Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 22.04.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.07.2007

Eine kleine Blues-Geschichte

Wie der Blues nach Ost-Berlin kam

Von Lasse Ole Hempel

Podcast abonnieren
Blues-Gitarre (AP Archiv)
Blues-Gitarre (AP Archiv)

Wie kam der Blues nach Ostberlin? Die Antwort interessiert sicherlich nicht nur musikinteressierte Hörer, sondern auch politisch Neugierige. Für die, die den Blues mochten, war er auch Ausdruck von Aufsässigkeit und Veränderungswillen. In Ost und in West. Hier nun also die Frage, wie der Blues nach Ostberlin kam? Die folgende Geschichte begann 1962 und spielt bis in die Wendezeit rein.

Speiche: "Damals auf AFN, das waren die Militärsender in Berlin, da ist der Blues eine ganz normale Alltagsgeschichte gewesen, und das hat mich musikalisch geformt ... die Musik hat mein Herz getroffen. Das ist bis heute so geblieben, deswegen mache ich auch das immer noch. Also mit 18 oder 17, war das ein Ausdruck höchster Aufsässigkeit und Veränderungswillens. Wir sind ja alle in Haushalten groß geworden, wo die Väter den Krieg mit erlebt hatten. Egal auf welcher Seite sie gestanden haben. Die Väter sind zurück gekommen oder nicht. Und dann kam die Musik, das war so ein krasser Widerspruch. Das hat uns beseelt, diese festen Formen aufzubrechen.” "

""Die erste Band war eine Alt-Glieneker Band, ne reine Rock-and-Roll-Band, 1962, zählt von der ersten Gage. Wir haben schon 61 geprobt, 1962 dann die erste Gage bekommen. Viele haben noch im Westen gespielt. Es waren alles ältere Kollegen, ich war das Küken, und der Bass war das einzige, was übrig war.”"

Speiches Blues Kneipe im Prenzlauer Berg. Vorne ein großer Raum, mit mehreren Stehtischen und Hockern, einem großen Sofa. Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden, Musikerporträts. Über dem Tresen wild durcheinander und übereinander geklebte Eintrittsbillets und Konzertplakate. Springsteen ist darunter, ein Poster von Canned Heat, eine Bob-Dylan-Eintrittskarte. Am rechten Rand des Tresens: eine gigantische gold-glänzende Kaffeemaschine, oben mit einer flügelähnlichen Verzierung, auf der Jörg Schütze einen vorzüglichen Kaffee braut. Den Spitznamen Speiche hat ihm seine drahtige Figur eingebracht, die er auch mit nunmehr sechzig Jahren noch recht gut hat konservieren können. Speiche spielt seit 1976 Bass in der Blues-Band "Monokel", in den sechziger Jahren war er Mitglied der einflussreichen Beat-Band "Diana Show Quartett".

Mentzel: ""Dit ist det Foto, wo Speiche mit der Truppe da sitzt, mit denen aus Lichtenberg, weeßte. Det war unser Club, da haben wir drin gespielt. Und der Club Freundschaft war ja auch am Ostbahnhof, ooch von mir weg, eigentlich. Sonst hätte ich garantiert auch da gehockt. Aber ich hätte immer da hin gondeln müssen, und abends wieder zurück.” "

Achim Mentzel gründete 1963 als Gitarrist und Sänger in Ost-Berlin das "Diana-Show-Quartett", eine der ersten DDR-Beat-Bands überhaupt. Mentzel hat seitdem in zahllosen Gruppen gespielt, mit der jungen Nina Hagen Schlager komponiert, sich als ostdeutsche Ulknudel profiliert und nach der Wende eine steile Karriere als TV-Entertainer gemacht. Achim Mentzel gehört zum gleichen Jahrgang wie Jörg Schütze alias Speiche.

Speiche: ""Was mich ja ausgezeichnet hat damals, ich habe zu der Minderheit gehört, die lange Haare hatte. Das war damals schon die halbe Miete. Wenn Du ein bisschen Bass spielen konntest, und egal was auch immer und dann noch lange Haare dazu, dann war das schon einfacher, in so 'ne Kombo zu kommen.” "

Mentzel: ""Wie ist denn Speiche zu uns gekommen? Wir waren mit Dieter Schwarz nicht mehr einverstanden. Da waren irgendwelche Querelen mit Dieter Schwarz. Und ick gloobe, wenn ich mich nicht irre: Die Typen, die immer gekommen sind, die haben gesagt: Wir haben einen guten Bassisten. Der ist ja wunderbar. Und dann kam Speiche. Und dann haben wir mit Speiche mal die Dinger gemacht. Und Speiche war der bessere Bassist, der mehr drauf hatte, vom Bass her.”"

