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Lange Nacht | Beitrag vom 29.06.2019

Eine Lange Nacht über die SüdtoskanaSehnsuchtsort der Künstler

Von Eva Schobel

Mohnblüten mit einem italienischen Haus im Hintergrund (unsplash/ Dario Mingarelli)
Künstler, Intellektuelle und auch Politiker zog es nicht an die überfüllten Strände, sondern in eine Kulturlandschaft, die alle Sinne anspricht: die Toskana. (unsplash/ Dario Mingarelli)

Hügel, soweit das Auge reicht, wogendes Getreide mit rotem Mohn oder abgeerntete, braune Felder mit zusammengerollten Heuballen. Paradies oder Klischee? Einheimische, Zugereiste und Künstler erzählen von der Entwicklung der Region.

Weingärten, Olivenhaine, Schafsherden, da und dort sogar noch frei weidende Schweine. Einsame Bauernhöfe oder Zypressen an exponierten, von weit sichtbaren Aussichtspunkten. Fast alle Bilder auf Kalenderblättern oder in Fotobänden, die unsere Vorstellung von der heutigen Toskana prägen, stammen aus der Gegend südlich von Siena, die erst lange nach dem berühmten Chianti oder den Orten am Meer entdeckt wurde.

Hier liegt der Parco Artistico, Naturale e Culturale des Val d´Orcia, das 2004 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Ein gelungenes, von beherzten Bürgen durchgesetztes Projekt, die einem Ausverkauf ihres Lebens- und Arbeitsraums vorbeugen wollten.

Stimmungsvolles Landschaftsfoto von San Quirico d'Orciain in Italien. (Unsplash / Giuseppe Mondi)Die Toskana inspiriert Künstler seit Generationen. Und wer würde schon beim Anblick solcher Zypressen nicht zu dichten anfangen? (Unsplash / Giuseppe Mondi)

In der Langen Nacht über den Landstrich zwischen dem mächtigen Mont Amiata im Norden und den sanften Weinbergen von Montalcino erzählen Einheimische, Zugereiste und Künstler von der sozialen Entwicklung der Region, von den Problemen in Zeiten Berlusconis und der Balance von Natur und Kultur.

Künstler und Intellektuelle als Pioniere

Der deutsche Komponist Jo Post und seine Frau, die Bühnenbildnerin und Malerin Christa Fonfara gehören zu jenen Toskana-Reisenden, die hier ansässig geworden sind. Ihrem Vorfahren, Johann Wolfgang von Goethe, der die Toskana auf seiner italienischen Reise 1786 bis 1788 durchreiste, hätte das nicht passieren können. Er fand in seinem Reisetagebuch zwar freundliche, aber sparsame Worte zu Land und Leuten.

"Wiesen sieht man gar nicht. Man sagt das türkische Korn, seit es eingeführt worden, zehre das Erdreich sehr aus. Ich glaube wohl, bei dem geringen Dünger. Das nehm ich alles nur so im Vorbeifahren mit und freue mich dann doch das schöne Land zu sehen, wenngleich die Unbequemlichkeiten groß sind. "

Zu wenig spektakulär die hügelige Gegend, zu wenig grün, die Landschaft, zu wenig der Klassik verpflichtet die mittelalterlichen Orte. Idyllisch unverbautes Ambiente gab es damals auch in Deutschland zur Genüge.

Die Toskana kam erst in den 70er- bis 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in Mode, dann aber nachhaltig. Zuerst unter Künstlern Intellektuellen und auch Politikern, die es nicht an die überfüllten Strände zog, sondern in eine Kulturlandschaft, die alle Sinne anspricht.

"Toskana-Fraktion"

Zu den bekanntesten Namen gehören Oskar Lafontaine, Joschka Fischer, Otto Schily, der Verleger Klaus Wagenbach oder der 2006 verstorbene Schriftsteller, Maler und Satiriker Robert Gernhardt. 

"Im Taubenblau der Abendstern
sehr langsam fliegt die Fledermaus
sie wirkt so matt, als wär sie gern
anstatt auf Achse schon zuhaus."

Nächtliche Zeilen des Dichters Gernhardt, geschrieben auf der Terrasse des auf einem Hügel im Arno-Tal gelegenen Bauernhauses, das er gemeinsam mit Freunden schon Anfang der Siebziger-Jahre gekauft hat. Als Toskana-Pionier blieb Gernhardt gern auf Distanz zur im Feuilleton ironisch so genannten "Toskana-Fraktion", wissend, dass er nolens volens doch zu den Deutschen gehört, die im Süden nichts unbehaglicher stimmt, als die Begegnung mit den nördlichen Landsleuten:

"Situation: Wir allein, nein, einzige Deutsche im Restaurant von Albarese, am Strand. Ein deutsches Paar setzt sich an den Nebentisch, unsere Unterhaltung wird gedämpfter, dann - "Na, das gibt's doch nicht", kommen zwei andere Deutsche und zwei befreundete Engländer/Exoten dazu, nehmen am Nebentisch Platz, dann Nein, das gibt's doch wohl nicht! Wie im Englischen Garten!"

