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Lange Nacht | Beitrag vom 06.04.2019

Eine Lange Nacht exotischer GenüsseFremdes Leben in fernen Ländern

Von Antje Allroggen

Drei Tahitaner (Ausschnitt) Gemälde von Paul Gauguin (1843-1903) (imago / United Archives)
Bis heute bewundern wir die Bilder Paul Gaugins, wissen aber auch, dass es diese Welt der frohen Tropen so nie gegeben hat. (imago / United Archives)

Für den Maler Paul Gauguin war die Insel Tahiti ein exotisches Paradies. Immer wieder inspirierte sie ihn für seine Malerei. Auch Musiker wie Claude Debussy oder Georges Bizet verarbeiteten Einflüsse aus außereuropäischen Ländern in ihren Werken.

Rein sprachlich betrachtet, bedeutet exotisch nichts anderes als etwas, das sich außen befindet, das aus fernen Ländern stammt wie etwa Lebewesen, Gegenstände, Gerüche, Erinnerungen, Musik oder Bilder. Schlichtweg alles, was außerhalb "unseres alltäglichen, gegenwärtigen Bewusstseins" steht. So formulierte es Victor Segalen, französischer Schriftsteller, Ethnologe, Arzt und Sammler der letzten Skizzen von Paul Gauguin. Dessen Traum von Exotik war Tahiti. Ort seiner ersehnten Zuflucht, sein vermeintliches Paradies, das er in satten Farben und Formen auf die Leinwand bannte. Bis heute bewundern wir seine exotischen Bilder, wissen aber auch, dass es diese Welt der frohen Tropen so nie gegeben hat.

Musiker wie Claude Debussy oder Georges Bizet waren frühe Bewunderer exotischer Einflüsse. Die Lange Nacht erzählt von exotischen geplatzten Träumen, aber auch von gelungenen kleinen Fluchten in Paradiese, die auch heute noch möglich sind.

Exotik als emotionales Lockmittel

Hilke Thode-Arora, Münchener Ethnologin: "Exotik ist natürlich ein ganz starkes gefühlsmäßiges emotionales Lockmittel, das die Leute abholt. Also ich denke, wir alle sind nicht frei von Exotik. Auch ich als Wissenschaftlerin genieße natürlich ein gewisses Maß an Exotik, auch wenn ich genau weiß, ich muss das hinterfragen, und ich werde das auch hinterfragen. Exotik hat ja was mit Gefühlen zu tun."
Dr. Hilke Thode-Arora, Leiterin der Abteilung Ozeanien, Referentin für Provenienzforschung, Museum Fünf Kontinente in München.

Das Museum Fünf Kontinente in München, ehemals Staatliches Museum für Völkerkunde, wurde 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland gegründet. Die hier bewahrten und kontinuierlich erweiterten Sammlungen von Dingen des alltäglichen Lebens, rituellen Objekten oder Kunstwerken erzählen vom kulturellen Reichtum der Menschheit. Sie schlagen Brücken von der Vergangenheit ins aktuelle Zeitgeschehen und öffnen Türen zu anderen Lebens- und Sichtweisen. Innerhalb der vielfältigen Münchner Museumslandschaft bietet das Museum einen einzigartigen Zugang zum kulturellen Reichtum der Menschen in aller Welt. 

Die sechste Weltausstellung in Paris 1867

Unsere Suche nach Exotik führt zunächst ins 19. Jahrhundert. 1867 fand in Paris die sechste Weltausstellung statt. Sie hatte die französische Bevölkerung wohl in erster Linie einfach nur unterhalten wollen.

Ein Gerät zur akustisch-mechanischen Aufnahme und Wiedergabe von Schall. Ein verbessertes Fahrrad und eine gewaltige Lichtinstallation, die den Eiffelturm – der ja eigens für diese Weltausstellung errichtet worden war – in den Farben der französischen Trikolore illuminierte. Außerdem war ein eigenes Dorf auf der Ausstellung nachgebaut worden mit Materialien, die man aus den jeweiligen Ländern hatte kommen lassen. Das Dorf sollte die kompletten Kulturen der Welt nach Frankreich holen. Auch afrikanische und asiatische Länder waren vertreten, damals noch eine Seltenheit. Man hatte sogar Handwerker und Künstler aus fernen Regionen nach Paris für die Ausstellung eingeschifft.  In den einzelnen Pavillons zeigten sie ihr Können. Einblicke in fremde Kulturen mit Menschen, die den Ausstellungsbesuchern wie Museumsobjekte präsentiert wurden. Erst heute beginnt man damit, sich dieser Aneignung von fremdem Kulturgut intensiv zu stellen. Auf der Weltausstellung gab es sogar ein Zirkuszelt, in dem 28 Surinamer zur Schau gestellt wurden. Und wer als Ausstellungsbesucher was auf sich hielt, ließ sich mit Fächer und Sonnenschirm auf einem sogenannten "Rollfauteuil" – einem Stuhl mit drei Rädern – von einem Chauffeur in Uniform durch die Ausstellungsräume kutschieren.

