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Lange Nacht | Beitrag vom 15.06.2019

Eine Lange Nacht mit Musik von Türkeistämmigen in DeutschlandSaz, Soul und Selbstbewusstsein

Von Nedim Hazar und Michael Frank

Eko Fresh, Kölner Musiker und Schauspieler mit seinem Lied zum Thema Integrationsdebatte: "Aber" (picture-alliance / dpa / Horst Ossinger)
Eko Fresh, Kölner Musiker und Schauspieler (picture-alliance / dpa / Horst Ossinger)

Seit mehr als 50 Jahren leben türkischstämmige Menschen in Deutschland. Doch noch immer ist die musikalische Vielfalt der größten deutschen Minderheit nur wenigen bekannt. Quer durchs Land gibt es Chöre, die die Tradition der klassisch türkischen Musik pflegen.

Rapper wie Kool Savas oder Eko Fresh sind allen ein Begriff. Aber der künstlerische Reichtum und die Vielfarbigkeit türkischer Musik erfährt hierzulande insgesamt nicht so viel Wertschätzung. Dabei bewegen sich Musiker und Musikerinnen verschiedener Generationen zwischen Folk, Rock, Elektro-Dub, House und zeitgenössischer E-Musik.

Komplexes Thema

Manche sind in Deutschland geboren und haben einen deutschen Pass, manche sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen und leben hier seit vielen Jahren. Die Komponistin Zeynep Gedizlioğlu kam im Jahr 2000 im Alter von 23 Jahren nach Deutschland.

"Worüber will man tatsächlich reden? Also, wenn man sagt 'türkisch, türkischstämmig, Türken'. Will man über die Türken reden? Oder über Leute reden, die durch eine Kultur gebunden sind? Redet man über Nation? Oder redet man über Türken, Kurden, aber auch Armenier, Griechen? Es gibt so viele unterschiedliche Baustellen. Ich finde, dieses Thema hochkomplex."

Warum ist uns türkische Musik nach all diesen Jahren des Zusammenlebens immer noch fremd? Ist es die Sprache? Gibt es überhaupt Sprachbarrieren in der Musik?

"Deutschland, der Tyrann"

"Zalim Almanya" ist eines der populärsten Lieder von Yüksel Özkasap. Sie ist die beliebteste Sängerin in der Geschichte der türkischen Einwanderer in Deutschland. Man nannte sie "die Nachtigall von Köln" in den 60er- und 70er-Jahren. In dieser Zeit verkaufte Yüksel Özkasap hunderttausende Tonträger in Deutschland. So viele wie Nena, Katja Ebstein oder Nana Mouskouri. Nana Mouskouri ist Griechin. Aber von der Existenz dieser Sängerin hat keiner in der deutschen Musikindustrie gehört.

Sie kam als sogenannte Gastarbeiterin nach Deutschland und gehörte damit zu einer damals noch nicht vorhandenen Kategorie, weder in der Musik noch in der Kultur.  "Zalim Almanya" heißt wortwörtlich übersetzt: "Deutschland, der Tyrann". Nicht "Caprifischer", oder "Weiße Rosen aus Athen", sondern "Deutschland, der Tyrann". Als das Lied in den frühen siebziger Jahren entstand, hätte man sich wahrscheinlich darüber empört, wenn es überhaupt auf Deutsch übersetzt worden wäre.

Keiner hätte Geduld gehabt für die Erläuterung, dass das Wort "Zalim", also Tyrann, in der türkischen und kurdischen Volksliteratur häufig vorkommt. Und zwar nicht nur, um Feudalherren oder böse Diktatoren zu beschreiben, sondern auch um negative Lebenssituationen, fatale Schicksale zu schildern. Und Özkasaps Lied handelt nicht einmal von Deutschland, sondern von der ärmlichen sozialen Lage der Sängerin, die sie aus der Türkei und folglich von ihren Geliebten weggerissen hat. Also ein einfaches, trauriges Liebeslied.

Ein anderes Tonsystem und ungerade Takte

Wenn so viele unterschiedliche Musik von türkeistämmigen Menschen in Deutschland noch immer relativ wenig Verbreitung findet, könnte der Gedanke aufkommen, dass es vielleicht Elemente in der Musik gibt, die den Zugang erschweren. Liegt es vielleicht manchmal an den Melodien? Oder an ungeraden Metren wie dem 9/8- oder 5/4-Takt ?