Ich stelle befriedigt fest, dass es mit dem Italienischen der Herrschaften hapert. Ich ärgere mich darüber, dass ihnen Albarese ebenfalls gefällt - dass sie es überhaupt kennen. Ich schäme mich der Gemeinsamkeiten, die ich mit Ihnen habe. Ich frage mich, wieso es überhaupt zu diesen Gemeinsamkeiten kommen konnte.

Ich will nicht zugehörig sein. Aber wer will das heute schon? Also bin ich zugehörig. "

Robert Gernhardt: "Toscana mia" 
Zusammengestellt von Kristina Maidt-Zinke
2011 S. Fischer Verlag, Frankfurt

Liebeserklärung an seine Toskana

Seit den siebziger Jahren verbrachte Robert Gernhardt, der große Lyriker, Schriftsteller, Maler und Zeichner, einen Teil seiner Zeit in der Toskana. In zahllosen Gedichten, Erzählungen, in Roman und Theaterstück, in Zeichnungen und Gemälden verdichtete und malte er Hügel und Haine, Licht und Schatten, Menschen und Tiere dieser einzigartigen Landschaft.

In seinen umfangreichen Tagebüchern, den legendären Brunnenheften, spielt die Toskana eine besondere Rolle. Der vorliegende Band noch von ihm selbst geplant und von Kristina Maidt-Zinke zusammengestellt - gewährt erstmals Einblick in die Brunnenhefte und zeigt in Wort und Bild Robert Gernhardts Toskana von ihrer schönsten Seite.

"Überaus lieblich wirkt die Lage Sienas, das auf einem hohen Hügel liegt und in seiner Form einer Amphore aus Ton nicht unähnlich ist, unten breit und schmal am Hals, wobei dieser schmale Teil aus dem nach Westen hin gelegenen Stadtbezirk besteht, den man von Florenz kommend, durch die Porta Camollia betritt", schreibt der britische Reiseschriftsteller Fynes Moryson im Jahr 1593.

Von Siena aus, das wir im Lauf der zweiten Stunde dieser langen Nacht besuchen werden, ist der Blick erstaunlich weit. An klaren Tagen schaut man bis zur 40 km im Süden gelegenen Raubritterburg Radicofani im Val d' Orcia. Aber das Meer und die Inseln im Toskanischen Archipel kann man nicht einmal von Siena aus sehen. Man muss an die Küste fahren, beispielsweise in der Hafenstadt Piombino eine Fähre nehmen und auf die Insel Elba übersetzen. Hier ist die Landschaft nicht lieblich, sondern imposant. Besonders im Nordosten, wo es noch viel zu entdecken gibt. Über eine gut ausgebaute, aber dennoch abenteuerlich kurvige Bergstraße kommt man in die Eremitage Santa Caterina. In den frühen 90er-Jahren fand sich auch der österreichische Radiojournalist und Musikredakteur Jörg Duit mit seiner Familie hier ein und konnte dem Genius Loci nicht widerstehen. Seit 2010 organisiert er in Santa Caterina das Musikfestival INTONAZIONE.

Kein Strom, kein Wasser, die Sterne so nah

Die Einsiedelei liegt in völliger Einsamkeit am Hang des mächtigen Monte Serra und wurde auf einem antiken Tempel errichtet. - Eine alte Kultstätte, ein mit Magnetismus aufgeladener Platz. Der Legende nach ist die Heilige Katharina von Alexandrien, hier im Jahr 1624 einem Schäfer erschienen und hat ihm den Auftrag erteilt, die Einwohner der nächstgelegen Gemeinde, Rio nell' Elba, aufzufordern, am Ort des Klosters eine Pilgerstätte zu errichten. Von damals bis heute findet zu Ehren der Heiligen alljährlich am Ostermontag eine Prozession zum Kloster statt.

Trotzdem war Santa Caterina verfallen und wild mit Gestrüpp umwuchert - altes Gemäuer im Dornröschenschlaf - als es Mitte der Siebziger Jahre von Hans Georg Berger, einem jungen deutschen Schriftsteller und Fotografen, entdeckt wurde, den es zufällig nach Rio nell' Elba verschlagen hatte. In jahrelanger Detailarbeit wurde das Kloster restauriert und zum exquisiten kulturellen Treffpunkt.

