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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.11.2008

Eine Provokation für Klimaschützer

Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon. Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik

Rezensiert von Dirk Maxeiner

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Blick auf ein Kohlekraftwerk (AP)
Blick auf ein Kohlekraftwerk (AP)

Der Direktor des Münchner ifo-Institutes für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, stellt der deutschen Klimapolitik ein vernichtendes Zeugnis aus: In seinem Buch "Das grüne Paradoxon" stellt er fest, den Bundesbürgern würden jährlich 50 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen, ohne dass dies auch nur den geringsten Effekt auf das Klima hätte.

Das schöne an diesem Buch ist, dass man es nicht ignorieren kann. Autor Hans-Werner Sinn, Direktor des Münchner ifo-Institutes für Wirtschaftsforschung, ist ein Mann von großer öffentlicher Präsenz und häufiger Gast in Deutschlands Talkshows. Er hat die Gabe, ökonomische Zusammenhänge nicht nur zuzuspitzen, sondern auch für jedermann verständlich zu erklären. Diese Qualifikation macht ihm zum natürlichen Feind aktionistischer Politiker, die sich gern als Weltretter aufspielen. Sinn ist ein Unruhestifter und diesem Ruf macht er auch mit seinem Buch "Das grüne Paradoxon" alle Ehre. Darin nimmt er sich die deutsche Klimapolitik vor:

"Wissen wir eigentlich, was wir tun? Oder ist das alles nur blinder Aktionismus zur Befriedigung einer neuen grünen Religiosität? Der Klimaschutz absorbiert mittlerweile so viel Kraft, und er drückt durch die horrenden Kosten den Lebensstandard der Deutschen in einem solchen Ausmaß, dass eine nüchterne ökonomische Nutzen-Kosten-Rechnung des Geschehens vonnöten ist, die über die gefühlsbetonte Semantik der öffentlichen Debatte hinausgeht. Es stellen sich viele Fragen."

Besonders beliebt macht er sich mit solchen Fragen allerdings nicht. Eine Politik, die sich allzu oft von der neusten Hysterie oder dem aktuellsten Medien-Hype treiben lässt, fragt nämlich nicht nach dem Verhältnis von Kosten und Nutzen, egal ob es nun um Rinderwahnsinn, Feinstaub oder Klimawandel geht. Weil alles und jedes zur Welt- oder Menschheitsrettung hochstilisiert wird, gilt alleine die Frage nach der wirtschaftlichen Vernunft als Sakrileg. Und dies öffnet für teure Symbolpolitik Tür und Tor. Hans-Werner Sinn stellt der Klimapolitik ein vernichtendes Zeugnis aus:

"Wenn in Deutschland Kraftwerke ausgeschaltet werden, werden sie anderswo in Betrieb genommen, und zwar in einem Umfang, dass dort exakt so viel zusätzliches Kohlendioxid in die Luft geblasen wird, wie wir einsparen. Nicht eine Tonne Kohlendioxid wird wegen der deutschen Windflügel und photovoltaischen Dächer weniger in die Luft geblasen. Ein Paradoxon, an dem sich die Politiker die Zähne ausbeißen werden ... Ob wir das Klima retten, wird nicht von Angela Merkel, der EU-Kommission oder uns Verbrauchern bestimmt, sondern von den Eigentümern der fossilen Kohlenstoffvorräte der Erde ... Mit unserer Energiepolitik können wir das weltweite Angebot an Kohlenstoff nicht aushebeln. Wir mindern lediglich partiell die Nachfrage und verringern dadurch den Anstieg der Weltmarktpreise, mehr nicht. Damit verschlimmern wir das Problem vermutlich noch."

Wer so etwas schreibt, könnte genauso gut in einem katholischen Gottesdienst ein Präservativ aufblasen, die Entrüstung wäre in etwa die gleiche. Umweltminister Sigmar Gabriel, als Klimaretter unter anderem durch die Adoption des Eisbären Knut auffällig geworden, wird auf der Stelle von Beißreflexen heimgesucht: Sinn habe seine marktradikale Ideologie jahrelang als Wissenschaft verkauft und nun versuche Sinn sich auf einem Gebiet, von dem er ganz offensichtlich noch weniger verstehe als von Finanzmärkten.