Die Musikproduzentin und DJane Ipek Ipekçioğlu hat verschiedene Erfahrungen gemacht. Bei Musik, die sie auf Tonträgern veröffentlicht, verzichtet sie zzum Beispiel weitgehend auf die sogenannten "Broken Beats". In ihren Live-Auftritten im Trio mit Klarinettist Ceyhun Kaya und Bağlamaspielerin und Sängerin Petra Nachtmanova sind die ungeraden Metren dagegen viel öfter zu hören.


DJane Ipek Ipekcioglu (dpa / picture alliance / Markus Scholz)DJane Ipek Ipekcioglu (dpa / picture alliance / Markus Scholz)

"Die Tracks, die veröffentlicht werden, die mache ich eher 4/4 oder 8/8. Weil a) die Labels können mit den anderen Rhythmen, also wie 7/8 und 9/8 nichts anfangen, b) in den Clubs kannst Du 9/8, 7/8 oder 3 / 4 - Geschichten schwieriger spielen, weil die meisten Menschen damit nichts anfangen können. Und ich will sie ja an den Menschen bringen. Ich will sie ja veröffentlichen. Da gucke ich schon, wie ich sie, was ich veröffentlichen kann, damit die Menschen das auch hören wollen."

Auch das orientalische Tonsystem ist für westliche Ohren ungewohnt: Die Abstände zwischen den Tönen sind nicht in ganze und halbe Töne gegliedert, sondern in viel kleineren Abständen. Die Kommatönen teilen einen ganzen Ton in neun gleich große Einheiten auf. Auf einer Gitarre mit Bünden oder einem Klavier lässt sich das nicht spielen. Realisierbar ist es auf der Ud, einer bundlosen Kurzhalslaute oder der Langhalslaute Baglama.

Elektronische Tanzmusik und Folklore

Ipek Ipekçioğlu wurde 1972 in München geboren und lebt und arbeitet seit Anfang der 90er-Jahre in Berlin als DJane, Musikproduzentin und Kuratorin von Musikprojekten. Sie hat ein Diplom in Sozialpädagogik und ist seit 20 Jahren Teil des DJ-Teams der Gayhane-Nacht, der Homo-Oriental-Dancefloor-Party im Berliner SO36. Sie tritt als DJane nicht nur allein und nicht nur in Clubs auf. Sie ist auch auf Konzertbühnen zu erleben, zum Beispiel als Teil des Trios  Karmatürji, mit der Sängerin und spielerin Petra Nachtmanova und dem Klarinettisten Ceyhun Kaya.

Die Musikerin ist mit ihrer Mixtur aus verschiedenen elektronischen Tanzmusikstilen und Elementen traditioneller Folklore aus unterschiedlichen Ländern international erfolgreich. Einer ihrer musikalischen Bezugspunkte ist die Liedermachertradition Anatoliens.

"Aşık Mahzuni Şerif, Arif Sağ, oder Neşet Ertaş, das sind solche Menschen, mit deren Musik wir  aufwachsen in der Türkei oder in Deutschland. Wir hören das bei uns in den Familien, wir wachsen halt mit diesen Volksliedern auf. Und Aşık Mahzuni Şerif ist ja auch bekannt für seine sehr sozialkritischen Texte und Inhalte. Sein Lied 'Yuh Yuh' geht eigentlich an die Räuber, die Ausbeuter: Was Ihr da macht ist grässlich. 'Buh' zu Euch, die ihr Menschen ausbeutet. Es ist sozusagen ein Klagelied über den Zustand überall auf der Welt, wo es sehr viel um Unterdrückung und um Ausbeutung geht, aber insbesondere um Menschen, die sich im Namen des Staates daran beteiligen."

Für ihre Adaptionen sucht sich Ipek Ipekçioğlu oft bewusst Lieder mit sozialkritischem Inhalt aus. Ziel ihrer Bearbeitungen zwischen Techno, House, Dub und Disco ist zunächst einmal, die jahrzehntealten Lieder für Menschen in heutigen Clubs tanzbar zu machen. Musikalischen Ausdruck hat Ipek Ipekçioğlus Selbstbewusstsein und Aktivismus zum Beispiel in dem Lied "Uyan Uyan " gefunden. Sie hat es zusammen mit der polnisch-tschechisch-stämmigen Sängerin und Saz-Spielerin Petra Nachtmanova aufgenommen.

