Seit 15:00 Uhr Nachrichten

Sonntag, 15.09.2019
 
Seit 15:00 Uhr Nachrichten

Konzert / Archiv | Beitrag vom 03.06.2017

Eine neue Oper über das Alte TestamentInzestuöses Finale

Aufzeichnung aus der Staatsoper Hannover

Stella Motina (l.), Brian Davis, Dorothea Maria Marx als Lot und seine Töchter in Giorgio Battistellis Oper "Lot" an der Staatsoper Hannover (Jörg Landsberg/Staatsoper Hannover)
Stella Motina (l.), Brian Davis, Dorothea Maria Marx als Lot und seine Töchter in Giorgio Battistellis Oper "Lot" an der Staatsoper Hannover (Jörg Landsberg/Staatsoper Hannover)

Die rätselhafte Geschichte über Lot und die Stadt Sodom haben Giorgio Battistelli und Jenny Erpenbeck in hochdramatisches Musiktheater verwandelt. Die Staatsoper Hannover hat das Werk uraufgeführt.

Wie so oft ist auch diese biblische Geschichte psychologisch genau, politisch erschreckend realistisch und ethisch spannend wie ein guter Krimi: Lot ist der einzige Rechtgläubige in der Stadt Sodom. Der singuläre Gott zürnt der Stadt, und Urvater Abraham möchte die Einwohner der Stadt vor Gottes Zorn retten. Nicht nur weil der angeblich einzig rechtschaffene Einwohner Sodoms ein Verwandter von ihm ist. Eine Delegation von Engeln begutachtet die Einwohner Sodoms und findet alle Vorurteile bestätigt - die Sodomiten sind fremdenfeindlich, ungläubig, unmoralisch... und müssen vernichtet werden. Lot und seine Familie können gerettet werden, wenn sie den Weg ins Ungewisse anzutreten bereit sind. Lots Frau bleibt zurück und kommt um, genau wie die Schwiegersöhne. Nach der Flucht ist Lot ein gebrochener Mann, wähnt sich von seinem Gott verlassen. Die Oper endet mit dem Inzest zwischen Lot und seinen Töchtern, die Lot vorher schon opfern wollte, um Gottes Engel vor dem fremdenfeindlichen Mob zu bewahren. Das Leben muss ja weitergehen...

Der italienische Komponist und Spezialist für schwierige Stoffe, Giorgio Battestelli, hat dazu eine sehr anschauliche und vielschichtige Musik geschrieben. In der Berliner Autorin Jenny Erpenbeck stand ihm eine wortmächtige und kundige Librettistin zur Seite. Die Staatsoper Hannover hat keine Mühen gescheut, dieses hoch aktuelle und dennoch zeitlose Musiktheater zu realisieren. Grenzerfahrungen und moralische Extremsituationen bietet die Geschichte um religiösen Fundamentalismus und persönliches Scheitern.

Die Rettung ist oft gar keine Rettung, auch wenn sie so aussieht. Die afrikanischen Flüchtlinge, über die ich mein letztes Buch geschrieben habe, haben überlebt. Sie sind über Lampedusa gekommen, manche haben ihre Kinder verloren bei der Überfahrt, manche haben Kenterungen erlebt und wurden nur knapp gerettet. Aber jetzt hier am vermeintlichen Ziel zu überleben, stellt sich als schwierig heraus. Die Dramatik einer Flucht ist die eine Tragödie, aber dann kommen die Mühen der Ebene, und bei dieser Ebene ist noch lange kein Ende abzusehen. Genauso geht es Lot und seinen Töchtern. Wer immer der Autor dieser Bibelstelle gewesen sein mag, hat ein Beispiel dafür aufgeschrieben, wie Menschen aus ihrer gewohnten Sicherheit herausfallen und sich ohne moralische Maßstäbe konstituieren müssen, in Einsamkeit. Vielleicht sogar in dem Gefühl, dass nicht mal mehr Gott hinsieht. (Die Autorin und Librettistin der Oper, Jenny Erpenbeck, im Programmheft der Staatsoper Hannover)

Staatsoper Hannover
Aufzeichnung vom 1. April 2017

Giorgio Battistelli
"Lot", Oper in drei Akten (Uraufführung)
Libretto: Jenny Erpenbeck

Brian Davis - Lot
Dorothea Maria Marx - Erste Tochter
Stella Motina - Zweite Tochter
Khatuna Mikaberidze - Frau
Sung-Keun Park - Erster Engel
Amar Muchhala - Zweiter Engel
Franz Mazura - Abraham
Renate Behle - Sara
Latchezar Pravtchev - Erster Bürger
Frank Schneiders - Zweiter Bürger
Mareike Morr - Bürgerin
Michael Dries - Zöllner
Chor der Staatsoper Hannover
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Leitung: Mark Rohde

anschließend:

in memoriam Jiří Bělohlávek

Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 30. April 2016

Antonín Dvořák
Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Jiří Bělohlávek

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur