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Lange Nacht | Beitrag vom 31.10.2020

Eine Lange Nacht der Zugehörigkeit(en)Wir und die Anderen

Von Almut Schnerring und Sascha Verlan

Ein Handschlag zwischen einem Schwarzen und Weißen.   (imago / Danita Delimont)
Wann gehört man in einer Gesellschaft dazu? Antworten in der Langen Nacht. (imago / Danita Delimont)

Immer wieder formiert sich ein Wir, das bestimmt, wer dazugehört und wer die anderen sind. Es geht um Geburtsorte, Wohngegenden, Dialekte und Sprache, um Geschlechter, Bildung und Sozialisation – und wie diese Faktoren mitbestimmen, wer und was wir sind.

Die biografischen und sozialen Aspekte sind vielfältig, die darüber entscheiden, ob, wann und warum jemand zu einer Gruppe dazugehört oder nicht oder möglicherweise ausgegrenzt wird. Und wie schnell sich das auch wieder ändern kann.

Die Frage nach der Gruppe

Kinder spielen in eine Gruppe zusammen: Wann gehört man zu einer Gruppe? (imago images / ingimage)Spielende Kinder: Wann gehört man zu einer Gruppe? (imago images / ingimage)

  • "Gleichzeitig habe ich schon auch eine Sehnsucht, irgendwie meinen Platz zu haben, und mich vielleicht auch manchmal einer Gruppe zugehörig zu fühlen." Mareice Kaiser lebt in Berlin und arbeitet als Journalistin. Anfang 2014 startete sie mit ihrem Blog Kaiserinnenreich. Dort schreibt sie über Themen, wie Familie, Feminismus und Inklusion.

  • "Wenn ich vor meinem Lieblingscafé stehe zum Beispiel, ärgere ich mich immer wieder, dass da eine Stufe ist. Da merk ich halt schon, ich bin behindert oder, Perspektivwechsel: ich werde behindert." Michel Arriens ist bei change.org, Blogger und Aktivist für Inklusion, digitale Teilhabe und gegen mediale Diskriminierung. Außerdem arbeitet er als ehrenamtliches Vorstandsmitglied und Pressesprecher des Bundesverbandes Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien.

  • "Diese Adoptiv-Workshops, die sind ja für Eltern oder Adoptiveltern, die schwarze Kinder adoptieren, und es geht darum, dass weiße Eltern verstehen, dass ein schwarzes Kind großzuziehen andere Voraussetzungen, andere Herausforderungen, einen anderen Blick erfordert, als wenn man ein weißes Kind in einer weißen Gesellschaft großzieht." Tupoka Ogette ist als Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung tätig und Autorin des Buches "exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen".

  • "Als ich 2005 meinen Pass bekommen habe, sagte der Beamte: Herzlichen Glückwunsch, jetzt sind Sie Deutsche. Dann können Sie jetzt auch der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücken. Da dachte ich, ach, so schnell geht das? Was ist es, deutsch zu sein? Was macht das Deutschsein mit mir? Werden die Menschen mich auch als Deutsche wahrnehmen? Werde ich ab jetzt Deutsche sein?" Canan Ulufer ist das älteste Kind einer türkischstämmigen Hamburger Familie. Seit 2009 arbeitet sie in der Schwangerenkonfliktberatung des Diakonischen Werks Hamburg. Als Mitglied der Kommission Weltanschauung, Staat und Religion engagiert sie sich bei den Hamburger Grünen.

  • "Wenn man so aufwächst, dann möchte man auch mal dazugehören, aber die Problematik des Nicht-Dazugehörens, des Andersseins wurde von zu Hause mitgegeben, aus der Erfahrung meiner Mutter, die ein child survivor ist, die den Holocaust überlebt hat." Juliette Brungs ist in der DDR, in Ost-Berlin, aufgewachsen und hat später in den USA an der University of Minnesota promoviert. Aktuell arbeitet sie in der Extremismus-Prävention bei der Beratungs- und Bildungsstelle Annedore in Berlin.

  • "Ich glaube nicht, dass Zugehörigkeit etwas ist, was sich auf Dauer stellen lässt und auf Dauer gestellt sein kann, sondern nur etwas, was erlebt, erfahren wird und insofern auch flüchtig ist. Der grundlegende Skandal des menschlichen Daseins ist, dass wir die anderen brauchen, um selber zu sein." Sabine Hark ist Professorin für interdisziplinäre Formen und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin und leitet dort das Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung.

  • "Sieht ja witzig aus, kleiner schwarzer Junge auf der Schulter von einem weißen Papa, mit seinen Dreadlocks, und daneben die weiße Mutter. Und dann war das wohl kurios genug für die Leute drum herum, die fingen dann an, mit dem Handy von uns Fotos zu machen. Das ist eben nicht das Normale." Katrin und Jens leben in Freiburg, er ist Ingenieur, sie arbeitet als Sozialpädagogin. 2015 haben sie ein Waisenkind aus Haiti adoptiert.

