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Lange Nacht | Beitrag vom 29.09.2018

Eine Lange Nacht über den Publizisten Léo TaxilSchwindler aus Leidenschaft

Von Peter Mayer

"Les Banquets Androgynes" / Cantique final et Chaîne d'union des Frères et Soeurs". - (Gemischtgeschlechtliche Bankette. Das Kettenlied und die Kette des Bundes der Brüder und Schwestern). - Holzstich nach Zeichnung von Pierre Méjanel. Aus: Léo Taxil, Les Mystères de la Franc-Maçonnerie devoilés, Paris (Letouzey & Ané) o. J. (1886?), S. 473. Ein antifreimaurerisches, in weiten Teilen fiktives Enthüllungsbuch, verfasst von Léo Taxil, eigentl. Marie Joseph Gabriel Antoine Jogand-Pagès (1854-1907), nach seiner Konversion vom Freidenker zum Katholizismus. Privatsammlung.  (akg-images)
Die Freimaurer als Swinger-Club? Holzstich aus einem Buch von Léo Taxil (akg-images)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts agierte in Frankreich ein Meister der Fake News, der mit immer neuen Sensationsgeschichten aus Politik und Religion die Nation in Atem hielt.

Virtuos beherrschte er, Unwahrheit unters Volk zu bringen. Seine Leser waren dafür empfänglich: Die einen haben seine Lügengeschichten aus Religion und Politik als Erleuchtung wahrgenommen, die anderen hielten sich in Übung, wenn es darum ging vor grenzenloser Empörung außer sich zu sein.

Unter dem Pseudonym Léo Taxil wurde der Buchautor und Journalist Gabriel Jogand-Pagès berühmt, mit seinen Publikationen hat er sich den Ruf erworben, der größte Schwindler des Säkulums zu sein. Mundus vult decipi, die Menschheit will betrogen werden, war seine Maxime. Léo Taxil war nicht der einzige Lügenprediger in einer Zeit "nervöser Überreizung", wie der Dichter Émile Zola einmal notierte, aber er war der phantasiereichste. Unter seiner Feder verwandelte sich so manches belanglose Ereignis oder bloßes Hirngesprinst zum Skandal oder zur Staatsaffäre. Taxils Leser waren begeistert oder angewidert und wütend, aber immer waren sie zahlreich. Niemand kam dabei allerdings ernsthaft zu Schaden, es sei denn, dass sich die Gutgläubigen schmerzlich ihre Einfalt eingestehen mussten.

Mit anarchischer Hemmungslosigkeit startete Léo Taxil bereits in frühester Jugend seine polemische Laufbahn und drosch ein auf politisch Konservative jeglicher Couleur.  Vor allem hat er mit haarsträubenden Enthüllungen "Schwarzkittel" der Kirche schlecht geschwindelt. Über Jahre währte seine rasante antiklerikale Treibjagd. Plötzlich sank jedoch sein Jagdfieber, und er legte eine bühnenreife Bekehrung als reuiger Sünder hin, die er wie Kirchenvater Augustinus minutiös in seinen "Bekenntnissen eines Freidenkers" beschrieb. Der antiklerikale Wadenbeißer hatte sich zum erklärten Wohlgefallen höchster kirchlicher Würdenträger einschließlich des Papstes Leo XIII. in ein sanftes Lamm Gottes verwandelt.

In dieser neuen Rolle ging er dann mit viel kirchlichem Segen auf die Freimaurer los und publizierte mit unerschöpflicher Phantasie Gräuelmärchen über die Verruchtheit und menschheitszerstörende satanische Macht ihrer Logen. Dass die Freimaurerei ein illustrer und verabscheuungswürdiger Swinger-Club avant la lettre sei, deutet Taxil immer wieder an. Belege dafür spart er aus - aus Scham, wie er seinen Lesern vorheuchelt. Als ihm nach über einem Jahrzehnt erfolgreicher Freimaurerhatz und wiederkehrender Drohung mit der Geburt des Antichrists auch dieses Thema ausgereizt schien,  lud er ein zur wohl sensationellsten internationalen Pressekonferenz seines Jahrhunderts. Taxil verkündete, dass alles, aber auch alles, was er an Schimpf und Schande je über die Freimaurer verbreitet hatte, erstunken und erlogen war, aber von großem Publikum mit Lust und Hingabe geglaubt wurde.