Die Einsiedelei ist ein von Legenden umrankter Ort, an dem es bis heute keinen elektrischen Strom, aber Kerzen und Petroleumlampen gibt.

"Ich glaub', das Faszinierende war diese Mischung aus sehr mystisch, kein Strom, kein Wasser damals noch, die Sterne so nah, weil kein Licht, dieses Spartanische auf der einen Seite, die unheimliche Kraft und Energie, mit der Hans Georg Berger hier kulturelle Projekte auf die Beine gestellt hat, aber nicht nur kulturell, sondern auch wissenschaftlich. Weil hier die Gesteinsschichten aufeinanderstoßen, weil's eine unheimliche Vielfalt an Flora gibt, weil das in vielerlei Hinsicht ein Ort ist, der entdeckt werden musste."

Val d'Orcia wurde 2004 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Der Fluss Orcia ist vermutlich nach den Bären (lateinisch: "ursus") benannt, die hier früher gelebt haben und die vielleicht heute noch vorbeikommen. Manchmal brummt und bewegt es sich im dichten Ufergebüsch so gewaltig, dass kein Wildschwein dafür infrage kommt. Aber der kluge Gast schweigt, denn niemand möchte die Jagdlust der hiesigen Jäger wecken.

Erste Station der Rundfahrt ist das zivilisierte und prächtige Landgut "La Foce", der englisch-italienischen Familie Origo, in dem es garantiert keine Bären gibt. La Foce liegt unweit des Kurorts Chiancano, in dem man seine angeschlagene Leber kurieren lassen kann auf einem Pass, der das Orcia-Tal vom Chiana-Tal trennt.

"Es tut mir leid, dass die Frösche so einen Lärm machen, Sie leben im Brunnen und sind gar nicht besonders groß, aber sie haben gewaltige Stimmen."

Benedetta Origo, die Hausherrin, entschuldigt sich für das ferne Quaken einiger Frösche im Springbrunnen. Kleine Tiere, mit mächtigen Stimmen. Sie lädt ein, auf der Terrasse vor der Villa Platz nehmen und bringt selbst gemachten Apfelsaft.

Ort der kulturellen Begegnung

Soweit das Auge reicht, ein englischer Garten, terrassenförmig angelegt, inmitten der Toskana. Es gibt hier Führungen, man kann die herrliche Anlage besichtigen. Oder man besucht das bekannte Musikfestival "Incontri in terra di Siena", das alljährlich hier stattfindet. La Foce ist ein Ort der kulturellen Begegnung. Und es ist ein groß angelegter Agriturismo mit schönen renovierten Bauernhöfen, die an Gäste aus aller Welt vermietet werden. Agriturismo heißt, dass das zu den Höfen gehörende Land, nach wie vor bewirtschaftet wird.

Als die Eltern von Benedetta Origo 1927 hierher zogen - Iris Origo, eine Schriftstellerin und Historikerin und ihr Mann Antonio, - gab es den Garten überhaupt noch nicht und auch die Landschaft rundherum hat ganz anders ausgesehen als heute.

"Meine Mutter hatte einen amerikanischen Vater und eine englische Mutter, aber sie ist in Florenz aufgewachsen, hat also Italien sehr gut gekannt und schließlich einen Italiener aus Florenz geheiratet, Antonio Origo. Nachdem sie sich verlobt hatten, wollten sie ein toskanisches Landgut suchen und dort leben. Als sie La Foce gesehen haben, diese außerordentliche Gegend, die etwas von einer Mondlandschaft hatte, haben sie sich nicht nur in die Schönheit der Landschaft verliebt, sie waren auch von der Armut der Bewohner und Kargheit des Landes berührt.

Es war ein vergessener Winkel, in der sonst so kultivierten Toskana, denn im Grunde war die Toskana damals nicht nur eine äußerst zivilisierte, sondern im Vergleich zum übrigen Italien auch besser verwaltete Region. Meine Mutter hat die Anfänge von La Foce in ihrem Buch "Bilder und Schatten" ganz wunderbar erzählt.

Wilde und einsame Landschaft im Süden

Wir leben auf einem großen Gut im südlichen Teil der Toskana, 20 km von der nächsten Bahnstation und 8 km vom nächsten Dorf entfernt. Die Landschaft ist wild und einsam, das Klima rau. Unser Haus steht auf einem Berghang. Von hier aus blickt man auf ein wunderschönes Tal, über dem in der Ferne der Monte Amiata aufsteigt mit seinen dichten Kastanien- und Buchenwäldern. Auf unserer Seite des Tals fallen die Hänge sanft ab und dort wachsen Weizen, Oliven und Wein. Aber mittendrin erheben sich noch immer die tief ausgefurchten Erosionsgrate der aschgrauen Lehmhügel, der Crete Senesi, die so nackt und fahl wie ein Elefantenrücken, wie Mondgebirge sind.

