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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.04.2009

Eine Mikrogeschichte

Lauren Groff: "Die Monster von Templeton", C. H. Beck Verlag, München 2009, 507 Seiten

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Scharfer Blick für das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen. (Stock.XCHNG / Loretta Humble)
Scharfer Blick für das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen. (Stock.XCHNG / Loretta Humble)

Dieser schon aufgrund des wunderschönen, scherenschnittartigen Umschlags ins Auge fallende Roman mit dem skurrilen Titel "Die Monster von Templeton" ist der Erstling der 1978 geborenen Lauren Groff. Er stürmte im letzten Jahr sofort auf die nordamerikanischen Bestsellerlisten und wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet. Groffs zweites Buch "Delicate Edible Birds", eine Sammlung von Erzählungen, ist bislang nicht übersetzt worden.

"Letztendlich besteht die Kunst des Geschichtenerzählens darin, zu lügen und dabei die Wahrheit zu sagen." (Lauren Groff)

Willie, eine 28-jährige Archäologin kurz vor der Promotion, kehrt nach jahrelanger Abwesenheit schwanger und verlassen vom verheirateten Liebhaber in ihre Heimatstadt Templeton zurück. In Templeton, das sie früher wegen seiner Enge gehasst hat, hofft sie ihre Seelenruhe wiederzufinden. Stattdessen findet sie die Spuren der Vergangenheit: ihrer Kindheit und der Familiengeschichte – und sie begegnet dem Monster, das tot aus dem See geborgen wird, in dem es seit Jahrhunderten gelebt hat. Das unklassifizierbare riesige weiße Geschöpf wird sehr konkret geschildert und ist zugleich Symbol für all jene Monster im übertragenen Sinne, die im Verborgenen in Familien, Städten und Ländern ihr Unwesen treiben – und manchmal auch rettende Kräfte entfalten.

Dann erfährt Willie, dass ihr Vater keinesfalls, wie sie bisher glaubte, ein der Mutter unbekannter Hippiefreund aus wilden Zeiten ist, sondern ein angesehener Bürger Templetons. Vivienne war einst wie Willie aus Templeton geflüchtet und nach dem Tod ihrer Eltern zurückgekehrt. Sie hat dort ihre Tochter großgezogen, arbeitet nun als Krankenschwester und ist zu Willies Entsetzen fromm geworden. Ein großartiger Typus ist diese Vivienne, eigenwillig, sich jedem Klischee widersetzend und ihre Tochter zur Weißglut treibend – schon allein, weil sie die Identität des Vaters nicht verrät. Willie beginnt nach ihm zu suchen - und damit auch nach ihrer eigenen Vergangenheit und Zukunft.

Die Recherche setzt ein intertextuelles Spiel in Gang. Denn Templeton ist eine literarische Neuerfindung von Cooperstown, der Heimatstadt James Fenimore Coopers, von der die Lederstrumpfbände erzählen. Mit deren erstem Band "Die Ansiedler" hat Cooper einen amerikanischen Gründungsmythos geschaffen, und eben diese Stadtgeschichte wird in "Die Monster von Templeton" neu erzählt als Geschichte von Willies Vorfahren seit dem 18. Jahrhundert. Willie findet alte Briefe und geheime Dokumente und befragt Menschen. Sie erfährt von Absonderlichkeiten, Loyalitäten und Treulosigkeiten, von Liebe und Hass, Gewalt und Mut – und von unerwarteten Familienbanden und -bindungen.

Alles das ist lebendig und unpathetisch erzählt, mit einem scharfen Blick für das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen, für das Unerwartete und das Komische. Die Familiengeschichte ist nicht nur eine Stadt-, sondern auch eine Mikrogeschichte der USA und fügt sich ein in die gegenwärtige Welle von Familienromanen, die bei aller Kritik an der Familie doch auf traditionellen familiären Werten beharren und sie direkt oder indirekt als Kern des sozialen (und staatlichen) Lebens darstellen (etwa bei Annie Proulx, Richard Powers, Siri Hustvedt oder Jonathan Franzen). Darüber nun ließe sich lange diskutieren – aber das ändert nichts an den Qualitäten dieses ungewöhnlichen, unbedingt lesenwerten Romans.

Rezensiert von Gertrud Lehnert

Lauren Groff
Die Monster von Templeton
Roman

Aus dem Englischen von Judith Schwaab
C. H. Beck Verlag
München 2009
507 Seiten, 22,90 EUR

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