Das Hauptwerk des Urvaters der Fake News ist dem "Teufel im 19. Jahrhundert" gewidmet, zwei Schwarten zu je 1000 Seiten. Diese Enzyklopädie der Absurditäten bietet schier unendlich Stoff für eine Lange Nacht. Im Leben des Ausnahmeschwindlers Léo Taxil ist wohl nur Zweierlei ganz sicher: Er wurde am 21. März 1854 in Marseille geboren und starb am 31. März1907 in Paris. Sein letztes Werk war erstaunlicherweise ein Kochbuch.

"Der Teufel im 19. Jahrhundert"

"Über den Gläubigen öffnet sich die Kuppel ihres Gotteshauses für die Niederkunft des Feuergeistes Asmodäus. Langsam schwebt der Dämon ein und verharrt knapp über dem Boden. Mit der Rechten schwingt er seinen Säbel, in der Linken präsentiert er einen Schwanz."

1895 veröffentlichte der französische Publizist LéoTaxil das Buch "Der Teufel im 19. Jahrhundert". Eine Sammlung von Monstrositäten, geschrieben für einen aufnahmegierigen Markt, in dem Aberglaube weit verbreitet war. In dem Buch wird von einem Ereignis berichtet, das sich angeblich 1884 in Louisville/Kentucky am Ohio River zugetragen haben soll. Mitglieder des so genannten "Triangels der Elf-Sieben" haben sich in ihrem Tempel zusammengefunden. "Triangel" ist bei den Freimaurern ein anderer Name für Loge. Die Vereinigung betete gerade inbrünstig zu Baphomet, dem Teufel in gottgleicher Gestalt, einem Ziegenbock mit Engelsflügeln und prallen Brüsten, als der Feuergeist Asmodäus verkündet:

"Ich komme direkt vom Kampfplatz einer entsetzlichen Schlacht der Legionen Luzifers gegen Adonaī. Der Waffengang zwischen den Heerscharen des Bösen und des Guten ist ohne Sieger zu Ende gegangen. Aber ich habe bei dem Gemetzel dem Markuslöwen den Schwanz abgehauen und stifte die Trophäe Euch, dem Triangel von Louisville!"

Links:

Léo Taxil (sein eigentlicher Name war Marie Joseph Gabriel Antoine Jogand-Pagès) bei Wikipedia
 
Der Taxil-Schwindel war ein von 1885 bis 1897 andauernder Schwindel, bei dem es um eine angebliche Enthüllung geheimer satanischer Riten der Freimaurerei durch Léo Taxil (1854–1907) ging. Weiterlesen bei Wikipedia

Leo Taxil erkannte sich früh als Teilhaber einer verlogenen Gesellschaft….

… in der es galt, in Politik, Religion und Moral die Menschen mit unlauteren Mitteln aufzustacheln, zum Staunen zu bringen oder einzuschüchtern. Er wollte diese Gesellschaft bloßstellen. Dabei setzte er Lügen in die Welt, um sozusagen über Umwege aufzuklären. Doch diese Methode war auf Dauer nicht zu gebrauchen, die öffentliche Meinung über ihn und seine Aktivitäten schwankte immer zwischen begeisterter Zustimmung und angewiderter Ablehnung. Mit anarchischer Hemmungslosigkeit startete Léo Taxil in früher Jugend seine polemische Laufbahn und drosch auf politischen Konservativismus jeglicher Couleur ein. Dann hat er die Würdenträger der Kirche wegen ihres Lasterlebens bis zum Exzess schlecht geschwindelt, eine bühnenreife Bekehrung hingelegt und sich vom antiklerikalen Wadenbeißer zum sanften Lamm Gottes gewandelt. In dieser Rolle ging er anschließend auf die Freimaurer los. Als ihm nach über einem Jahrzehnt auch dieses Thema ausgereizt schien, lud er ein zur letzten großen Enthüllung und verkündete, dass alles, aber auch alles, was er an Schimpf und Schmach über die Freimaurer verbreitet hatte und was genüsslich geglaubt wurde, erstunken und erlogen war.

"Mundus vult decipi," die Menschheit will betrogen werden.

Mit dieser, Martin Luther zugeschriebenen Maxime, hat sich Léo Taxil den Ruf des größten Schwindlers des 19. Jahrhunderts erworben. Die Betrogenen haben ihm kräftig dabei geholfen. Von ihnen kam niemand ernsthaft zu Schaden, es sei denn, dass sie sich schmerzlich ihre Gutgläubigkeit eingestehen mussten. Taxil hat gelogen, weil seine Lügen als Wahrheit willkommen geheißen wurden.