Mario von Lüttichau, ehem. Kurator am Essener Folkwang-Museum: "Aus allen französischen Kolonien, aus Afrika natürlich, haben die Dörfer aufgebaut und arbeiten dort. Und sezieren und machen so einen Arbeitsablauf. Ist natürlich alles irgendwie für die Reisenden gemacht. So lebten die Menschen natürlich nicht. Aber das wurde wie eine Aufführung, wie so ein Theater dorthin gestellt."

Bis 2017 arbeitete er als Kurator am Essener Folkwang-Museum. Dessen Gründer, Karl Ernst Osthaus, hatte nach einer Reise nach Tunesien im Jahr 1899 den Entschluss gefasst, ein neuartiges Museum zu gründen. Aus seinen Reisen in ferne Länder kamen zahlreiche Kunstwerke aus der Zeit des Impressionismus, Expressionismus und Surrealismus in die Sammlung. Darunter auch Schlüsselwerke Van Goghs und Gauguins. Für die Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts war die Weltausstellung eine wichtige Inspirationsquelle.

Gauguins exotische Gegenwelt

Auch Gauguin hatte die Weltausstellung besucht. Ein Jahr zuvor war er dem Vorschlag von Theo van Gogh gefolgt, dessen Bruder im französischen Arles in einer Art Künstlergemeinschaft Gesellschaft zu leisten. Ein Versuch, der in einem totalen Fiasko geendet hatte. Als Gauguin nun also Gast auf der Ausstellung war, war er auf der Suche nach neuer künstlerischer Inspiration. Und war von der Kolonialabteilung der Weltausstellung regelrecht begeistert:

Mario von Lüttichau: "Ihn haben die Menschen fasziniert. Aber natürlich auch die Architektur. Und er hat sich natürlich schon vorgestellt, darüber gelesen usw. Und wenn er dorthin fahren würde, könnte er in diese Welt eintauchen und vielleicht an deren normalen Alltag, nicht an dieser Exponiertheit, aber an dem normalen Alltag teilnehmen."

"Und dann ist vielleicht so der Wunsch in ihm gewesen, aus der Zivilisation auszutreten und in eine Welt einzutauchen. Es muss etwas ganz Großartiges gewesen sein. Die Menschen schreiben begeistert, was sie dort alles haben. Man muss sich um nichts kümmern. Es wächst alles in den Mund. Es ist alles da: Wunderbare Frauen, wunderbare Modelle. Man hat eigentlich immer schönes Wetter und hat immer schöne Menschen um sich."

Exotik. Flucht in die Ferne. Üppige Farben. Wohltuendes Licht. Suche nach Schönheit. Strahlende Sonne.

Tahiti ist für Gauguin eine Art Gegenwelt zu seinem tristen und teuren Leben, das er in Paris als Vater von fünf Kindern führt.

1787 schrieb der französische Schriftsteller den zu seiner Zeit viel beachteten Roman Paul et Virginie. Ein ungleiches Liebespaar, das auf Mauritius, der damaligen Île de France,  die gesellschaftlichen Differenzen überwindet, am Ende jedoch den Tod findet. Erstmalig spielte ein klassischer Stoff in den Tropen, die hier, ganz im Rousseauschen Sinne, Folie für eine tugendhafte Seele sind. Den europäischen Norden sieht Saint-Pierre durch den Verfall der Sitten bedroht. Hier aber, in den Tropen der südlichen Hemisphäre, findet er den ewig ersehnten Garten Eden:

"Paul und Virginie besaßen weder Uhren noch Kalender oder Bücher über Zeitrechnung, Geschichte und Philosophie. Die Zeitabschnitte ihres Lebens richteten sich nach denen der Natur. Sie erkannten am Schatten der Bäume, welche Tageszeit sie hatten, und die Jahreszeiten an der Zeit, wo sie Blüten oder Früchte trugen."

"Paul und Virginie" - Nachlesen bei Projekt Gutenberg

Aus dem Vorwort: Ich habe mir bei diesem kleinen Werke große Dinge vorgesetzt. Ich versuchte einen Boden und eine Vegetation zu schildern, die von der Europa's himmelweit verschieden ist. Lange genug haben unsre Dichter ihre Liebenden an Bachesufern, auf Wiesen und unter dem Laubwerk der Buchen ausruhen lassen. Die meinigen mußten sich auf dem Gestade des Meeres, am Fuße der Felsen, im Schatten der Cocospalmen, der Bananen und blühenden Citronenbäume niedersetzen. Es fehlt der andern Hälfte der Welt nur an Theokriten und Virgilen: sonst hätten wir schon längst mindestens eben so interessante Gemälde von ihr, als von unserm eigenen Lande. Ich weiß, daß geschmackvolle Reisende uns begeisterte Schilderungen von mehreren Inseln der Südsee entworfen haben; aber die Sitten ihrer Einwohner, und noch mehr die der Europäer, die dort landen, verderben oft die Landschaften. Ich wünschte, mit der Schönheit der Tropennatur die moralische Schönheit einer kleinen Gesellschaft zu verbinden. Dabei beabsichtigte ich den Beweis von mehreren großen Wahrheiten herzustellen, z. B. von der, daß unser Glück einzig und allein auf einem natur- und tugendgemäßen Wandel beruht.