"Auch wenn ich das, wohin die Türkei geht oder wohin Deutschland geht, sehr, sehr schwierig finde, und sehr, sehr bedaure", sagt Ipek Ipekçioğlu. "Und das mich auch sehr, sehr traurig stimmt, was da um mich herum passiert, müssen wir natürlich trotzdem unsere Wege und unsere Instrumente finden, wie wir dagegen angehen können. 
Zum Beispiel was ich mit Petra Nachtmanova gemacht hatte, mit 'Uyan Uyan'-Track, 'Wake up', ging es auch darum: Du denkst vielleicht, du bist allein und einsam. Aber eigentlich bist Du nicht allein. Komm raus aus Deiner eigenen Isolation! Es gibt viele wie Dich, die das Gleiche denken, die auch handeln wollen, die was machen wollen.
Zum Beispiel gibt es ja überall diese 'social justice movements'. In der Türkei war es Gezi, in den arabischen Ländern war es "Arab Spring". Wir haben  hier 'AfD wegbassen' und 'Unteilbar'. In Brasilien oder in Israel gab es solche Movements. Und dann würde man denken: Wenn ich aufstehe und mich dagegen wehre, und auf die Straße gehe, wird immer alles schlimmer. Besser gehe ich nicht mehr auf die Straße, besser tue ich nichts mehr, weil es bringt ja eh nichts. Nein! Es bringt was. Lasst uns nicht einschlafen! Lasst uns nicht aufhören! Lasst uns immer noch auf die Straßen gehen, immer noch dafür kämpfen! Weil wenn wir uns nicht zeigen, dann wird es wesentlich einfacher sein, alles zu verändern."

"Deutschland, bittere Heimat"

"Deutschland, bittere Heimat, hast keinem Menschen zugelächelt.
Ich kannte nicht den Grund. Einige kommen nicht zurück.
Drei Töchter, zwei Söhne, bei wem hast du sie gelassen?
So ein schönes Zuhause, du bist mit brennendem Feuer gegangen."

Das Lied "Deutschland, bittere Heimat" entstand bereits in den 60er-Jahren wahrscheinlich in der Schwarzmeerregion. Bis in den 90ern wurde es von fast jedem türkischen Chor in Deutschland interpretiert und hatte im deutsch-türkischen Vereinsleben nahezu Hymnenstatus. Das Lied beschreibt die Migration aus Sicht der Türkei.

Metin Türköz und die Plattenfirma Türküola

Metin Türköz gehörte zu den ersten Gruppen der türkischen Gastarbeiter, die nach Deutschland kamen. Die deutschen Gastgeber wollten eigentlich nur behilflich sein. Für die Neuankömmlinge wurde das Ereignis zum ersten Kulturschock im fremden Land. Heute wissen wir, dass der Kulturschock viel mehr die Einheimischen getroffen hat, als diejenigen, denen noch der anatolische Staub an den Fußsohlen haftete.

Der Aufenthalt von Türköz am Münchener Bahnhof dauerte nicht lang. Er und einige Dutzend seiner Kollegen wurden nach Köln weitergeleitet, wo er vielleicht endlich einen halven Hahn bekam. Dann begann seine Zeit als Hilfsarbeiter bei den Fordwerken. Nach Feierabend spielte Metin Türköz im Arbeiterheim gerne auf seiner Saz, der türkischen Langhalslaute.

"In dem Arbeiterheim, in dem wir lebten, wurde eines Tages eine Veranstaltung angekündigt. Wir sollten unsere Probleme dort vor türkischen Offiziellen schildern. Mein Kumpel sagte mir, 'nimm’ doch deine Saz mit. Lass uns zusammen hingehen'. Als ich den Saal mit meinem Instrument betrat, wurde pötzlich laut applaudiert: 'Unser Aşık, unser Volksbarde ist da!' Ich war gar nicht darauf vorbereitet. Ich dachte mir, 'Türköz, jetzt erzählst du deine Geschichte'. Und ich sang einfach drauf los:

'In Sirkeci gaben sie mir einen Vertrag. Du wirst in Deutschland arbeiten, sagten sie. Ein Paket, eine Fahrkarte und los, sagten sie. In München gab es Gekochtes vom Schwein. Deutschland, Deutschland. Du findest keinen Arbeiter wie den türkischen.' Der Saal tobte." 

"Alamanya: Die Deutschlandballade" von Metin Türköz ist das erste türkische Stück, das auf deutschem Boden entstand und aufgenommen wurde. Türköz hatte in den 60er und 70er-Jahren 13 Kassetten und 72 Singles jeweils mit Auflagen von Hunderttausenden aufgenommen. Diese Tonträger wurden von der in Köln neu gegründeten türkischen Plattenfirma Türküola veröffentlicht. Die neuen Migranten brauchten Kultur und Musik aus der Heimat. Unternehmer Yılmaz Asöcal entdeckte diese Marktlücke, als es noch kein türkisches Radio gab und Briefverkehr mit der Heimat oft wochenlang dauerte.  

Diese Entwicklung lief fernab von der deutschen Musikindustrie. Weder Institutionen noch Privatunternehmer auf deutscher Seite – streng genommen, auch auf türkischer Seite – waren sich der kulturellen Bedürfnisse der türkischen Arbeiter bewusst. Erst Jahrzehnte später entdeckte die Unterhaltungsindustrie der Türkei den deutschen Markt und begann, Video -und Musikkassetten hierzulande zu vertreiben. Um Metin Türköz wurde es nun still. In den 90er-Jahren arbeitete er in einem türkischen Supermarkt als Metzger.

Das Stück "Hop Hop Dazlaklar" – zu deusch "Hop Hop Skinheads" – klingt zwar fröhlich, aber ging es um Neonazis, rassistische Angriffe und das Schweigen der deutschen Politiker. Es stammt von der Gruppe Derdiyoklar, zu Deutsch "Die Sorglosen". Die Band wurde in den späten 70er-Jahren von dem Musiker Ali Ekber Aydoğan gegründet. Seine Vision war es, die Musiktradition der östlichen Türkei mit Elementen des Westens zu verbinden. Nicht nur auf musikalischer Ebene mit Schlagzeug, Bass und Keyboards, sondern auch in Erscheinung und als Performance.

Stars, die auf Hochzeiten spielten

Derdiyoklar traten in Pumphosen und Sneakers auf und hantierten auf der Bühne herum, wie zum Beispiel The Who. Das hat funktioniert. Die Band wurde übernacht zum Star in der anwachsenden türkischen Bevölkerung in Deutschland, vor allem unter den Alewiten, da die Bandmitglieder selbst welche waren. Sie wurden bald vom Kölner Label Türküola unter Vertrag genommen. Auch wenn ihre Kassetten hunderttausende Verkaufsauflagen erreichten, bevorzugten Derdiyoklar vor allem Hochzeitsauftritte der Alewiten. Ali Ekber Aydoğan erinnert sich:

"Damals gab es prachtvolle Hochzeiten. Wo immer wir spielten, druckten die Gastgeber unseren Namen auf die Einladungen: 'mit Live Musik von Derdiyoklar'. Und so kamen hunderte mehr Gäste als die, sagen wir tausend Eingeladenen. So beschwerten sich die Hochzeitsleute immer darüber, dass die Hähnchen nicht schnell genug gegrillt werden konnten. Ich erinnere mich immer noch an solche Hochzeiten mit gegrillten Hähnchen. Sie waren einzigartig. Leider gibt’s die heute nicht mehr. Am meisten besucht und am aufregendsten waren die Hochzeiten der Alewiten. Die anderen versuchten sie nachzuahmen. Aber die Hochzeiten der Menschen aus dem Osten der Türkei waren einfach unvergleichbar grandios."

Hip Hop seit den 90er-Jahren

Şevket Dirican alias Chefket wurde 1981 in Heidenheim geboren und lebt seit 2006 in Berlin. Sein Debütalbum erschien 2009. 2018 veröffentlichte er sein viertes Album mit dem Titel "Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)". Fast immer rappt er auf Deutsch. Als er noch Straßenmusik gemacht hat, kamen manchmal ältere Damen zu ihm und seiner Crew meinten: "Ihre Texte sind so gut, so schön, machen Sie weiter so."

Der Rapper und Sänger war bereits im Auftrag des Goethe-Instituts für einen Crashkurs als Deutschlehrer an einer US-amerikanischen Elite-Universität engagiert, wo er mit Erwachsenen und Jugendlichen deutsche Hip-Hop-Tracks erarbeitete. Seine Tracks sind meilenweit von Gangster-Rap entfernt, in seinen Texten geht es unter anderem um Zivilisationskritik, Selbstreflexion und Liebe.