Er war jedoch nicht der einzige Lügenprediger vor der Wende zum 20. Jahrhundert, wohl aber der erfolgreichste einer Zunft, die ihr unterhaltsames Unwesen in einer Zeit trieb, in der ihr reichlich Stoff dafür geboten wurde.

"Meine einzige Sorge angesichts des Journalismus von heute ist der Zustand nervöser Überreizung, in dem er die Nation hält",

…schrieb der Schriftsteller Émile Zola 1894 in seinen "Annales politiques et littéraires". So konnte ein belangloses Ereignis oder ein Hirngespinst leicht zum Skandal oder zur Staatsaffäre gepuscht werden. Doch für Überreizung sorgte die Nation auch selber. In katastrophaler Selbstüberschätzung stürzte sich Frankreich unter Napoleon III. ins militärische Abenteuer gegen Preußen. Nach der kapitalen Niederlage wurde aus dem Kaiserreich über Nacht die Dritte Republik. Der eilends aus dem Exil heimgekehrte Dichter Victor Hugo wusste sofort: "Paris zu retten ist mehr, als Frankreich zu retten, das heißt: die Errettung der Welt. Paris ist der Mittelpunkt der Menschheit. Paris ist die geheiligte Stadt! Wer Paris angreift, vergreift sich an der Menschheit."

Bei Projekt Gutenberg

Max Henning: Der Teufel. Sein Mythos und seine Geschichte im Christentum - Kapitel 10 – bei Projekt Gutenberg        

Léo Taxil ist ein Pseudonym

Geboren wird er am 21. März 1854 als Marie Joseph Antoine Gabriel Jogand in Marseille. Der Vater ist wohlhabender Metallwarenhändler und sehr kirchentreu. Den Mädchennamen seiner Mutter fügt der Sohn später an, nennt sich dann  Gabriel Jogand-Pagès und macht sich schließlich zu Léo Taxil. Darauf soll ihn Großvater Léonidas gebracht haben und ein indischer König namens Taxile, der sich einst dem Asieneroberer Alexander dem Großen vor die Füße warf. Das Kind Gabriel wird römisch-katholisch getauft und erlebte im Jahreslauf der alten Hafenstadt am Mittelmeer so manche religiöse Bizarrerie:

"Wenn sich eine Saubohne, die ins Lampenöl unter das Marienbild gelegt wird, vollsaugt und platzt, ist der baldige Tod eines verhassten Mitmenschen gewiss."

…wurde mit klerikaler Gewissheit verkündet. Auch Tieren erging es schlecht: Bei Fronleichnams-Umzügen hatte eine Büßerbruderschaft eine weiße Taube lebendig und mit gewaltsam ausgespannten Flügeln ans Kreuz genagelt. Das Tier litt jämmerlich, sein Kopf neigte sich immer weiter vornüber. Am Ende des frommen Aufmarsches war der Vogel tot. Aber die wundersamen Bräuche haben aus dem jungen Gabriel keinen glaubensfesten Christenmenschen machen können. 

Frankreich im Frühjahr 1876

Fast fünf Jahre nach der Zerschlagung der Kommune feiern die Republikaner einen furiosen Sieg bei den Wahlen zur Nationalversammlung. Das politische Leben liberalisiert sich, und kaum ein Tag vergeht ohne die Neugründung einer radikalen Zeitung. Schon Ende 1875 war aus der harmlosen Anglerzeitschrift "L‘Esque" das Satireblatt "La Fronde" geworden, übersetzt "die Steinschleuder" und zugleich Synonym für politischen Widerstand. Chefredakteur: Léo Taxil, gerade volljährig geworden. In einer Ausgabe fordert er seine Leser auf, gierig sauren Hering zu essen, um scharf zu sein auf die einmalige Sonderausgabe von "La Fronde" mit dem Titel "Le Menteur", der Lügner. Die Artikel stehen auf dem Kopf und bieten haarsträubende politische Nonsens-News:

"Reichskanzler Bismarck hat der französischen Regierung angeboten, das Elsaß und Lothringen und die fünf Milliarden Goldmark Kriegstribut zurückzugeben, weil Preußen nichts damit anfangen kann."