Verfilmung von PAUL UND VIRGINIE - Trailer bei Youtube 

Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Le Havre auf, erhielt eine passable Schulbildung und wurde von der Literatur "angesteckt" als er Robinso Crusoe las. Sein Onkel, ein Kapitän, soll ihn ca. 1749 nach Westindien mitgenommen haben. Weiterlesen  

Pierre Lotis Erfolgsroman in den Tropen

Auch der französische Bestsellerautor Pierre Loti hatte seinen zweiten erfolgreichen Roman "Die Hochzeit von Loti" in den Tropen, genauer gesagt auf Tahiti spielen lassen. Dort hatte er als französischer Marineoffizier im Jahr 1872 Station gemacht, dort  nannte ihn Königin Pamaré IV. nach der tropischen Blume – Loti. Der Roman besteht hauptsächlich aus Beschreibungen der jungen Rarahu. Loti verliebte sich während seines Aufenthalts auf der Insel unsterblich in das junge, noch minderjährige Mädchen.

"Rarahu besaß zwei Kleider aus Musselin. Eins weiß, das andere rosa, die sie abwechselnd über ihrem blauen und gelben Pareo trug, um in die protestantische Messe der Missionare in Papeete zu gehen. An diesen Tagen trug sie ihr Haar in zwei sehr dicke Zöpfe geteilt. Über ihrem Ohr war eine große Hibiskus-Blume befestigt. Dieses feurige Rot verlieh ihren bronzefarbenen Wangen eine transparente Blässe."

Als Van Gogh von seinem Freund Gauguin davon hört, dass er nach einem neuen Ort zum Malen sucht, legt er Gauguin die Lektüre von Pierre Loti ans Herz. In dem Roman liest Gauguin von Tahitianern, die in einer friedlichen Welt lebten. Er ist fasziniert davon, wie Loti die junge Rarahu beschreibt, die er später heiraten wird:

"Rarahu hatte rötliche schwarze Augen. Ein exotisches Versprechen, von streichelnder Süße, wie bei jungen Katzen, wenn sie liebkost werden. Ihre Nase war schmal und fein, wie man sie in den Gesichtern der Araber sehen kann. Ihr Mund war ein wenig breiter und geöffneter als die klassischen Vorbilder und mit klar konturierten Mundwinkeln. Ihr Haar roch nach Sandelholz und hing in voller Länge auf ihre nackten Schultern, die von gelbbrauner Farbe waren. Eine hell schimmernde Farbe, die man auch auf den Terrakotta-Figuren der alten Etrusker sehen kann."

Pierre Loti, 1850 bis 1923, eigentlich Louis Marie Julien Viaud, war ein französischer Marineoffizier und Schriftsteller. Zu seinen unzähligen Romanen gehören etliche Bestseller des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts. Weiterlesen

Wer war eigentlich Pierre Loti?
Sein richtiger Name war Julien Viaud. Er wurde 1850 als Sohn einer Seefahrerfamilie in der westfranzösischen Stadt Rochefort geboren. Als Kind träumte er sich in die Ferne: Sein älterer Bruder Gustave, ein Marinearzt, erzählte ihm oft von seinen Reisen und exotischen Ländern. Doch er starb jung, während einer Seefahrt auf dem Indischen Ozean. Inspiriert und im Andenken seines Bruders entschied sich Julien ebenfalls, die Marineschule zu besuchen, und wurde Offizier. Mit 18 begann er die Welt zu bereisen und schipperte unter anderem nach Nord- und Südamerika, den Pazifikinseln und Afrika.

Die orientalischen Bilder von Delacroix

Gauguin leidet zunehmend an den Zuständen in seinem Land. Die akademische Malerei ist an ihrem Ende. Und Gauguin malt sich als gelben Christus, den man ans Kreuz genagelt hat. Auf den gesellschaftlichen Fortschritt gibt er nichts. Vielmehr befeuern die orientalischen Bilder eines Delacroix oder Ingres seine Suche nach dem Paradies. Dass die Palette eines Delacroix auch Einfluss auf die Farbgebung eines Gauguin hat, weiß der Farb-Theoretiker Matthias Krüger von der Ludwig-Maximilians-Universität München:

Matthias Krüger: "Delacroix ist eigentlich das große Vorbild für viele. Seine Marokko-Reise wird in der Literatur so geschildert, dass er die Farbe dort entdeckt, und viele, viele Künstler bishin zu Matisse, die nehmen ihn als großes Beispiel, dem sie folgen wollen und brechen dann auch auf nach Nordafrika, um dort die Farbe zu lernen. Also – es gibt dann eben auch viele Künstler, die da hin gehen, um die fremden Sitten und Gebräuche zu malen, also mehr Künstler mit einem ethnografischen Interesse, aber daneben gibt es eben diese Künstler, die der Farbe so sehr huldigen, das ist für die Moderne nicht ganz unwichtig, weil sozusagen dieser Topos der Befreiung von der Farbe aus der Bindung an den Gegenstand, was dann ja auch in der abstrakten Malerei kulminieren wird, der hat da seine Anfänge auch."

