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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2009

Eine liebevolle und entlarvende Biografie

Christoph Geisselhart: "Maximum Rock. The Who - Die Geschichte der verrücktsten Rockband der Welt", Hannibal Verlag Höfen, 3 Bände mit insgesamt 1365 Seiten

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Keith Moon war Schlagzeuger der Band (AP)
Keith Moon war Schlagzeuger der Band (AP)

Christoph Geisselhart hat die wohl bislang umfangreichste Biografie der Gruppe vorgelegt und dabei zahlreiche Interviews mit Musikern der Gruppe, Managern, Kollegen, Zeitzeugen und Musikjournalisten einbezogen.

Sie galten als die neuen Wilden der frühen Sechziger, waren lauter als die Beatles und gebärdeten sich auf der Bühne wilder als die Rolling Stones; und sie schufen 1965 mit "My Generation" die Hymne einer ganzen Generation. "I Hope I Die Before I Get Old" - "Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde", diese Textzeile des Songs wurde nicht nur zum Leitspruch der Mods, jener englischen Jugendbewegung, die ihren langweiligen Alltag in den Texten der Gruppe gespiegelt sah und The Who als ihre Band ansahen, sondern zum Synonym für die Haltung der damaligen Jungendlichen überhaupt.

Der internationale Durchbruch gelang dem Quartett um den genialen Songschreiber Pete Townshend 1969 mit der Geschichte um einen blinden Jungen, der zum Flipperkönig aufstieg. "Tommy" gilt als erste Rockoper, der Townshend mit "Quadrophenia" ein noch aufwändigeres Werk über die Mod-Szene folgen ließ. Danach bewies die Band vor allem im Tourneezirkus Größe - Plattenaufnahmen wurden immer seltener.

1983 verkündete Townshend nach schweren persönlichen Problemen das Ende der Band. In den späten neunziger Jahren kam dann das Comeback, allerdings zuerst nur für sporadische Konzerte. Als die Gruppe nach 23 Jahren Plattenpause 2006 doch wieder ein neues Album eingespielte, gab es auch wieder regelmäßig Auftritte. Damit hatte nach dem plötzlichen Tod des Who-Bassisten John Entwistle im Juni 2002, mitten in einer US-Tournee, niemand mehr gerechnet.

Doch schon 1978 hatte die Band nach dem Tod ihres ebenso großartigen wie versponnenen Schlagzeugers Keith Moon mit einem Ersatzmann weitergemacht, und wie es aussieht - so die Aussage von Pete Townshend in einem ausführlichen Interview am Ende des dritten Teils der Reihe - werden The Who auch weiterhin aktv bleiben.

Der Hannbal Verlag hat nun das wohl bislang umfangreichste und informativste Buch über die englische Rockgruppe veröffentlicht. Christoph Geisselhart, Jahrgang 1963, Maler, Journalist, Autor und eingeschworener Who-Fan, arbeitete zwei Jahre an der Biografie der Gruppe, bei der er von allen noch lebenden Who-Mitgliedern, Mitarbeitern, Journalisten und vielen anderen Kennern der Band unterstützt wurde. Den Büchern liegen viele Interviews mit den Musikern der Gruppe, Managern, Kollegen, Zeitzeugen und Musikjournalisten zugrunde, aus denen sich puzzleartig das Bild einer schwierigen Partnerschaft von vier unterschiedlichen Charakteren ergibt.

Eigentlich beinhaltet das dreibändige Werk die vier Biografien der einzelnen Musiker und parallel dazu die Geschichte ihrer gemeinsamen Zeit, die der Autor beinah romanhaft erzählt. Geisselhart hat dabei minutiös jeden noch so kleinen Karriereschritt und jede Veränderung im privaten Bereich aufgezeichnet. Er wirkt wie ein stiller und mitfühlender Beobachter seiner Lieblingsmusiker. Selbst beschreibt der Autor sein Werk im Vorwort als Manifest einer weltweiten Liebhabergemeinde und sieht sich als Chronist, der zahlreiche Quellen, Berichte und Meinungen zu einem anschaulichen Gesamtbild zusammengeführt hat.

Das vorliegende Buch beleuchtet nicht nur die großen Erfolge einer der wichtigsten und stilbildensten Rockgruppen der Welt, sondern auch die Schattenseiten der Weltkarriere, durch die die Musiker immer wieder in Versuchung kamen, sich vom "normalen" Leben komplett zu verabschieden. Dass zwei von ihnen an Drogen starben, beglaubigt diesen strapaziösen Lebenstil im negativen Sinne.

Somit ist das Buch nicht nur das Protokoll einer gemeinsamen Karriere, sondern auch eine Parabel auf das Leben der Rockstars und die Welt, die sie umgibt; eine liebevolle wie entlarvende Biografie und gleichzeitig ein Blick hinter die Kulissen der glitzernden Welt des Showbusiness, die ihren Protagonisten immer auch einen Preis abverlangt. The Who waren und sind dafür der beste Beweis.

Besprochen von Uwe Wohlmacher

Christoph Geisselhart: Maximum Rock. The Who - Die Geschichte der verrücktsten Rockband der Welt
Hannibal Verlag Höfen (Österreich), 3 Bände mit insgesamt 1365 Seiten, jeder Band kostet 24,90 Euro.

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