Speiche: ""Ich war ja durchtrainiert, durch die anderen beiden Bands. Allerdings inhaltlich war das schon einen Zahn schärfer, ein paar Zähne. Weil die schon eher die moderne Rock-Musik vertreten haben. Ich kam eher aus der Big Beat Geschichte, ‘64 war das. Die haben aber schon Stones, Animals, die frühen Rock-Geschichten gespielt. Das war natürlich der Oberknaller. Wir hatten ne mächtige Anlage gehabt, wir haben unglaublich hart gespielt ... die anderen nicht. Ich würde schon sagen, das war ne echte Ausnahme. Also man kann ja Rock-Musik so und so spielen. Es gibt Garry Glitter ... und dann die Stones. Und wir waren die Stones dann, Vertreter natürlich.” "

Mentzel: ""Oh, wie hat sich die Musik angehört? Die muss sich gut angehört haben. Wir haben ja versucht, das richtig so nachzuspielen, wie wir es gehört haben. Wir haben Beatles ..., als dann die Rolling Stones kamen, wurde es noch verrückter. Weil die waren ja noch ein bisschen verrückter. Wir wollten ja die Verrücktesten sein von allen. Wir haben das ganz genau vom Radio abgehört, die Texte abgehört. Immer wieder mitgeschrieben. Weil wir viere waren, haben wir gesagt, wir schreiben jetzt mit. In Schlager der Woche läuft dies und dies Lied. Du die erste Zeile, Du die zweite. Das kannst du gar nicht alles hintereinander schreiben, das geht ja gar nicht. Dann haben wir es verglichen. Es war ein Zirkus, bis wir dann die Lieder zusammen hatten."

Speiche: "Meistens von Sendern, die nicht ganz stabil waren. Freiheitssender 904, Radio Luxemburg. Da haben manchmal Sequenzen gefehlt, die musste man schon improvisieren. Das wurde schon aufgeteilt, klar. Ist eben schon lautmalerisch, weil wir englisch eben nicht so ... viele haben ja eher Russische gehabt in der Schule.” "

Mentzel: ""Wir haben det zweistimmig gesungen und wir haben die Gitarren so gespielt, wie wir das gehört haben. Mit den Möglichkeiten, die wir hatten, wir hatten ja keine Verstärker. Unsere Verstärker haben wir ja selber gelötet. Wir haben so n’ bisschen längere Haare gehabt. Wir haben so ne bunten Jacketts angehabt und so ne weiße Hose mit einem Schlag unten drinne. Und Pepitaanzügen hatten wir auch an, ne zeitlang, mit so Streifen. Wir waren in Berlin die ersten damals. Wenn Du dir mal die Shadows anhörst, so haben wir gespielt, so hat sich unsere Musik angehört damals. Drei Gitarren, Schlagzeug, mehr konntest Du nicht machen.”"

Speiche: ""Verstärker tragen war immer so ooch der Freifahrtschein, um rein zu kommen. Es war grundsätzlich überfüllt. Es gab keinen Mangel an Publikum. Da haben die sich drum gerissen, die Teile reintragen zu dürfen. Also frühe Roadie-Arbeit.” "

Mentzel: ""Wir haben natürlich auf der Bühne gestanden und mit den Köpfen gewackelt. Und die Gitarren hoch. Dann haben wir die Boxen so groß gebaut und sind dann mit den Gitarren im Schlusssprung von hinten auf die Boxen gesprungen und haben weiter gespielt während des Liedes. Das war Wahnsinn.” "

Neues Deutschland vom Oktober 1965 " "Die Jugend unserer Republik ärgert sich auch über 'Mitesser', die das Antlitz der Jugend verunstalten und den weit über die Grenzen der DDR bekannten guten Ruf unserer Jugend beflecken: die Amateurgammler. Das sind junge Menschen, die Helden zu sein wähnen, indem sie die Gammler westdeutscher Prägung nachahmen, die dort auf Straßen und Plätzen herumlungern, herumpöbeln und herumrempeln."