Stéphane Mallarmé - Exotik. Aufbruch in neue Welten

Seebrise

Das Fleisch ist traurig, ach! Alle Bücher hab ich gelesen,
Fliehn! Dorthin fliehn! Ich fühle: Vögel sind trunken,
Zwischen dem ungekannten Schaum und dem Himmel
Zu sein!
Nichts, auch die alten Gärten nicht, von den Augen
Gespiegelt,
wird dieses Herz festhalten, das ins Meer eintaucht,
O Nächte! Noch der verlassene Schein meiner Lampe
Auf dem leeren Papier, durch das Weiß beschützt,
Noch auch die junge Frau, die den Säugling stillt.
Ich werde fahren! Dampfer, wiege dein Mastwerk,
Lichte den Anker für eine exotische Natur!
Ein Überdruss, gepeinigt von grausamen Hoffen,
Glaubt noch an der Taschentücher letztes Lebewohl!
Und, vielleicht, sind die Masten, welche Stürme auf sich
Ziehn,
Von denen, die ein Wind über Schiffbrüche beugt,
Verloren, ohne Mast, ohne Mast, noch fruchtbare
Inseln...
Und doch, mein Herz, hör der Matrosen Lied!

Auch hier stehen sich Traum – die Flucht in ein exotisches Naturparadies - und Wirklichkeit – die bürgerliche Enge – gegenüber. Sie sind allerdings kein Widerspruch mehr. Vielmehr geht es Mallarmé um die Sprache. Er befreit den Vers aus seinen Zwängen und gelangt zu einem völlig neuen lyrischen Sprechen. Seine Worte bezeichnen nichts Eindeutiges mehr. Sie klingen, erzeugen vielleicht sogar Farben, ergeben einen Rhythmus jenseits des Erwartbaren. Er selber sagte einmal über seine künstlerische Absicht, er wolle "nicht die Sache, sondern die Wirkung" abbilden. Am Ende des 19. Jahrhunderts fühlen sich die Wegbereiter der Moderne der Exotik eng verbunden. Sie wird zum Vehikel für neue Bilder, neue Worte und neue Töne, um eine andere Welt zu schaffen, in der Kunst und Leben verschmelzen.

Exotik. Aufbruch in neue Welten. Bruch mit alten Regeln und Konventionen. Künstlerische Freiheit. Eine neue Ästhetik, die sich aufschwingt in neue Dimensionen.

Claude Debussy - Prélude à l´après-midi d´un faune

Während Gauguin von einem zweiten Aufbruch in die Südsee träumt, feiert ein anderer im selben Jahr große Erfolge: Am 22. Dezember 1894 wird Claude Debussys sinfonische Dichtung Prélude à l´après-midi d´un faune in Paris uraufgeführt. Vorlage für Debussys sinfonische Dichtung war auch hier ein Gedicht Malarmés:

Diese Nymphen, ich will sie verewigen.
So hell,
Ihr leichtes Inkarnat, es flattert in der Luft,
gedämpft von dicht belaubtem Schlaf.
Liebt ich einen Traum?
Mein Zweifel, angehäuft aus einstiger Nacht, er endet
In manchem zarten Zweig, der, noch der wahre Wald
Geblieben, zeigt, ach, dass ich ganz allein mir gönnte
Als Triumpf den idealen Fehl von Rosen –
Denken wir nach.

Armando Merino: "Das tonale System der europäischen Musik der 300 Jahre zuvor war irgendwie ausgeschöpft,..."

Erklärt Armando Merino. Dirigent mit einem breiten Repertoire, aber deutlichem Fokus auf der zeitgenössischen Musik, und künstlerischer Leiter des Münchner Ensembles Blauer Reiter.

Armando Merino: "Dieses legendäre Stück von Debussy – es war höchst revolutionär. Sogar von Pierre Boulez einmal so beschrieben als das Erwachen der neuen Musik – nicht der neuen, der modernen Musik."

"Der Anfang von dem Stück von Debussy, Prélude à l´après-midi d´un faune, es ist tonal nicht mehr etabliert. Nicht mehr klar. Also es müssen einige Takte verlaufen, bis wir tatsächlich realisieren, aha, wo wir sind, ja."

Wie Gauguin hat auch Debussy die Pariser Weltausstellung von 1889 maßgeblich inspiriert, sich den Kulturen fremder Länder zu widmen. Debussy beeinflusste Debussy vor allem das Klangbild eines javanischen Gamelan-Ensembles, dem er auf der Ausstellung zum ersten Mal begegnet war.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Gauguin und Debussy Einflüsse aus außereuropäischen Ländern in ihren Werken verarbeitet, um der westlichen Kunst einen neuen ästhetischen Anspruch zu geben: Sie sollte durch das Fremde und Exotische substantiell erneuert werden. Der Traum von einem Gesamtkunstwerk als Universalkultur ist mit dieser Idee eng verbunden. Es geht also um die Beziehung zwischen Okzident und Orient, damals empfunden als Spannung zwischen Zentrum und Peripherie, und dem Selbst und dem Anderen, der wir nun nachgehen wollen.

