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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.08.2010

Eine sonnige Gesellschaft jenseits der Mafia

Alternative Energien in Sizilien

Von Karl Hoffmann

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Pagliaro: "Wind- und Sonnenenergie sind nicht mehr aufzuhalten." (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Pagliaro: "Wind- und Sonnenenergie sind nicht mehr aufzuhalten." (Stock.XCHNG / Steve Woods)

Lange Zeit hatte es die Sonnenenergie im sonnigen Sizilien schwer. Anhänger von Kollektoren und Wärmetauschern kämpften einen vergeblichen Kampf gegen Ignoranz und Bürokratie, gegen Vorschriften des Denkmalschutzes und byzantinische Bauverordnungen. Doch seit zwei Jahren subventioniert die italienische Regierung die Stromeinspeisung aus Solarzellen. Der Aufschwung bei alternativen Energien hat endlich auch die größte Mittelmeerinsel erreicht.

Pünktlich um neun Uhr morgens betritt Mario Pecoraino sein Büro. Er winkt der Putzfrau wegen des Staubsaugerlärms nur einen lautlosen Gruß zu, dann stellt er sein Fahrrad in die Abstellkammer. Mario Pecoraino ist ein untypischer Sizilianer. Nicht nur weil er mit dem Rad ins Büro fährt – geradezu verpönt in der von Autos verstopften Stadt Palermo. Bevor er sich auf die Sonnenergie stürzte, war Mario staatlich geprüfter Skilehrer. Doch weil es wenig schneit in Sizilien musste er nebenbei Autos verkaufen. Erst als vor 15 Jahren sein Sohn geboren wurde, nahm er sich ein Herz und fing noch einmal ganz von vorne an.

Mario Pecoraino: "Meinem Sohn habe ich es zu verdanken, dass ich meinen Lebensstil radikal geändert habe. Als ich erfahren habe, dass meine Frau Letizia schwanger war, habe ich mir gesagt: Besser, du suchst dir einen neuen Job, der alte war frustrierend und gefiel mir überhaupt nicht. Da bekam ich ein Prospekt in die Hand und ich sagte mir, jetzt bekommst du ein Kind. Also beginnt ein neues Leben auch für dich."

Eine australische Firma suchte Vertreter für ihre Sonnenkollektoren. "Alternativ" wurde zum neuen Lebensinhalt von Mario. Fortan bestand für ihn der Sinn des Lebens darin, seinem Sohn eine sauberere Welt zu schaffen. Mario kämpfte Jahre lang um kleine Marktnischen für Sonnenenergie. Vor einem Jahr konnte er sich endlich ein eigenes Büro mit einem großzügigen Verkaufsraum einrichten, in dem er seine Kunden empfängt und sie über die Möglichkeiten der Nutzung von Sonnenenergie aufklärt. Grade Sizilien bietet dafür beste Voraussetzungen.

Mario Pecoraino: "Die Sonneneinstrahlung in Sizilien ist so stark wie kaum sonstwo in Europa. Pro Quadratmeter erhält man zwischen 1650 und 3500 Watt , in Deutschland sind es gerade 1000 Watt."

Die vom tiefblauen Meer umgebene größte Mittelmeerinsel ist an mindestens 130 Tagen im Jahr in strahlendes Sonnenlicht getaucht. Wenn im Sommer der Schirokko aus Afrika bläst, dann wird die Hitze oft unerträglich. Aus der Zeit der arabischen Herrschaft im Mittelalter stammen Paläste mit großen lichtgeschützten Räumlichkeiten, durch die kleine Bäche flossen und für angenehme Kühle sorgten, die den Bewohnern an Schirokko-Tagen Erleichterung verschaffte.

Die Sizilianer sehnen sich selten nach Sonne, man sucht sie nicht, sondern man schützt sich vor ihr. Zuviel Sonne richtet Schaden an: die Felder vertrocknen, die Ernte verdorrt, wenn man sie nicht ständig bewässert. Erst im Jahr 1981 fand in Adriano bei Catania eine längst vergessene Premiere statt: Die staatliche Stromgesellschaft ENEL unternahm einen ersten Versuch, Nutzen zu ziehen aus der heißen Sonne des Südens. Das Fernsehen berichtete über die merkwürdige Anlage aus tausend Spiegeln.

Historischer Bericht im Italienischen Fernsehen: "An den Hängen des Ätna hat ENEL jetzt die Sonnenergieanlage Eurelios eingeweiht, finanziert mit europäischen Fördergeldern Es ist weltweit die erste Anlage, die Sonnenergie direkt ins Stromnetz einspeist. Auch wenn ihre Leistung mit einem Megawatt noch gering ist, so ist die Anlage doch ein wichtiger Prüfstein für eine Technologie, die noch ganz am Anfang steht."

Doch schon 1987 wurde das Projekt eingestellt. Die Politik setzte massiv auf die viel lukrativere Energiegewinnung aus Erdöl und Gas, der vielversprechende Beginn des neuen Energiezeitalters auf Sizilien endete abrupt und die Einführung alternativer Energiequellen verzögerte sich um Jahrzehnte. Misswirtschaft und Inkompetenz gaben dem damals aufkeimenden Umweltgedanken den Rest, erinnert sich Mario Pecoraino.

Mario Pecoraino: "Da gab es Betrügereien und viele der Anlagen waren schlecht gebaut und haben nicht richtig funktioniert. Am Ende glaubten die Leute, dass die Solartechnik nicht tauge und haben sie abgeschrieben. Und man musste wieder ganz von vorne anfangen."

Ein schwieriger Neuanfang. Mario Pecoraino versuchte, Sonnenkollektoren an den Mann zu bringen. Das größte Hindernis dabei war das Misstrauen der Kunden gegenüber der Verlässlichkeit der noch teuren und unbekannten Alternativtechnik. Zu Recht, erinnert sich Mario:

"Wenn man sich umschaut, wer sich auch heute noch alles als Experte für Sonnenergie ausgibt: Elektriker, Klempner, irgendwelche Unternehmer die ohne eine Ausbildung in den Markt einsteigen."

Mario deutet gegenüber auf das kleine, durch Glasscheiben abgetrennte Büro, in dem sein Kompagnon Francesco Liuzza sitzt.

Mario Pecoraino: "Er ist Ingenieur und überaus kompetent. So was ist selten bei uns. Dabei muss man, wenn man zu einem Kunden geht, nicht nur ein gutes Produkt anbieten, sondern auch einen professionellen Verkauf und vor allem das technische Knowhow für Installation und Kundendienst mitbringen. Es sind nur ganz wenige Betriebe, vielleicht grade mal zehn in ganz Sizilien, die solch einen Service von A bis Z liefern."

Mario hat es eilig, er muss zu einem Termin. Francesco Liuzza macht sich ebenfalls bereit. Er fährt in den 60 Kilometer entfernten renommierten Badeort Cefalù. Dort betreut er die Installation des bisher größten Projekts, das Mario und er bisher an Land gezogen haben. Eine Warmwasseranlage, gespeist durch Sonnenenergie für die 400 Gäste des Luxushotels Costa Verde.

Francesco steigt auf das Dach des siebenstöckigen Betonbaus, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf die Küste mit ihren Stränden und auf die Berglandschaft der Nordküste Siziliens hat. Auf dem Dach stehen sauber aufgereiht siebzig Sonnenkollektoren, verborgen vor den Blicken der Gäste, die 20 Meter weiter unten im blauschimmernden Wasser des Pools ihre tägliche Gymnastikstunde absolvieren.

Francesco Liuzza: "Wir mussten jetzt noch einige Korrekturen an der Anlage vornehmen, der Besitzer wollte noch weitere Zimmer an die Anlage anschließen und wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Anlage das auch leistet."

Aus dem Aufzug steigt ein elegant gekleideter Mittsechziger mit sorgfältig frisiertem, graumeliertem Haar. Giuseppe Farinella ist der Besitzer des Hotels. Seit gut einem Jahr arbeitet er mit Francesco zusammen. Farinella hat vollstes Vertrauen in den Ingenieur, der gerade mal halb so alt ist wie er und gute Arbeit geleistet hat.

Giuseppe Farinella, Hotelbesitzer: "Damit haben wir das Optimum erreicht, nicht wahr?"

Francesco Liuzza: "Ja, jetzt sparen wir über 70 Prozent an Gas. Wir haben 77 Sonnenkollektoren mit natürlichem Wasserkreislauf installiert. Sie bedecken eine Fläche von etwa 400 Quadratmeter. Das ist eine ganze Menge. Und sie produzieren von Mai bis Oktober täglich mindesten 65000 Liter Warmwasser. Gratis, dank der Sonne."

Hotelbesitzer Farinella ist deshalb besonders glücklich, weil konventionelle Energie in Sizilien wegen hoher Besteuerung enorm teuer ist, sowohl der in dem nur zehn Kilometer entfernten Kraftwerk von Termini Imerese produzierte Strom, wie auch das Erdgas, das über Pipelines aus Libyen direkt nach Sizilien transportiert wird.

Giuseppe Farinella, Hotelbesitzer: "Ich zahle jedes Jahr 300.000 Euro für Strom und 50.000 Euro für Gas, ohne die Sonnenkollektoren zahlten wir 120.000 Euro. Dieses Jahr wollen wir die Kosten auf 30.000 Euro senken. Vielleicht sparen wir sogar noch mehr , weil die Anlage jetzt einen optimalen Ausnützungsgrad erreicht hat."

Farinella will im nächsten Jahr auch Sonnenzellen installieren. Das kann er sich leisten, seit vor zwei Jahren auch in Italien ein Einspeisungsgesetz verabschiedet wurde ,mit dem die hohen Investitionen für Solarzellen durch langfristige Abnahme zu Festpreisen erleichtert werden. In den nächsten drei Jahren will die römische Regierung noch einmal 120 Mio Euro zusätzlich ausgeben, um alternative Energiequellen zu fördern.

Aber Geld allein reicht nicht, um die Goldquelle Sonnenenergie endlich auch im sonnenreichsten Winkel Europas zu erschließen. Die Insel Sizilien mit ihren fünf Millionen Einwohnern hat einen Autonomiestatus, der als gewaltiges Hindernis gilt, denn die Selbstverwaltung hat zu einer gigantischen Vetternwirtschaft aus Politik, Wirtschaft und Mafia geführt. Fünf Jahre lang hat man ohne Ergebnis über die Regeln für den Einsatz der alternativen Energien in Sizilien debattiert. Ein herber Verlust für seine sonnige Heimat, meint Francesco Liuzza.

Francesco Liuzza: "Ich habe oft genug mit europäischen Großunternehmen vor allem aus Deutschland zu tun gehabt, die bereit waren, in Sizilien zig Millionen Euro zu investieren. Sie standen vor einer regelrechten Mauer aus bürokratischen Hürden, die sie nicht überwinden konnten . Also haben sie ihr Geld wieder mit nach Hause genommen und sich entschlossen es woanders zu investieren, vor allem in Spanien und in Portugal."

Was steckt hinter dieser Politik, die sogar auf dringend von der krisengebeutelten sizilianischen Wirtschaft benötigte Investoren verzichtet?

Francesco Liuzza: "Möglicherweise die Angst, die Kontrolle über den eigenen Machtbereich zu verlieren. Die Angst, dass sich hier plötzlich Unternehmen ansiedeln könnten, die nur den eigenen Regeln folgen und nicht mehr den Interessen der lokalen Politiker. Ich sage das ohne Hemmungen, denn ich war lange genug im restlichen Italien und im Ausland, wo man Ideen entwickeln und auch verwirklichen kann, während hier bei uns davon immer nur geredet und nichts verwirklicht wird."

Francesco fährt zurück ins Büro, während sein Partner Mario seinen Kundentermin hinter sich hat und noch einen Abstecher nach Mondello, dem Hausstrand von Palermo macht – einmalig schön – ein Meer wie in der Südsee.

Dort trifft er sich mindestens einmal die Woche zur Mittagspause in einer kleinen Strandbar mit seinem Namensvetter Mario Pagliaro. Der ist Chemiker am CNR, dem Nationalen Forschungszentrum, vergleichbar mit dem deutschen Max-Planck-Institut, und befasst sich mit Technologien zur Energiegewinnung. Mario Pecoraino möchte wissen, welche Konkurrenz er für sein Geschäft durch die Pläne der Berlusconi-Regierung befürchten muss, die in Italien die Kernkraft wieder einführen will. Der Wissenschaftler Pagliaro beruhigt seinen Freund.

Mario Pagliaro: "Wind- und Sonnenenergie sind nicht mehr aufzuhalten. Das Gerede von der Kernenergie sind die letzten Zuckungen einer sterbenden Industrie, die verzweifelt noch irgendwelche Regierungen sucht, der sie ihre Technologie verkaufen kann. Die ist inzwischen überflüssig."

In Bälde würden erneuerbare Energiequellen wesentlich billiger sein als Kernkraftwerke, sagt Mario Pagliaro. Zum Beispiel Windenergie, die kostet heute nur noch 1000 Euro pro Kilowatt Leistung.

Mario Pagliaro: "Der Stromkonzern ENEL will in der Tschechei ein Kernkraftwerk für 4500 Euro pro Kilowatt Leistung errichten. Hier in Italien bräuchten wir 6000 Windräder, die die gleiche Leistung bringen wie die sechs Kernkraftwerke der jüngsten Generation mit je 1200 Megawatt Leistung, die die Regierung Berlusconi bauen will.

Die Kosten für die Windräder wären im Vergleich um ein Vielfaches geringer. Gleichzeitig würde man mit ihrem Bau 150.000 Arbeitsplätze schaffen. Der Betrieb der Windparks ist kostenfrei. Und in Sizilien, der windreichsten Region Italiens stehen ja auch schon eine Menge Windräder, die zusammen 1,2 Gigawatt Leistung liefern. Soviel wie ein ganzes Kernkraftwerk."

Womit seiner Meinung nach jede Diskussion über neue Atommeiler im Süden überflüssig geworden ist. Auch die Industrie investiert heutzutage nur noch in die alternativen Energien.

Mario Pagliaro: "Im vergangenen Monat haben in Süditalien zwei neue Fabriken für Sonnenzellen aufgemacht. Eine in Avellino in Kampanien, eine weitere in Sizilien. Es ist unglaublich, wir haben jetzt auf der Insel bereits drei solcher Fabriken. Wir stellen zwar keine Tomatenkonserven her und praktisch auch keine Pasta, obwohl wir der größte Weizenproduzent in Europa sind, dafür haben wir drei Fabriken für Sonnenzellen. Die erneuerbaren Energiequellen werden das Schwungrad sein, mit dem wir nicht nur in Sizilien sondern in ganz Italien die Krise überwinden. Die Solarenergie wird uns für das ganze nächste Jahrhundert aus der Krise helfen."

Aber die bürokratischen Hürden, die unzähligen Bauvorschriften und komplizierten Verordnungen der Denkmalschutzämter, die auch heute manchem alternativen Bauherrn die Installation von Sonnenzellen und Kollektoren vermiesen? Und nicht zuletzt die Frage: wie mischt die Mafia mit beim großen Energiegeschäft? Kein Problem, sagt Pagliaro:

"Wir haben die hervorragenden deutschen Verordnungen übernommen. Dieses Gesetz aus den 90er Jahren sieht vor, dass Fördergelder nicht mehr für die Anlagen vergeben werden, sondern nur auf der Basis der tatsächlich produzierten Energie."

Das heißt: Will die Mafia tatsächlich mitverdienen, dann muss sie zumindest ganz offiziell Strom produzieren, beim jetzigen System der Einspeisung sei Betrug ausgeschlossen. Nicht unbedingt ein überzeugendes Argument. Die Mafia kassiert auch bei der Genehmigung und der Aufstellung von Windrädern, so wie sie bekannterweise Schutzgelder von Fabriken zu kassieren versucht, egal ob sie Zement oder Sonnenzellen herstellen.

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