Mentzel: ""Als das so ganz langsam los ging, wo die sie angefangen haben zu ärgern über uns, über uns Musikanten. Und zwar war das doch im Stern Radio. Das war doch bei einer Veranstaltung. Wenn ich mich nicht irre, war das in Weißensee, im Sternradio Berlin, in dem Kulturhaus da. Wir haben das gar nicht so richtig mitgekriegt, wir haben eine Pause gemacht und wollten wieder anfangen, da war Speiche nicht mehr da. Da haben wir gesucht. Wo ist denn Speiche? Erst dachten wir, der ist draußen, weil wir ja ab und zu mal draußen waren, in der Pause mit den Miezen, aber Speiche war nicht mehr da.”"

Speiche: ""Ich bin ja auf der Bühne verhaftet worden. Mich haben sie nicht gekriegt, sage ich mal, ich habe es geschafft, in den Osten zu flüchten. Ich wurde nicht im Grenzgebiet erwischt, sondern irgendjemand hat mich angeschissen. Zwei Stasi-Leute haben mich gefragt, ob ich Speiche wäre? Das habe ich natürlich bejaht. Wenn ich gewusst hätte, wat det für Heinis sind, hätte ich es natürlich nicht gesagt. Aber in dem Moment habe ick schon die Handschellen jehabt und weg war ich. Und bin monatelang mit den Bühnen, war haben damals noch eine Bühnengarderobe gehabt, Flittersack, lange Haare, weiße Hosen, weiße Stiefel. Also das kam im Knast nicht so gut an, sag ich mal, in der Freistunde, ansonsten war das ja Einzelhaft, strengste.” "

Aufgeschreckt von den Ausschreitungen nach dem Rolling-Stones-Konzert auf der West-Berliner Waldbühne im September 1965 verschärft die SED im Winter 1965 die Gangart gegenüber ostdeutschen Pilzköpfen und Blues-Fans. Das 11.Plenum des ZK ging als "Kahlschlagplenum" in die Geschichte ein. Der liberale Kurs in der Kultur wird offiziell für beendet erklärt, Beatmusik als "imperialistische Massenbeeinflussung" gebrandmarkt und von Walter Ulbricht ist der Ausspruch überliefert, dass mit dem "Yeah-yeah-yeah" nun endgültig Schluss sei.

Mentzel: ""Die DDR immer, die Offiziellen haben immer gesagt: Die Jugend ist an sich gut, aber die Musik macht sie verrückt. Und die Musik ist aus dem Westen eingeführt. Und der Klassenfeind macht unsere Jugend verrückt durch ihre Musike, und die, die Musik ausüben, die sind die ganz Bösen. Dann sind auch Artikel raus gekommen: Diana hat so aufgeheizt, dass da ‘ne Schlägerei raus wurde. Wir waren die Bösen, die Musikanten. Weil wir als Bühnenochsen noch besonders, bei uns waren die Hosen noch besonders weit: Bei anderen waren sie so, bei uns haben sie geflattert um die Beine. Wir haben ja auf der Bühne gestanden.”"

Speiche: ""Jede Vernehmung wurde gefilmt. Bloß, die haben nicht erwartet, dass das intelligente Leute hinter sind. Und haben das irgendwann nach Monaten nieder geschlagen, zumal wir auch links denkende Menschen waren. Wir waren eben keine Feinde. Als uns die Haare geschnitten wurden, da wussten wir, dass wir ganz normal verurteilt werden.” "

Jörg Schütze wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Speiche: ""Ich war achtzehn, und das war ein ganz schöner Hammer. Voll abgesessen, ja. Da haben andere noch mehr gekriegt, waren auch Leute, die noch älter waren als ich.” "

Mentzel: ""Ich habe auch Speiche nie wieder gesehen. Ich habe immer nur gehört: Speiche macht wieder Musikke, Speiche macht dette. Dann hat er mal über mich gesprochen in so einem Stück Film irgendwo. Ich bin nie mehr zusammen gekommen mit ihm. Weil die Musikrichtungen zu verschieden waren. Man kommt ja immer mal mit Künstlern zusammen - aber die Musik war zu unterschiedlich, als dass wir im selben Kulturhaus gespielt hätten.”"

Speiche: ""Wenn Du also verhaftet wurdest, hast Du immer so was gekriegt wie Arbeitsplatzbindung. Du bist in irgendeinen Schwerpunktbetrieb gekommen, wo sonst kein Schwein freiwillig arbeiten gegangen ist. Ich habe trotzdem Musik gemacht, bei einer Band, die hieß B-Club 66, das war eine Blues-Rock-Band.”"

