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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.09.2013

Eine Serie als Allegorie der Krise

Zum Ende von "Breaking Bad"

Von Michael Meyer

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Szene aus der US-Serie "Breaking Bad" mit Anna Gunn als Skyler White und Bryan Cranston als Walter White. (picture alliance / dpa / Frank Ockenfels 3/ Sony Pitures)
Szene aus der US-Serie "Breaking Bad" mit Anna Gunn als Skyler White und Bryan Cranston als Walter White. (picture alliance / dpa / Frank Ockenfels 3/ Sony Pitures)

Ein krebskranker Chemielehrer, der zum Drogenbaron aufsteigt, Leute umbringt und zugleich sich um seine Familie kümmert: Die Serie "Breaking Bad" hat längst Kultstatus erworben. In den USA wurde die vorerst letzte Folge gezeigt - Anlass für einen kleinen Rückblick.

Inmitten all der Begeisterung für amerikanische Serien sticht eine Serie heraus: "Breaking Bad". Über kaum eine andere Fernsehproduktion ist soviel geschrieben, interpretiert, verglichen worden wie diese Geschichte eines krebskranken Chemielehrers, der zum Drogenbaron aufsteigt. Die Figur des Walter White aka Drogenproduzent Heisenberg ist zum Phänomen geworden. Gestern Abend lief nun in den USA die 62. und endgültig letzte Folge. Natürlich soll hier nicht das Ende verraten warden, aber dennoch wollen wir auf die Serie zurückblicken.

Filmszene:
Walter White: "There are going to be some things that you come to learn about me in the next few days. I just want you to know, no matter how it may look, I only had you in my heart ... good bye."

"Breaking Bad" machte es seinen Zuschauern nicht leicht – schon in der allerersten Sequenz, in der Walter White in eine Videokamera spricht, und in Unterhosen und mit Pistole irgendwo in der Wüste steht, fragt man sich: Wer ist dieser schräge Typ und warum sollte man sich für ihn interessieren? Zu verquer die ganze Geschichte, zu wenig zugänglich die Charaktere, zu ungewöhnlich das Setting in Alburquerque, einer Wüstenstadt irgendwo im Niemandsland in New Mexico.

Die Story des Walter White, der hineingeworfen wird in ein Schicksal, das er nur widerwillig akzeptiert, hatte daher anfangs nur wenig Identifikationspotential. Denn alle Charaktere sind unsympathische bis kriminelle Figuren: Walter begeht gleich mehrere Morde und schert sich ganz offensichtlich so gar nicht um das Schicksal seiner Kunden, die sich mit Crystal Meth ihre Gesundheit und ihr Leben ruinieren.

Partner Jesse ist ein nichtsnutziger Hipster, der grauenvoll dumme Freunde hat und einmal abgesehen vom Drogenkochen keinerlei Sinn in seinem Leben sieht. Walters Frau ebenso wie ihre Schwester sind amerikanische Vollblut-Durchschnittsgattinnen, bis zur Parodie normal – und Walters Anwalt Saul ist ohnehin die Personifizierung eines schmierigen Winkeladvokaten. Er hat sogar eine eigene Website, die tatsächlich existiert, und auf der er seine – fiktiven -Dienste anpreist:

"Traffic accident? Better call Saul. Injured on the job? Call now. Confessed to homicide? What are you waiting for? Hi, welcome to the law offices of Saul Goodman and associates."

Mit wem sollte man da also mitfiebern? Doch die Frage ist falsch gestellt, denn genau das war ja der Witz in "Breaking Bad". Gerade die schrägen und gebrochenen Charaktere waren es, die die Fans so mitrissen. Ein richtiger Einschaltquotenhit war die Serie nicht, eher etwas für eine treue Fangemeinde. Nicht zu vergleichen mit Straßenfegern wie "Dallas" oder so manchem Krimi.