"Das Val d'Orcia war eine extrem verarmte Gegend, verwüstet von Kriegen und Epidemien und verlassen von den Bauern, die hier nicht überleben konnten. Eine erodierte Landschaft, schreckliche Armut für die wenigen verbliebenen Bewohner und sehr viel zu tun für meine Eltern, die beide diesen Pioniergeist hatten, diese große Hingabe etwas vorwärts bringen zu wollen und den Wunsch eine Spur auf dieser Welt zu hinterlassen. Und sie haben viel vorwärtsgebracht."

Iris Origo und ihr Mann Antonio waren ein ungewöhnliches Paar. Sie entstammt der wohlhabenden und philanthropischen Familie Cutting aus New York und übersiedelte nach dem Tod ihres Vaters, im Alter von 9 Jahren mit ihrer Mutter nach Fiesole bei Florenz. Hier lebten Mutter und Tochter in der repräsentativen Villa Medici. Der spätere, um zehn Jahre ältere, Mann von Iris, Antonio, ist ein unehelicher Sohn des Grafen Clemente Origo. Sie lernt ihn im Alter von 17 Jahren kennen und heiratet ihn zwei Jahre später gegen den Willen ihrer Mutter.

Das junge, gut situierte Paar, hätte sich trotzdem ein leichtes Leben machen können. Aber sie wollen ein sinnvolles Lebensprojekt und setzen sich in den Kopf, aus der Mondlandschaft von La Foce ein Paradies zu machen. Für sich, ihre Kinder und nicht zuletzt für die Bauern.

"Nun, eine der großen Schwierigkeiten, die es im Val D'Orcia gab, war, die Beschaffenheit des Bodens, er ist sehr lehmig. Wenn man so rundherum schaut, sieht man die berühmten Lehmabbrüche, der Crete Senesi. Das sind kleine Hügelketten aus purem Ton, wenn man diesen Ton mit Wasser mischt, dann können die Bildhauer damit arbeiten oder man kann Ziegel oder Terracotta daraus herstellen. Aber für die Landwirtschaft ist es gar nicht gut."

Iris Origo: "Toskanisches Tagebuch 1943/44. Kriegsjahre im Val'dOrcia"
München 1991

Iris Origo beginnt ihr Tagebuch mit dem 30. Januar 1943, als der Zweite Weltkrieg in seine schlimmste Phase getreten war. Zu der Zeit lebt das Ehepaar auf seinem Gut La Foce, in einem abgelegenen Tal in der südlichen Toskana, dem Val d'Orcia. Als Anfang 1943 die deutsch-italienische Achse auseinanderbricht und die Alliierten die ersten Bomben werfen, wird allen klar, dass Italien zum Kriegsschauplatz geworden ist. Iris Origo erzählt von all dem Leid, den Nöten und den Problemen der italienischen Bevölkerung in jenen Tagen, von beispiellosen Hilfsaktionen für Bedrängte und Bedrohte.

Eine uralte Schweinrasse

"Ich hab heute Brot mitgebracht, damit sie näher kommen. Sonst fressen sie, Eicheln, Mais, Gerste und was immer sie im Wald finden." Gesund ernährte Schweine, die man nur im Freien halten kann. Im Unterschied zum rosa Hausschwein, das ein Jahr lang gemästet wird, brauchen die schwarzen Cinta Senese zwei Jahre, bis sie 150 Kilo auf die Waage bringen. Diese Mühe wollten sich viele Bauern nicht mehr machen. Das Cinta Senese war fast vergessen und wird erst seit 20 Jahren wieder gezielt gezüchtet.

"Das ist eine sehr alte Rasse. Man nimmt an, dass sie schon die antiken Römer kannten, aber das ist nicht bewiesen. Sicher ist dass es die Cinta Senese seit dem 11., 12. Jahrhundert gibt. Im Stadtpalast von Siena hängt ein Bild von Ambrogio Lorenzetti. Es heißt, "Die Kunst des guten und schlechten Regierens." Und auf diesem Bild sieht man einen Bauern, der genau diese Schweine an der Leine führt.
Es ist ein typisches Tier für diese Region und es heißt Cinta Senese, weil es aus der Gegend von Siena stammt. Es ist schwarz und hat diesen charakteristischen weiß-rosa Gürtel, der bei den Schultern anfängt und bei den Beinen endet."