Eine neue Heimat findet Speiche in der Havemann-Kommune. Namensgebend sind Frank und Florian Havemann, die Söhne des prominenten DDR-Dissidenten Robert Havemann. Zur Gruppe gehörte auch Rosita Hunzinger, die Tochter der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger. Man lebt in wechselnden Wohnungen und hat auch Kontakt zu West-Berliner Kommunarden wie Fritz Teufel oder Rainer Langhans.

Speiche: ""Ich sag mal, die haben mich so ein bisschen aufgefangen, weil ich kannte den Gerd Grosser. Da habe ich eine Weile gewohnt und auch politisch mit gearbeitet und bin auch wieder ins Gefängnis gekommen. Das war Prager Frühling, ’68, wurden Flugblätter verteilt und anders politisch gearbeitet. Das war eine Aktion, und viele andere Geschichten. Das war ja auch eine hochgradig vom Krieg gebeutelte Stadt, immer noch. Es gab ja unglaublich viele kaputte Hinterhöfe, und so 'ne Dinge haben wir bemalt. Und ich sag mal so eine Wand bemalt, und damit warst du schon ein halber Staatsfeind mit so einem positiven Ding.” "

1976 stößt Speiche zur Gruppe "Monokel", die sich erst kurz zuvor gegründet hat. Speiche bringt den Sänger Frank Gahler mit und gibt der Band den entscheidenden Schliff.

Speiche: ""Es gibt ja eben solche Zusammensetzungen, die, ich sage das mal einfach so, weltweit so einmalige Sachen: Es wird nie wieder Zeppelin geben. Und so war das bei Monokel genauso. Das war genau die richtige Mischung, um wilde Sau zu spielen. Die internationalen Nummern wurden nicht unbedingt nachgespielt, sondern den haben wir unseren Stempel aufgedrückt, was auch bei den Fans mächtig gut ankam.” "

""Für mich ist ganz oben, wenn die Fans dich mögen und Du über 20 Jahre ausverkaufte Häuser hast. Wir haben jedes Wochenende vor tausenden von Leuten gespielt. Und det sind die Charts. Und alles andere ist Quatsch, das ist gemacht.”"

""Es fing ganz schlimm an mit DDR-weitem Spielverbot. Sie haben es uns sehr schwer gemacht. Unser Frontmann Gahler damals, das war auch ein sehr intelligenter, knallharter Bube. Wenn der ne Zeitungsnotiz gelesen hat, im Auto, dann hat er die abends gesungen. Also er hat dazu Stellung bezogen.” "

" "Vor dem Mauerfall haben die Rocker etwas für die Veränderung in der DDR niedergeschrieben und das haben wir grundsätzlich vor der Mucke vor jedem Konzert verlesen, so ab ‘88 glaube ich. Das war absolut verboten logischerweise, aber darum haben wir uns ja nie gekümmert. Ich habe auf jeden Fall niemals an den Mauerfall denken können, das war mir zu etabliert, zu fest. Bei allen Tendenzen von Gorbatschow, der Weichmacher in Russland. Ich habe keine konkreten Lösungswege, ich weiß es nicht, wir haben das irgendwie auf uns zu kommen lassen und haben weiterhin Musik gemacht.” "

Die Wende trifft Monokel relativ unvorbereitet. Kurz vor dem Mauerfall war dazu noch der Manager der Band in den Westen geflohen – mit den mühsam eingespielten Monokel-Gagen im Gepäck. Aber das Jahr ‘89 birgt auch positive Überraschungen.

Speiche: ""Das war das Irre, das wir ganz interessant waren im Westen; janz viele Tourneen durch Rheinland-Pfalz, Bayern, Saarland, also … komischerweise immer im Süden haben sie unsere Musik gemocht. Da haben wir nochmals eine Frankreich-Tournee organisiert, dann war der Fisch gegessen, dann war auch DDR abgegessen. Es war sehr einfach in der DDR mit wenig Geld auszukommen. Das war nach dem Mauerfall nicht mehr möglich. Also habe ich Jobs gemacht, Wohnungen renoviert, als Rowdy gearbeitet, dann habe ich die Kneipe aufgemacht, unser alter Proberaum hier. Mein erstes West-Konzert war Jeff Healy im Metropol, hat lausig geklungen. Wenn der Saal noch dazu schlecht klingt und der Tonmann keine Ohren an dem Tag hat, dann ist das einfach ein schlechtes Konzert. Wir haben immer feste Techniker gehabt, deswegen gab‘s da ganz selten Gurken.”"

Länderreport

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur