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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.09.2012

Eine Reise durch Iran

Andreas Stichmann: "Das große Leuchten", Rowohlt, Berlin 2012 240 Seiten

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Straßenszene in Teheran (picture alliance / dpa - Bernd Weißbrod)
Straßenszene in Teheran (picture alliance / dpa - Bernd Weißbrod)

Mit dem Roman "Das große Leuchten" ist Andreas Stichmann beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt angetreten. Die Geschichte führt aus der deutschen Provinz in den Iran und weiter an das Kaspische Meer: eine Suche des Erzählers nach einer Wirklichkeit

Mit einem Ausschnitt aus seinem nun erschienenem Roman "Das große Leuchten" ist der junge, 1983 geborene Schriftsteller Andreas Stichmann vor zwei Monaten beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt angetreten. Der Text bekam zwar keinen der Preise, ließ aber schon einmal aufhorchen.

Vom Einbruch eines jugendlichen Herumstreuners in ein wohlanständiges Eigenheim erzählte die Episode, und Andreas Stichmann hielt dabei gekonnt die Balance zwischen einer realen Einbruchssituation und Phantasien, in denen sich der Einbrecher in die Geborgenheit und Unhinterfragtheit einer bürgerlichen Kleinfamilie hineinträumte.

Die heile Familie erscheine geradezu wie die Vision eines "depravierten Kleinkriminellen”, merkte der Bachmann-Juror Hubert Winkels an. Und man konnte nach dieser Talentprobe gespannt sein, in welche Richtung der ganze Roman ausschlagen würde - in die von realistischen Situationsschilderungen oder die eines wilderen, Phantasien und Wirklichkeitssplitter mischenden Erzählens.

Nach der Lektüre des ganzen Romans kann man feststellen: So ganz mag sich da Andreas Stichmann immer noch nicht entscheiden. Muss er auch nicht, im Gegenteil: Gerade seine Eigenwilligkeit macht einen großen Teil der Geglücktheit dieses Romans aus. Die Hauptrichtung geht durchaus in Richtung wildes Erzählen; was reale Handlung, was Phantasie des Erzählers ist, weiß man als Leser nicht immer.

Der Roman schildert, dabei häufig mit selbstreflexiven Momenten, die Suche des Erzählers nach einer Wirklichkeit, bei der er nicht so außen vor stehen muss - wie etwa im trauten Heim der Familie bei seinem Einbruch. Aber dieses häufige Umschlagen zwischen verschiedenen Realitätsebenen hindert Stichmann keineswegs daran, in den Erzählfluss immer wieder genau beobachtete und geschilderte Szenen einzubauen, wie etwa Autofahrten im Iran oder Begegnungen am Rande einer deutschen Großstadt. Ein wenig fühlt man sich beim Lesen in die intensiv flirrige Atmosphäre eines David-Lynch-Filmes versetzt.

Es sind vor allem zwei Geschichten, die Andreas Stichmann in diesem Roman übereinanderblendet.

Das eine ist eine schwierige Liebesgeschichte unter zwei jungen Erwachsenen und gesellschaftlichen Außenseitern in Deutschland - Ausflüge in die Kleinkriminalität und in eine verlorene, stellenweise sogar böse wirkende Späthippiewelt am Rande einer deutschen Großstadt inklusive. Die Vorstellung, in einem Märchen gefangen zu sein, treibt Rupert, den Erzähler, lange um. Das wäre dann vor allem eine aktualisierte Version von Hänsel und Gretel; als Hänsel wird dieser Rupert einmal ausdrücklich bezeichnet.

Die andere Geschichte schildert die Suche nach Ana, der Geliebten, quer durch den Iran, aus dem sie als Baby einst mit ihren Eltern geflüchtet war und in das es sie, nimmt Rupert wenigstens an, nun wieder verschlagen hat. Aber selbstverständlich ist am Ende alles ganz anders.

Andreas Stichmann hat einen gelegentlich spätpubertär brodelnden, aber bei allen Wendungen stets hochkontrollierten und durch die Schönheit seiner Sätze bestechenden Roman geschrieben. Und man stellt fest: Andreas Stichmann hat sowohl realistische Beschreibungen als auch das wilde Schreiben drauf.

Besprochen von Dirk Knipphals

Andreas Stichmann: Das große Leuchten
Rowohlt, Berlin 2012
240 Seiten, 19,95 Euro

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