Die Frage nach der Teilhabe

"Mein Vater beziehungsweise meine Eltern hatten immer Angst vor dem Moment, wo ich sage, ich möchte ausziehen. Und ich weiß noch den Moment, weil das war auch das Letzte bei mir, dass ich meine Socken und Schuhe nicht anziehen konnte. Und als ich diese Lösung mit meinem Vater zusammen gefunden habe, weiß ich noch genau den Moment, wo mein Vater auf dem Bett saß und ich habe mir die Socken angezogen und dann die Schuhe. Und mein Vater ist 1,94 Meter groß und eher harte Schale. Und auf einmal saß er da auf dem Sofa und hat angefangen, zu weinen, einfach, weil es für ihn so emotional und so schön war, dass er von jetzt an nicht mehr den Gedanken haben musste, mein Kind wird später mal nicht alleine leben können. Und in dem Moment war es für ihn klar, es geht alleine." (Michel Arriens)

Ein Mann im Rollstuhl steht vor einer Treppe und kommt nicht weiter (Symbolfoto) (picture alliance / Frank May)Selbständig zurechtfinden: Wann beginnt echte Teilhabe? (picture alliance / Frank May)

"Und ich denke, trotz dieser Umstände, in denen ich aufgewachsen bin, in denen wir Migrantenkinder aufgewachsen sind: Dass wir heute an den Stellen sind, wo wir sind, das erfüllt mich mit unglaublich viel Stolz. Ich habe keine bio-deutschen Eltern, sie sind keine Akademiker gewesen, ich hatte keinen Klavierunterricht, aber ich bin meinen Weg gegangen. Und darauf bin ich stolz, weil keiner an mich geglaubt hat, an uns geglaubt hat. Und wenn ich heute hier sitze, auch bei der Diakonie, dann habe ich mehr dafür leisten müssen." (Canan Ulufer)

Die Frage nach echter Zugehörigkeit

"Ich war arbeitslos und nicht kurz, sondern ziemlich lang. Wir waren in Rumänien Künstler und bekannt in einer kleiner Stadt, in Kronstadt, wo die Leute auf der Straße uns erkannt und begrüßt haben. Plötzlich war nichts mehr hier: Niemand kannte mich, niemand wusste, was ich kann und was ich bin. Das war sehr schwer. Ich war einfach verloren. Bis ich in der Schule war, diese Altenpflegeschule hat mir die Gelegenheit gegeben. Das Wichtigste ist, sich in die Arbeitswelt zu integrieren, sich zu beweisen. Es ist eine fantastische Zeit für mich, auf einmal nicht täglich zur Arbeit zu gehen, es ist wie eine Befreiung. Ich muss noch drei Tage im Monat arbeiten, auf 450-Euro-Basis. Aber ich bin glücklich, dass mich die Leute noch schätzen und mich arbeiten lassen." (Georg Damian)

Über Georg Damian:
Nach der Flucht aus Rumänien lernte Georg Damian erst einmal Deutsch, dann machte er zur Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt eine Ausbildung auf dem Bau. Kein Ballett mehr, kein Tanz. Wirklich glücklich wurde er erst Georg Damian durch eine Umschulung in die Altenpflege.

"Ich hätte gerne, dass wir in Deutschland irgendwann soweit sind, dass Leute wie ich nicht mehr darauf angesprochen werden, dass ich doch so gut Deutsch kann. Und ob ich denn dieses Brötchen auch wirklich essen will. Wenn das irgendwann mal eine Lockerheit angenommen hat, dass man sagt, okay, offenbar ist es eine Atheistin oder offenbar ist sie muslimisch, hat aber kein Problem mit Schweinefleisch und Alkohol." (Ferda Ataman)

Über Ferda Ataman:
Ferda Ataman ist Autorin und Journalistin und lebt in Berlin. Im März 2019 erschien ihr Buch "Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!". Sie ist Mitbegründerin und eine der Vorsitzenden des Vereins Neue Deutsche Medienmacher, außerdem Sprecherin des Trägervereins Neue Deutsche Organisationen.

"Ich hatte eine Begegnung in der U-Bahn, da guckte mich so ein kleines Mädchen mit ganz großen, blauen Augen sehr lange an und wir konnten irgendwie nicht voneinander. Wir haben uns die ganze Zeit angeguckt und sie war auf dem Schoß ihrer Mutter, sie wollte zu mir und die Mutter war ein bisschen unbeholfen, wusste jetzt nicht so richtig. Dann bin ich aufgestanden, bin zu dem kleinen Mädchen, meinte, sie hat gar keine Angst vor meinem Kopftuch. Und dann sagte der Vater, Kinder schauen nicht auf das Kopftuch, Kinder fühlen Menschen. Es hat mich so berührt und so bewegt, mir schossen die Tränen in die Augen und ich merkte, da fühlte ich mich zugehörig." (Canan Ulufer)

Sendungsmanuskript zum Nachlesen: als PDF / als TXT-Dokument

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