ohne die Altvorderen aus und lässt eine junge Truppe (neben David Rott und Lisa Wagner vor allem der großartige Felix Rech als Mercutio) glänzen.

Für das Staatsschauspiel, das sich schwer tut, auch jüngere Zuschauer anzusprechen, kommt dieser Abend einem Befreiungsschlag gleich.

Romeo und Julia
Von William Shakespeare
Inszenierung: Tina Lanik
Münchner Residenztheater (Bayerisches Staatsschauspiel)

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