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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 15.02.2020

Eine Lange Nacht über die ZaubereiZersägte Jungfrauen, verschwundene Kaninchen

Von Margot Litten

Der russische Magier Igo Kio lässt auf der Bühne eine Frau schweben. (Picture Alliance / dpa / Sputnik)
Magie: Zauberer arbeiten mit perfekten Täuschungen. (Picture Alliance / dpa / Sputnik)

In der Antike missbrauchten die Tempelpriester ihr Wissen in der Physik, um dem einfachen Volk Übersinnliches vorzugaukeln, und die Magier des Mittelalters wurden verdächtigt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Heute inspiriert die Zauberei sogar die Neurowissenschaften.

Zauberer sind im Grunde die einzig ehrlichen Menschen in unserer unehrlichen Welt – nur sie geben zu, dass sie täuschen. Und je besser es ihnen gelingt, desto weniger enttäuschen sie uns. Wobei die Kunst der Täuschung seit altersher auf drei Grundprinzipien beruht: auf dem Erscheinen, Verwandeln und Verschwindenlassen eines Gegenstandes, zum Beispiel einer Münze.

Die Entwicklung der Zauberei

Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Magie auch als Unterhaltungskunst entdeckt. Doch anstatt etwas Leichtigkeit in den harten Alltag der Menschen zu zaubern, geschah im Reich des schönen Scheins viel Unschönes, vor allem im Mittelalter.

Da verdächtigte man die Gaukler und Taschenspieler, mit bösen Mächten im Bund zu stehen. Die Taschenspieler – benannt nach ihrer Beuteltasche mit den Requisiten – waren rechtlose Gesellen am Rand der Gesellschaft, fahrendes Volk, im Wirtshaus, in der Herberge daheim.

Mit ihren Kunststücken brachten sie dem Wirt Gäste, als Gegenleistung erhielten sie Speis und Trank. Oder auch Pfandstücke, die von zahlungsunfähigen Gästen hinterlegt worden waren. Diese Pfänder hießen "Gages", auf sie geht das Wort Gage zurück.

Unsterblichkeit erlangte der 1480 in Württemberg geborene Johann – oder Georg – Faust. Ein Wunderheiler, Wahrsager, Zauberer für die einen – ein Scharlatan für die anderen, einer, der mit dem Teufel im Bunde stand. Seine geheimnisumwitterte Lebensgeschichte bot Stoff für unzählige literarische Bearbeitungen; Goethe weitete seinen "Faust" zu einer Allegorie des gesamten menschlichen Lebens aus.

Bekannt wurde auch Jacob Philadelphia, der mit bürgerlichem Namen schlicht Jacob Meyer hieß und der Sohn ausgewanderter galizischer Juden war. 1735 in Philadelphia geboren, tourte er bereits mit 20 Jahren quer durch Europa.

Er pries seine Kunst über alle Maßen und stellte gewagte Honorarforderungen – von Friedrich dem Großen etwa wollte er für seinen Auftritt eine lebenslängliche Rente. Der Preußenkönig lehnte erbost ab und verwies ihn der Stadt. Der Legende nach verließ Philadelphia daraufhin Berlin in einer prunkvollen Kutsche gleichzeitig durch alle vier Stadttore.

Große Zauberkünstler der Neuzeit

Harry Houdini mit seinem Sprung auf YouTube:

Erst im 19. Jahrhundert verlor die Magie endgültig ihren anrüchigen Nimbus und wurde salonfähig:

