Eine Lange Nacht über Dmitri Schostakowitsch

"Alles, was schädlich ist, wird zugrunde gehen"

Schwarzweißfoto vom jungen Schostakowitsch, der den Kopf auf seine Hand stützt.
Ein Künstler zwischen Anpassung und Widerstand: Dmitri Schostakowitsch gehört zu den bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. © imago / Everett Collection
Von Barbara Giese · 23.10.2021
Dmitri Schostakowitschs Werk ist ein Spiegel der Widersprüche und Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts. Von den Machthabern fühlte er sich oft ausgenutzt und stand ihnen doch immer wieder nahe. Denn er war erfolgreich - mit Musik, die doppeldeutig war.
Am 25. September 1906 wird Dmitri Schostakowitsch in der Hauptstadt des russischen Kaiserreiches, St. Petersburg, geboren. Er wächst zwischen einer jüngeren und einer älteren Schwester auf. Sein Vater ist studierter Physiker und arbeitet als Ingenieur, die Mutter ist Pianistin.
Als Schostakowitsch bei seiner Mutter den ersten Klavierunterricht erhält, bricht der Erste Weltkrieg aus. Im Februar 1917 muss der Zar abdanken, ein halbes Jahr später übernehmen die Bolschewiki mit Wladimir Iljitsch Lenin die Macht.

Der "neue Mensch" wird ausgerufen

Das feudalistische Russland soll nun in einen modernen Industriestaat umgewandelt werden. Dafür muss der "neue Mensch" entstehen.
Russische Künstler wollen und sollen Konstrukteure eines "neuen Lebens" und Ingenieure einer "neuen Psychologie" sein. In Petersburg beginnt Schostakowitsch noch während des Bürgerkriegs mit dem Studium von Kompositionslehre und Klavier am Konservatorium. Er erinnert sich:
"Ich war kränklich. Kranksein ist immer misslich, aber am schlimmsten ist es, krank zu sein, wenn es nicht genug zu essen gibt. Ich war nicht kräftig. Die Straßenbahnen fuhren selten. Wenn endlich eine kam, war sie schon überfüllt. Mir glückte es kaum einmal mitzukommen. Meine Kräfte reichten nicht aus, mich durchzuboxen."
Skulptur von Dmitri Schostakowitsch.
Dmitri Schostakowitsch gehört zu den bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts.© imago / Itar-Tass / Albert Dzen
Im Mai 1926 wird Schostakowitschs 1. Symphonie uraufgeführt. Es ist seine Abschlussarbeit am Konservatorium. Das Werk voller neuartiger Einfälle, mit einem ungewöhnlichen Einsatz des Klaviers und groteskem Humor, ist so erfolgreich, dass es ein Jahr später von Bruno Walter in Berlin und ein weiteres Jahr später von Leopold Stokowski in Philadelphia dirigiert wird.
Ein halbes Jahr nach der Uraufführung wird Schostakowitsch am Leningrader Konservatorium zum "Aufbaustudium Komposition" zugelassen. Als Pianist tritt er mit eigenen Kompositionen auf. Wenn das Publikum irritiert ist, bietet Schostakowitsch an: "Damit Sie diese Musik besser verstehen können, spiele ich sie noch einmal."

Musik im Zeichen der Propaganda

1927 erhält er von der Agitationsabteilung des Musikverlags "Mussektor" den Auftrag, zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution ein Werk zu komponieren, die Symphonie Nr. 2 entsteht.
Während eines Urlaubs lernt er Nina Warsar kennen und lieben. Da Schostakowitsch aber keine gesicherten Einkünfte und Warsar ihr Studium der Mathematik und Physik noch nicht beendet hat, müssen die beiden noch jahrelang auf ihre Heirat warten.
Im April 1932 werden unerwartet alle proletarischen Kulturorganisationen aufgelöst. Die Künstler hoffen nun auf größere Freiheit.
Schostakowitsch wird in den Vorstand der Leningrader Abteilung des sowjetischen Komponistenverbandes gewählt. Seine neue Oper "Lady Macbeth von Mzensk" wird fast zeitgleich vor ausverkauften Häusern in Petersburg und Moskau uraufgeführt.