Paolo Naldi: "Luci di Val d'Orcia" (Fotoband)
Verlag DonChisciotte, 2011

Die Schweine sind kommunikativ, verfressen und sympathisch. Irgendwie schade, dass sie zu Prosciutto, Salami und Lardo, dem berühmten weißen Speck verarbeitet werden. Der bekannteste weiße Speck, der Lardo Collonato, kommt übrigens nicht von hier, sondern aus Carrara, den Steinbrüchen in der Nordtoskana, wo er in Mamorbehältern reift und zuallererst den Schwerarbeitern Kraft geben sollte. Aber das ist, sagt Enzo Foi, in Zeiten der Globalisierung, in denen der Speck vakuumverpackt in die ganze Welt exportiert wird, nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass es in Carrara mehr Speck als Schweine gibt. Das Fleisch kommt teilweise aus industriellen Züchtungen in Nord- und Osteuropa. Wer weiß, was auf unserem Teller landet? Vielleicht der Speck von Tieren, die keinen Wald kennen, niemals eine Eichel gefressen haben und mit Antibiotika vollgestopft sind?

Prosciutto vom Cinta Senese

Auf dem Rückweg von den aparten Schweinen gibt es noch viel zu sehen.
Drei Sorten von Oliven wachsen auf den Hängen, aus denen ein Olivenöl-Blend erzeugt wird. Aus den Früchten der Obstbäume werden pikant gewürzte Marmeladen hergestellt, die man in der Toskana nicht nur aufs Brot streicht, sondern auch zum Pecorino, dem Schafskäse isst.
Aber Enzo Foi experimentiert auch mit einer Kreuzung aus Hasen und Kaninchen und züchtet Kapaune. Il Capone war ein legendärer amerikanischer Mafioso. Il Capone ist aber auch ein kastrierter Hahn mit dem man vor allem zu Weihnachten traditionelle Gerichte herstellt: zum Beispiel Tortelloni, die mit dem Fleisch des Kapauns gefüllt sind.

"Im ersten Jahr haben wir einen Tierarzt engagiert, um die Hähne zu kastrieren. 35 Prozent der Tiere sind gestorben. Dann haben wir eine 72 Jahre alte Frau aus Pisa gefunden, die diese Operation sanft nur mit ihren mit den Händen durchgeführt hat. Die Sterblichkeit war 1 Prozent. Das sind Traditionen, die heute verloren zu gehen drohen."

Zurück im Restaurant serviert der Padrone noch Prosciutto vom Cinta Senese und biologischen Wein von befreundeten Bauern. Was ihn antreibt, ist nicht zuletzt sein pädagogischer Eros. Es irritiert Enzo Foi, wenn amerikanische Radfahrer, die ausgezogen sind, das Weltkulturerbe Val d'Orcia zu erkunden, nichts von diesem Erbe wissen wollen. Das gesunde Fett vom Prosciutto schneiden sie weg und schmieren statt dessen Erdnussbutter und Nutella aufs Brot. Dieser kulinarischen Barbarei möchte er vorbeugen, deshalb lädt er möglichst junge Leute auf seine Farm ein.

"Wir sind auch eine didaktische Landwirtschaft, jedes Jahr kommen hier Hunderte Schüler aus verschiedenen Schulen vorbei und mit denen machen wir erstaunliche Sachen. Es ist verboten Snacks, Coca Cola und Orangeade in die Hazienda mitzunehmen, bei uns kriegen sie Apfelsaft, Brot, Salami und Marmelade, lauter gesunde Sachen. Letztes Jahr haben wir mit den Kindern einen Minikurs im Salamikosten gemacht. Wir haben ihnen die kommerzielle Salami aus dem Supermarkt angeboten und zum Vergleich unsere Salami. Wir haben versucht, die Kinder über den Geruch, Geschmack die Farbe selbst herausfinden zu lassen, welches Produkt besser ist. Und was soll ich Ihnen sagen, Sie haben unsere hochwertige Salami bevorzugt und den Unterschied verstanden."

Hinweis: Diese Sendung ist eine Wiederholung aus dem Jahre 2011, manche Detailinformationen könnten inzwischen nicht mehr aktuell sein. Wir bitten um Verständnis.

Mehr zum Thema

Der Klimawandel und die Ostsee - "Toskana des Nordens"
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 24.03.2016)

Wo der Rheingau auf die Toskana trifft
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 24.01.2011)

Toskana in Sachsen-Anhalt
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 28.07.2005)

Lange Nacht

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