Den 19. März, den Tag, an dem die Katholiken den Heiligen Joseph verehren,  machte "La Fronde" zum "Tag aller Gehörnten", die von ihren Frauen betrogen wurden wie Joseph von Maria. Eine Ausgabe später flehte das Blatt scheinheilig um Vergebung für diese Missetat. Taxil teilte wilde rhetorische Hiebe aus und sammelte mit Fleiß Vorladungen vor Gericht wegen Verstößen gegen die guten Sitten, verlor Beleidigungsprozesse und häufte mit der Zeit nach seiner Rechnung Geldstrafen im Gegenwert von acht Jahren Gefängnis.  

Im April 1876 bestieg er den Zug nach Genf und verschwand ins Schweizer Exil

Mag sein, dass ihm der Boden in Marseille auch aus anderen Gründen zu heiß geworden ist. Gerüchte kursierten, dass der Kämpfer gegen die Willkür der Obrigkeit für diese Obrigkeit als Agent tätig war. Außerdem wurde gemunkelt, dass seine zeitweilige Maîtresse aus Habgier ihre Wirtin erschossen habe. Und von seiner 15 Jahre älteren neuen Lebensgefährtin Marie Besson, Schneiderin und Mutter zweier Kinder, hieß es, dass sie mit einer Schere auf einen früheren Liebhaber losgegangen sei und ihn schwer verletzt habe.

In Genf schreibt Taxil unter erschwerten postalischen Bedingungen weiter für "La Fronde". Die Zeitschrift wird alsbald in "Le Frondeur" umbenannt und erscheint in Montpellier. Er verfasst schleimige Eingaben an die Genfer Behörden um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Der Publizist versucht sich schließlich in dubiosem Handel mit Uhren und vertreibt ein Potenzmittel mit dem Namen "Cheville Ouvrière", übersetzt "die treibende Kraft". Eines Tages erfährt die Welt, dass am Grund des Genfer Sees eine versunkene Römerstadt entdeckt worden sei. Zeitungen werden geflutet mit immer neuen Forschungsergebnissen. Die ersten Touristen reisen an um das Unterwasserwunder zu Gesicht zu bekommen. Wissenschaftler gießen Öl auf die Wasseroberfläche um sie zu glätten und um besser in die Tiefe blicken zu können. Ein polnischer Archäologe hat den größten Scharfblick: Er ortet Straßen und Häuser und eine imposante Reiterstatue. Der sensationelle Antikenfund ist frei erfunden, auch damit hat sich Léo Taxil die Exilzeit vertrieben. Im Frühjahr 1878 wird er aus der Schweiz ausgewiesen. Doch er hat Glück, dass er dank einer Generalamnestie für Pressevergehen nach Südfrankreich zurückkehren und wieder für den "Frondeur" arbeiten kann. Auch der greise Victor Hugo steuert einen Artikel für das Provinzblatt bei, in dem er enthusiastisch eine neue Zeit feiert:

"Mut dem Denken! Mut der Wissenschaft! Mut der Philosophie! Mut der Presse! Mut euch allen, ihr guten Geister! Die Stunde naht, in der die Menschheit, endlich befreit aus dem schwarzen Tunnel von 6000 Jahren, überwältigt heraustritt und geblendet in die Sonne der Ideale blickt."

Zum 100. Todestag von Voltaire erhob Léo Taxil sein Glas auf den Mann, der dem Volk das Lachen über Gott beigebracht hat. Solche Appelle an die Vernunft und gegen die Religion waren seit den Wahlerfolgen der Republikaner lauter geworden im Land. Mochten Gemäßigte und Radikale politisch zwar zerstritten sein, was sie einte, war der Antiklerikalismus. Auf diese Waffe verließ sich Léo Taxil. Er begriff aber auch, dass er sich fortan nur in Paris einem größeren Publikum publizistisch präsentieren konnte. Zur Berichterstattung über die Weltausstellung 1878 reiste er erstmals in die Metropole und blieb fortan an der Seine. Mit radikalen antiklerikalen Schmähschriften erregte er rasch Aufsehen. Geflügelt ist sein Satz:

"Man hatte die Übel Frankreichs mit päpstlichen Prinzipien zu heilen versucht und hatte dabei so viel Erfolg wie ein Kartoffelpflaster auf einem Holzbein."

"Mit aufrichtigen Wünschen für den baldigen Untergang des Papsttums."

So die zynische Widmung in seinem Roman "Der Sohn des Jesuiten" die Taxil nach Rom schickt.

