Eine Krankheit, die einsam macht

05.01.2010
Als bei Almut Niemeyer und ihrem Mann Dieter HIV diagnostiziert wird, beschließen sie zwei Dinge: Sie wollen kämpfen - und schweigen. Auch die Kinder sollen nichts von ihrer tödlichen Krankheit erfahren. Nach 18 Jahren hat Dieter Niemeyer nun ein Buch über seine einsamen Jahre geschrieben.
HIV-positiv, so lautet die niederschmetternde Diagnose, nachdem Almut Niemeyer wegen auffälliger Blutwerte zu ihrem Arzt einbestellt wurde. Dabei wollte die Dialyseschwester nur Blut spenden. Infiziert hat sie sich unbeabsichtigt bei der Arbeit. Der Schock sitzt tief, als klar wird: Nicht nur sie ist infiziert, sondern auch ihr Ehemann Dieter. Almut Niemeyer ist Anfang 30, Dieter Niemeyer zehn Jahre älter. Es ist Winter 1990, kurz vor Weihnachten. Die beiden sind voller Zukunftspläne: Sie sind gerade zum zweiten Mal Eltern geworden, sie hat eine gute Stelle und der studierte Betriebswirt kümmert sich als Hausmann voll um die Kinder. Ein Nest für sich und ihre Kinder wollen die beiden bauen. Und das soll jetzt alles vorbei sein?

Nein! Zwei Dinge beschließen sie: Erstens, wir werden kämpfen, und zweitens, wir werden schweigen. Nichts soll die perfekte Familienwelt nach außen anders erscheinen lassen, und auch die Kinder sollen nichts von der tödlichen Krankheit der Eltern erfahren. 18 Jahre halten Almut und Dieter Niemeyer ihr Versprechen, dann brechen sie ihr Schweigen.

Mutig, trotzig und voller Lebenskraft schildert Dieter Niemeyer diese dunklen, traurigen und oft einsamen Jahre, nimmt seine Leser mit an den Rand der Belastbarkeit. Das ist keine hohe Literatur, muss es aber auch nicht sein, denn dieser Schicksalsbericht geht unter die Haut.

Die Krankheit schwächt beide, jeder Infekt wird zur tödlichen Bedrohung. Pilzinfektionen gehören zum Alltag, genauso wie Bronchitis, Lungenentzündungen und Hautausschläge. Dazu kommen die Nebenwirkungen der Medikamente: Übelkeit, Schmerzen, Entzündungen, Schwindel und Durchfall. An die 28 Tabletten müssen die Niemeyers - jeder - schlucken. Nur so können sie überleben. 1996 wird bei ihm noch dazu Krebs diagnostiziert: Ein Teil der Zunge, der Lymph- und Speicheldrüsen muss entfernt werden. Das sind schreckliche Grenzerfahrungen, doch für Dieter Niemeyer bedeutet der Krebs fast schon eine Befreiung. Endlich kann er über eine seiner Krankheiten sprechen. Er erhält Anteilnahme – ein bis dahin unbekanntes Gefühl.

Denn schnell wird auf den 200 Seiten dieses berührenden Buches deutlich: Fast genauso schlimm wie die körperlichen Schmerzen ist das Schweigen. Wer krank ist, braucht Pflege, Zuwendung und manchmal einfach nur einige tröstende Worte. Auf all das verzichten die Niemeyers und zerbrechen beinahe daran. Zumal sie bei den wenigen Malen, als sie versuchen, sich zu öffnen, Katastrophen erleben. Seine Schwester erklärt sich bereit, sich um die beiden Kinder zu kümmern, aber nur unter der Option, die Kinder sofort mitnehmen zu können. Eine befreundete Mutter verlangte den Beweis, dass die Tochter HIV-negativ ist, sonst will sie den Kontakt zu ihrem Kind verbieten. Und das Jugendamt, das die völlig erschöpften Eltern um Hilfe bitten, bietet ihnen eine Adoption der Kinder an.

Dieter Niemeyer lässt nichts aus in seinem Bericht, der fast schon etwas von einer Beichte hat. Es wirkt fast so, als wolle er endlich sein Leid und das seiner Frau in die Welt schreien und Gehör finden. Manche Stellen lesen sich daher fast wie Tagebucheinträge, und nicht alles ist für Fremde so interessant. Dennoch ist dieses Buch wichtig, zeigt es doch, wie sehr HIV immer noch von einem Stigma behaftet ist. Die Kranken müssen sich verstecken. Sie werden diskriminiert. Körperkontakt ist unerwünscht. Zumal HIV immer der Verdacht anhaftet, die Krankheit selbst verschuldet zu haben – durch Drogenmissbrauch oder ungeschützten Sexualverkehr.

Genau mit solchen Vorurteilen räumt Dieter Niemeyer in seinem ehrlichen Bericht auf. Er zeigt: HIV ist ein Unglück, das jeden treffen kann, egal woher man kommt. Und er zeigt, dass man zwar mit der Krankheit leben kann, ohne andere mit ins Unglück zu reißen, dass man aber doppelt gestraft ist, wenn man sich verkriechen muss. Und genau das macht dieses Buch so lesenswert. Es holt die Krankheit dorthin, wo sie hingehört – mitten in die Gesellschaft.

Besprochen von Kim Kindermann

Dieter Niemeyer: Ich muss euch etwas sagen. Unser Leben mit dem Virus
Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2009
221 Seiten, 16,99 Euro