  • Als Vater der modernen Magie ging der Franzose Jean Eugène Robert-Houdin in die Geschichte seines Berufsstandes ein. 1845 eröffnete er im Pariser Palais Royal das erste Zaubertheater. In seinen "Soirees fantastiques" begeisterte er das Publikum mit eleganten Kunststücken, optischen Illusionen und Mentalmagie, also Gehirnzauberei. Er schuf den "schwebenden Knaben" - einen Vorläufer der "schwebenden Jungfrau".
  • Unsterblichkeit erlangte Harry Houdini, größter Entfesselungskünstler aller Zeiten und erster amerikanischer Superstar. Erik Weisz, so sein bürgerlicher Name, wurde 1874 als Sohn eines armen jüdischen Seifenhändlers in Budapest geboren.
  • Bis heute gehört die zersägte Jungfrau zu den Klassikern der Zauberkunst. Sie ist inzwischen fast 100 Jahre alt und nicht totzukriegen. Ihr geistiger Vater war der englische Magier Selbit, der freilich schon bald von seinem amerikanischen Kollegen Horace Goldin ausgetrickst wurde: Der wählte eine etwas andere Methode, gab die Erfindung als seine eigene aus und ließ sie sich patentieren.
  • Johann Nepomuk Hofzinser, im bürgerlichen Beruf Finanzbeamter, war der wohl größte Kartenkünstler aller Zeiten. Bei den "Stunden der Täuschung" im Salon Hofzinser traf sich alles, was im Wien des 19. Jahrhunderts Rang und Namen hatte.
  • Auch Ludwig Döbler verzauberte seine Heimatstadt Wien. Seine magischen Darbietungen waren Glanzlichter: Sobald sich auf der Bühne der Vorhang öffnete, entzündete er durch einen Pistolenschuss 250 Kerzen und erleuchtete das Theater strahlend hell.
  • Ein anderer berühmter Zauberer des 19. Jahrhunderts war Bellachini, ein gebürtiger Pole. Er ließ zum Beispiel Goldstücke erscheinen und verschwinden – war also ein Meister der Close-Up-Magie, wie man die Zauberei direkt unter den Augen der Zuschauer heutzutage nennt.

Frauen in der Zauberei

Frauen in der Magie haben meist nicht viel zu lachen: Sie werden zersägt, von Schwertern durchbohrt oder gleich ganz weggezaubert. Zirka, die Königin der Zigaretten, war eine der wenigen eigenständigen Zauberkünstlerinnen des 19. Jahrhunderts. Die Engländerin Adelaide Herrmann oder die Griechin Valeria waren Assistentinnen ihres zaubernden Ehemanns und kreierten erst nach dessen Tod eine eigene Bühnenshow.

Bahnbrechendes für die Frauen in der Zauberei leistete die Amerikanerin June Horowitz. 1913 als Tochter eines Magiers geboren, kam sie bereits in jungen Jahren zur Zauberei. Mit Ausdauer und Witz schaffte sie es allmählich, sich durchzusetzen. 1987 wurde sie die erste Präsidentin des Weltverbandes der Zauberkünstler. Noch als Hundertjährige zauberte sie öffentlich. 2018 starb sie im Alter von 104 Jahren.

Der Zauberer Kalanag

1912 wurde in Hamburg der Magische Zirkel von Deutschland gegründet. Eines der jüngsten Mitglieder ist der 1903 in Stuttgart geborene Helmut Schreiber. Schreiber leitet ab 1927 die Zeitschrift "Magie". Hauptberuflich zieht es ihn in die Filmindustrie, wo er im Dritten Reich zum Produktionschef der Bavaria aufsteigt. 1936 wird der Magische Zirkel der Reichskulturkammer angegliedert, jüdische Mitglieder sind nun ausgeschlossen, und Schreiber - der neue Präsident des Zirkels – verzaubert Hitler, Goebbels & Co.

Simsalabim - der Titel der berühmten Kalanag-Show. In den 50er- und 60er-Jahren war Kalanag ein Weltstar. (dpa)Simsalabim - der Titel der berühmten Kalanag-Show. In den 50er- und 60er-Jahren war Kalanag ein Weltstar. (dpa)

Er kann dann seine Karriere in der jungen Bundesrepublik nahtlos fortsetzen: als Meister-Magier Kalanag. So wird Schreiber einer der größten Showstars der 50er- und 60er-Jahre. Seine Verstrickung in das NS-Reich ist mittlerweile belegt:

"Er hat mit seiner Popularität oder dadurch, dass er ja die ganzen Prominenten durch seine Filmarbeit kannte, sehr viel versucht auch für den Magischen Zirkel zu erreichen. Aber bei der einen Akte denkst du, was war das für ein Schwein, und bei der nächsten denkst du, man kann das nicht bewerten, weil man nicht weiß, wie man selber agiert hätte. Er war ein Opportunist." (Michael Sondermeyer, Stiftung Zauberkunst)

Die Wissenschaft und die Zauberei

"Misdirection wird oft mit Ablenkung übersetzt. Das ist komplett falsch. Wir lenken, wir lenken nicht ab. Wir lenken den Fokus der Menschen auf einen bestimmten Gegenstand, auf eine Idee, auf einen Ablauf, durch das, dass wir ihn dahin lenken, blendet er andere Dinge aus, und das ist der Kern. Nicht ablenken, sondern lenken." (Magier Christoph Borer)

Zauberkünstler manipulieren seit Jahrhunderten Wahrnehmung und Aufmerksamkeit der Zuschauer. Dabei haben sie intuitiv manche Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaft vorweggenommen.

Das Forscherpaar Susana Martinez-Conde und Stephen Macknik aus Phoenix hat viele berühmte Magier bei ihrer Arbeit beobachtet und herausgefunden, dass sie nicht unsere Augen täuschen, sondern unser Gehirn. "Wir dachten anfangs", so Martinez-Conde, "dass das Hirn in dem Bereich aktiver ist, auf den es gerade seine Aufmerksamkeit richtet. Aber das stimmt so nicht. Es ist nicht aktiver, sondern alles andere wird unterdrückt." (aus: Stephen L.Macknik und Susana Martinez-Conde: "Die Tricks unseres Gehirns – Wie die Hirnforschung von den großen Zauberern lernt")

Das Gorilla-Experiment zur Unaufmerksamkeitsblindheit auf Youtube:

"Die Zauberkünstler lenken die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer. Und die Aufmerksamkeit ist eben zentral, um überhaupt Dinge wahrzunehmen. Das heißt, wenn man irgendwohin schaut, heißt das noch lange nicht, dass man auch sieht, was da passiert." (Thomas Fraps, Zauberkünstler und Experte für Wahrnehmungspsychologie)

Die Zukunft der Zauberei

  • "Früher war es der traditionelle Zauberer mit dem Kaninchen aus dem Zylinder und heute möchte man eher die Jungs aus dem Fernsehen sehen, zum Beispiel die Ehrlich Brothers. Es gibt Magier, die eben auch mit dem Digitalen sehr spielerisch vertraut sind, die werden als besonders eingestuft, automatisch, weil es was Neues ist, was im Trend liegt, die werden auch entsprechend gut bezahlt." (Esther Redler von der ZAV Künstlervermittlung München)
  • "Zaubern ist für mich ein Stilmittel, mein Innerstes sichtbar zu machen. Auch wenn wir Zauberer heute über jede Menge technischer Möglichkeiten verfügen – es geht darum, dich selbst in deine Kunst einzubringen." (Fernando Figueras)
  • "Zauberei ist dann gut, wenn sie Emotionen transportiert und Geschichten vermittelt. Ein guter Zauberer wird auch immer über den Tellerrand schauen, der wird nach der Kunst schauen, der wird nach dem Schauspiel sehen, der wird vielleicht Gesangsunterricht nehmen, der wird sich einen Regisseur holen." (Michelle Spillner)
  • "Die Entwicklung, die heute stattfindet, wird überschüttet von diesen großen, öffentlichen Events, aber es gibt eine wesentlich andere, schönere, feinere Entwicklung, die ich spannend finde. Seit etwa zehn, 15 Jahren haben Zauberkünstler kleine Theater aufgemacht." (Wittus Witt)
  • "Wenn ich 1:1 einem Menschen gegenübersitze und der macht mit seinen Händen etwas, was nicht sein kann, und was offensichtlich nichts mit Technik oder Elektronik zu tun hat: Ich glaube, das wird seine Faszination nie verlieren." (Helge Thun)

Manuskripte zur Langen Nacht zum Download: als PDF / als TXT-Dokument

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