Stalin und die Angst

Das Werk gilt als Paradebeispiel für die sowjetische Oper. Es wird so bekannt, dass sich Stalin persönlich eine Vorstellung anschaut. Ein Kritiker erzählte später, er habe Stalin gefragt, wie ihm die Oper gefallen habe, und der habe geantwortet: "Das ist Chaos und keine Musik!"
Nachdem Stalin 1936 "Lady Macbeth" gehört und abgelehnt hat, wird Schostakowitsch als Formalist abgestempelt und aus dem Komponistenverband geworfen. Seine Werke werden weder gedruckt noch aufgeführt. Er kann seinen Beruf de facto nicht mehr ausüben, da er nun als "Feind des Volkes" gilt.
Ihm drohen Verhaftung und Verfolgung. Er bittet um ein Gespräch bei Stalin. Wie bei vielen anderen Bittstellern, reagiert Stalin nicht auf den Brief. Aus Sorge, nicht verstanden zu werden, veröffentlicht Schostakowitsch seine schon komponierte 4. Symphonie nicht, sondern schreibt zur "Rehabilitation" eine 5. Symphonie.
In dieser Zeit geht überall die Angst um. Schostakowitschs ältere Schwester Marija wird nach Sibirien verbannt, ihr Ehemann verhaftet. Für Schostakowitsch allerdings ändert sich die Situation während der "Dekade der sowjetischen Musik" durch den Erfolg der Uraufführung der 5. Symphonie im November 1937. Der Dirigent Kurt Sanderling hört die Moskauer Erstaufführung:
"Nach dem letzten Ton drehten wir uns ängstlich um, ob wir nicht für das verhaftet würden, was wir gehört hatten."
Die Botschaft des vorgeblichen Musterwerks des Sozialistischen Realismus wird vom Publikum anscheinend verstanden. Nun darf Schostakowitsch wieder am Leningrader Konservatorium unterrichten.
1936 wird Schostakowitschs Tochter Galina geboren, 1938 kommt das zweite Kind, der Sohn Maxim, zur Welt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ist Schostakowitsch gewillt, an der Front zu kämpfen:
"Zu Beginn des Krieges meldete ich mich als Freiwilliger zur Roten Armee. Man sagte mir jedoch, ich solle warten. Zum zweiten Mal stellte ich meinen Antrag sofort nach der Rede Stalins zur Mobilisierung im Juli 1941. Man sagte mir: Wir werden Sie aufnehmen, aber jetzt gehen Sie bitte an Ihren Arbeitsplatz und arbeiten weiter. Ich arbeitete also im Konservatorium. Zum dritten Mal ging ich zur Einberufungsstelle, ein Kommissar sprach mit mir. Nachdem er meine Bitte angehört hatte, sagte er, dass sich meine Tätigkeit auf das Schreiben von Musik beschränken sollte."

Symphonien des Krieges

1941 wird Schostakowitschs 7. Symphonie uraufgeführt. Da sie eine sehr große Besetzung erfordert, werden Musiker von der Front zurückgerufen. Ein weiteres Konzert wird vom Rundfunk übertragen und mit folgendem Text anmoderiert:
"Dmitri Schostakowitsch hat eine Symphonie geschrieben, die zum Kampf aufruft und die Siegeszuversicht stärkt."
Ein Mikrofilm mit der Partitur der 7. Symphonie wird über den Iran, Irak, Ägypten und dann quer durch Afrika nach Amerika geschickt. Beginnend mit der amerikanischen Erstaufführung wird die 7. Symphonie noch im selben Jahr auf der ganzen Welt gespielt. Im Juli 1942 wird sie symbolträchtig auch im belagerten Leningrad aufgeführt.
Die folgende 8. Symphonie klingt nicht - wie es politisch gewollt ist - positiv, weshalb die Uraufführung in Moskau verhalten aufgenommen wird und nur wenige Rezensionen erhält. In New York wird die Symphonie 1944 aufgeführt und auch von Rundfunkstationen übertragen. Schostakowitsch äußert sich offiziell dazu:
"Dieses Werk spiegelt meine Gedanken (...) über die ersten Siege der Roten Armee wider. Die philosophische Konzeption dieser Symphonie ist in wenigen Worten ausgedrückt: Alles, was dunkel und schädlich ist, wird zugrunde gehen; alles, was schön ist, wird triumphieren."