Der Kirchenausschluss Taxils erfolgt als prompte Reaktion. Das wiederum veranlasst sein Idol, den italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi, zu einem Glückwunsch-Telegramm:

"Mein lieber Taxil. Habe von ihrer Exkommunizierung gehört. Nichts kann Ihnen mehr zur Ehre gereichen als die Wut dieser schwarzen Krokodile, die es der laschen Menschheit zu verdanken haben, dass sie noch geduldet werden. Glückwunsch."

Investoren aus Montepellier, die Léo Taxil schon bei der Finanzierung seines "Anti-Clérical" Beistand geleistet hatten, schlugen ihm 1881 die Chefredaktion ihrer schwächelnden Zeitschrift "Petit Éclaireur" vor. Taxil macht aus diesem Kleinen Aufklärer den "Midi Républicain" und verschaffte dem Blatt binnen kurzer Zeit Erfolg. Ein Grund war auch der Fortsetzungsroman über Papst Pius IX., der wenige Jahre zuvor gestorben war.

Pius hatte das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Marias verkündet und das Erste Vatikanische Konzil einberufen. Als italienische Truppen den Kirchenstaat auflösten, erklärte er sich zum "Gefangenen im Vatikan" und damit trotzig zum Leidensbruder Jesu.

Taxil erfand einen geheimen Kämmerer seiner Heiligkeit, den er dreist über pontifikale Intimitäten plaudern ließ. Katholische Leser liefen Sturm gegen "Les Amours Secrètes de Pie IX(Neuf)". Ein Neffe des Papstes forderte vor Gericht 60 000 Francs wegen Verleumdung des Verstorbenen. Der Prozess beschäftigte die Öffentlichkeit genauso heftig wie die Schlüsselloch-Geschichten aus dem Vatikan selber. Doch am Ende ist der Neffe des Papstes das Gezänk leid und zieht sich zurück. Taxil aber macht weiter, liefert in drei Bänden "Pius IX. im Licht der Geschichte".

Die Phantasie und die Unternehmungslust des Autors sind unerschöpflich. Seine Leidenschaft, die katholische Welt schelmisch aus den Angeln heben zu wollen, ist grenzenlos. Mit seinen billigen Fortsetzungsschmökern voller Klatsch und Klitterung, seinen Kampfschriften gegen Priester und Papst, die immer wieder begleitet sind von juristischem Nebengetöse, hat er reichlich zu tun. Doch Taxil will mehr. Im Sommer 1881 finden in Frankreich Parlamentswahlen statt. Der junge Publizist möchte Volksvertreter werden und bewirbt sich um den Wahlkreis Narbonne. Sein Wahlprogramm liest sich gut. Er plädiert für Pressefreiheit, allgemeines Recht auf Schule und Bildung und die Erhöhung des Arbeitslohnes für Frauen. Vor allem jedoch will er die radikale Trennung von Kirche und Staat. 

"Beachten Sie bitte, dass alle Personen auf dem Bilde ein ernstes Gesicht machen, nur ich bin der einzige, welcher lacht."

Doch viel zu lachen gab es für den Mystifikateur fortan nicht mehr. Die Zahl der Zweifler wuchs. So veranstaltete Léo Taxil ein halbes Jahr später eine beispiellose Pressekonferenz. Für den Abend des 19. April 1897 lud er in den Saal der ehrwürdigen Geographischen Gesellschaft von Paris ein. Sowohl er als auch Diana Vaughan würden sprechen, hieß es. Der Andrang war riesig, nationale und internationale Presse, sogar aus Island und Patagonien war erschienen, Priester und Mönche, auffallend viele Damen, Freidenker, Freimaurer. Die päpstliche Nuntiatur hatte zwei Delegierte entsandt, auch die Pariser Erzdiözese war vertreten. Zunächst wird eine Schreibmaschine aus dem angeblichen Besitz der Diana Vaughan verlost. Glücklicher Gewinner ist der Herausgeber einer Zeitung in Konstantinopel am Bosporus.

Doch Diana Vaughan selbst erscheint nicht. Als Höllenpriesterin hatte sie auch nie existiert. In Wirklichkeit war sie eine in den Schwindel eingeweihte Typistin und Repräsentantin des amerikanischen Schreibmschinenherstellers Remington, die ins Reine tippte, was Taxil zusammenschwindelte, sowohl Dianas Enthüllungen als Satanspriesterin als auch ihre Korrespondenz mit Geistlichen in aller Welt. Leo Taxil drückte es so aus.

"Mit der ganzen Schreibarbeit hatte Diana eine Menge zu tun."