Eko Freshs Track "Aber" wurde im Juli 2018 als Single veröffentlicht und auf Youtube ein großer Hit. Die Darstellung der gegenseitigen Vorwürfe von einem typisierten AFD-Wähler und, wie es in dem Song heißt, "stolzen Türken", wurde auf dem Höhepunkt der Debatten um den Fußballer Mesut Özil veröffentlicht und galt der "Süddeutschen Zeitung" als einer der klügsten Beiträge zum Thema. Eko Fresh hat sehr gut zugehört bei all dem, was an Vorurteilen und Ressentiments in den letzten Jahren ventiliert wurde.

"Ihr könnt euch für früher bedanken.
Wir bauten Deutschland mit auf, macht euch mal drüber Gedanken.
Heute guck' ich in die Zeitung, wir sind üble Migranten?
Doch wir haben nicht vergessen, dass Asylheime brannten."

Am Ende des Tracks präsentiert Eko Fresh seine Sicht auf das Leben zwischen den Stühlen, auf das Framing von Journalisten, die den Schwerpunkt auf seine Herkunft und nicht auf seine Musik legen. Er rappt über das Wiederaufflammen alter Konflikte und kommt doch ganz demonstrativ zu einem optimistischen Schluss:

"Glaubt mir, Jungs, es gibt Tausende von uns. Wir sind zwischen beiden Welten aufgewachsen, Punkt.
Ich muss mich nicht entscheiden, ich muss nur ich selber sein. Leute, die sich treu sind, sind 'ne Seltenheit wie Elfenbein
Seht es ein, denn Identifikation ist nur ein Gefühl wie 'ne Handyvibration
Meine Ansicht, Bro, ob Religion, ob Tradition, zusammen in 'nem Land zu wohnen, ist schwer. Aber ihr macht das schon."

Hip-Hopper thematisierten in ihrer Musik Rassismus

In den 80er-Jahren entstanden die ersten Hip-Hop-Acts, deren Mitglieder von migrantischen Erfahrungen ihrer Familie geprägt waren – und von den Reaktionen der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf sie. Als Acts wie Fresh Familee oder TCA/Microphone Mafia 1993 bekannt wurden, war Eko Fresh 10 Jahre alt.

"Also Fresh Familee, da habe ich als erstes Mal bewusst 'Kanaken'-Hip Hop, oder Migranten-Hip Hop wahrgenommen. Bei Fresh Familee war das. Dann gibt’s natürlich Microphone Mafia, die habe ich auch immer mal wieder gehört. Und Cartel war damals total wichtig, glaube ich, für alle Deutsch-Türken, die jetzt so in meinem Alter waren. Da war die Cassette von Cartel war so wie ein Muss. Und das war ja auch eigentlich total der Migranten-Rap."

Die Lebenswirklichkeit von Hip-Hop-Acts der 90er-Jahre war unter anderem von den rassistischen Anschlägen in Mölln und Solingen 1992 und 1993 geprägt. Die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen 1991 und 1992 waren auch noch frisch in Erinnerung. Das hinterließ deutliche Spuren – auch in der Musik. "Defol Dazlak" - "Verpiss Dich, Skin" – war zum Beispiel einer der bekanntesten Tracks von King Size Terror aus Nürnberg.

Junge weibliche Stimmen: Derya Yıldırım

Die Sängerin und Multi-Instrumentalistin Derya Yıldırım wurde 1994 in Hamburg geboren. Ihre Musikalität wurde schon früh gefördert, noch bevor sie lesen und schreiben konnte. Ihr Vater war Hobby-Musiker und spielte klassische Gitarre und die Langhalslaute Bağlama, auch Saz genannt. Er war ihr erster Saz-Lehrer, gleichzeitig brachte er ihr auch mit selbst gebastelten Memory-Kärtchen aus Holz die Noten bei. Sie war damals etwa drei oder vier Jahre alt. Mit dem Klavierunterricht begann sie im Alter von fünf Jahren.

Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Lehramtsstudium an der Hamburger Musikhochschule. Da dort kein Ausbildungsgang für die Saz angeboten wurde, wählte sie Klavier als Hauptinstrument. Mittlerweile studiert sie aber in Berlin, wo es an der Universität der Künste einen Lehramtsstudiengang für Saz als Hauptinstrument gibt. Über Sebastian Reier alias DJ Booty Carrell, den musikalischen Leiter des mehrmonatigen "New Hamburg"-Projektes, lernte Yıldırım 2014 die Mitglieder ihrer aktuellen, international besetzten Begleitband Grup Şimşek kennen. Im Mai 2019 erschien das Debütalbum von Derya Yıldırım und Grup Şimşek. Über ihre Rolle als Musikerin zwischen den Kulturen sagt sie:

"Ich glaube ich habe eine Aufgabe in den letzten Jahren zugewiesen bekommen. Einfach irgendwie durch Zufall, dass ich die Möglichkeit habe, diese türkische Musik in Europa zu zeigen, als jemand, der sich mit der Türkei quasi oder mit der türkischen Musik identifizieren kann. Gestern habe ich ein Interview gehabt mit Murat Meriç, das ist in der Türkei ein ganz wichtiger Schriftsteller in Bezug auf türkische Musik, der hat gesagt: Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie stolz die türkischen Menschen in der Türkei wären, dass sie wissen, dass jemand, der in Deutschland geboren ist, aber türkisch ist und diese ganze Musik in Europa spielt und zeigt, und die Leute zum Weinen, zum Lachen, zum Tanzen bringt. Das mach einen ja auch einfach glücklich. Die Volksmusik ist ja das Fundament von dem Land oder von einem Gebiet." 

Die vielseitige Musikerin Zeynep Gedizlioğlu

Zeynep Gedizlioğlus Identität hat viele Quellen. Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Jugend spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind für sie bis heute sehr wertvoll.

"In der Zeit, als ich in der Türkei war, hatte ich schon für mich etwas gefunden, was mich damals schon sehr angeregt hatte, nämlich die musikalischen Einflüsse in der türkischen Musik, die eigentlich nicht türkisch sind", erklärt Zeynep Gedizlioğlu. "Zum Beispiel hat es mich immer interessiert zu hören, dass es da einen griechischen Einfluss gibt. Oder ich fand es sehr faszinierend, als ich die Hymnen gehört habe, die Marie Keyrouz aus dem Libanon gesungen hat, aber auf Griechisch oder auf Lateinisch. Sie hat diese ganz alten christlichen Hymnen mit mir sehr vertrauten Modi gesungen, also Makam, die arabisch aber auch türkisch sein können.

Schon als ich Kind war, fand ich das sehr faszinierend, eben diese Ähnlichkeiten und Unterschiede in einer einzigen Sache zu entdecken und zu hören. Das kann ich auch mit einer anderen Erfahrung vergleichen. Zum Beispiel wie ich begeistert und angeregt davon war, als ich in die Kirche gegangen bin, z.B. in eine armenischen Kirche. Auch weil ich interessiert war, wie am Sonntag die Gottesdienste klingen. Ich wollte da sitzen und mir die Musik anhören."

Mit elf Jahren schrieb sie ihre ersten Stücke

Die Komponistin Zeynep Gedizlioğlu wurde 1977 in Izmir geboren. Den Entschluss, Musik zu ihrem Lebensinhalt zu machen, fasste sie bereits im Alter von acht, neun Jahren. Ausschlaggebend waren lange und intensive Hörerlebnisse mit Rockmusik, die es in der Sammlung ihrer Eltern gab. Ab dem Alter von elf Jahren erhielt sie an einem Musik-Konservatorium Oboen- und Klavierunterricht. Nur etwa drei Wochen nach Beginn des Klavierunterrichts fing sie an zu komponieren. Mit 15 Jahren wurde sie am Konservatorium in der vor-universitären Abteilung für Komposition aufgenommen. Dort lernte sie, Stücke in der Tradition abendländisch klassischer Musik zu komponieren – zum Beispiel einen Sonatensatz oder eine Fuge.

Orchesterwerk über die Gezi-Proteste

Als sie 20 Jahre alt war, schloss sie ihr Studium an diesem Konservatorium ab. Aus Neugier auf die Impulse aus einer anderen Umgebung verließ sie im Jahr 2000 im Alter von 23 Jahren die Türkei und kam nach Deutschland, wo sie unter anderem  bei Wolfgang Rihm studierte.  Seit 2012 lebt und arbeitet sie hauptsächlich in Berlin. Sie ist weit davon entfernt, in ihrer Musik irgendetwas erzählen oder erklären zu wollen, aber sie lebt nicht in einem künstlerischen Elfenbeinturm. Das Orchesterwerk "Durak" entstand 2013 unter dem Eindruck der Proteste gegen ein Bauvorhaben im Istanbuler Gezi-Park und deren brutaler Niederschlagung durch die Polizei. Und ihr zweites Streichquartett mit dem Titel "Susma -  Schweige nicht" widmete sie dem 2007 in der Türkei ermordeten Journalisten Hrant Dink.