Der Reiz der Maori-Musik

Victor Segalen: "Das ergab, eine geraume Zeit lang, ein Brausen schöner, heiserer oder eher sanfter Töne, rauer oder weicher Kadenzen, und einen unaufhörlichen, monotonen Singsang: zu jedem Moment des sinnenfrohen Lebens gehörte ein eigener Gesang, eine eigene Sprechweise, ein eigener Tanz: man kam zusammen, man feierte inmitten dieser Stimmen."

Die Maori-Gesänge erscheinen Segalen auch deshalb so reizvoll, weil sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als er in der Südsee ist, schon fast ausgestorben sind. Dafür macht Segalen die Ankunft der "Weißen" verantwortlich. Anfangs waren sie wohl von der süßlichen Musik begeistert, schreibt Segalen. Allen voran James Cook, der schon auf seiner zweiten Südseereise festgestellt hatte, dass die Musik für die Tahitianer von großer Bedeutung war:

"Sogleich werden sie von Liedern, Chorgesängen in genauen und komplexen Taktmaßen, unerwarteten Melodieführungen und verwirrenden Intervallen überflutet. Um sie herum schütteln sich Schultern, Oberkörper und Hüften. Wenn es ein Fest mit fröhlichem Zeremoniell ist, mischt und überstürzt sich alles."

Das kleine Buch über die Maori-Musik hat Victor Segalen dem Musiker Claude Debussy gewidmet. Beide waren befreundet und teilten ihre Begeisterung für fremdartige, atonale Klänge. Segalens Einfluss auf Künstler seiner Zeit sollte nicht unterschätzt werden. Bis heute ist kaum bekannt, dass er gemeinsam mit Debussy ein Libretto für eine Oper verfasste, die allerdings nie realisiert worden ist.

Der Exotismus als Ästhetik des Diversen

Paris, am 11. Dezember 1908.

Einleitung: Der Begriff des Exotismus. Das Diverse.
Als erstes die Vorfragen klären. Alles was das Wort Exotismus an Missbrauchtem und Abgestandenem enthält, über Bord werfen. Es von seinen fadenscheinigen Kleidern befreien: von den Palmen und Kamelen, dem Tropenhelm, der schwarzen Haut und der gelben Sonne; bei der Gelegenheit mich auch jener entledigen, die diese mit einfältiger Redseligkeit benutzen. Also kein Bonnetain, kein Ajalbert, keinen Prospekt für Cooks Reisen und keine eiligen, wortreichen Reisenden... Oh Herkules, was für eine widerliche Vorarbeit!

Und dann sehr bald das Exotismusgefühl anführen und definieren, das letztlich nichts anderes ist als der Begriff des Anders-Seins, die Wahrnehmung des Diversen, das Wissen, dass etwas nicht das eigene Ich ist, und die Fähigkeit des Exotismus, das heißt die Fähigkeit, anders aufzufassen", schrieb Segalen in seinem Büchlein zur Ästhetik des Diversen, das Exotik hier durch die Abgrenzung vom Bekannten definiert. Exotik ist das Andere, das Fremde. Die Abhandlung ist bis heute nur wenigen bekannt und fragmentarisch geblieben.

Auch andere Künstler unternahmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lange Reisen, auf denen sie die Einflüsse fremder Kulturen studierten und aufnahmen. Der französische Komponist Maurice Delage etwa war von der Musik Debussys so begeistert, dass er das Cello-Spielen erlernte und auf Reisen ging, die ihn bis nach Indien führten. Eindrücke dieser Unternehmungen inspirierten ihn nicht nur zu eigenen Musikstücken, sie beeinflussten zumindest indirekt auch die Kompositionen eines Igor Stravinsky, mit dem Delage befreundet war.

Reisen in ferne Länder, Inspirationsquellen. Aneignung fremder Einflüsse. Neue Kunsterfahrungen.

Emil Nolde und sein Interesse an der Exotik

Der deutsche Maler Emil Nolde hat sich sein ganzes Leben lang für Exotik interessiert. Lange, bevor er zu seiner großen Reise aufbricht, beginnt er damit, Exotika zu sammeln; kleine Figuren aus Europa und anderen Kontinenten. Später kommen asiatische und afrikanische Masken hinzu. Von 1913 bis 1914 hat er endlich die Gelegenheit, gemeinsam mit seiner Frau Ada in die Südsee aufzubrechen. Mit einem klaren Auftrag: Denn er nimmt als nicht-offizielles Mitglied an der "medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition" teil, organisiert vom Reichskolonialamt in Berlin. Ziel der Expedition ist es, die Erforschung der gesundheitlichen Bedingungen in den Kolonien voranzutreiben. Schon vor seinen Südsee-Erfahrungen ist Nolde auf der Suche nach dem Ursprünglichen in der Kunst. Der Kunst der sogenannten Urvölker ist er schon 1910 im Berliner Völkerkundemuseum begegnet.

Mario von Lüttichau: "Nolde hat ja Vasen bemalt, die er in Berlin im Völkerkundemuseum gefunden hat."