Den Namen des Autors Dr. Bataille hatte Léo Taxil aus Verehrung für den verstorbenen Freund Eugène Bataille gewählt, der wiederum unter dem  Pseudonym Arthur Sapeck als schelmischer Illustrator eine Kultfigur unter den Pariser Intellektuellen war. So steuerte Bataille bei einer Ausstellung der Gruppe "Les Incohérents" unter dem Titel "Das Lachen" ein Bild der berühmten Mona Lisa bei und steckte ihr eine Meerschaumpfeife in den Mund, aus der immer größer werdende Rauchkringel aufstiegen.

Léo Taxil erklärt vor großem Publikum freimütig, dass all seine in zwölf Jahren veröffentlichten Schriften frei erfunden seien. Seine ausführlichen Darstellungen bei der Pressekonferenz sind ein Meisterwerk hinterlistiger Rhetorik, raffiniert gemischt mit schüchterner Selbstanklage, auftrumpfendem Stolz, aber auch dem Vorwurf an sein Publikum, dass es seine Täuschung geglaubt habe. Den Klerus klagt er an mit dem vernichtenden Satz:

 "Rom hätte den Schwindel eigentlich durchschauen müssen."

Nicht nur weil er prall gefüllt war, herrschte im Saal der Geographischen Gesellschaft dicke Luft. Viele Anwesende versanken in Scham, viele wussten nicht, ob sie ihre Wut gegen sich und ihre Gutgläubigkeit oder gegen Taxil richten sollten, einige beschenkten sich mit Schadenfreude. Léo Taxil schließt mit dem dreisten Satz:

"Meine Damen und Herren, hören Sie das Geständnis meines Verbrechens. Ich habe einen Kindsmord begangen. Der Palladismus ist jetzt mausetot. Sein Vater hat ihn umgebracht."

Tumult im Saal. Applaus, Gelächter, Empörung, wütende Verlegenheit. Ein paar Zuhörer stimmen "O Sacre Coeur de Jésus" an, ein inbrünstiges Kirchenlied, das Victor Meusy zum Ohrwurm in den Kabaretts am Montmartre umfunktioniert hatte.

Léo Taxil, dieser "wunderliche Lebensspieler", wie Theodor Lessing ihn nannte, hatte alles gegeben für sein "Spiel mit dem Aberglauben und dem Fanatismus der Menschen". Dass dabei jedoch "Eitelkeit, Ruhmsucht, Geldgier" keine Rolle gespielt haben sollen, schätzte Lessing falsch ein. Der Schalk aus Marseille agierte natürlich auch fürs Ego und fürs Konto.

Nach der wohl sensationellsten Pressekonferenz seiner Epoche hätte Taxil einer weitere "Fumisterie", einen Schwindel solchen Kalibers, nicht mehr riskieren können. So blieb ihm nur noch, in Vorträgen sein Publikum mit seinen Scharlatanerien zu unterhalten, die Kirche und Freimaurerei aufgewühlt und reichlich mit Peinlichkeiten beschert hatten. Er ließ sich von Marie Besson scheiden, heiratete eine seiner Maitressen, verfasste Ratgeber über "Die Kunst des Einkaufens" oder "Die Familienküche" und erlebte im Jahr 1905 noch die jahrzehntelang umkämpfte Trennung von Kirche und Staat.

Im März 1907 ist Léo Taxil gestorben, ein Mann, der die Überspanntheiten einer ganzen Epoche repräsentierte. In Nachrufen wurde seiner auch wohlwollend gedacht. Man nannte ihn "König der Aufschneider" und "Jules Verne der Hölle".

 Musikliste

1. Stunde

Titel: III. Akt - Prélude - Le Concile des Dieux
Interpret: SWR Sinfonie-Orchester - Ltg.: Sylvain Cambreling
Komponist: Claude Debussy
Label: Glor
Plattentitel: Le martytre de Saint-Sébastien

Titel: II. Akt - La chambre magique
Interpret: SWR -Sinfonie-Orchester Ltg. : Sylvain Cambreling
Komponist: Claude Debussy
Label: Glor
Plattentitel: Le martyre de Saint-Sébastien

Titel: Un meeting anarchiste
Interpret: nicht genannt
Komponist: unbekannt
Label: FREMEAUX ET ASSOCIES
Plattentitel: L'esprit anarchiste 1820-1890