"Othering" und andere Diskrimierungen

Das neudeutsche Wort "Othering" benennt einen Vorgang, in dem eine Gruppe zu den "Anderen" gemacht wird. Ganz unterschiedlichen Menschen wird z.B. ein Label aufgedrückt. Auf dem steht dann "Migrationshintergrund", "exotisch" "anders als die Mehrheitsgesellschaft", oder auch "Opfer von Rassismus". Jemand wie der Rapper Şevket Dirican alias Chefket ist solche Zuschreibungen leid. Er bestimmt selber, wer er ist, und lässt sich nicht mehr durch sie einschränken. Der Rapper Eko Fresh erzählt:

"Ich möchte, dass man jetzt nicht so die ganze Zeit sich in diese Opferrolle drücken lassen sollte. Ich habe das mitbekommen. Da gibt es so einen Code: Alle wissen, dass es sowas gibt, aber ich glaube nicht, dass es das ist, was man unseren Kindern aufschreiben sollte. Weil das auch irgendwie so etwas wie ein Komplex ist, den man mit sich trägt. Es hat Jahre gedauert, den loszuwerden. Wenn ich mitkriegen würde, dass mein Sohn das mit sich trägt, dann wäre ich strikt dagegen. Deswegen versuche ich immer, den German Dream sozusagen als Beispiel zu geben für die anderen, auch wenn man damit Schwierigkeiten hatte oder was auch immer.
Ich versuche lieber in der Vorwärtsbewegung irgendwie dazu konstruktiv beizutragen, dass es das nicht mehr gibt, anstelle mich die ganze Zeit mit Problemaufarbeitung zu beschäftigen."

"Ich bin einfach deutsch"

Der ehemalige Rapper und heutige DJ Bülent Teztiker alias Boulevard Bou forderte schon 1994 seine Landsleute auf, einen deutschen Pass zu beantragen, sonst werde sich an den alltäglichen Diskriminierungen nichts ändern. 25 Jahre später, im Frühjahr 2019, kandidiert er bei den Heidelberger Kommunalwahlen auf der Liste der Grünen.

"Das Staatsbürgerrecht wurde ja Gott sei Dank geändert. Kids, die hier geboren werden, bekommen automatisch den deutschen Pass erst mal in die Hand gedrückt. Das ist schon mal ein ganz großer Schritt in Richtung Identitätsfindung in Deutschland, wenn Du diesen Pass hast. Wir haben ein Staatsbürgerrecht. Wenn du eingebürgert bist, wenn Du einen deutschen Pass hast, dann bist du deutsch. Da gibt’s nix dran zu rütteln. Deswegen, für mich zum Beispiel ist das so: Ich mag da auch gar nicht mehr drüber reden. Ich hab' da schon lange nicht mehr drüber geredet. Ob ich da jetzt ein Migrant bin, das interessiert mich gar nicht mehr. Ich bin einfach deutsch. Ich hab' da gar keinen Redebedarf. Diese Diskussion, die haben wir früher geführt. Da haben wir alles erklärt. Dazu ist alles gesagt. Und dann ist auch irgendwann mal gut.
Ich möchte mich dann auch mal wichtigeren Dingen wie dem Klimawandel zuwenden, und mich mit wichtigeren Menschheitsfragen beschäftigen und da meinen Beitrag leisten, und nicht immer auf solche Themen reduziert werden. Wie gesagt, ich bin ganz normal deutsch. Ich bin gerne deutsch und damit ist auch schon alles gesagt."

Weiter führende Links und Buchtipps zum Thema

Der Musiker und Journalist Nedim Hazar, Co-Autor dieser Langen Nacht, hat jüngst gemeinsam mit der Formation "Die Mampen" die Musikrevue "Lieder und Geschichten im Transit" auf die Bühne gebracht, hier gibt es Einblicke.

Die türkischen Barden Kölns: 
Die schönen Zeiten der Türkei:

Das Manuskript zur Sendung zum Download:

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