Im Museum fertigt er von vielen Skulpturen mehr als 120 Zeichnungen. Sie bilden später die Vorlage für viele exotische Stilleben, die Nolde nach seiner Rückkehr nach Deutschland malt. Über die Menschen in Neuguinea schreibt er:

"Sie waren wild, mit ihrem mächtigen Haar, mit ihrem Schmuck aus Muscheln und Bein an den Armen, um den Hals, oder in den Ohren hängend; manche hatten einen weißen krummen Knochen durch die Nase gesteckt. Kannibalen waren es, diese Menschen. Für uns Europäer ein unheimlicher Begriff. Wir schauten gebannt und standen gedrängt."

Nolde sieht den "Wilden" als edel und unverfälscht, als "eins" mit der Natur und "Teil vom ganzen All". 1912 will er über die "Kunstäußerungen der Naturvölker" sogar ein eigenes Buch schreiben. Zunächst malt Nolde das, was ihn in Neuguinea einfach fasziniert und ästhetisch gefällt: Menschen und Stillleben, erklärt Mario von Lüttichau:

Mario von Lüttichau: "Bei Nolde ist das eine völlig offene Geschichte. Er ist begeistert von diesen Motiven und malt eben Landschaften und stürmische Seen. Alles Mögliche, was er dort findet, und eben auch die Menschen, ja. Und die sind teilweise auch sehr lustig. Diese Palau-Jungs, wie die da sitzen, mit so großen runden Augen, wo er das Helle des Auges noch betont und die scheinen dann so raus und teilweise blau, das ist ganz verrückt, wie er das macht, aber mit Hingabe."

Exotische Tiere als Demonstration der Macht

Nicht nur Kunstobjekte waren beliebte Trophäen, die aus den kolonisierten Ländern in die Heimat mit gebracht wurden und dort ungefragt in die Sammlungen der großen Museen wanderten, auch exotische Tiere spielen seit der Kolonisierung fremder Länder eine wichtige Rolle, um eigene Machtansprüche zu demonstrieren: Legendär ist die Sammlung exotischer Tiere von Ludwig XIV. In der Menagerie, die er eigens für die Tiere in Versailles errichten ließ, waren neben seltenen Vögeln aus den Tropen auch Kamele, ein Elefant und ein Nashorn zu sehen. Ludwigs Finanzminister Colbert, der die französische Kolonialpolitik vornehmlich vorantrieb, brachte viele exotische Tiere aus diesen Ländern mit in die Heimat. Ähnlich, wie er billige Rohstoffe nach Frankreich liefern ließ. Colbert beauftragte für den Ankauf fremdländischer Tiere sogar einen eigenen Agenten.

Einhundert Jahre vor Gauguins Aufbruch in die Südsee war schließlich in Paris der erste wissenschaftlich geleitete Zoo der Welt gegründet worden. Die sogenannte Ménagerie des Jardin des Plantes, an der Rive Gauche im 5. Arrondissement gelegen, wurde im Jahr 1793 gegründet. Im selben Jahr wurde der Beschluss gefasst, exotische Tiere entweder der Ménagerie von Versailles zu übergeben oder sie den Naturforschern des Jardin des Plantes zu überlassen, die die Tiere zu Forschungszwecken ausstopfen sollten. Entgegen der Bestimmung ließen die Wissenschaftler die Tiere am Leben.

"Es geht also nicht nur um ein exotisches Spektakel für die Öffentlichkeit, sondern wirklich auch um eine wissenschaftliche Fundierung der Zoologie wie auch der Paläontologie im Rahmen des Museums des arts national d´histoire naturelle. Es gab halt die Menagerie, und diese wissenschaftliche Einrichtung mit dem Museum, das war eigentlich der Punkt, wo wir in einem Botanischen Garten wirklich auch eine wissenschaftliche Institution verankert sehen. Das ist das, was diesen Jardin des Plantes so besonders macht einfach auch in der ganzen Geschichte für Zoologie und Paläontologie als ernsthafte Wissenschaften", sagt Isabel Hufschmidt, Provenienzforscherin am Museum Folkwang in Essen. Vor einiger Zeit hat sie die Darstellung von Tieren im Pariser Jardin des Plantes genauer untersucht.

Mensch und Tier, Zivilisation und Wildnis

Zu den eingesperrten Tieren gehörte auch ein schwarzer Panther, der durch das Gedicht von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1902 weltberühmt wurde:

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf-. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein."

Der bis dato vorherrschende Gegensatz zwischen Mensch und Tier, Zivilisation und Wildnis, zwischen Bekanntem und Exotischem gilt hier nicht mehr. Der Panther bekommt fast menschliche Züge und scheint so etwas wie eine Seele zu haben. Der Panther – ebenfalls eine Metapher für das menschliche, das eigene Eingesperrtsein.

Otto Müller - das Fremde in sich selbst

Was suchen wir also in der Fremde? Das Eigene, gut Bekannte oder das Neue, Unbekannte? Und wie viel Unbekanntes ließ die Gesellschaft zu, in der die Künstler des frühen 20. Jahrhunderts lebten? Den expressionistischen Maler Otto Müller faszinierte das Thema Exotik nicht deshalb, weil es für ihn unbekannte Erfahrungen bereit hielt, sondern, weil er selber viel Fremdes in sich trug. Mario von Lüttichau:

"Einer, der ganz wichtig ist, ist glaub ich Otto Müller, dessen Herkunft, ähnlich wie bei Gauguin, rätselhaft ist. Es wird ja immer gesagt, seine Mutter wäre eine Zigeunerin gewesen. Sie kommt ja aus dem tiefen Schlesien und ist dem Exotischen sehr zugetan. Er liest sehr viel darüber und wird dann später auch der Zigeunermüller genannt. Der Zigeunermaler.  Seit Anfang 18/19 beschäftigt er sich damit, mit den anders aussehenden Menschen. Er hat ja auch selber einen dunklen Teint gehabt, man hat ihn selber ja immer für einen Zigeuner gehalten er hat sich dann ja auch so angezogen."

Müller entwickelt einen ekstatischen Stil, ohne dabei scharfe Gesellschaftskritik zu üben.  Das macht ihn selbst für seine Malerfreunde suspekt. Sein Aquarell "Zwischen Bäumen stehendes Mädchen" wird später von den Nationalsozialisten auf die Liste entarteter Kunst gesetzt.

Emil Noldes Positionierung gegen die "Vermischung"

Im September 1914 war Nolde wieder in Deutschland angekommen. Zuhause widmete er sich nun Stillleben. Puppen, Masken und Idolen. Friedliche Bilder, Stillleben gegen den Krieg. 1920 wird Nolde dänischer Staatsbürger, später zieht er nach Seebüll. Dort schreibt der Künstler seine Autobiographie. Seine  "Jahre der Kämpfe" werden Mitte der 1930er Jahre veröffentlicht. Noldes frühere Faszination für fremde Kulturen ist diesen Aufzeichnungen nicht mehr anzumerken. Stand früher die Farbe im Zentrum seines Interesses, ist es nun die "Reinheit". Nolde plädiert für Rassenreinheit und positioniert sich gegen die "Vermischung": "Auch in der Kunst gibt Rassenmischung Widrigkeiten", gibt er wörtlich zu bedenken. Dagegen setzt Nolde schließlich die "deutsche Kunst" und spricht sich für jedes Zwiespältige in der Kunst aus. Er schreibt dazu:

"Ganz gleich, ob chinesisch-griechisch, exotisch-arisch, japanisch-europäisch oder französisch-deutsch. Es ist alles platte Kulturvermanschung."

Hatten sich die Vorreiter der Moderne für eine Auflösung der Gegensätze von Kulturen bemüht und die Einheit von Kunst und Leben heraufbeschworen, knüpfen die Nationalsozialisten bewusst wieder ein Band zur Vormoderne, in der sich die eigene Kultur durch Abgrenzung von fremden Kulturen verstand.

Die Exotik auf den Tellern

In der Nachkriegszeit war es um die Exotik in Deutschland erst einmal schlecht bestellt. Reisen in ferne Länder waren unerschwinglich, außerdem hatte man genug damit zu tun, das eigene Leben zu bewältigen. Das Wirtschaftswunder war noch nicht abzusehen. Doch natürlich gab es nach den schweren Jahren ein großes Bedürfnis nach heiler Welt und ein wenig Vergnügen. Die Schlager aus dieser Zeit spiegeln die Wünsche der Menschen wider. Dadurch kam die Schallplattenproduktion wieder in Gang. Viele Texte der damaligen Schlager und Lieder erzählten von reichlich Unsinn und viel Exotik.

Harry Belafonte, Banana Boat Song bei Youtube

Ein Riesen-Hit von Harry Belafonte aus dem Jahr 1956. Sein Album Calypso war die erste LP, die mehr als eine Millionen Mal verkauft wurde. Südfrüchte wie Bananen – hier aufs eindrücklichste besungen – waren in der Nachkriegszeit besonders begehrt; wohl deshalb, weil man sie so lange hatte entbehren müssen. Beim Essen zeigte man sich gerne experimentierfreudig: Fremde Nahrungsmittel und Gewürze waren hoch willkommen. Auf diese Weise kam auch die Exotik wieder auf den Teller.

Toast Hawai

Der Toast Hawai brachte wenigstens einen Hauch von Exotik auf den ansonsten gut bürgerlichen Nachkriegsteller: Ananas und Cocktailkirsche weckten die Sehnsucht nach der großen weiten Welt, das Toast brachte das Gericht in Verbindung zu Amerika, und der Kochschinken sorgte für ausreichend Bodenhaftung. Clemens Wilmenrod hatte das Rezept erstmals 1955 im deutschen Fernsehen vorgestellt. Als nach Deutschland eingewanderter Normanne nahm sich Dumaine schließlich die Freiheit, sein ganz eigenes Toast Hawai, den Toast Normand, zu kreieren: Toastbrot mit gesalzener Butter, Schinken und Boskop-Äpfeln.

Jean-Marie Dumaine: "Kurz in Butter gebraten, mit Zucker, leicht karamellisieren, dann schön Crème Fraîche drauf, eine schöne Scheibe Allgäuer Emmentaler drauf, und das in den Backofen. Ein Hochgenuss. Einfach zu machen und gut."