Titel: Ah, ca ira!
Interpret: Marcel Noblat
Komponist: Trad.
Label: EPM Music

Titel: Le vent dans la plaine
Interpret: Alain Planès
Komponist: Claude Debussy
Label: HARMONIA MUNDI FRANCE

Titel: Colin-Maillard
Interpret: Claire Désert und Emmanuel Strosser
Komponist: Georges Bizet
Label: MIRARE

Titel: Toccata
Interpret: Boris Berman
Komponist: Claude Debussy
Label: CHANDOS

Titel: Trompettes et tambours
Interpret: Claire Désert und Emmanuel Strosser
Komponist: Georges Bizet
Label: MIRARE

Titel: Les bulles de savon
Interpret: Clarie Désert und Emmanuel Strosser
Komponist: Georges Bizet
Label: MIRARE

Titel: La toupie
Interpret: Clarie Désert und Emmanuel Strosser
Komponist: Georges Bizet
Label: MIRARE

Titel: Syrinx
Interpret: Emmanuel Pahud
Komponist: Claude Debussy
Label: WARNER CLASSICS

Titel: L'éventail de Jeanne
Interpret: Hilversum Radio Orchestra Ltg.: Leopold Stokowski
Komponist: Maurice Ravel
Label: Decca

Titel: L'entrée des écoliers
Interpret: Daniel Blumenthal
Komponist: Étienne Marcel
Label: Marco Polo

Titel: Sonata for Flute No. 2 in D Major op. 94
Interpret: Emmanuel Pahud und Stephen Kovacevic
Komponist: Claude Debussy
Label: WARNER CLASSICS

Titel: Pour que la nuit soit propice
Interpret: Emmanuel Pahud und Stephen Kovacevic
Komponist: Claude Debussy
Label: WARNER CLASSICS
Plattentitel: 6 épigraphes antiques
  
Titel: Le magasin de jouets, Premier Tableau
Interpret: Berliner Philharmoniker Ltg.: Sir Simon Rattle
Komponist: Claude Debussy
Label: EMI CLASSICS
Plattentitel: La boîte à joujoux 

2. Stunde

Titel: Les chevaux de bois
Interpret: San Francisco Ballet Orchestra (Orch. H Ray & R. Douglas)
Komponist: Claude Debussy
Label: Reference Recording
Plattentitel: Jeux d'enfants - op. 22, WD 56 No. 4

Titel: Un petit train de Plaisir
Interpret: Paolo Giacometti
Komponist: Gioachino Rossini
Label: CHANNEL CLASSICS

Titel: Le ballet des poussins
Interpret: Anima Eterna Brugge Ltg.: Jos van Immerseel
Komponist: Modest Moussorgski
Label: ALPHA
Plattentitel: Tableaux d'une exposition

Titel: Songe d'une nuit de sabbat
Interpret: Orchestre de l'opéra de la Bastille Myung Whum Chung
Komponist: Hector Berlioz
Label: Deutsche Grammophon
Plattentitel: Symphonie fantastique

Titel: La Marseillaise anti-cléricale
Interpret: Marc Ogeret
Komponist: Claude Rouget de Lisle
Label: Vogue

Titel: Roméo au tombeau des Capulet
Interpret: Seiji Ozawa & Boston Symphony Orchestra
Komponist: Hector Berlioz
Label: Deutsche Grammophon

Titel: Personnages à longues oreilles
Interpret: Philharmonia Orchestra - Gezà Anda
Komponist: Camille Saint-Saens
Label: BD MUSIC
Plattentitel: Le Carnaval des animaux

Titel: Pianistes
Interpret: Orchestre National de l'Opéra de Monte-Carlo
Komponist: Camille Saint-Saens
Label: BNF Collections
Plattentitel: Le Carnaval des animaux

Titel: Petite pièce
Interpret: Duo Rivier
Komponist: Claude Debussy
Label: PERC.PROductions

Titel: Impromptu - Petite suite d'orchestre
Interpret: Czech Philharmonic Orchestra Ltg.: Zdenek Kosler
Komponist: Georges Bizet
Label: SUPRAPHON
Plattentitel: Jeux d'enfants

Titel: Petit mari, petite femme
Interpret: Czech Philharmonic Orchestra Ltg. Zdenek Kosler
Komponist: Georges Bizet
Label: SUPRAPHON
Plattentitel: Jeux d'enfants

Titel: Le laurier blessé
Interpret: SWR Sinfonie Orchester Ltg. Sylvain Cambreling
Komponist: Claude Debussy
Label: Sony Classical
Plattentitel: Le martyre de Saint-Sébastien