Symphonie zu Ehren des sowjetischen Sieges

Zum Kriegsende wird von ihm eine "Symphonie zu Ehren des sowjetischen Sieges" erwartet. Schostakowitsch schreibt seine 9. Symphonie, ein äußerst kurzes Werk ohne hymnischen Chorsatz. Daraufhin folgt erneut eine Ächtung seiner Kompositionen durch die sowjetische Propaganda- und Agitationsabteilung. Eine Parteiresolution lautet:
"Es steht weiterhin schlecht um die Schöpfungen auf dem Gebiet der Symphonie und der Opernmusik. Die Werke der Genossen D. D. Schostakowitsch, S. S. Prokofjew und anderen verraten besonders stark formalistische Bestrebungen und antidemokratische Tendenzen, die dem sowjetischen Volk und seinem künstlerischen Gedanken fremd sind."
Schostakowitschs musikalische Reaktion auf die politischen Einmischungen ist die satirische Kantate "Anti-Formalist Rayok", in der er die Organisatoren des Kulturbetriebs verspottet. Und er komponiert aus Protest gegen den herrschenden Antisemitismus einen Liederzyklus: "Aus jüdischer Volkspoesie", ein Liederzyklus für Sopran, Alt und Tenor und Orchester.
Anfang März 1953 stirbt Josef Stalin am gleichen Tag wie Sergej Prokofjew. Ende des Jahres 1954 stirbt Schostakowitschs Ehefrau Nina Wardar.
1956 heiratet er die Komsomol-Aktivistin Margarita Kainova. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 hält Nikita Chruschtschow die Ansprache mit dem Titel "Über die Überwindung des Personenkults und seiner Folgen", in der er sich zu Lenins Ideen hin- und von Stalins Grausamkeiten abwendet.

Rehabilitation und Eintritt in die Partei

Im Mai 1957 wird Schostakowitsch auf dem Kongress des Komponistenverbands rehabilitiert. Anfang des Jahres 1960 komponiert er den Liederzyklus "Satiren (Bilder aus der Vergangenheit)" auf Texte von Sascha Tschorny. Die Texte können als Kritik am sowjetischen Machtsystem und der sinnlosen Ideologie aufgefasst werden, deshalb wird der Untertitel "Bilder aus der Vergangenheit" hinzugefügt.
Das nützt aber nichts: Der Zyklus wird schon nach zwei Aufführungen verboten. Überraschenderweise wird Schostakowitsch dennoch der Vorsitz des Komponistenverbands zugeteilt. Dafür muss er in die Partei eintreten. Bei der Aufnahme in die Partei verliest Schostakowitsch:
"In letzter Zeit wurde in mir der Wunsch immer stärker, in die Reihe der Mitglieder der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu treten. Tagtäglich spürte ich in meiner gesellschaftspolitischen und schöpferischen Arbeit die führende Rolle der Partei. In meiner ganzen Tätigkeit fehlt es nicht an Mängeln, aber die Partei half mir, hilft mir und wird mir weiterhelfen, diese zu vermeiden."
Frei gesprochen setzt er folgenden Satz hinzu: "Alles, was in mir gut ist, verdanke ich - meinen Eltern!"
Dmitri Schostakowitsch auf einer sowjetischen Briefmarke aus dem Jahre 1976.
Dmitri Schostakowitschs letzte Werke kreisen um das Thema Tod. 1975 stirbt er an den Folgen eines Herzinfarkts.© imago / agefotostock
In den 1960er-Jahren beginnt seine Gesundheit zu schwinden, im Krankenhaus komponiert er seine 14. Symphonie. In ihr kehrt das Dies irae-Motiv immer wieder. Die Texte kreisen um das Thema Tod, geschrieben von unterschiedlichen Dichtern wie Garcia Lorca und Wilhelm Küchelbecker. Dem Schluss der Symphonie liegt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke zugrunde.
"Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns."
Nach einer Phase der Erholung plant Schostakowitsch 1971, mit 65 Jahren, eine neue Symphonie, aber kurz darauf erleidet er einen weiteren Herzinfarkt. Bis an sein Lebensende wird er sich davon nicht mehr erholen. Am 9. August 1975 stirbt der große Komponist.

Ein Produktion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021,
das Skript zur Sendung finden Sie hier.

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