Wenn es so schön unsachlich wird, kann man davon ausgehen, dass Hans-Werner Sinn einen wunden Punkt getroffen hat. Seine These ist im Grunde ganz einfach: Wie viel Kohlendioxid in die Luft geblasen wird, hängt schlicht davon ab, wie viel Öl, Kohle oder Gas gefördert wird - und keineswegs davon, dass einzelne Länder oder Regionen ihren Verbrauch drosseln. Das senke nur die Preise, woraufhin die anderen den Tank umso ungenierter auffüllen. Die Rechnung werde ohne den Wirt gemacht. Die Kosten-Nutzen-Analyse der deutschen Klimapolitik lässt ratlos staunen: Den Bundesbürgern werden jährlich 50 Milliarden Euro aus der Tasche gezogen, ohne dass dies auch nur den geringsten Effekt auf das Klima hat. Jetzt stelle man sich mal vor, wie viel Elend auf der Welt man mit dieser Summe beseitigen könnte.

Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon (Econ Verlag)Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon (Econ Verlag)Sinn argumentiert rein ökonomisch, bei den naturwissenschaftlichen Grundlagen macht er sich die Position des Welt-Klimarates IPCC zu eigen. Er zweifelt nicht am vom Menschen gemachten Klimawandel und hält ihn für eines der größten Probleme der Menschheit. Der gegenwärtige Klima-Aktionismus ist seiner Meinung nach allerdings nicht dazu angetan, diese Problematik zu lösen, sondern zu verschärfen. Vom Atomausstieg bis zum Biosprit, vom Kyoto-Protokoll bis zum Erneuerbare-Energien-Gesetz dekonstruiert er akribisch ein Geflecht von oft wirkungslosen, sich widersprechenden oder kontraproduktiven Vorschriften und Maßnahmen. Er zeigt, wie unter dem Deckmantel des Klimaschutzes längst Industrie-, Klientel- und Interessenpolitik betrieben wird.

Die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxid kostet mit Hilfe von Solarzellen rund zehnmal soviel wie mit Atomkraft. Und was tun die Deutschen? Sie schalten die Atomkraftwerke ab und fördern die Photovoltaik mit über 100 Milliarden Euro. Wenn wir wollten, könnten wir damit also zehnmal soviel Kohlendioxid einsparen. Aber wir wollen nicht.

Selbst den Mythos vom Jobwunder durch grüne Technologien lässt Sinn nicht gelten. Das Geld, dass den Bürgern für Wind- oder Solarstrom aus der Tasche gezogen werde, fehle eben an anderer Stelle und koste dort Jobs. Außerdem bedeute die Förderung regenerativer Energien nicht gleichzeitig die Förderung deutscher Arbeitsplätze:

""Der größte Hersteller von photovoltaischen Anlagen ist die Firma Suntech aus China, die Chinesen nutzen die Anlagen selbst nur zu einem verschwindend geringen Anteil. Stattdessen liefern die Chinesen den Löwenanteil nach Deutschland. Deutsche Steuergelder haben, wenn überhaupt, in großem Umfang in China Arbeitsplätze geschaffen."

So wird aus einer vermeintlichen Win-Win-Strategie eine Lose-Lose-Strategie. Und so geht das oft: Erst kratzt Hans Werner Sinn ganz zart an der Tapete und kurz danach kommt dem Leser die ganze Wand entgegen. Dennoch muss man ihm nicht bei jedem Argument folgen. So sollte man dem Klimaschutz zumindest einen Kollateralnutzen einräumen: Beispielsweise bedeutet weniger Verbrauch eine größere Sicherheit vor Erpressungen durch zweifelhafte Regime, die auf reichen Öl- oder Gasvorkommen sitzen.

Wer Hans-Werner Sinns Buch durchgelesen hat, ist nicht unbedingt um eine Perspektive reicher, aber mit Sicherheit um ein paar Illusionen ärmer. Und er hat eine Lektion gelernt, die Politikern und Klima-Aktivisten äußerst schwer fällt: Nichtstun kann besser sein als das Falsche tun.

Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon. Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik
Econ Verlag, Berlin/2008

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