Titel: Images - 1ère série
Interpret: Francois Samson
Komponist: Claude Debussy
Label: ERATO

Titel: La statue retrouvée
Interpret: Alexandre Tharaud, David Guerrier
Komponist: Erik Satie
Label: HARMONIA MUNDI FRANCE

Titel: Poissons d'or
Interpret: Pierre-Laurent Aimard
Komponist: Claude Debussy
Label: WARNER CLASSICS
Plattentitel: Images L120

3. Stunde

Titel: Galop - Le bal
Interpret: San Francisco ballet Orchestra
Komponist: Claude Debussy
Label: Reference
Plattentitel: Jeux d'enfants op.22

Titel: Aquarium
Interpret: Cristina Ortiz London Sinfonietta & Pascal Rogé & Charles Dutoit
Komponist: Camille Saint-Saens
Label: Decca
Plattentitel: Le carneval des animaux

Titel: Kangourous
Interpret: Cristina Ortiz London Sinfonietta & Pascal Rogé & Charles Dutoit
Komponist: Camille Saint-Saens
Label: Decca
Plattentitel: Le carnaval des animaux

Titel: Le roi malgré lui
Interpret: Paul Paray, Malcolm Johns, Detroit Symphony Orchestra, Wayne State University
Komponist: Emmanuel Chabrier
Label: Mangora Classical

Titel: Un petit train de Plaisir
Interpret: Paolo Giacometti
Komponist: Gioachino Rossini
Label: CHANNEL CLASSICS

Titel: Allegretto Vivace
Interpret: Orchestre de Bordeaux Aquitaine, Roberto Benzi, Gilles Pons
Komponist: Georges Bizet
Label: FORLANE
Plattentitel: Souvenir de Rome

Titel: Songe d'une nuit de sabbat
Interpret: Orchestre de l'opéra Bastille Myung Whum Chung
Komponist: Hector Berlioz
Label: Deutsche Grammophon
Plattentitel: Symphonie fantastique

Titel: Minuetto
Interpret: London Symphony Orchestra und Claudio Abbado
Komponist: Georges Bizet
Label: Deutsche Grammophon
Plattentitel: L'Arlésienne

Titel: Andante Maestoso
Interpret: Hungarian Cello Orchestra
Komponist: Giacomo Meyerbeer
Label: Hungaroton
Plattentitel: Robert le Diable

Titel: Andante Cantabile
Interpret: Hungarian Cello Orchestra
Komponist: Giacomo Meyerbeer
Label: Hungaroton
Plattentitel: Robert le Diable

Titel: Allegro
Interpret: Hungarian Cello Orchestra
Komponist: Giacomo Meyerbeer
Label: Hungaroton
Plattentitel: Robert le Diable

Titel: Pavane pour une infante défunte
Interpret: Vladimir Ashkenazy
Komponist: Maurice Ravel
Label: Decca

Titel: Andantino
Interpret: Hungarian Cello Orchestra
Komponist: Giacomo Meyerbeer
Label: Hungaroton
Plattentitel: Robert le Diable

Titel: Intermezzo
Interpret: London Symphony Orchestra & Claudio Abbado
Komponist: Georges Bizet
Label: Deutsche Grammophon
Plattentitel: L'Arlésienne

Titel: The Typewriter
Interpret: Leroy Anderson - Pops Concert Orchestra
Komponist: Leroy Anderson
Label: NAXOS

Titel: Aquarium
Interpret: Cristina Ortiz London Sinfonietta & Pascal Rogé & Charles Dutoit
Komponist: Camille Saint-Saens
Label: Decca
Plattentitel: Le Carnaval des animaux

Titel: Feux d'artifice
Interpret: Pierre-Laurent Aimard
Komponist: Claude Debussy
Label: Deutsche Grammophon
Plattentitel: Préludes

Lange Nacht

Eine Lange Nacht über den BluesAuf der Suche nach Freiheit
Muddy Water spielt auf einer Bühne Gitarre. Schwarz-weiß Foto (imago stock&people)

Zwischen den 20er- und 70er-Jahren zogen in den USA immer mehr Afroamerikaner aus dem Süden in die Städte des Nordens. Sie brachten den Blues mit. Musiker wie Muddy Waters wurden berühmt. Es waren vor allem Frauen, die die ersten Bluesplatten kauften. Mehr

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