Lust an der Befremdung

In den 50er- und 60er-Jahren wächst die Lust an der Befremdung. Neue Zeitschriften kommen auf den Markt mit neuen Rezepten, in denen es vor amerikanischem Ketchup, Mixed Pickles und Cocktailkirschen nur so wimmelt. In den Gläsern hängen bunte Sonnenschirmchen und erinnern an das leichte Leben in tropischen Ländern. Auch in den Modemagazinen erzählen die Modelle von einer anderen Zeit. Fremde Räume ermöglichen die kurze Flucht aus dem tristen Alltag. In den 1960ern geht es dafür ins Weltall und an exotische Orte, allen voran nach Brasilia, dem exotischen Ort dieser Zeit par excellence. Doch nicht nur das Setting entführt den Leser und die Leserin in weit entfernte Länder, auch die Mode selber zitiert exotische Motive und schafft in den 1960ern sogar einen neuen, eigenen exotischen Stil, erklärt die Zürcher Kunsthistorikerin Bärbel Küster: "Es gibt eine Serie von Yves Saint Laurent, wo er ganz viel Makramé zum Beispiel verwendet hat, die die Einführung des Ethno Looks gewesen ist, die afrikanisierende Elemente aufgenommen hat. In dieser Serie des Ethno Looks sind Modelle wie Twiggy aufgetreten, fotografiert worden. Damals in dieser Zeit in den 60er Jahren, mit Fernsehern, mit Zeichen der Modernität. Also man hat das in den 60er Jahren miteinander verbunden."

Sehnsucht nach Exotik in der globalisierten Welt 

Außereuropäische Kulturen sind nicht nur Inspirationsquelle, um die eigene Kultur zu bereichern, sondern als gleichwertige Quelle. Wenn das Fremde nicht mehr das ist, was wir als exotisch empfinden – ist in unserer globalisierten Welt dann überhaupt noch Platz für eine Sehnsucht nach Exotik?

Mario von Lüttichau: "Ich weiß nicht, ob das nicht einfach den Platz tauschen ist. Wo man in Ruhe gelassen wird. Wo man von der täglichen Zivilisation weit weg ist. Was ja hier sehr stark ist. Man ist ja heute ständig belästigt von irgendwelchen technischen Dingen. Vor allem, wenn man diese ganzen sozialen Medien benutzt. Also sei es Facebook, sei es. Und wenn ich dann 'nen Standortwechsel mache, dann ist es glaub ich eine Reise in eine – das ist nicht zu vergleichen mit dem, was Gauguin wollte."

"Es gibt diese Atolle für viele Menschen, die nachdenken. Die suchen Atolle. Also ich kann es heute umso mehr verstehen, dass Leute heute eben abhauen. Wie bei Künstlern. Heribert Ottersbach, in Leipzig glaub ich lehrt er, und oben in Schweden hat er irgendwo sein Atelier, auf dem Land. Raus. Ruhe. Das ist glaub ich das Wichtigste. Es ist ein bisschen exotisch. Aber ich würde es nicht so benennen. Ich würde es eher benennen als Flucht oder Tapetenwechsel."

Armando Merino: "Es gibt noch Platz heutzutage in der Zeit, wo wir mit unseren Handys alles so schnell bekommen. Da gibt es noch Platz, in ein Konzert zu gehen, um etwas Neues zu erleben. Man kann es mögen oder nicht mögen, verstanden oder nicht verstanden haben. Aber für mich das wichtigste ist vor allem, dass es uns bewegt. Und aufregt. Und das ist lebendig. Ich erlebe im Alltag nicht viel Lebendigkeit."

"Man kann an anderen Orten spielen, wo die Zuhörer viel näher sitzen. Die Zuhörer als Kollektive während der Aufführung, meine ich. Da ergibt sich eine Energie. Ich kann es nicht wirklich in Worte fassen, aber wenn das Publikum wirklich konzentriert zuhört und diese Hin- und Her-Kommunikation, du spürst das. Und bei mehreren Konzerten vom Konzertensemble Blauer Reiter, wir haben das immer wieder. Musik ist ein Zurück."

Exotik heute

Exotik heute: Resonanzräume, in denen, frei nach dem Soziologen Hartmut Rosa, wieder etwas zum Schwingen kommt. Fluchten vor der vernetzten Welt. Die Suche nach einer neuen Lebendigkeit. Sehnsucht nach fliegenden Tomaten und ein wenig Ironie.

Je mehr sich die globalisierte Welt miteinander vernetzt, je mehr europäische und außereuropäische Kulturen miteinander verschmelzen, umso kleiner wird auch der Unterschied zwischen Wildnis und Zivilisation. Lebens- und Kulturräume nähern sich einander an. Der Mensch scheint all das zu beherrschen. Vielleicht ist es in Zukunft die Aufgabe der Kunst, neue Räume zu schaffen: Möglichkeits-Orte, in denen auch das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier neu ausgelotet wird. Die Sehnsucht nach exotischem Erleben hat ihren Reiz bewahrt. Marcel Proust, ein ästhetischer Grenzgänger mit viel Sympathie für exotische Genüsse formulierte es einmal so: "Die Sehnsucht lässt die Dinge blühen."

Lange Nacht

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