Manche Interpretationen eifriger Kulturkritiker waren sicher übertrieben – es wurden Vergleiche gezogen zu Figuren in Stücken von Shakespeare und Sophokles – selbst das Auftreten einer Frau namens "Gretchen" ließ sogleich Goethe oder Wagner- Assoziationen aus dem Boden schießen. Und natürlich wurde auch schon vorab das Ende verraten – im Fachjargon "Spoilen" genannt. Im Netz wurde kommentiert, etwa von einem "Stampede":

"Perfekter Abschluss, besser und zufriedenstellender geht's nicht. Jetzt bin ich erstmal traurig, dass es für immer vorbei ist und diese Leere, dass einer der besten Serien überhaupt zu Ende ist, macht sich breit. Fünf Staffeln Genialität, die in der Form einzigartig war und die es nie mehr so geben wird."

Was man mit Sicherheit festhalten kann, wenn man die aktuellen Zeitläufe betrachtet: Die Serie war die perfekte fiktionale Umsetzung eines verunsicherten Amerikas, das durch die Wirtschaftskrise in Existenznöte geraten ist. Hypotheken und Uni-Schulden drücken und eine schwerwiegende Krankheit, wie in Walters Fall Lungenkrebs, führt schnell zum finanziellen Ruin.

Walter White musste in seiner Situation zur Selbstjustiz greifen: Der weiße Mann, der in den USA bald zur Minderheit gehören wird, bezahlt seine Therapie mit dem Zusammenköcheln der Partydroge Crystal Meth. Vince Gilligan, der vor wenigen Wochen auf die deutschen Fans der Serie stieß, sagte über seine Hauptfigur:

"Für mich ist die Serie zuallererst eine Charakterstudie über einen außergewöhnlichen Mann, der eben außergewöhnlich schlecht ist. Er verwandelt sich im Laufe der Zeit in einer Art und Weise, die die meisten Leute ablehnen würden oder schlicht nicht könnten. Und das ist gut so. Aber man kann schon sagen, dass die Serie auch ein Licht darauf wirft, welche ökonomischen Probleme es in Amerika und weltweit geben kann. Aber am Ende des Tages ist die Serie wirklich eher eine Charakterstudie eines Mannes, der durch all diese Probleme durch muss, was eher ein Licht auf ihn wirft, denn auf die gesellschaftlichen Zustände, wenn Sie verstehen, was ich meine."

Die Figur des Walter White, aka Heisenberg, wurde zum Kultobjekt – T-Shirts, Kaffeetassen und andere Memorabilien zeugen davon, dass es trotz eher bescheidener Einschaltquoten in den USA und auch hierzulande einen kulturellen Bedeutungsüberschuss geben kann.

Doch zurück zur letzten Staffel: Was man verraten kann, ist, dass eine wilde Geschichte wie jene von Walter White natürlich nicht glücklich ausgeht. Da sei Gott vor und die christlichen Grundwerte, an denen auch Hollywood nicht ganz vorbei kann, was sich auch darin äußerte, dass Walter White trotz allem ein liebender Familienvater ist – wenn auch auf seine verquere Art. Die Erlösung, das Katharsis-Moment muss natürlich auch in dieser Geschichte vorkommen. Es schließt sich der Kreis eines verzweifelten Mannes.

Allen Fans, die nach dem Ende von "Breaking Bad" eine Art Phantomschmerz verspüren, sei gesagt, dass nicht alles vorbei ist. Denn: Zumindest ein Charakter übersteht weitgehend unbeschadet die letzte Folge von "Breaking Bad": Der schon erwähnte Anwalt Saul Goodman. Dieser windige Charakter wird, so ist zu hören, eventuell eine Wiederauferstehung in einer neuen Serie erfahren, in der Fachsprache "Spin Off" genannt. Autor Vince Gilligan arbeitet schon daran. Wenn es also gut läuft, können Fans der Serie "Breaking Bad" Lebewohl sagen und dafür rufen: "Better call Saul". In diesem Sinne: Fortsetzung folgt.

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