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Lesart | Beitrag vom 03.06.2019

Eine Literatur-Reise nach PekingBestseller, Klassiker und Tabuthemen

Katharina Borchardt im Gespräch mit Joachim Scholl

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Leserinnen und Leser in einer Buchhandlung in Peking (picture alliance / robertharding / Tim Graham)
Leserinnen und Leser in einer Buchhandlung in Peking (picture alliance / robertharding / Tim Graham)

Chinas Buchverlage suchen Kontakt zum deutschen Literaturbetrieb und umgekehrt. Das zeigte eine Reise nach Peking, bei der sich Lektoren und Verleger über diesen riesigen Lesemarkt informierten. Zeitgeschichte und Zensur blieben nicht außen vor.

Joachim Scholl: Das Massaker am Pekinger Tiananmen-Platz jährt sich zum 30. Mal, und just zu diesem finsteren Jahrestag waren deutsche Verleger, Lektoren und Literaturagenten in Chinas Hauptstadt – und eine einzige Journalistin, Katharina Borchardt. Was war das für eine Reise?

Katharina Borchardt: Das war eine Art "China-Infusion" für alle, eine Fachreise, eine Inforeise und auch eine Art Kontaktbörse – organisiert vom BIZ, dem Büro der Frankfurter Buchmesse in Peking. Deutsche Verleger, Lektoren und Literaturagenten wurden mit chinesischen Verlagen in Kontakt gebracht. Daran schloss sich eine zweitägige Konferenz "Story Drive" an, die sich an chinesische Verlagsleute richtete. Vor einem vollen Hörsaal haben die Vertreter von Suhrkamp, Heyne und Matthes & Seitz ihre Arbeit vorgestellt.

Scholl: 1989 sind Tausende von Demonstranten in China getötet worden nach den Protesten auf dem Tiananmen-Platz. Die Anzahl der Toten wird bis heute offiziell bestritten, das ganze Thema totgeschwiegen. Haben Sie von diesem Jahrestag etwas verspürt in der Stadt?

Borchardt: Es hat sich nicht auffällig viel Polizei gezeigt. Auch Absperrungen haben wir nicht gesehen, es schien alles normal. Was wir allerdings gemerkt haben, und das wurde auch von den Chinesen dort und den Expats so bestätigt, dass einfach unheimlich viel Internet gesperrt ist. Wir konnten etliche Seiten nicht aufrufen, Google, Youtube, Facebook, Twitter, und aktuell auch kein Wikipedia, das geht sonst wohl, aber jetzt gerade nicht. Außerdem kann man einige Nachrichtenseiten nicht öffnen, also Deutsche Welle und BBC gehen auch nicht.

Die Internetzensur und die Zensur überhaupt wurde in den letzten zwei Jahren noch mal ordentlich angezogen, wurde uns gesagt, und dieses Mal umso mehr, weil sich nicht nur das Tiananmen-Massaker zum 30. Mal jährt, sondern auch die Gründung der Volksrepublik zum 70. Mal. 2019 ist also ein heikles Jahr. Es wurde sogar offiziell durchgegeben, dass es – auch für die Buchverleger – aktuell drei große Tabuthemen gibt: die Chinesische Republik vor Mao, die DDR und das Thema Religionen.

"Ein toter Punkt in der chinesischen Geschichte"

Scholl: Wurde während dieser Woche gar nicht darüber geredet?

Borchardt: Bei den offiziellen Terminen wurde nicht darüber geredet, einfach weil das nicht Anlass und Thema unseres Besuchs war. Aber man spürte auch, dass man so etwas nicht in großer Runde anspricht. Erst wenn man sich schon kennengelernt hatte, und auch nur im Zweiergespräch, konnte man darauf kommen und relativ offen reden.

Ich fand, dass die Chinesen, die die Demonstrationen damals miterlebt haben, doch ein bisschen ausweichend reagieren und auch schnell wegschauen. Das Thema wird offenbar, so erzählte man uns, offiziell so totgeschwiegen, dass die jüngere Generation praktisch nichts mehr davon weiß. Das ist ein richtig toter Punkt in der jüngeren chinesischen Geschichte.

Scholl: Die deutsche Reisegruppe hat private und staatliche Verlage besucht. Dürfen die privaten Verlage mehr als die staatlichen?

Borchardt: Das kann man so einfach nicht sagen. Wir empfanden das Verlagswesen in China insgesamt als sehr lebendig. Atmosphärisch gesehen wirkten die Staatsverlage etwas behördlicher: Da gab es einen Vorsitzenden und einen 50-Jahres-Plan und kommunistisch rote Erfolgsdiagramme bei den Power-Point-Präsentationen, die man uns zeigte.

Die staatlichen Verlage sind es auch, die die großen Werke, die Nachschlagewerke und die ganzen Klassiker herausgeben, auch viele deutsche Klassiker übrigens. Der Verlag für Volksliteratur zum Beispiel macht Goethe, Heine, Schiller in etlichen Bänden, aber er publiziert auch Robert Menasse, Judith Schalansky oder Marion Poschmann, also Bücher aus jüngster Zeit. Verschnarcht sind weder die staatlichen noch die privaten Verlage.

Thriller und Science Fiction unter den Beststellern

Scholl: Welche Bücher sind auf dem chinesischen Markt absolute Bestseller?

Borchardt: Zu den zehn Jahresbestsellern 2017 – andere Zahlen liegen uns noch nicht vor – gehörten drei Bücher des japanischen Thrillerautors Keigo Higashino, der auch auf Deutsch erscheint. Aber er bekommt bei uns nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie in China – das sind dort ja immer gleich Millionenauflagen!

Drei Mal wird außerdem der chinesische Science-Fiction-Star Cixin Liu aufgeführt – mit seiner "Trisolaris"-Serie, die es auf Deutsch bei Heyne gibt und mit 250.000 verkauften Exemplaren sehr erfolgreich ist, aber in China sind es dann immer gleich zehn Millionen. Auch auf der Liste ist Yu Hua, der auf Deutsch bei Fischer erscheint. Also, wenn man Lust hat, kann man die Bücher, die in China echte Bestseller sind, auch auf Deutsch lesen.

Scholl: Haben sich die deutschen Verleger und Lektoren in Peking erst mal nur umgesehen oder wurden auch richtig handfest Verträge abgeschlossen?

Borchardt: Sie wollten auch etwas einkaufen. Andreas Rötzer von Matthes & Seitz will sich auf asiatische Bücher spezialisieren und sagte mir, er habe zwei chinesische Bücher fest ins Auge gefasst, die er einkaufen will. Und Sebastian Pirling hat auf der Reise tatsächlich einen Vertrag unterschrieben: Der Heyne-Verlag hat einen Folgeband für die "Trisolaris"-Trilogie eingekauft.

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24,99 Euro (Hardcover) und 10,99 Euro (Taschenbuch)

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Rowohlt Verlag, 2009
24,90 Euro (Hardcover) und 11,99 Euro (Taschenbuch)

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